ホーム / Romantik / Erbe der Lügen / Kapitel 3: Eine Nacht

共有

Kapitel 3: Eine Nacht

作者: Angel Blu
last update 公開日: 2026-10-30 04:26:18

Er brachte sie nicht zu ihrem Auto.

Stattdessen führte er sie durch die Küche, vorbei an überraschten Köchen und klappernden Pfannen, und durch eine Stahltür hinaus in eine regennasse Gasse, in der ein schwarzes Auto wartete. Er öffnete selbst die Beifahrertür für sie. Daisy zögerte, eine Hand am Rahmen, und blickte zurück auf den leuchtenden Hintereingang des Clubs.

„Der Mann deines Onkels ist immer noch drin“, sagte er. Es war keine Frage.

Sie starrte ihn an. „Woher weißt du—“

„Dein Gesicht, als du zur Empore geschaut hast.“ Er streifte seinen Mantel ab und hielt ihn ihr hin. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Leute zu beobachten, die mich anlügen, Miss Niemand. Ich erkenne gut, wenn jemand belogen wurde.“

Sie nahm den Mantel. Er war warm und roch nach Zeder, und genau das brachte sie zum Zusammenbrechen. Als das Auto aus der Gasse fuhr, liefen ihr still Tränen über das Gesicht, und sie hasste es, hasste es, dass ein Fremder sie so sah.

Er sagte kein Wort. Er fuhr einfach, eine Hand am Lenkrad, die Stadt glitt golden und nass an den Fenstern vorbei, und als sie endlich wieder atmen konnte, lag ein gefaltetes Taschentuch auf der Mittelkonsole zwischen ihnen, ohne einen einzigen Kommentar.

„Wohin fahren wir?“, flüsterte sie.

„Irgendwohin mit einer abgeschlossenen Tür und niemandem, der durch Glas auf dich zeigt.“ Seine Augen blieben auf der Straße. „Kaffee. Vielleicht ein Sandwich. Dann kannst du hingehen, wohin du willst. Du hast mein Wort.“

Sein Wort.

Sie hätte es nicht glauben sollen. Sie kannte seinen Namen nicht, und sie kannte sein Gesicht nicht, und jeder vernünftige Knochen in ihrem Körper schrie sie an.

Aber ihre Knochen hatten den ganzen Tag geschrien, und sie war so müde davon, Angst zu haben.

Seine Wohnung lag hoch über der Stadt, alles Glas und Stille. Er machte ihr Toast, schlecht, und eine Tasse Tee, die sie nicht trank, und setzte sich ans andere Ende des Sofas, die Krawatte abgelegt und die Ärmel hochgekrempelt, und eine lange Zeit sagte keiner von ihnen etwas.

„Meine Eltern sind vor achtzehn Monaten gestorben“, sagte Daisy schließlich zum dunklen Fenster. „Heute hat mir jemand mein Zuhause genommen. Und heute Nacht habe ich etwas herausgefunden, das ich nie hätte erfahren sollen.“ Sie presste die Lippen zusammen. „Ich kann dir nicht mehr erzählen. Es tut mir leid.“

„Muss es nicht.“ Seine Stimme war jetzt tiefer. „Mein Großvater hat beschlossen, mich zu verkaufen. Das ist die einzige Art, es zu sagen. Gut heiraten, schnell heiraten, oder alles verlieren, was ich aufgebaut habe. Ich bin seit drei Tagen wütend.“ Er gab ein kurzes, humorloses Lachen von sich. „Und du bist die erste Person in dieser Woche, die mich um nichts gebeten hat.“

Sie drehte sich um. Er sah sie bereits an.

„Ich bitte um nichts“, sagte sie leise.

„Ich weiß.“ Etwas in seinem Gesicht öffnete sich einen Spaltbreit. „Deshalb kann ich nicht aufhören, dich anzusehen.“

Der Raum war sehr still. Der Regen flüsterte gegen das Glas. Daisys Herz schlug so laut, dass sie sicher war, er konnte es hören.

„Ich mache so etwas nicht“, flüsterte sie. „Ich habe nie—“

„Ich auch nicht.“ Er rückte näher, langsam, und gab ihr jede Chance wegzugehen. „Sag mir, ich soll aufhören, und ich tue es. Sofort. Ich fahre dich wohin du willst.“

Sie hätte es sagen sollen. Ein vernünftiges Mädchen hätte es getan.

Aber für eine Nacht, nur eine, wollte Daisy Owen jemand sein, der keine Angst hatte.

„Hör nicht auf“, hauchte sie.

Seine Hand hob sich zu ihrem Gesicht, sanft, als könnte sie zerbrechen, und als er sie küsste, fiel der ganze schreckliche Tag von ihr ab. Die Zwangsräumung. Der Zettel. Die kalten Augen des Mannes, der sie einst auf einer Beerdigung gehalten hatte. Es gab nur Wärme und Regen und den Herzschlag eines Fremden unter ihrer Handfläche.

Und dann hörte alles andere auf zu existieren. Nur wir.

****************************************

  Daisy wachte vor der Dämmerung auf.

Graues Licht glitt durch das Glas. Der Regen hatte aufgehört. Ein schwerer Arm lag über ihrer Taille, und ein Fremder schlief neben ihr mit einer leichten Stirnfalte, als trüge er selbst im Schlaf etwas viel zu Schweres.

Sie betrachtete ihn eine lange, schmerzende Minute, prägte sich die Linie seines Kiefers ein, die dunklen Wimpern, das ruhige Heben und Senken seines Atems. Ein Teil von ihr wollte ihn wecken. Ein Teil von ihr wollte ihm alles erzählen.

Aber der Zettel lag gefaltet in ihrer Manteltasche, und die letzten Worte ihres Vaters brannten gegen ihre Rippen.

Schau dir Stephen an.

Sie hatte kein Recht, einen guten Mann da hineinzuziehen. Nicht, wenn sie nicht einmal wusste, wogegen sie kämpfte.

Daisy glitt unter seinem Arm hervor, zog sich schweigend an und legte seinen Mantel sorgfältig über die Sofalehne. An der Tür drehte sie sich einmal um, nur einmal.

Dann war sie fort.

Der Hotelrezeptionist sah ihr nicht in die Augen.

„Es tut mir leid, Miss Owen. Ihr Zimmer wurde um Mitternacht ausgecheckt, von einem Assistenten von Herrn Owen.“ Er schob ihren ramponierten Koffer über den Tresen. „Ihre Sachen sind alle hier. Und er bat mich, Ihnen das zu geben.“

Ein cremefarbener Umschlag. Mit pochendem Herzen riss Daisy ihn auf.

Vier getippte Zeilen.

Hör auf zu suchen, Daisy. Du hast nichts und niemanden. Beim nächsten Mal wird es kein Hotelzimmer sein.

Sie blickte auf. Der Rezeptionist starrte bereits auf seinen Schreibtisch.

Die Lobbytüren schwangen hinter ihr auf und ließen die kalte Morgenluft herein, und Daisy begriff mit einem langsamen, üblen Absinken in ihrem Magen, dass ihr Onkel genau gewusst hatte, wo sie die letzte Nacht verbracht hatte.

Oder vielmehr genau, wo sie es nicht getan hatte.

この本を無料で読み続ける
コードをスキャンしてアプリをダウンロード

最新チャプター

  • Erbe der Lügen   Kapitel 8: Die Hände eines Fremden

    Im vierten Monat hatte Daisys Körper aufgehört, ein Geheimnis zu sein.Es war langsam geschehen und dann auf einmal. Der Bund ihres Uniformrocks schloss sich nicht mehr ohne eine Sicherheitsnadel. Ihre Knöchel schmerzten bis zum Mittag. Und jeden Morgen, wenn sie vor dem gesprungenen Badezimmerspiegel stand und sich seitlich drehte, war es da: eine kleine, runde Wölbung unter ihrer Schürze, so hartnäckig und unbestreitbar wie der Herzschlag, den sie auf dem Bildschirm der Ärztin gehört hatte.Sie hatte es von dem ersten Moment an geliebt. Sie hatte nur nicht erwartet, es so sehr zu lieben, während sie so müde war. Manche Nächte lag sie wach und rechnete auf Servietten, und manche Nächte lag sie einfach nur wach. Beides half nicht.„Setz dich, Daisy“, rief Marta über das Geklapper des Mittagsrushes, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischte. „Ich meine es ernst. Fünf Minuten.“„Es warten sechs Tische.“„Dann können sechs Tische warten.“„Sie geben bessere Trinkgelder,

  • Erbe der Lügen   Kapitel 7: Der Name, den er nicht hatte

    Der Konferenzraum im vierzigsten Stock war gebaut worden, um zu beeindrucken – und er tat es. Eine Glaswand blickte über Athen, weißer Stein und goldenes Licht, die Akropolis glühte auf ihrem Hügel, die Straßen darunter wimmelten vom Abendverkehr. Lucas hatte nichts davon angeschaut. Er blickte auf sein Telefon, das mit dem Display nach unten neben seinen unberührten Notizen lag, und zählte seine Stillen. Neunzehn Tage seit dem Umschlag seines Großvaters. Neunzehn Tage voller Sackgassen.„Wenn wir im dritten Quartal einen Anstieg von vierzehn Prozent im Mittelmeerkorridor prognostizieren“, sagte sein Verkaufsleiter ein wenig zu hell, „dann allein der Schifffahrtszweig…“Das Telefon vibrierte.Lucas hatte es am Ohr, bevor die zweite Vibration kam. „Holloway.“„Sir.“ Die Stimme des Ermittlers war grau und vorsichtig. „Ich wollte Sie persönlich auf den neuesten Stand bringen. Wir haben es auf San Jose eingegrenzt. Mehrere Restaurants, zwei Kliniken, eine Reihe gemieteter Zimmer. Aber ich

  • Erbe der Lügen   Kapitel 6: Die Bedingungen des Alten

    Die Vorladung kam um sieben Uhr morgens, und das bedeutete, dass es keine Bitte war.Lucas Desalvo hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass sein Großvater nie vor neun anrief, es sei denn, etwas war bereits schiefgelaufen. Also sagte er sein erstes Meeting ab, fuhr den Hügel hinauf zum alten Familienhaus und ging mit einer kalten, stetigen Furcht in der Brust durch die marmorne Halle.Sir Desalvo wartete im Arbeitszimmer.Er saß hinter dem großen Eichenschreibtisch, so wie er seit fünfzig Jahren dahinter saß, silberhaarig, aufrecht, ein Mann, der ein Imperium aus Geduld und Furcht erbaut hatte. Eine einzige Lampe brannte neben ihm. Vor ihm lag ein dicker Umschlag.„Setz dich“, sagte er.„Ich stehe lieber.“„Dann steh.“ Der Alte kippte den Umschlag, und der Inhalt glitt über das polierte Holz und kam zu Lucas’ Füßen zum Liegen.Fotografien. Ein halbes Dutzend. Lucas bückte sich, und sein Herz tat etwas Seltsames und Schweres.Eine Frau. Dunkles Haar. Ein abgetragener Mantel bis zum Ha

  • Erbe der Lügen   Kapitel 5: Jemand macht Anrufe

    Der Erste platzte an einem Montag.Eine Nachtputzkolonne in einer Zahnarztpraxis in der Innenstadt. Der Manager hatte ihr die Hand geschüttelt, gelächelt und gesagt: „Mittwoch geht’s los.“ Daisy war so erleichtert hinausgegangen, dass sie beinahe den Bus verpasst hätte.Am Dienstagnachmittag eine E-Mail: Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Stelle inzwischen besetzt ist.Der Zweite war eine Bäckerei, Frühschichten, Bargeld. Der Besitzer mochte sie. Sie sollte am Freitag anfangen. Am Donnerstag ging er nicht mehr ans Telefon.Der Dritte war ein Telefonsupport-Job, und die Recruiterin war so warmherzig, dass Daisy sich erlaubte, zu hoffen. Zwei Tage später: Nach erneuter Prüfung haben wir uns für eine andere Richtung entschieden.Jedes Mal. Jedes einzelne Mal, in dem Moment, in dem sie die Tür in der Hand hielt, schlug sie wieder zu.„Das ist kein Pech“, sagte sie ihrem Spiegelbild im gesprungenen Spiegel des Personalbads, drei Wochen später. „Das ist etwas anderes.“Sie dr

  • Erbe der Lügen   Kapitel 4: Zwei rosa Striche

    Daisy übergab sich zum dritten Morgen in Folge im begehbaren Kühlraum.Sie stützte eine Hand gegen die vereisten Regale, die andere vor den Mund gepresst, und atmete durch die Nase, bis der Raum aufhörte sich zu drehen. Sechs Wochen… Sechs Wochen, seit sie Queen’s City mit einem Nachtbus verlassen hatte, mit einem Koffer und vierundsiebzig Dollar. Sechs Wochen, in denen sie bei Marta’s Kitchen in San Jose Tische bediente, sich ein Bad mit drei Fremden teilte und sehr hart versuchte, nicht an einen Mann in einem gläsernen Turm zu denken, der selbst im Schlaf eine Stirnfalte trug.„Daisy?“ Ein Klopfen an der Kühlraumtür. „Schatz, du bist schon zehn Minuten drin.“„Komme!“ Sie wischte sich den Mund ab, reinigte schnell die Stelle, glättete die Schürze und ging mit hoch erhobenem Kinn hinaus.Marta, der das Restaurant gehörte und die ein Gesicht wie warmes Brot hatte, warf einen Blick auf sie und schnalzte mit der Zunge.„Setz dich.“„Ich kann nicht, der Mittagsrush—“„Setz dich.“Daisy s

  • Erbe der Lügen   Kapitel 3: Eine Nacht

    Er brachte sie nicht zu ihrem Auto.Stattdessen führte er sie durch die Küche, vorbei an überraschten Köchen und klappernden Pfannen, und durch eine Stahltür hinaus in eine regennasse Gasse, in der ein schwarzes Auto wartete. Er öffnete selbst die Beifahrertür für sie. Daisy zögerte, eine Hand am Rahmen, und blickte zurück auf den leuchtenden Hintereingang des Clubs.„Der Mann deines Onkels ist immer noch drin“, sagte er. Es war keine Frage.Sie starrte ihn an. „Woher weißt du—“„Dein Gesicht, als du zur Empore geschaut hast.“ Er streifte seinen Mantel ab und hielt ihn ihr hin. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Leute zu beobachten, die mich anlügen, Miss Niemand. Ich erkenne gut, wenn jemand belogen wurde.“Sie nahm den Mantel. Er war warm und roch nach Zeder, und genau das brachte sie zum Zusammenbrechen. Als das Auto aus der Gasse fuhr, liefen ihr still Tränen über das Gesicht, und sie hasste es, hasste es, dass ein Fremder sie so sah.Er sagte kein Wort. Er fuhr einfach,

続きを読む
無料で面白い小説を探して読んでみましょう
GoodNovel アプリで人気小説に無料で!お好きな本をダウンロードして、いつでもどこでも読みましょう!
アプリで無料で本を読む
コードをスキャンしてアプリで読む
DMCA.com Protection Status