ログインDaisy übergab sich zum dritten Morgen in Folge im begehbaren Kühlraum.
Sie stützte eine Hand gegen die vereisten Regale, die andere vor den Mund gepresst, und atmete durch die Nase, bis der Raum aufhörte sich zu drehen. Sechs Wochen… Sechs Wochen, seit sie Queen’s City mit einem Nachtbus verlassen hatte, mit einem Koffer und vierundsiebzig Dollar. Sechs Wochen, in denen sie bei Marta’s Kitchen in San Jose Tische bediente, sich ein Bad mit drei Fremden teilte und sehr hart versuchte, nicht an einen Mann in einem gläsernen Turm zu denken, der selbst im Schlaf eine Stirnfalte trug.
„Daisy?“ Ein Klopfen an der Kühlraumtür. „Schatz, du bist schon zehn Minuten drin.“
„Komme!“ Sie wischte sich den Mund ab, reinigte schnell die Stelle, glättete die Schürze und ging mit hoch erhobenem Kinn hinaus.
Marta, der das Restaurant gehörte und die ein Gesicht wie warmes Brot hatte, warf einen Blick auf sie und schnalzte mit der Zunge.
„Setz dich.“
„Ich kann nicht, der Mittagsrush—“
„Setz dich.“
Daisy setzte sich. Ihre Knie gaben ein wenig nach, und Martas Augen wurden scharf.
„Wie lange ist es her, dass du eine richtige Mahlzeit gegessen hast?“
„Ich esse.“
„Wie lange ist deine letzte Periode her?“
Die Frage landete wie ein heruntergefallener Teller. Daisy öffnete den Mund, schloss ihn wieder und spürte, wie das Blut langsam aus ihrem Gesicht wich.
„Das dachte ich mir“, sagte Marta sanft.
„Nein.“ Daisy schüttelte den Kopf. „Nein, das ist der Stress. Das ist die Grippe. Das ist—ich bin die ganze Zeit unterwegs, ich habe nicht geschlafen—“
Marta drückte ihr eine Papiertüte in die Hände. Eine Apothekentüte, bereits zugeklebt. „Hab sie in meiner Pause gekauft. Geh aufs Klo, Baby. Ich übernehme deine Tische.“
Daisy erinnerte sich nicht daran, den Gang entlanggelaufen zu sein. Sie erinnerte sich an die kalten Fliesen unter ihren Füßen, die tickende Uhr, die zehn längsten Minuten ihres Lebens.
Dann zwei rosa Striche.
Sie starrte sie an, bis ihre Augen brannten.
„Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein. Ich kann das nicht. Ich kenne nicht einmal seinen Namen.“
Sie rutschte an der Badezimmerwand hinunter und presste beide Hände vor den Mund, um den Laut zurückzuhalten. Sie hatte wenig Geld, kein Zuhause, den Zettel eines toten Vaters und einen Onkel, der ihr Leben mit Freude ruinieren würde. Und jetzt, irgendwo unter ihren Rippen, ein winziger Herzschlag.
Eine Nacht. Eine einzige Nacht.
Sie weinte, bis nichts mehr übrig war. Dann legte sie langsam, mit zitternden Fingern, eine Handfläche flach auf ihren Bauch.
Hallo, dachte sie. Es fühlte sich lächerlich an. Es fühlte sich auch an wie das Wahrste, was sie je getan hatte.
Ihre Eltern hatten sie so heftig geliebt, dass selbst der Verlust sie nicht wegnehmen konnte. Sie war in genau dieser Art von Liebe aufgewachsen. Sie wusste genau, was sie wert war.
Sie würde sie nicht aufgeben. Aus keinem Grund auf der Welt.
Als sie hinausging, waren ihre Augen rot und ihr Kiefer fest. Marta wartete an der Küchentür.
„Na?“
„Ich behalte es“, sagte Daisy leise.
Martas Gesicht wurde weich, und sie zog Daisy in eine Umarmung, die nach Zimt und Frittieröl roch. „Braves Mädchen. Wir kriegen das hin.“
Aber „das hinkriegen“ bedeutete Geld, und Geld war genau das, was Daisy nicht hatte. Der Klinikbesuch am nächsten Morgen kostete hundertzehn Dollar. Die Schwangerschaftsvitamine kosteten achtunddreißig mehr. Als sie beides bezahlt hatte, zählte sie am Busbahnhof Münzen.
Die Ärztin, eine knappe, freundliche Frau mit silbernen Armreifen, hatte auf ihre Akte geblickt und gefragt: „Ist der Vater involviert?“
„Nein.“ Daisys Stimme hatte kaum gehalten. „Er ist… ich werde ihn nicht wiedersehen.“
„Familiäre Unterstützung?“
„Nein.“
Der Stift der Ärztin hielt inne. „Sie müssen auf sich achten, Miss Owen.
Ruhe. Gutes Essen. Weniger Stress.“ Eine Pause. „Ich werde ehrlich mit Ihnen sein: Das ist keine Schwangerschaft, die man allein durchstehen will.“
Daisy hatte höflich gelächelt und gesagt, sie verstehe.
Sie tat es nicht. Nicht wirklich. Noch nicht.
Aber in dieser Nacht, in ihrem schmalen Bett unter einer flackernden Straßenlaterne, rechnete sie auf einer Serviette. Miete. Essen. Arztbesuche. Die Krankenhausrechnung, die noch Monate entfernt war. Martas Lohn würde nicht die Hälfte davon decken.
Sie brauchte einen zweiten Job. Und zwar schnell.
Die Vorladung kam um sieben Uhr morgens, und das bedeutete, dass es keine Bitte war.Lucas Desalvo hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass sein Großvater nie vor neun anrief, es sei denn, etwas war bereits schiefgelaufen. Also sagte er sein erstes Meeting ab, fuhr den Hügel hinauf zum alten Familienhaus und ging mit einer kalten, stetigen Furcht in der Brust durch die marmorne Halle.Sir Desalvo wartete im Arbeitszimmer.Er saß hinter dem großen Eichenschreibtisch, so wie er seit fünfzig Jahren dahinter saß, silberhaarig, aufrecht, ein Mann, der ein Imperium aus Geduld und Furcht erbaut hatte. Eine einzige Lampe brannte neben ihm. Vor ihm lag ein dicker Umschlag.„Setz dich“, sagte er.„Ich stehe lieber.“„Dann steh.“ Der Alte kippte den Umschlag, und der Inhalt glitt über das polierte Holz und kam zu Lucas’ Füßen zum Liegen.Fotografien. Ein halbes Dutzend. Lucas bückte sich, und sein Herz tat etwas Seltsames und Schweres.Eine Frau. Dunkles Haar. Ein abgetragener Mantel bis zum Ha
Der Erste platzte an einem Montag.Eine Nachtputzkolonne in einer Zahnarztpraxis in der Innenstadt. Der Manager hatte ihr die Hand geschüttelt, gelächelt und gesagt: „Mittwoch geht’s los.“ Daisy war so erleichtert hinausgegangen, dass sie beinahe den Bus verpasst hätte.Am Dienstagnachmittag eine E-Mail: Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Stelle inzwischen besetzt ist.Der Zweite war eine Bäckerei, Frühschichten, Bargeld. Der Besitzer mochte sie. Sie sollte am Freitag anfangen. Am Donnerstag ging er nicht mehr ans Telefon.Der Dritte war ein Telefonsupport-Job, und die Recruiterin war so warmherzig, dass Daisy sich erlaubte, zu hoffen. Zwei Tage später: Nach erneuter Prüfung haben wir uns für eine andere Richtung entschieden.Jedes Mal. Jedes einzelne Mal, in dem Moment, in dem sie die Tür in der Hand hielt, schlug sie wieder zu.„Das ist kein Pech“, sagte sie ihrem Spiegelbild im gesprungenen Spiegel des Personalbads, drei Wochen später. „Das ist etwas anderes.“Sie dr
Daisy übergab sich zum dritten Morgen in Folge im begehbaren Kühlraum.Sie stützte eine Hand gegen die vereisten Regale, die andere vor den Mund gepresst, und atmete durch die Nase, bis der Raum aufhörte sich zu drehen. Sechs Wochen… Sechs Wochen, seit sie Queen’s City mit einem Nachtbus verlassen hatte, mit einem Koffer und vierundsiebzig Dollar. Sechs Wochen, in denen sie bei Marta’s Kitchen in San Jose Tische bediente, sich ein Bad mit drei Fremden teilte und sehr hart versuchte, nicht an einen Mann in einem gläsernen Turm zu denken, der selbst im Schlaf eine Stirnfalte trug.„Daisy?“ Ein Klopfen an der Kühlraumtür. „Schatz, du bist schon zehn Minuten drin.“„Komme!“ Sie wischte sich den Mund ab, reinigte schnell die Stelle, glättete die Schürze und ging mit hoch erhobenem Kinn hinaus.Marta, der das Restaurant gehörte und die ein Gesicht wie warmes Brot hatte, warf einen Blick auf sie und schnalzte mit der Zunge.„Setz dich.“„Ich kann nicht, der Mittagsrush—“„Setz dich.“Daisy s
Er brachte sie nicht zu ihrem Auto.Stattdessen führte er sie durch die Küche, vorbei an überraschten Köchen und klappernden Pfannen, und durch eine Stahltür hinaus in eine regennasse Gasse, in der ein schwarzes Auto wartete. Er öffnete selbst die Beifahrertür für sie. Daisy zögerte, eine Hand am Rahmen, und blickte zurück auf den leuchtenden Hintereingang des Clubs.„Der Mann deines Onkels ist immer noch drin“, sagte er. Es war keine Frage.Sie starrte ihn an. „Woher weißt du—“„Dein Gesicht, als du zur Empore geschaut hast.“ Er streifte seinen Mantel ab und hielt ihn ihr hin. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Leute zu beobachten, die mich anlügen, Miss Niemand. Ich erkenne gut, wenn jemand belogen wurde.“Sie nahm den Mantel. Er war warm und roch nach Zeder, und genau das brachte sie zum Zusammenbrechen. Als das Auto aus der Gasse fuhr, liefen ihr still Tränen über das Gesicht, und sie hasste es, hasste es, dass ein Fremder sie so sah.Er sagte kein Wort. Er fuhr einfach,
Das billigste Zimmer in der Nähe des Infinity Clubs kostete hundertachtunddreißig Dollar und war so groß wie ein Abstellraum.Daisy bezahlte bar, zählte, was übrig blieb, und versuchte, nicht nachzurechnen. Vierundsiebzig Dollar. Das war jetzt ihr ganzes Leben: vierundsiebzig Dollar und eine Bremsleitung.Sie hatte nur ein Kleid eingepackt, das schwarze ihrer Mutter, weil es noch schwach nach ihrem Parfüm roch. Vor dem gesprungenen Badezimmerspiegel stehend, zog Daisy den Reißverschluss zu und erkannte das Mädchen im Spiegel kaum wieder. Rote Augen. Blasses Gesicht. Eine Frau, die aussah, als wäre sie von einem Lastwagen überfahren worden und hätte trotzdem beschlossen aufzustehen.„Okay“, flüsterte sie. „Okay, Mama. Okay, Papa. Lass uns ihn finden.“Der Infinity Club verschlang sie ganz. Musik dröhnte durch den Boden und hoch durch ihre Schuhe. Lichter bluteten gold und violett über eine Menge, die nach Geld und Kölnisch Wasser roch, und Daisy, die noch nie einen Fuß in einen solchen
Daisy Owen war dreiundzwanzig Jahre alt, und um sechs Uhr an diesem Abend besaß sie genau zweihundertzwölf Dollar, einen ramponierten Koffer und ein Geheimnis, das die ganze Welt ihres Onkels zum Einsturz bringen konnte.Sie wusste nur noch nichts von dem Geheimnis.Der Regen prasselte auf den Vorgarten des einzigen Hauses, das sie jemals gekannt hatte. Die Rosen ihrer Mutter beugten sich unter seinem Gewicht. Zwei Männer in grauen Overalls trugen ihren Bettgestell die Verandastufen hinunter, als wäre es Müll, und ein Karton mit ihren Kinderbüchern platzte im Schlamm auf.„Vorsichtig!“ Daisy ließ sich auf die Knie fallen und sammelte die durchnässten Taschenbücher auf. „Die gehörten meinem Vater!“„Das ist jetzt Firmeneigentum, Schätzchen.“Celine stand unter einem trockenen Regenschirm auf der Veranda, makellos wie immer, die Hausschlüssel baumelten an ihren manikürten Fingern. „Alles in diesem Haus gehört Owen Holdings. Stephen hat das ganz klar gemacht.“Daisy sah hoch, der Regen l







