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Kapitel Vier

작가: Dorcas
last update 게시일: 2026-09-18 08:27:16

Die Bibliothekstüren glitten mit einem leisen hydraulischen Seufzer auf, als ich eintrat.

Kühle Luft strömte mir ins Gesicht und brachte den leichten Duft von Papier, poliertem Holz und der restlichen Wärme zu vieler gleichzeitig laufender Laptops mit sich. Die Haupthalle dehnte sich nach oben in zwei Ebenen von Regalen aus, so still, dass das Kratzen von Stiften und das leise Summen eines Druckers deutlich durch den Raum trugen. Studenten saßen an langen Tischen mit leuchtenden Bildschirmen, Ohrstöpsel im Ohr, die Gesichter vom blauweißen Licht ihrer Geräte erhellt. Einige blickten auf, als ich eintrat, und kehrten dann zu ihrer Arbeit zurück. Ich fand einen leeren Tisch in der Nähe der Rückwand, stellte meine Tasche ab und zog mein Notizbuch heraus.

Die Seminarmitschriften mussten geordnet werden. Professor Huxleys Vorlesung war mit scharfer Präzision vorangeschritten, und meine Handschrift hatte Mühe gehabt, Schritt zu halten. Ich begann, die Punkte in eine klarere Struktur zu bringen, während das Feuer unter meiner Haut niedrig und stetig ruhte, so wie es seit meinem siebzehnten Lebensjahr der Fall war, als ich es zum ersten Mal vollständig beherrschte. Kontrolle war kein Kampf mehr. Sie war einfach ein Teil von mir.

Ich hatte etwa fünfzehn Minuten gearbeitet, als die Stille brach.

Es begann an einem Tisch zwei Reihen vor mir. Ein Junge in einem dunklen Hoodie lehnte sich zu weit über die polierte Oberfläche, sein Handy halb unter einem aufgeschlagenen Lehrbuch verborgen. Das Mädchen ihm gegenüber, blondes Haar zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden, starrte auf den Bildschirm mit der konzentrierten Intensität jemandes, der versuchte, eine ganze Seite in unter einer Minute auswendig zu lernen. Ihre Stimmen waren leise, doch die Stille der Bibliothek machte jedes Wort deutlich.

„Schick es einfach“, flüsterte der Junge. „Das Quiz ist morgen. Ich brauche die Antworten.“

„Ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht den vollständigen Satz habe“, zischte das Mädchen zurück. „Nur die erste Hälfte.“

„Dann gib mir die erste Hälfte. Den Rest finde ich selbst heraus.“

„Das ist Betrug.“

„Das ist Überleben.“

Ich behielt den Blick auf meinem Notizbuch, aber meine Aufmerksamkeit hatte sich auf sie gerichtet. Das Feuer unter meiner Haut regte sich, eine langsame Windung von Hitze, die entlang meiner Wirbelsäule aufstieg. Betrug war eine kleine Sache im Maßstab der Welt, die ich erinnerte, und doch schabte etwas an der beiläufigen Art, wie sie darüber sprachen, an einer alten, harten Stelle in mir. Im vorherigen Leben hatte Verrat mit kleineren Kompromissen begonnen als diesem. Ich drückte die Handfläche flach auf den Tisch und zwang die Hitze wieder hinunter.

Das Mädchen zögerte, dann neigte sie ihr Handy zu ihm. Der Junge lehnte sich näher, die Augen rasch über den Bildschirm wandernd. Einen Moment lang sah es so aus, als könnten sie in Stille Erfolg haben.

Dann erschien die Bibliothekarin.

Sie war eine kleine Frau mit scharfen Augen und der Art von Ausstrahlung, die Studenten dazu brachte, sich ohne nachzudenken aufzurichten. Sie blieb am Ende ihres Tisches stehen und räusperte sich einmal. Der Laut schnitt durch die Stille wie eine Klinge.

„Handys sind während der Stunden des selbstständigen Studiums nicht gestattet“, sagte sie mit ruhiger und absoluter Stimme. „Besonders nicht zu dem Zweck, den ich klar erkennen kann.“

Der Junge zuckte so heftig auf, dass sein Stuhl laut über den Boden scharrte. Das Mädchen knallte ihr Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch, als könne die Bewegung allein die Beweise auslöschen. Einige Köpfe drehten sich um. Jemand in der Nähe des Fensters schnaubte.

„Wir haben nur die Uhrzeit überprüft“, bot der Junge an, die Lüge so dünn, dass sie beinahe von selbst davon schwebte.

„Die Uhrzeit wird an der Wand hinter Ihnen angezeigt“, antwortete die Bibliothekarin. „In großen, beleuchteten Zahlen.“

Das Mädchen öffnete den Mund, schloss ihn wieder und versuchte es erneut. „Es war für ein Gruppenprojekt.“

„Ein Gruppenprojekt, das erfordert, dass ein Student Antworten vom Handy eines anderen Studenten abschreibt, während beide so tun, als läsen sie dasselbe Lehrbuch auf dem Kopf?“

Ein leises Lachen bewegte sich durch die nahegelegenen Tische. Die Ohren des Jungen wurden rot. Das Mädchen sah aus, als wünsche sie sich, der Boden möge sich öffnen und sie verschlingen.

Die Bibliothekarin streckte die Hand aus. „Handys. Beide. Sie können sie am Ende des Tages am Hauptschalter abholen, nachdem jeder von Ihnen eine formelle Entschuldigung für den Versuch des Betrugs in meiner Bibliothek geschrieben hat.“

Der Junge sah aus, als wolle er widersprechen. Das Mädchen reichte ihr Handy einfach mit der geschlagenen Haltung jemandes hin, der sein Schicksal bereits akzeptiert hatte. Der Junge folgte eine Sekunde später und murmelte etwas von ungerechten Systemen und der Tyrannei von Bibliothekarinnen. Die kleine Frau nahm beide Geräte ohne Ausdruck entgegen, drehte sich um und ging mit der Würde einer Generälin, die soeben eine kleine, aber befriedigende Schlacht gewonnen hatte, zum vorderen Schalter zurück.

Die beiden Studenten blieben mehrere Sekunden lang wie erstarrt an ihrem Tisch sitzen. Dann flüsterte der Junge viel zu laut: „Ich rede nie wieder mit dir.“

„Du hast mich gefragt“, flüsterte das Mädchen zurück.

„Du hättest nein sagen können.“

„Du sahst verzweifelt aus.“

„Ich war verzweifelt. Jetzt bin ich auch noch ohne Handy und öffentlich gedemütigt.“

„Das ist nicht meine Schuld.“

„Es ist vollständig deine Schuld.“

Sie setzten in diesem Ton für eine weitere volle Minute fort, ihr Streit wurde mit jedem Austausch absurder, bis die Bibliothekarin sich ein zweites Mal von der anderen Seite der Halle aus räusperte. Beide verstummten sofort. Der Junge packte seine Bücher mit übertriebener Würde zusammen und floh in Richtung der Treppe. Das Mädchen blieb sitzen und starrte auf den leeren Platz, wo ihr Handy gewesen war, als könne sie es durch reine Reuekraft zurückwünschen.

Ich hatte mich während des gesamten Austauschs nicht bewegt. Mein Notizbuch lag noch immer vor mir aufgeschlagen, der Stift lag quer über einem halbfertigen Satz. Das Feuer unter meiner Haut war während der Konfrontation gestiegen, eine scharfe, unruhige Hitze, die nach Freisetzung verlangte. Für einen kurzen Moment hatte ich mir vorgestellt, einen dünnen Faden aus Flammen über den Tisch kriechen zu lassen, gerade genug, um sie zu erschrecken, gerade genug, um sie daran zu erinnern, dass manche Konsequenzen sich nicht wegdiskutieren lassen. Der Drang war stark gewesen, fast verlockend in seiner Einfachheit.

Ich schloss die Augen und atmete langsam ein. Die Hitze wich zurück. Die Kontrolle legte sich wieder wie ein vertrauter Mantel über mich. Ich hatte zwei Jahre damit verbracht, diese Kraft zu beherrschen. Ich würde sie nicht an zwei achtlose Studenten und einen kleinen akademischen Betrug verschwenden. Es gab weit größere Dinge, die in der Dunkelheit meiner Erinnerung warteten, Dinge, die eines Tages jede Unze des Feuers verlangen würden, das ich in mir trug.

Ich öffnete die Augen wieder und kehrte zu meinen Notizen zurück. Die Bibliothek hatte sich wieder in ihre übliche Stille gelegt, auch wenn einige Studenten hinter ihren Bildschirmen noch grinsten. Das Mädchen mit dem Pferdeschwanz stand schließlich auf, sammelte ihre verbliebenen Bücher und ging mit der steifen Haltung jemandes hinaus, der sehr bemüht war so zu tun, als hätten die letzten zehn Minuten nicht stattgefunden.

Ich beendete das Ordnen der Seminarpunkte, schloss das Notizbuch und packte meine Tasche. Die kleine Komödie war vorüber, und doch blieb etwas davon haften. Im vorherigen Leben waren kleine Kompromisse zu tödlichen geworden. Hier, in dieser modernen Welt aus Glas und Beton, waren die Einsätze anders, kleiner, beinahe lächerlich. Und dennoch blieben die alten Instinkte bestehen, bereit, bei der geringsten Provokation an die Oberfläche zu treten.

Ich stand auf und ging zum Ausgang. Als ich am vorderen Schalter vorbeiging, blickte die Bibliothekarin auf und warf mir einen kurzen, prüfenden Blick zu, als hätte sie meine Stille während der Konfrontation bemerkt und sie interessant gefunden. Ich nickte einmal und trat durch die Schiebetüren ins späte Morgenlicht hinaus.

Draußen setzte der Campus seinen gewöhnlichen Rhythmus fort. Studenten überquerten die Höfe, Stimmen stiegen und fielen in der warmen Luft. Ich richtete den Riemen meiner Tasche und ging in Richtung des Hauptwegs, das Feuer unter meiner Haut wieder still, wieder wartend.

Der Tag war noch jung. Das Seminar hatte seine Spuren hinterlassen. Die Bibliothek hatte mich daran erinnert, dass Kontrolle eine Entscheidung war, die ich immer wieder treffen musste.

Und irgendwo auf diesem Campus ging ein Mann, dessen Augen einen Bruchteil länger auf mir geruht hatten als nötig, ein Mann, dessen Gegenwart an etwas Tiefem und Unvollendetem in meiner Brust zog.

Ich wusste noch nicht, was er für mich war.

Ich wusste nur, dass die Fragen begannen, sich zu vermehren.

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