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Kapitel 10: Markiert

Author: Luna Vale
last update publish date: 2026-09-23 02:37:06

„Was zum Teufel bewegt sich da unten?", rief Bexley und wich einen Schritt zurück, als der Boden erneut bebte.

Dorian spürte es durch die Schuhsohlen, tief und rhythmisch, wie ein Herzschlag, der der ganzen Straße gehörte. Aus seiner Erinnerung kam nichts. Kein Bericht, keine Warnung, kein einziger Hinweis, was unter der Stadt lauerte und sich gerade in ihre Richtung bewegte.

„Ich weiß es nicht", sagte er, und das Eingeständnis kostete ihn mehr, als er zugeben wollte.

„Zum ersten Mal heute", murmelte Corwin, „stimme ich dir zu, dass das kein gutes Zeichen ist."

Wren stand mit angespannten Schultern, den Blick auf den Krater gerichtet, in den der Räuber gestürzt war. „Vielleicht ist es dasselbe, das ihn geholt hat."

„Zu groß", sagte Bexley. „Das ist kein Mann, der da unten fällt. Das ist etwas, das sich bewegt."

Ein Riss zog sich durch den Asphalt, kein sauberer Bruch, sondern etwas, das von innen nach außen drückte, und alle vier traten instinktiv zurück, als der Boden mit einem trockenen Krachen aufbarst. Aus der Öffnung stieg kein Monster, kein Raubtier mit Klauen und falschen Winkeln, wie sie es aus dem Parkhaus kannten. Stattdessen kroch eine dichte, schwarze Masse hervor, unzählige kleine Körper, die sich zu einer einzigen, formlosen Bedrohung zusammenschlossen.

SYSTEMWARNUNG: SCHWARMKLASSE ERKANNT. GEFAHRENSTUFE: HOCH FÜR TAG 1.

„Ein Schwarm", sagte Dorian leise. „Die gab es in meiner Erinnerung nicht vor Woche zwei."

„Deine Erinnerung liegt heute ziemlich oft daneben", sagte Corwin, schon in Kampfhaltung.

„Das hilft uns gerade nicht weiter", sagte Wren scharf, und für einen Moment war es fast beruhigend, wie normal ihr Streit klang, mitten in etwas, das alles andere als normal war.

Der Schwarm bewegte sich schneller, als seine Größe vermuten ließ, unzählige kleine Klauen, die sich über den zerbrochenen Asphalt schoben wie eine Flutwelle aus Chitin und Zähnen. Dorian wusste aus zehn Jahren Erfahrung, dass man solche Schwärme nicht einzeln bekämpfte. Man musste sie lenken, einengen, in einen Flaschenhals zwingen, wo ihre Zahl nichts mehr nützte.

„Zurück in die Gasse", rief er. „Die Wand dort verengt sich. Wenn wir sie durchzwingen, kommen immer nur wenige gleichzeitig durch."

„Und wenn deine Erinnerung wieder falsch liegt?", fragte Bexley, schon rückwärts laufend.

„Dann improvisieren wir wie beim letzten Mal."

Sie erreichten die Gasse Sekunden bevor der Schwarm sie einholte, und Dorian stellte sich mit Bexley an die engste Stelle, während Wren und Corwin sich dahinter positionierten, bereit, jeden zu treffen, der durchkam. Der erste Ansturm war brutal und laut, kleine Körper, die gegen ihre Waffen und Fäuste prallten, aber die Verengung funktionierte genau, wie Dorian gehofft hatte. Immer nur eine Handvoll gleichzeitig, nie die volle Wucht des Schwarms auf einmal.

„Es funktioniert", rief Wren über den Lärm hinweg, während sie mit einem Stück Metallrohr auf die Kreaturen einschlug, die durchkamen.

„Bis jetzt", sagte Dorian, und trieb seine Klinge durch einen weiteren Körper.

Der Ring an seinem Finger begann erneut zu pulsieren, diesmal nicht mit einer Warnung, sondern mit etwas, das sich anfühlte wie eine leise, wachsende Wärme, die sich mit jedem getöteten Gegner verstärkte. Dorian hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was das bedeutete, nicht mitten im Kampf, aber er spürte, wie seine Bewegungen mit jeder Minute präziser wurden, als würde etwas in ihm lernen, sich anpassen, schneller als es sollte.

Der Schwarm brach schließlich zusammen, die letzten Körper zerstreuten sich in die Dunkelheit der Kanalisation, aus der sie gekommen waren, und die vier standen keuchend in der plötzlichen Stille, die auf jeden Kampf folgte.

„Das war zu einfach", sagte Corwin, wischte sich Schweiß von der Stirn. „Für einen Schwarm dieser Größe."

„Nicht einfach", sagte Wren. „Nur gut koordiniert."

Ein leises Klingeln erklang, und vor allen vier erschien ein neues Fenster, größer als die üblichen Systemnachrichten, mit Text, der ungewöhnlich formell klang.

LEISTUNGSANALYSE ABGESCHLOSSEN. SUBJEKT: DORIAN KESS. EFFIZIENZWERT: STATISTISCH ANOMAL FÜR TAG 1. MARKIERUNG ZUR ÜBERWACHUNG AUTORISIERT.

Dorian starrte auf die Worte, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, der nichts mit dem gerade beendeten Kampf zu tun hatte. Diese Art von Nachricht hatte er nie gesehen, nicht in zehn Jahren, nicht in irgendeiner Version dieses Tages.

„Markierung zur Überwachung", las Bexley laut vor. „Das klingt, als würde uns jemand zusehen."

„Das tut es", sagte Dorian, die Stimme leiser als beabsichtigt.

Wren trat näher, den Blick fest auf ihn gerichtet. „Du weißt, was das bedeutet."

„Ich habe eine Ahnung." Dorian dachte an den seltsamen Puls, den er in der U-Bahn-Station gespürt hatte, an das kalte, präzise Gefühl, beobachtet zu werden, das nichts mit den Monstern über ihnen zu tun gehabt hatte. „Das System hat vielleicht gerade angefangen, mich zu bemerken. Wirklich zu bemerken."

„Ist das schlecht?", fragte Corwin.

„In meiner Erinnerung wurde niemand vom System selbst beobachtet. Nicht so. Nicht direkt." Dorian schloss die Hand um den Ring, dessen Wärme langsam nachließ. „Wenn das jetzt passiert, dann nur, weil ich etwas verändert habe, das groß genug war, um Aufmerksamkeit zu erregen."

An einem Ort, der weder ganz die Straße war noch ganz irgendwo anders, betrachtete ein Mann in grauem Mantel dieselbe Leistungsanalyse auf einem schwebenden Bildschirm, der niemandem außer ihm sichtbar war. Der Name Dorian Kess leuchtete heller als jeder andere Eintrag auf der Seite, umgeben von Zahlen, die keinen Sinn ergaben für einen Tag 1 Überlebenden.

„Interessant", murmelte der Mann, und seine Finger glitten über die Luft, als würde er eine unsichtbare Akte durchblättern. Effizienzwerte, die die Erwartung um das Zehnfache überstiegen. Entscheidungen, die zu perfekt waren, um Zufall zu sein. Ein Muster, das er in seiner langen Zeit als Wächter des Systems nur selten gesehen hatte, und jedes Mal, wenn er es sah, endete es auf dieselbe Weise.

„Zeit, sich das genauer anzusehen", sagte er zu niemandem, und mit einer einzigen Handbewegung markierte er die Akte zur persönlichen Überwachung, ein Status, den er selten und nur mit gutem Grund vergab.

Zurück in der Gasse spürte Dorian, wie sich etwas in der Luft veränderte, subtil, aber unverkennbar, dieselbe kalte Präsenz, die er in der U-Bahn gespürt hatte, jetzt näher, direkter, als hätte sie beschlossen, sich nicht länger zu verstecken.

„Dorian." Wrens Stimme war jetzt vorsichtig. „Was ist los?"

Bevor er antworten konnte, teilte sich die Luft am Ende der Gasse, nicht gewaltsam, sondern präzise, wie ein Vorhang, der zur Seite gezogen wurde, und ein Mann trat hindurch, in einen grauen Mantel gekleidet, der zu keiner Jahreszeit und zu keinem Ort zu passen schien. Sein Gesicht war ruhig, fast freundlich, aber seine Augen bewegten sich über die vier mit einer Genauigkeit, die nichts Menschliches an sich hatte.

„Dorian Kess", sagte der Mann, und der Klang seines Namens in dieser fremden Stimme ließ Dorians Blut gefrieren. „Ich habe gehofft, wir würden uns bald treffen."

Niemand von ihnen hatte gesehen, wie er näher gekommen war. Niemand hatte auch nur eine Bewegung wahrgenommen, bevor er einfach da war, mitten in der Gasse, als hätte die Welt selbst ihn dort platziert.

„Wer bist du?", fragte Dorian, obwohl ein Teil von ihm bereits ahnte, dass die Antwort alles verändern würde, was er über diesen Tag zu wissen glaubte.

Der Mann lächelte, ruhig und unheimlich zugleich.

„Nenn mich einen Wächter", sagte er. „Und du, mein Freund, bist ein Problem, das ich lösen muss."

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