Masuk„Ein Problem, das du lösen musst?" Dorian hielt seine Stimme ruhig, obwohl sein Herz gegen die Rippen schlug. „Das klingt nicht besonders einladend."
„Es war auch nicht so gemeint." Der Mann im grauen Mantel machte einen Schritt näher, und niemand von der Gruppe bewegte sich, wie gefangen in einer Stille, die er selbst über den Ort gelegt zu haben schien. „Aber ich bin ein höflicher Mann. Nennen wir es erstmal ein Gespräch." Bexley trat leicht vor, die Fäuste geballt. „Und wer genau bist du, dass du einfach so aus dem Nichts auftauchst?" „Ich sagte doch. Ein Wächter." Der Mann sah ihn kaum an, sein Blick blieb auf Dorian gerichtet, als würden die anderen drei kaum existieren. „Das System braucht Aufsicht, genau wie jede andere Struktur. Jemand muss dafür sorgen, dass sich die Dinge so entwickeln, wie sie sollen." „Und wie sollen sie sich entwickeln?", fragte Wren, ihre Stimme scharf. „Vorhersehbar." Der Wächter lächelte wieder, und dieses Mal lag etwas Kälteres darin. „Das ist das Problem mit deinem Freund hier. Er ist alles andere als vorhersehbar." Dorian spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Der Ring an seinem Finger war ruhig, keine Warnung, kein Puls, nur eine stille, drückende Präsenz, die ihm sagte, dass dieser Mann etwas anderes war als alles, dem er bisher begegnet war. „Ich bin einfach jemand, der versucht, den heutigen Tag zu überleben", sagte Dorian vorsichtig. „Wie jeder andere auch." „Nein." Das Wort kam scharf und endgültig. „Nicht wie jeder andere. Deine Effizienzwerte liegen weit außerhalb dessen, was für einen Tag 1 Überlebenden normal ist. Deine Entscheidungen treffen zu oft genau ins Schwarze, um Zufall zu sein. Und dieser Ring an deinem Finger." Sein Blick fiel kurz darauf, und etwas Interessiertes blitzte in seinen Augen auf. „Der existiert eigentlich gar nicht. Nicht in dieser Form. Nicht für einen normalen Erwachten." „Vielleicht habe ich einfach Glück", sagte Dorian. „Glück ist nicht statistisch anomal in dem Ausmaß, das ich gesehen habe." Der Wächter faltete die Hände hinter dem Rücken, ein Gestus, der beinahe akademisch wirkte, als würde er eine Beobachtung diskutieren statt eine Bedrohung auszusprechen. „Ich habe in meiner Zeit viele Anomalien gesehen. Menschen, die zu viel wissen, zu schnell lernen, zu genau vorhersagen, was als Nächstes passiert. Weißt du, was mit ihnen normalerweise passiert?" Niemand antwortete. Die Stille in der Gasse fühlte sich plötzlich schwerer an als jeder Kampf, den sie gerade überstanden hatten. „Sie werden korrigiert", sagte der Wächter leise. „Das System mag Ordnung. Anomalien stören diese Ordnung." „Korrigiert wie?", fragte Corwin, seine sonst so lockere Stimme jetzt angespannt. „Das hängt von der Anomalie ab." Der Wächter richtete seinen Blick endlich auf Corwin, dann auf Wren, dann auf Bexley, als würde er jeden von ihnen bewerten, katalogisieren, in eine Akte einordnen, die niemand von ihnen sehen konnte. „Manchmal reicht eine kleine Anpassung. Manchmal braucht es mehr." Dorian trat instinktiv einen halben Schritt vor, zwischen den Wächter und die anderen. „Wenn du mich willst, lass die anderen aus dem Spiel." Etwas in der Miene des Wächters veränderte sich, kaum merklich, aber Dorian sah es. Interesse. Nicht an der Drohung, sondern an dem Instinkt dahinter. „Wie edel", sagte der Wächter. „Das ist auch interessant. Ein Tag 1 Überlebender, der bereit ist, sich für Fremde zu opfern, die er erst vor wenigen Stunden kennengelernt hat." Er machte eine Pause, als würde er die Information sorgfältig verstauen. „Oder sind sie wirklich Fremde für dich?" Dorians Blut lief kalt. Der Wächter wusste mehr, als er zugab, oder ahnte zumindest mehr, als jeder normale Mensch an diesem Tag ahnen konnte. „Was willst du von mir?", fragte Dorian direkt. „Im Moment? Nichts weiter als Beobachtung." Der Wächter trat einen Schritt zurück, die Hände immer noch hinter dem Rücken gefaltet, seine Präsenz plötzlich weniger bedrohlich, als würde er ein Gespräch bewusst beenden wollen, bevor es zu weit ging. „Ich wollte nur mein Gesicht zeigen. Damit du weißt, dass du beobachtet wirst. Dass jede Entscheidung, die du triffst, jede Veränderung, die du in diese Zeitlinie bringst, registriert wird." „Und dann?", fragte Wren. „Was passiert, wenn ihr genug gesehen habt?" Der Wächter lächelte erneut, dieses ruhige, unheimliche Lächeln, das nichts über seine wahren Absichten verriet. „Das", sagte er, „wird die Zeit zeigen." Er wandte sich zum Gehen, und die Luft am Ende der Gasse begann sich erneut zu teilen, wie ein Vorhang, der sich zur Seite öffnete, um ihn hindurchzulassen. „Warte", sagte Dorian, die Verzweiflung in seiner Stimme lauter, als er beabsichtigt hatte. „Was ist mit den Resets? Was ist mit dem System selbst? Warum existiert es überhaupt?" Der Wächter blieb stehen, halb im Begriff zu verschwinden, und drehte sich noch einmal um, sein Gesicht für einen Moment ernster als zuvor. „Das ist eine Frage", sagte er langsam, „die du dir noch nicht stellen solltest. Nicht mit dem, was du bisher weißt. Nicht mit dem, was von deiner Erinnerung noch übrig ist." „Was soll das heißen?" „Es bedeutet, dass du nicht der Einzige bist, der diesen Tag schon einmal erlebt hat, Dorian Kess." Der Wächter lächelte ein letztes Mal, kalt und wissend zugleich. „Und es bedeutet, dass manche von uns sich sehr genau erinnern, wie es endet, wenn Anomalien wie du zu weit gehen." Bevor Dorian eine weitere Frage stellen konnte, trat der Wächter durch den geteilten Raum und war verschwunden, als hätte er nie existiert, die Luft schloss sich hinter ihm wie Wasser, das sich nach einem Steinwurf wieder glättet. Die Gasse blieb still, bis Bexley den Atem ausstieß, den er anscheinend die ganze Zeit angehalten hatte. „Was zur Hölle war das", sagte er leise. „Ein Wächter des Systems", sagte Dorian, die Worte fühlten sich fremd in seinem Mund an. „Und er wusste zu viel." Corwin lehnte sich gegen die Wand der Gasse, die Arme verschränkt, sein Gesicht ungewöhnlich blass für jemanden, der sich sonst nie aus der Ruhe bringen ließ. „Er sagte, du bist nicht der Einzige, der diesen Tag schon erlebt hat. Was meinte er damit?" Dorian öffnete den Mund, um zu antworten, doch keine Worte kamen. Er hatte selbst keine Ahnung. Zehn Jahre Erinnerung, und in keiner einzigen dieser Erinnerungen war je von einem anderen Menschen die Rede gewesen, der dasselbe durchlebte wie er. Wren beobachtete ihn genau, ihre Stimme leise, fast sanft. „Dorian. Wenn es noch jemand anderen gibt, der das Gleiche tut wie du. Was bedeutet das für uns?" Der Ring an Dorians Finger begann plötzlich wieder zu pulsieren, schwach zuerst, dann stärker, und eine neue, unerwartete Nachricht flackerte in der Luft vor ihm auf, Worte, die ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagten. WARNUNG: ZWEITE ANOMALIE ERKANNT. STANDORT: UNBEKANNT. VERBINDUNG ZU SUBJEKT DORIAN KESS: UNGEWISS. Dorian starrte auf die Worte, sein Herz schlug schneller, als er es sich eingestehen wollte. Irgendwo da draußen, in derselben zerbrochenen Welt, lebte noch jemand mit demselben unmöglichen Geheimnis wie er.„Ein Problem, das du lösen musst?" Dorian hielt seine Stimme ruhig, obwohl sein Herz gegen die Rippen schlug. „Das klingt nicht besonders einladend."„Es war auch nicht so gemeint." Der Mann im grauen Mantel machte einen Schritt näher, und niemand von der Gruppe bewegte sich, wie gefangen in einer Stille, die er selbst über den Ort gelegt zu haben schien. „Aber ich bin ein höflicher Mann. Nennen wir es erstmal ein Gespräch."Bexley trat leicht vor, die Fäuste geballt. „Und wer genau bist du, dass du einfach so aus dem Nichts auftauchst?"„Ich sagte doch. Ein Wächter." Der Mann sah ihn kaum an, sein Blick blieb auf Dorian gerichtet, als würden die anderen drei kaum existieren. „Das System braucht Aufsicht, genau wie jede andere Struktur. Jemand muss dafür sorgen, dass sich die Dinge so entwickeln, wie sie sollen."„Und wie sollen sie sich entwickeln?", fragte Wren, ihre Stimme scharf.„Vorhersehbar." Der Wächter lächelte wieder, und dieses Mal lag etwas Kälteres darin. „Das ist das Pro
„Was zum Teufel bewegt sich da unten?", rief Bexley und wich einen Schritt zurück, als der Boden erneut bebte.Dorian spürte es durch die Schuhsohlen, tief und rhythmisch, wie ein Herzschlag, der der ganzen Straße gehörte. Aus seiner Erinnerung kam nichts. Kein Bericht, keine Warnung, kein einziger Hinweis, was unter der Stadt lauerte und sich gerade in ihre Richtung bewegte.„Ich weiß es nicht", sagte er, und das Eingeständnis kostete ihn mehr, als er zugeben wollte.„Zum ersten Mal heute", murmelte Corwin, „stimme ich dir zu, dass das kein gutes Zeichen ist."Wren stand mit angespannten Schultern, den Blick auf den Krater gerichtet, in den der Räuber gestürzt war. „Vielleicht ist es dasselbe, das ihn geholt hat."„Zu groß", sagte Bexley. „Das ist kein Mann, der da unten fällt. Das ist etwas, das sich bewegt."Ein Riss zog sich durch den Asphalt, kein sauberer Bruch, sondern etwas, das von innen nach außen drückte, und alle vier traten instinktiv zurück, als der Boden mit einem trock
„Was passiert gerade mit mir", sagte Corwin und starrte auf seinen eigenen brennenden Namen in der Luft.„Ich weiß es nicht." Dorian schüttelte seine schmerzende Hand, der Ring war wieder still, seine Nachricht bereits verblassend. „Das hat er noch nie getan. Er hat überhaupt noch nie etwas getan, bis ich ihn angesteckt habe."„Das ist keine Antwort."„Mehr habe ich nicht."Wren trat näher und betrachtete die letzten Spuren der Warnung, während sie sich auflöste. „Zeitlinienabweichung. Neuschreibung des Ausgangs. Das klingt, als würde der Ring versuchen, das zu ändern, was ihm passiert."„Ändern von was", sagte Corwin, die Stimme angespannt. „Du hast gesagt, ich sei wichtig gewesen in welchem Leben auch immer du schon gelebt hast. Du willst nicht sagen, ob das gut oder schlecht war. Jetzt sagt mir irgendein verfluchtes Schmuckstück, dass mein Ausgang gerade neu geschrieben wird. Verzeih mir, wenn ich gerne etwas mehr Informationen hätte, bevor ich entscheide, ob ich weiter neben irgen
„Was soll das heißen, er weiß, wer ich bin?" Corwins lockeres Lächeln hatte sich nicht bewegt, aber etwas hinter seinen Augen war sehr still geworden.„Ich weiß es noch nicht." Dorian schloss die Faust um den Ring und verdeckte damit seinen Blick auf den noch schwach in der Luft hängenden Text. „Er hat mir eine Warnung gegeben. Mehr nicht."„Eine Warnung über mich."„Über etwas, das mit dir zu tun hat. Er hat es nicht erklärt."Corwin musterte ihn noch einen Moment, dann lachte er kurz auf, ohne dass es seine Augen erreichte. „Nun, das ist ja gar nicht beunruhigend. Gut zu wissen, dass der magische Schmuck schon Meinungen über mich hat."Bexley verlagerte sein Gewicht und beobachtete den Wortwechsel mit offensichtlichem Unbehagen. „Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, dass mir jemand erklärt, was hier eigentlich vor sich geht. Dorian kannte meinen Namen, bevor ich ihn gesagt habe. Jetzt hat sein Ring Meinungen über einen Typen, den wir gerade erst kennengelernt haben. Ich fange a
„Hinterausgang, jetzt", sagte Bexley und bewegte sich bereits.Dorian widersprach nicht. Die Schritte draußen waren aus einem fernen Rhythmus zu etwas geworden, das nah genug war, um einzelne Stimmen zu hören, scharf und leise, die Anweisungen gaben, als hätten sie geübt, ein Gebäude zu umstellen. Er packte Wrens Arm und folgte Bexley durch einen engen Lagerraum voller Kisten, zu denen niemand je zurückkehren würde.„Dieser Ring", sagte Wren und hielt Schritt. „Was genau hat er gesagt?"„Ursprung instabil." Dorian stieß eine verrostete Tür auf, hinein in eine weitere Gasse, noch enger als die letzte. „Ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich habe noch nie eine Belohnung gesehen, die so markiert war."„Beruhigend."„Das habe ich auch gedacht."Sie kamen auf eine Straße hinaus, die parallel zu der verlief, aus der sie geflohen waren, und Dorian verlangsamte gerade lange genug, um sich wieder zu orientieren. Was auch immer für ein Plan er heute noch im Kopf hatte, wurde von Stunde zu Stunde
„Lauf“, sagte Dorian und zog Wren und Bexley bereits zurück in die Gasse hinter ihnen. „Sofort.“Die Gruppe der Räuber bewegte sich schnell für Leute, die erst seit ein paar Stunden vom Ende der Welt wussten. Zu schnell. Zu koordiniert. Dorian wartete nicht ab, um herauszufinden, woher der Mann seinen Namen kannte. Er schob Bexley durch eine Lücke zwischen zwei Gebäuden und folgte dicht dahinter, Wren direkt auf seinen Fersen.„Wer war das?“, fragte Wren, die Stimme angespannt, während sie durch eine schmale Servicegasse eilten.„Ich weiß es nicht.“„Das ist nicht gerade beruhigend.“„Es ist die Wahrheit.“ Dorian warf einen kurzen Blick zurück. Noch keine Spur von der Gruppe, aber er hörte Geschrei, Befehle in kurzen, knappen Ausbrüchen. Wer auch immer sie waren – sie hatten einen Plan, und der Plan betraf speziell ihn. Das allein sagte ihm, dass etwas bereits schiefgelaufen war mit einer Version von Tag 1, von der er dachte, er hätte sie vollkommen verstanden.Sie kamen am anderen En







