LOGIN„Lauf“, sagte Dorian und zog Wren und Bexley bereits zurück in die Gasse hinter ihnen. „Sofort.“
Die Gruppe der Räuber bewegte sich schnell für Leute, die erst seit ein paar Stunden vom Ende der Welt wussten. Zu schnell. Zu koordiniert. Dorian wartete nicht ab, um herauszufinden, woher der Mann seinen Namen kannte. Er schob Bexley durch eine Lücke zwischen zwei Gebäuden und folgte dicht dahinter, Wren direkt auf seinen Fersen. „Wer war das?“, fragte Wren, die Stimme angespannt, während sie durch eine schmale Servicegasse eilten. „Ich weiß es nicht.“ „Das ist nicht gerade beruhigend.“ „Es ist die Wahrheit.“ Dorian warf einen kurzen Blick zurück. Noch keine Spur von der Gruppe, aber er hörte Geschrei, Befehle in kurzen, knappen Ausbrüchen. Wer auch immer sie waren – sie hatten einen Plan, und der Plan betraf speziell ihn. Das allein sagte ihm, dass etwas bereits schiefgelaufen war mit einer Version von Tag 1, von der er dachte, er hätte sie vollkommen verstanden. Sie kamen am anderen Ende der Gasse auf einer ruhigeren Straße heraus, die Schaufenster größtenteils unberührt. Dorian verlangsamte gerade genug, um Luft zu holen. „Wir haben sie abgeschüttelt“, sagte Bexley und sah hinter sich. „Fürs Erste.“ Dorian schaute sich um, orientierte sich, und etwas in seiner Erinnerung rastete durch den Nebel ein, der sich seit dem Kampf mit Bexleys Treppenhaus-Kreatur über alles gelegt hatte. Zwei Straßen weiter. Ein Pfandhaus, das die Woche nicht überstehen würde, aber für die nächsten vier Stunden etwas beherbergte, das wichtiger war als Gold jemals wieder sein würde. „Es gibt einen Ort“, sagte Dorian. „Ein Pfandhaus. Wenn es noch steht, ist dort drin eine Belohnung, die mit dem Prüfort verbunden ist, den wir freigeräumt haben. Ich erinnere mich, dass sie eine Stunde nach der ersten Welle freigeschaltet wurde.“ „Erinnerst dich woran genau“, sagte Bexley. Wren fing Dorians Blick auf. Sie hatte Bexley die Wahrheit noch nicht vollständig erzählt, und Dorian sah, wie sie abwog, ob jetzt der Moment war. „Lange Geschichte“, sagte Dorian. „Kurzfassung: Ich habe das schon einmal durchlebt. Ich weiß Dinge. Nicht alles, und weniger als heute Morgen, aber genug, um nützlich zu sein.“ Bexley musterte ihn genauso wie damals im Treppenhaus, wog ab, ob der Mann vor ihm das Risiko wert war, blind zu vertrauen. „In Ordnung. Zeig mir dieses Pfandhaus.“ Sie fanden es zwei Straßen weiter genau dort, wo Dorian es in Erinnerung hatte, die Fenster bereits zerbrochen, der Besitzer nirgendwo zu sehen. Drinnen, hinter Regalen voller Schmuck und alter Elektronik, die niemand je wieder haben wollen würde, pulsierte ein weiches goldenes Licht hinter dem Tresen – unverkennbar mit dem System verbunden. „Da“, sagte Dorian und ging darauf zu. „Das sollte ein Waffenlager sein. Verzauberte Klinge, mittlere Stufe, genug, um uns alle drei durch den ersten Monat zu bringen, ohne dass wir viel anderes brauchen.“ Er erreichte das Licht, und die Systemoberfläche erblühte vor ihm, vertraute Form, vertrautes Summen, und für eine erleichterte Sekunde fühlte sich alles an, als würde endlich etwas richtig laufen. BELOHNUNGSLAGER ERKANNT. INHALT: ??? Dorian runzelte die Stirn. In seiner Erinnerung war der Inhalt nie ein Fragezeichen. Es war ein Name, eine Waffe, eine Zahl, die er sich hundertmal in zehn Jahren wiederholt hatte, weil diese Klinge ihm mehr als einmal das Leben gerettet hatte. Er griff trotzdem danach und beanspruchte sie, denn dort zu stehen und zu zweifeln würde nichts an dem ändern, was bereits hinter dem Licht versiegelt war. Der Schein platzte nach außen und legte sich als kleiner, unauffälliger Ring in seine Handfläche – schlichtes Metall, keinerlei sichtbare Verzauberung. „Das ist alles?“, sagte Bexley unbeeindruckt. „Ein Ring?“ „Das ist nicht das, was hier sein sollte.“ Dorian drehte ihn in der Hand und suchte nach irgendeinem Hinweis, was er wirklich tat. Kein Statusfenster erschien. Keine Werte. Nichts außer schlichtem, mattem Metall, das sich leicht warm an seiner Haut anfühlte. „Das ist nicht die Belohnung. Das kommt dem nicht einmal nahe.“ „Du hast gesagt, du wüsstest, was passieren würde“, sagte Wren vorsichtig, nicht anklagend. „Ich wusste es. Ich weiß es nicht mehr, nicht genau.“ Dorian schloss die Faust um den Ring, Frustration stieg scharf und schnell auf. Jede Entscheidung, die er traf, sollte auf dem Plan aufbauen, den er seit dem Moment des Aufwachens im Kopf getragen hatte, und stattdessen reichte ihm die Welt immer wieder Dinge, die er nicht erkannte, an Orten, die er für vollkommen verstanden gehalten hatte. „Die Zeitlinie bewegt sich nicht nur schneller, als ich mich erinnere. Sie verändert, was tatsächlich darin ist.“ „Wegen dem, was du tust“, sagte Wren leise. Es war keine Frage. „Wegen dem, was ich tue.“ Dorian sah ihr in die Augen, und einen Moment lang sagte keiner von beiden etwas, das Gewicht davon legte sich zwischen sie. Jedes Leben, das er rettete, jede Entscheidung, die er anders traf, riss Fäden aus einem Gewebe, das er für festgehalten gehalten hatte. Er hatte angenommen, sein Wissen würde standhalten, egal was er an den Rändern veränderte. Er begann zu begreifen, dass das überhaupt nicht stimmte. Bexley verschränkte die Arme. „Also der Plan, nach dem du die ganze Zeit gelaufen bist. Wie viel davon ist noch gut?“ Dorian antwortete nicht sofort, denn er wusste es ehrlich nicht. Er dachte an das Vorratslager drei Straßen weiter, das er früher erwähnt hatte, das in sechs Stunden wichtig werden würde. Er griff nach der Erinnerung genauso, wie er nach dem erwarteten Inhalt des Rings gegriffen hatte, und fand sie dünner, als sie sein sollte, die Ränder weich, Details glitten davon. „Weniger, als mir lieb ist“, gab er zu. „Toll“, murmelte Bexley. „Also improvisieren wir eine Apokalypse.“ „Sieht so aus.“ Wren trat näher und musterte den Ring, der noch in Dorians Faust lag. „Vielleicht ist er nicht nutzlos. Vielleicht ist er einfach etwas Neues.“ Sie hatte einen Punkt, und Dorian zwang sich, die Frustration beiseitezuschieben, lange genug, um das wirklich in Betracht zu ziehen. Er öffnete die Hand und sah den Ring erneut an, drehte ihn langsam unter dem schwachen Licht des Ladens. Was auch immer es war – das System hatte beschlossen, es ihm anstelle der Klinge zu geben, die er erwartet hatte, in dieser Version des Tages, in dieser Version der Ereignisse, die er gerade aktiv umformte, nur indem er hier war. Er streifte ihn über den Finger. In dem Moment, in dem er sich setzte, pulsierte der Ring einmal, warm und plötzlich, und ein Statusfenster flackerte endlich vor ihm auf, Text scrollte schneller, als er ihn auf den ersten Blick lesen konnte. Sein Magen zog sich zusammen. Was auch immer das war – es war kein Fehler. Es war nicht nichts. RING DES UNGESCHRIEBENEN: AN TRÄGER GEBUNDEN. EFFEKT UNBEKANNT. WARNUNG: URSPRUNG INSTABIL. „Instabil“, las Wren über seine Schulter und runzelte die Stirn. „Das klingt nicht gut.“ Draußen, schwach, aber lauter werdend, kam das Geräusch von Schritten, die sich in vorsichtiger, koordinierter Formation bewegten und sich genau auf die Straße zubewegten, auf der das Pfandhaus stand. „Sie haben uns gefunden“, sagte Bexley und wich bereits zum hinteren Ausgang zurück. Dorian schloss die Faust um den Ring, dessen Wärme noch schwach an seiner Haut pulsierte, und begriff mit kalter, sinkender Gewissheit, dass er, was auch immer dieses Ding war, es auf die harte Tour herausfinden würde – ohne Erinnerung, die ihn warnen konnte, was als Nächstes kam.„Ein Problem, das du lösen musst?" Dorian hielt seine Stimme ruhig, obwohl sein Herz gegen die Rippen schlug. „Das klingt nicht besonders einladend."„Es war auch nicht so gemeint." Der Mann im grauen Mantel machte einen Schritt näher, und niemand von der Gruppe bewegte sich, wie gefangen in einer Stille, die er selbst über den Ort gelegt zu haben schien. „Aber ich bin ein höflicher Mann. Nennen wir es erstmal ein Gespräch."Bexley trat leicht vor, die Fäuste geballt. „Und wer genau bist du, dass du einfach so aus dem Nichts auftauchst?"„Ich sagte doch. Ein Wächter." Der Mann sah ihn kaum an, sein Blick blieb auf Dorian gerichtet, als würden die anderen drei kaum existieren. „Das System braucht Aufsicht, genau wie jede andere Struktur. Jemand muss dafür sorgen, dass sich die Dinge so entwickeln, wie sie sollen."„Und wie sollen sie sich entwickeln?", fragte Wren, ihre Stimme scharf.„Vorhersehbar." Der Wächter lächelte wieder, und dieses Mal lag etwas Kälteres darin. „Das ist das Pro
„Was zum Teufel bewegt sich da unten?", rief Bexley und wich einen Schritt zurück, als der Boden erneut bebte.Dorian spürte es durch die Schuhsohlen, tief und rhythmisch, wie ein Herzschlag, der der ganzen Straße gehörte. Aus seiner Erinnerung kam nichts. Kein Bericht, keine Warnung, kein einziger Hinweis, was unter der Stadt lauerte und sich gerade in ihre Richtung bewegte.„Ich weiß es nicht", sagte er, und das Eingeständnis kostete ihn mehr, als er zugeben wollte.„Zum ersten Mal heute", murmelte Corwin, „stimme ich dir zu, dass das kein gutes Zeichen ist."Wren stand mit angespannten Schultern, den Blick auf den Krater gerichtet, in den der Räuber gestürzt war. „Vielleicht ist es dasselbe, das ihn geholt hat."„Zu groß", sagte Bexley. „Das ist kein Mann, der da unten fällt. Das ist etwas, das sich bewegt."Ein Riss zog sich durch den Asphalt, kein sauberer Bruch, sondern etwas, das von innen nach außen drückte, und alle vier traten instinktiv zurück, als der Boden mit einem trock
„Was passiert gerade mit mir", sagte Corwin und starrte auf seinen eigenen brennenden Namen in der Luft.„Ich weiß es nicht." Dorian schüttelte seine schmerzende Hand, der Ring war wieder still, seine Nachricht bereits verblassend. „Das hat er noch nie getan. Er hat überhaupt noch nie etwas getan, bis ich ihn angesteckt habe."„Das ist keine Antwort."„Mehr habe ich nicht."Wren trat näher und betrachtete die letzten Spuren der Warnung, während sie sich auflöste. „Zeitlinienabweichung. Neuschreibung des Ausgangs. Das klingt, als würde der Ring versuchen, das zu ändern, was ihm passiert."„Ändern von was", sagte Corwin, die Stimme angespannt. „Du hast gesagt, ich sei wichtig gewesen in welchem Leben auch immer du schon gelebt hast. Du willst nicht sagen, ob das gut oder schlecht war. Jetzt sagt mir irgendein verfluchtes Schmuckstück, dass mein Ausgang gerade neu geschrieben wird. Verzeih mir, wenn ich gerne etwas mehr Informationen hätte, bevor ich entscheide, ob ich weiter neben irgen
„Was soll das heißen, er weiß, wer ich bin?" Corwins lockeres Lächeln hatte sich nicht bewegt, aber etwas hinter seinen Augen war sehr still geworden.„Ich weiß es noch nicht." Dorian schloss die Faust um den Ring und verdeckte damit seinen Blick auf den noch schwach in der Luft hängenden Text. „Er hat mir eine Warnung gegeben. Mehr nicht."„Eine Warnung über mich."„Über etwas, das mit dir zu tun hat. Er hat es nicht erklärt."Corwin musterte ihn noch einen Moment, dann lachte er kurz auf, ohne dass es seine Augen erreichte. „Nun, das ist ja gar nicht beunruhigend. Gut zu wissen, dass der magische Schmuck schon Meinungen über mich hat."Bexley verlagerte sein Gewicht und beobachtete den Wortwechsel mit offensichtlichem Unbehagen. „Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, dass mir jemand erklärt, was hier eigentlich vor sich geht. Dorian kannte meinen Namen, bevor ich ihn gesagt habe. Jetzt hat sein Ring Meinungen über einen Typen, den wir gerade erst kennengelernt haben. Ich fange a
„Hinterausgang, jetzt", sagte Bexley und bewegte sich bereits.Dorian widersprach nicht. Die Schritte draußen waren aus einem fernen Rhythmus zu etwas geworden, das nah genug war, um einzelne Stimmen zu hören, scharf und leise, die Anweisungen gaben, als hätten sie geübt, ein Gebäude zu umstellen. Er packte Wrens Arm und folgte Bexley durch einen engen Lagerraum voller Kisten, zu denen niemand je zurückkehren würde.„Dieser Ring", sagte Wren und hielt Schritt. „Was genau hat er gesagt?"„Ursprung instabil." Dorian stieß eine verrostete Tür auf, hinein in eine weitere Gasse, noch enger als die letzte. „Ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich habe noch nie eine Belohnung gesehen, die so markiert war."„Beruhigend."„Das habe ich auch gedacht."Sie kamen auf eine Straße hinaus, die parallel zu der verlief, aus der sie geflohen waren, und Dorian verlangsamte gerade lange genug, um sich wieder zu orientieren. Was auch immer für ein Plan er heute noch im Kopf hatte, wurde von Stunde zu Stunde
„Lauf“, sagte Dorian und zog Wren und Bexley bereits zurück in die Gasse hinter ihnen. „Sofort.“Die Gruppe der Räuber bewegte sich schnell für Leute, die erst seit ein paar Stunden vom Ende der Welt wussten. Zu schnell. Zu koordiniert. Dorian wartete nicht ab, um herauszufinden, woher der Mann seinen Namen kannte. Er schob Bexley durch eine Lücke zwischen zwei Gebäuden und folgte dicht dahinter, Wren direkt auf seinen Fersen.„Wer war das?“, fragte Wren, die Stimme angespannt, während sie durch eine schmale Servicegasse eilten.„Ich weiß es nicht.“„Das ist nicht gerade beruhigend.“„Es ist die Wahrheit.“ Dorian warf einen kurzen Blick zurück. Noch keine Spur von der Gruppe, aber er hörte Geschrei, Befehle in kurzen, knappen Ausbrüchen. Wer auch immer sie waren – sie hatten einen Plan, und der Plan betraf speziell ihn. Das allein sagte ihm, dass etwas bereits schiefgelaufen war mit einer Version von Tag 1, von der er dachte, er hätte sie vollkommen verstanden.Sie kamen am anderen En







