LOGINEllas Sichtweise
Sebastians Hand lag noch immer auf meiner Hüfte, und ich spürte, wie sich seine Finger in die Seide meines Morgenmantels gruben – als würde ich ihm gehören. Mein Herz hämmerte so heftig, dass Victor es sicher durch die Tür hören konnte.
„Sebastian?“, rief Victor erneut, diesmal schärfer. „Öffne die Tür.“
Sebastian stieß ein leises, frustriertes Knurren aus. Seine silbernen Augen brannten sich mit unglaublicher Intensität in meine. Einen Moment lang dachte ich, er würde seinen Vater einfach ignorieren und mich trotzdem küssen. Dann ließ er mich los, trat einen Schritt zurück und fuhr sich mit der Hand durch das zerzauste schwarze Haar.
„Sei still“, flüsterte er barsch. „Und mach irgendwas mit deinem Morgenmantel.“
Ich zog die Seide hastig enger um meinen Körper; meine Wangen glühten vor Scham. Sebastian öffnete die Tür gerade weit genug, um hinauszuschlüpfen, doch seine breiten Schultern füllten den Türrahmen fast vollständig aus.
„Alles in Ordnung“, hörte ich ihn sagen; seine Stimme klang ruhig und beherrscht. „Ella konnte nicht schlafen. Ich wollte nur ... nach ihr sehen.“
Ich konnte nicht verstehen, was Victor antwortete – er sprach zu leise –, aber ich merkte, dass er misstrauisch war. Ihre Schritte entfernten sich den Flur entlang.
Ich ließ mich auf die Bettkante sinken; meine Beine zitterten. Was zum Teufel geschah hier mit mir? Ich war erst einen Tag hier, und mein Stiefbruder – mein Stiefbruder! – brachte mich mit einer einzigen Berührung zum Zittern. Und dieser Wolf, diese Augen. Das konnte doch gar nicht sein.
Ich fand keinen Schlaf. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich diesen großen schwarzen Wolf vor mir, der mich anstarrte. Oder Sebastians nackten Oberkörper. Oder die Art, wie seine Lippen mein Ohr gestreift hatten.
Am nächsten Morgen fiel Sonnenlicht durch die hohen Fenster, als ich in Jeans und einem weichen Pullover nach unten ging. Das Haus roch nach Kaffee und etwas Köstlichem. Victor war bereits geschäftlich unterwegs; das verriet ein Zettel auf der Kücheninsel.
Aber Sebastian war da.
Er stand am Herd – wieder ohne Hemd – und wendete Eier, als hätte er eine Ausbildung zum Koch absolviert. Die Kratzspur an seiner Seite wirkte bei Tageslicht noch frischer, entzündet und rot. Und die Art, wie sich die Muskeln an seinem Rücken bei jeder Bewegung anspannten – ich konnte einfach nicht aufhören, ihn anzustarren. „Morgen, kleine Schwester“, sagte er, ohne sich umzudrehen. In seiner Stimme schwang wieder dieser spöttische Unterton mit, doch darunter lag noch etwas anderes.
„Ich habe dir gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst“, sagte ich und ließ mich auf einen der Barhocker gleiten.
Er drehte sich um und stellte einen Teller vor mich. Sein Blick glitt für einen kurzen Moment zu meiner Brust, bevor er mir in die Augen sah. „Hast du gut geschlafen?“
„Nicht wirklich.“ Ich nahm meine Gabel zur Hand. „Ich habe gestern Nacht etwas gesehen. Im Wald.“
Sebastian erstarrte am ganzen Körper. Sein spielerischer Ausdruck war augenblicklich verschwunden. „Was hast du gesehen?“
„Einen Wolf. Einen riesigen. Mit silbernen Augen. Genau wie deine.“
Stille. Er beugte sich vor und stützte beide Hände auf die Theke. „Du musst vergessen, was du gesehen hast.“
„Ich bin nicht verrückt“, entgegnete ich scharf. „Und du warst gleich danach in meinem Zimmer. Ohne Hemd. Mit einem frischen Kratzer an der Seite.“
„Lass es gut sein, Ella.“
„Nein.“ Ich stand auf und weigerte mich nachzugeben, auch wenn das in diesem Moment eindeutig das Klügste gewesen wäre. „Sag mir, was hier vor sich geht. Sonst frage ich Victor.“
Keine gute Idee.
Sebastian kam auf mich zu – schneller, als ich es überhaupt wahrnehmen konnte. Er trat hinter der Theke hervor und drängte mich gegen den Kühlschrank. Sein Körper presste sich hart und heiß gegen meinen. Eine Hand stützte sich neben meinem Kopf ab, während die andere meine Taille umschloss.
„Willst du dieses Spiel wirklich spielen?“, fragte er. „Wer Fragen stellt, bringt sich in Gefahr. Besonders neugierige kleine Mädchen, die keine Ahnung haben, worauf sie sich einlassen.“
Mein Herz klopfte wild. Ich konnte ihn spüren, jeden Zentimeter seines muskulösen Körpers an meinem. Hitze breitete sich tief in meinem Bauch aus. „Ich bin kein kleines Mädchen.“
Seine Augen dunkelten fast schwarz nach. „Nein. Das bist du nicht.“ Sein Daumen strich über die Hautstelle, die durch meinen hochgerutschten Pullover freigelegt war. „Du bist Ärger. Und du wirst uns beide umbringen, wenn du dich nicht von mir fernhältst.“
„Dann hör auf, in mein Zimmer zu kommen“, flüsterte ich, während mein Körper sich unwillkürlich zu ihm hinzog.
Sebastian ließ seine Stirn gegen meine sinken. Sein Atem ging jetzt stoßweise. „Ich kann nicht. Der Mond … er macht alles nur noch schlimmer. Du riechst verdammt gut.“
Meine Wangen liefen augenblicklich rot an. Bevor ich antworten konnte, küsste er mich.
Es war kein sanfter Kuss. Er war hungrig und voller Verlangen. Sein Mund verschlang meinen; seine Zunge drang ein, als müsste er jeden Zentimeter von mir kosten. Ich stöhnte in den Kuss hinein, während meine Hände an seiner nackten Brust emporglitten. Er stöhnte gegen meine Lippen, hob mich auf die Küchenzeile und trat zwischen meine Oberschenkel.
Seine Hände waren überall: Er umfasste meine Hüften und schob sich unter meinen Pullover, um meine Brust zu umschließen. Unter seiner rauen Handfläche verhärteten sich meine Brustwarzen sofort. Ich schlang meine Beine um seine Hüfte und zog ihn näher zu mir heran. Sein hartes Glied drückte sich durch die Jogginghose gegen mich – fest und massiv wie eine Eisenstange.
„Verdammt, Ella“, stöhnte er und biss mir leicht in die Unterlippe. „Du hast keine Ahnung, was du mit mir anstellst.“
Ich rieb mich an ihm, sehnte mich nach dieser Berührung. So etwas hatte ich noch nie zuvor gespürt – dieses überwältigende Verlangen. Sein Mund wanderte zu meinem Hals; er saugte sich so fest daran fest, dass ein Abdruck zurückbleiben würde. Doch gerade als seine Hand zum Knopf meiner Jeans hinabglitt, öffnete si
ch die Haustür.
Wir erstarrten.
„Sebastian? Ella? Ich habe so …“
Ellas Sichtweise„Was hast du gerade gesagt?“Sebastians Stimme war so kalt, dass selbst ich zusammenzuckte.Victor antwortete nicht. Er starrte Sebastian an, als würde er einen Toten vor sich sehen.„Du hast gesagt, der zweite Sohn des Königs hätte sterben müssen“, wiederholte Sebastian. „Welcher zweite Sohn?“Victor schloss die Augen.„Sebastian, du musst verstehen—“„Nein!“ Sebastian erhob sich langsam. „Du wirst mir jetzt erklären, was hier vor sich geht.“Ich stand zwischen ihnen, meine Hände zitterten noch immer von der seltsamen Kraft, die gerade aus meinem Körper ausgebrochen war.Der zweite Sohn des Königs.Der Junge, den ich in meiner Vision gesehen hatte, hatte Sebastians Gesicht getragen.Das konnte kein Zufall sein.„Sebastian“, flüsterte ich.Er sah mich an. In seinen silbernen Augen lag eine Frage, die er selbst nicht auszusprechen wagte.Ich wollte ihm sagen, dass ich ihm vertraute. Dass ich nicht glaubte, er könne etwas mit dem Tod meiner Mutter zu tun haben.Doch wie
Ellas Sichtweise„Meine Mutter hat den König getötet?“ Wiederholte ich Aldrics Worte, während mein Blick zwischen ihm und Victor hin und her wanderte. „Welchen König? Und warum hat niemand mir etwas davon erzählt?“Aldric trat langsam in die Halle. Blut lief von seiner Stirn über seine Wange, doch er schien den Schmerz kaum zu bemerken.„Weil deine Mutter gehofft hatte, dass du niemals in diese Welt hineingezogen werden würdest.“„Welche Welt?“ Ich lachte bitter auf. „Meine Mutter ist tot, mein Blut verwandelt sich in etwas, das ich nicht verstehe, und fremde Wölfe wollen mich entführen. Jeder hier scheint meine Geschichte zu kennen, nur ich nicht!“„Ella“, begann Victor.„Nein!“ Ich fuhr zu ihm herum. „Du bekommst keine Gelegenheit mehr, mich anzulügen. Nicht nach allem, was ich gerade erfahren habe.“Sein Gesicht verhärtete sich, aber er sagte nichts.Sebastian kam aus dem Seitengang zurück. Blut klebte an seinem Hemd, und seine Augen waren noch immer silbern. Als er mich sah, eilt
Ellas SichtweiseDer Schrei hallte durch das Anwesen und ließ die Fenster erzittern.Ich blieb wie angewurzelt stehen. Die Stimme war nicht menschlich gewesen. Sie klang wie das Heulen eines Wolfes, der unter unerträglichen Schmerzen litt.Sebastian stellte sich sofort vor mich.„Bleib hinter mir, Ella.“„Was ist da draußen los?“Er antwortete nicht. Seine silbernen Augen veränderten sich, während schwarze Adern unter seiner Haut hervortraten. Sein Wolf drängte an die Oberfläche.„Sebastian?“„Sie haben einen meiner Männer gefangen.“ Seine Stimme war tief und gefährlich. „Und sie werden ihn benutzen, um an dich heranzukommen.“Victor kam mit zwei bewaffneten Wächtern den Korridor entlang. In seiner Hand lag eine silberne Pistole.„Sebastian, du gehst nicht allein hinaus.“„Das ist mein Anwesen.“„Und sie sind keine gewöhnlichen Eindringlinge.“ Victor blieb vor uns stehen. „Wenn der Rat des Nordens persönlich seine Jäger schickt, bedeutet das, dass die Sache viel schlimmer ist, als Ald
Ellas Sichtweise„Er ist gekommen, um Anspruch auf dich zu erheben.“Victors Worte hallten in meinem Kopf wider.Ich klammerte mich an Sebastian, während ich versuchte, den Sinn dieser Aussage zu verstehen. Draußen stand der weiße Wolf noch immer vor dem Badezimmerfenster. Seine leuchtenden Augen waren auf mich gerichtet, als würde er geduldig darauf warten, dass ich eine Entscheidung traf.„Was bedeutet das?“, fragte ich.Victor antwortete nicht sofort.„Ich habe dich etwas gefragt“, sagte ich schärfer. „Was bedeutet es, dass der Norden Anspruch auf mich erhebt?“„Es bedeutet, dass dein Erwachen nicht länger verborgen bleiben kann.“„Das erklärt überhaupt nichts.“Sebastian legte einen Arm um meine Taille, um mich zu stützen. „Dann erklär es ihr richtig.“Victor warf ihm einen finsteren Blick zu. „Du solltest vorsichtig sein, wie du mit mir sprichst.“„Und du solltest vorsichtig sein, was du vor ihr verschweigst.“Die beiden Männer starrten einander an. Ich spürte die Spannung zwisch
Ellas SichtweiseDer weiße Wolf hatte das Haus gefunden.Mehrere Sekunden lang bewegten Sebastian und ich uns nicht.Die Dusche lief weiter und füllte das Badezimmer mit Dampf. Wasser tropfte von meinen Haaren über mein Gesicht, doch ich bemerkte es kaum. Meine Augen waren auf die beiden blassen Lichter gerichtet, die durch das beschlagene Fenster leuchteten.Sie waren nicht gelb.Sie waren nicht blau.Sie waren weiß – so hell, als würden sie aus einer Tiefe leuchten, die weit über die Augen des Wolfes hinausging.Sebastian stellte sich vor mich.„Bleib hinter mir“, knurrte er.Ich packte seinen Arm. „Du hast gesagt, dass du noch nie etwas Vergleichbares gesehen hast.“„Das habe ich auch nicht.“„Woher weißt du dann, dass er uns wehtun will?“Sein Kiefer spannte sich an. „Ich weiß nicht, was er will. Genau deshalb bleibst du hinter mir.“Der Wolf kratzte nicht erneut am Glas. Er beobachtete uns einfach weiter.Etwas regte sich unter meinen Rippen.Die seltsame Kraft, die zuvor in mir
Ellas SichtweiseDas Heulen wollte nicht verstummen.Sie kreisten wie ein Sturm um das Anwesen – Dutzende von ihnen –, und bei jedem einzelnen Heulen schlug das neue Etwas in meiner Brust heftiger. Sebastian hielt mich auf dem Bett fest an sich gepresst; seine Arme umschlangen mich eng, sein Atem ging stoßweise wegen der Verbrennungen durch das Silber. Doch seinen Blick wandte er keinen Moment vom Fenster ab.„Sebastian“, flüsterte ich. „Was war das für ein weißer Wolf?“Sein Kiefer spannte sich an. „Ich weiß es nicht. So einen Ruf habe ich noch nie zuvor gehört.“Victor trat ans Fenster, das Gesicht zu einer grimmigen Miene verzogen. Mit einem Ruck zog er die schweren Verdunkelungsvorhänge zu.„Das war nicht das Shadow-Rudel“, sagte Victor leise. „Das war der Norden.“Ich runzelte die Stirn. „Der Norden? Wie meine Mutter?“Victor drehte sich endlich zu mir um. Er sah mich wirklich an. Nicht wie seine Stieftochter, nicht wie ein Geheimnis, das er hütete, sondern wie das, was ich jetzt







