ANMELDENIch schlage wieder. Wieder. Wieder. Der Putz gibt nach, lässt die Ziegel erscheinen, meine Fäuste öffnen sich, das Blut durchdringt die Verbände, läuft über meine Hände, über meine Arme, über den weißen Boden des Krankenhauses. Rot auf Weiß. Leben auf Tod. Wahrheit auf Lüge. — Diego, hör auf! Hör auf, du wirst dich verletzen! fleht Valentina. — DAS IST MIR EGAL! MIR IST ALLES EGAL! Ich schlage, bis meine Arme nicht mehr reagieren, bis der Schmerz zu stark wird, bis meine Beine nachgeben. Ich breche zusammen, meine Knie schlagen auf den Boden, meine Hände hängen herab, reglos, blutig, zerstört. Sie ist da, vor mir. Meine Mutter. Die Frau, die mich getragen hat. Die Frau, die mich verlassen hat. Die Frau, die mir gerade die Seele herausgerissen hat. — Warum? Warum jetzt? Warum heute? Warum nicht in deinem Grab, mit deinen Lügen? — Weil mich jem
Diego Die Luft im Krankenhaus ist immer dieselbe. Kalt, steril, voller Gerüche nach Desinfektionsmittel und lauerndem Tod. Meine Füße berühren zum ersten Mal seit drei Wochen den Boden. Drei Wochen Bett, Schmerz, Albträume. Drei Wochen, mich wiederaufzubauen, Knochen für Knochen, Haut für Haut, Seele für Seele. Neben mir, Valentina. Immer Valentina. Ihre Hand in meiner, ihre geheilten Finger mit meinen verschlungen, ihre Augen, die mich ansehen, als wäre ich der einzige Mann auf der Welt. Sie hat meine Sachen vorbereitet, ein Taxi gerufen, meine Rückkehr organisiert. Sie bringt mich zu sich nach Hause. Zu uns. In diese kleine Wohnung in Coyoacán, wo alles begann. — Bist du bereit? fragt sie sanft. — Ich bin bereit. Ich bin es nicht. Ich werde es nie sein. Aber man muss rausgehen, vorwärtsgehen, leben. Die Ärzte sagen, die Heilung wird lang sein, dass die Hände Monate brauchen werden, um ihre v
Kapitel 101: Die ultimative ManipulationIch drehe mich um, sehe sie an. Ihre Augen sind voller Tränen, schmutzige Tränen, die über ihre eingefallenen Wangen laufen, über ihre graue Haut, über ihre rissigen Lippen. Sie weint, Isabel. Sie weint um ihren Sohn, den sie zerstören wird. Sie weint um die Liebe, die sie nicht geben konnte. Sie weint um sich selbst, um ihr verpfuschtes Leben, um das, was aus ihr geworden ist.— Sie sind ein Monster, flüstert sie.— Ja. Ich bin ein Monster. Aber Sie haben mich dazu gemacht. Sie, und Ihr Sohn, und diese Liebe, die mich tötet, und diese Wut, die mich verzehrt. Sie haben den Wahnsinn gesät, Isabel. Sie ernten den Sturm.Ich nähere mich, setze mich ihr gegenüber. Meine Hände legen sich auf den Tisch, neben das Geld. Meine Nägel, perfekt, rot, berühren die Bündel, streicheln sie, wie man ein Versprechen streichelt, eine Waffe, eine Rache.— Sie werden tun, was ich Ihnen sage. Sie werden ihm sagen, dass Sie nicht tot sind. Sie werden ihm sagen, dass
ChiaraDas Geld liegt auf dem Tisch zwischen uns. Bündel, dick, kompakt, die noch nach Druckfarbe und Macht riechen. Ein Vermögen für eine Frau, die nichts mehr hat, die auf der Straße schläft, die ihren Körper für eine Dosis verkauft, die ihre Seele für ein bisschen weniger Leere verkaufen würde.Sie ist da, mir gegenüber, im Wohnzimmer der Wohnung. Meiner Wohnung. Der mit dem blutroten Samt. Der, in der Diego mich verlassen hat. Der, in der ich beschlossen habe, ihn zurückzuerobern.Sie heißt Isabel. Isabel Sandoval. Die Mutter von Diego.Oder vielmehr das, was von ihr übrig ist.Ihr Haar ist grau, schmutzig, verklebt vom Dreck mehrerer Wochen. Ihre Kleidung stinkt nach Alkohol, nach Pisse, nach Straße. Ihre Hände zittern, nicht vor Angst, vor Entzug. Ihre Augen, einst vielleicht schön, sind jetzt glasig, wahnsinnig, verloren in einem ständigen Nebel aus billigem Tequila und Tagen, die sich alle gleichen.Sie sieht aus wie das, was sie ist: ein Wrack. Ein Häufchen Elend. Eine lebend
Ich lege die Klinge an mein Handgelenk. Die Haut ist dort dünn, bläulich, verletzlich, von Adern durchzogen, die pulsieren, die leben, die all das Blut tragen, das in mir fließt, all diese Liebe, die nirgendwohin kann.Ein kleiner Druck, und es würde sich öffnen. Das Blut würde fließen, rot, warm, lebendig. Es würde den Marmor überfluten, den Teppich, meine Kleidung. Es wäre der Beweis, dass ich existiere, dass ich leide, dass ich zu allem bereit bin.Und alles würde aufhören. Der Schmerz, die Wut, die Liebe. Alles.— Tu es.Ich weiß nicht, wer spricht. Ich? Eine andere? Eine Stimme in meinem Kopf? Die Stimme meiner Mutter, die meines Vaters, die all der Morenos, die verrückt gestorben sind, allein, zerstört?— Tu es, Chiara. Tu es, und es hört auf.Die Klinge drückt zu. Eine feine rote Linie erscheint, präzise, wie ein Bleistiftstrich auf einer leeren Leinwand. Das Blut perlt, tropft auf den Boden. Ein Tropfen. Zwei. D
Nur Liebe. Reine, einfache, ungeheure Liebe. Eine Liebe, die das Zimmer erfüllt, die die Krankheit vertreibt, den Schmerz, den Tod. Eine Liebe, die heilt, die repariert, die aufbaut.— Ich liebe dich, murmle ich gegen ihren Mund.— Ich liebe dich, Diego. Ich liebe dich, wie ich nie geliebt habe. Ich liebe dich, wie man nur einmal im Leben liebt. Ich liebe dich, als gäbe es kein Morgen, und als hätten wir die Ewigkeit vor uns.Wir kommen gemeinsam, ohne einen Schrei, nur ein langes geteiltes Zittern, unsere Atemzüge vermischt, unsere Herzen im Gleichklang schlagend. Es ist sanft, es ist stark, es ist alles.Lange danach, als unsere Atemzüge sich beruhigen, murmelt sie:— Das ist das erste Mal.— Was?— Dass du mich ohne Gewalt nimmst. Ohne Besitzanspruch. Ohne diese Wut, die früher in dir war. Einfach ... aus Liebe.— Weil es das erste Mal ist, dass ich wirklich zu lieben weiß. Früher verwechselte ich L
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best







