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Kapitel 7 — Das andere Ufer

Penulis: Déesse
last update Tanggal publikasi: 2026-02-27 21:08:45

Éric

Ich wusste, dass es passieren würde.

Ich wusste es von dem Moment an, als ich sie verließ, fünf Tage zuvor, noch zitternd, noch von ihr gezeichnet. Es war keine Flucht, keine Erlösung. Es war nur ein Aufschub.

Seitdem hat alles seinen Geschmack verloren.

Der Kaffee.

Die Gespräche, Claras Haut.

Selbst das Tageslicht.

Ich bin wie ein Geist durch meinen Alltag geirrt und habe mir versprochen, dass ich durchhalten würde. Aber ich log bereits. Ich log alle an. Vor allem mich selbst.

Und gestern Abend habe ich nachgegeben.

Zwei Worte gesendet, ohne nachzudenken:

"Wo bist du?"

Die Antwort kam wie ein Fallbeil.

"Noch immer in Reichweite des Fehlers."

Dann eine Adresse.

Ein diskretes Hotel, fast versteckt in einer anonymen Gasse, zwei U-Bahn-Stationen von mir entfernt.

Zimmer 608.

Ich habe nicht geantwortet.

Ich habe nicht zugesagt.

Und doch bin ich heute Abend hier.

Vor dieser Tür.

Meine Hand zögert.

Der Atem stockt.

Die Welt steht still.

Ich klopfe. Einmal. Zweimal.

Und die Tür öffnet sich.

Sie stellte keine Fragen.

Schöner noch als in meinen Erinnerungen.

Aber es ist nicht die Schönheit, die mich erschüttert.

Es ist ihre Ruhe.

Sie steht da, in diesem viel zu großen Herrenhemd wahrscheinlich mir gehörend, gestohlen aus einer Erinnerung oder Fantasie  und sie sagt nichts. Nicht sofort. Sie sieht mich an. Ihre Augen durchbohren mich. Ich bin nackt vor ihr, selbst vollständig bekleidet.

— Ich habe dir gesagt, du würdest zurückkommen.

Sie lächelt nicht. Sie muss nicht.

Alles an ihr ist Einladung. Herausforderung. Vorahnung.

Ich trete ein.

Sie weicht zurück.

Ich schließe die Tür.

Die Welt hört auf.

Es ist warm. Nicht wegen der Heizung. Sondern wegen ihr.

Die Luft ist gesättigt mit ihr. Ihrem moschusartigen Parfüm. Ihrem Geruch nach süßem Schweiß. Nach Erwartung.

Sie setzt sich aufs Bett, ein Bein angewinkelt, das andere baumelt sanft. Sie lässt mich nicht aus den Augen. Sie ist das Gegenteil von Clara. Sie beruhigt nicht. Sie verwirrt. Sie stört. Sie umarmt mich ohne Arme, nur mit einem Blick.

— Hattest du Angst, dass ich dich vergesse?

— Ich habe ununterbrochen daran gedacht.

Sie nickt, gleichgültig.

— Weiß deine Frau Bescheid?

— Nein.

— Sie weiß es trotzdem. Frauen spüren immer.

— Ich weiß.

Ich komme näher. Zu schnell.

Sie streckt die Hand aus. Packt meinen Gürtel.

Genau das.

Eine Geste.

Eine Spannung.

Ich erstarre. Sie macht nichts auf. Sie versucht nicht, mich auszuziehen.

Sie setzt sich durch. Sie wartet, dass ich nachgebe.

— Was willst du, Éric?

— Dich.

— Nein. Du willst das Vergessen. Du willst zusammenbrechen. Du willst, dass man dich beschmutzt. Du willst, dass man dir die Haut abzieht, um zu sehen, was darunter ist.

Und sie hat recht.

Sie sieht klar. In mich. Durch mich hindurch.

Ich falle vor ihr auf die Knie. Sie spreizt leicht die Beine. Ihre Hände gleiten in mein Haar, dann hinunter zu meinem Nacken, zu meinen Schultern. Mit einer sanften, bestimmenden Geste zieht sie mich hoch.

Ich stehe auf. Und sie ist es, die auf mich zukommt.

Diesmal küsst sie mich zuerst. Langsam. Tief.

Ihr Mund nimmt meinen. Sie verschlingt mich wie einen zu lange zurückgehaltenen Hunger. Ihre Zunge forscht, erkundet, fordert heraus. Ihr Kuss ist keine Liebkosung. Es ist ein Besitzergreifen.

Meine Hände finden ihre Hüften. Ihren Rücken. Ihren Nacken. Ich klammere mich an sie wie ein Schiffbrüchiger an seine Welle.

Sie drückt mich aufs Bett.

Ich falle, keuchend.

Sie klettert auf mich, mit einer geschmeidigen, katzenhaften Bewegung. Ihre Schenkel umschlingen meine Hüften. Das Hemd rutscht. Sie ist nackt darunter. Ihre Haut brennt auf mir. Mein Herz hämmert so laut, dass ich fürchte, sie könnte es hören.

Sie flüstert mir zu:

— Lass mich dich vergessen machen.

Und sie tut es.

Langsam. Wild.

Sie reitet mich wie eine Rache. Sie nimmt mich wie einen Krieg. Ihre Hände kratzen mich. Ihre Zähne beißen mich. Ihre Hüften tanzen, wölben sich, krümmen sich. Sie wiegt sich. Sie schlägt. Sie gibt. Sie fordert.

Ich gehöre ihr. Vollständig.

Als ich mich endlich in ihr verliere, als ich sie fühle, wie sie bebt, zuckt, gegen meinen Mund keucht, lasse ich mich in sie fallen, ohne Filter, ohne Barriere. Ich explodiere. Ich gebe nach. Ich löse mich auf.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich… lebendig.

Nicht glücklich.

Nicht stolz.

Aber lebendig.

Wir bleiben liegen, verschlungen. Ihr Kopf auf meiner Brust. Mein Arm um ihre Hüften.

Nach einem langen Schweigen murmelt sie:

— Denkst du an sie?

Ich brauche ein paar Sekunden, um zu antworten.

— Clara?

— Ja. Clara.

Ich schließe die Augen.

— Weniger als früher.

Ich spüre ihr Lächeln auf meiner Haut. Ein Lächeln, das schneidet. Das zu viel versteht.

Sie richtet sich leicht auf, stützt ihr Kinn auf meine Brust.

— Glaubst du, dass du sie betrügst?

— Das ist der Fall.

— Nein. Es ist dich selbst, den du aufgibst.

Ich antworte nicht.

Sie steht auf, nackt, natürlich. Sublim.

Sie geht ins Badezimmer, ohne mich eines einzigen Blickes zu würdigen. Als wäre ich bereits selbstverständlich. Als wäre dieser Körper, den sie gerade verzehrt hatte, nur ein Werkzeug, eine Durchgangsstation, eine gewöhnliche Gabe.

Ich bleibe auf dem Bett liegen, selbst nackt, die Haut gezeichnet, die Kehle trocken, das Herz in Aufruhr.

Und ich verstehe.

Heute Abend ist es keine Affäre mehr.

Es ist eine Wahl.

Kein Irrtum.

Ein freiwilliger, bewusster Verrat.

Eine Aufgabe dessen, was ich war.

Und dessen, was ich liebte.

Clara ist zu Hause.

Vielleicht sieht sie auf die Uhr.

Vielleicht ahnt sie schon.

Vielleicht wartet sie noch.

Aber ich bin hier.

Und zum ersten Mal

habe ich keine Lust mehr, nach Hause zu gehen.

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