ANMELDENÉric
Ich wusste, dass es passieren würde.
Ich wusste es von dem Moment an, als ich sie verließ, fünf Tage zuvor, noch zitternd, noch von ihr gezeichnet. Es war keine Flucht, keine Erlösung. Es war nur ein Aufschub.
Seitdem hat alles seinen Geschmack verloren.
Der Kaffee.
Die Gespräche, Claras Haut.
Selbst das Tageslicht.
Ich bin wie ein Geist durch meinen Alltag geirrt und habe mir versprochen, dass ich durchhalten würde. Aber ich log bereits. Ich log alle an. Vor allem mich selbst.
Und gestern Abend habe ich nachgegeben.
Zwei Worte gesendet, ohne nachzudenken:
"Wo bist du?"
Die Antwort kam wie ein Fallbeil.
"Noch immer in Reichweite des Fehlers."
Dann eine Adresse.
Ein diskretes Hotel, fast versteckt in einer anonymen Gasse, zwei U-Bahn-Stationen von mir entfernt.
Zimmer 608.
Ich habe nicht geantwortet.
Ich habe nicht zugesagt.
Und doch bin ich heute Abend hier.
Vor dieser Tür.
Meine Hand zögert.
Der Atem stockt.
Die Welt steht still.
Ich klopfe. Einmal. Zweimal.
Und die Tür öffnet sich.
Sie stellte keine Fragen.
Schöner noch als in meinen Erinnerungen.
Aber es ist nicht die Schönheit, die mich erschüttert.
Es ist ihre Ruhe.
Sie steht da, in diesem viel zu großen Herrenhemd wahrscheinlich mir gehörend, gestohlen aus einer Erinnerung oder Fantasie und sie sagt nichts. Nicht sofort. Sie sieht mich an. Ihre Augen durchbohren mich. Ich bin nackt vor ihr, selbst vollständig bekleidet.
— Ich habe dir gesagt, du würdest zurückkommen.
Sie lächelt nicht. Sie muss nicht.
Alles an ihr ist Einladung. Herausforderung. Vorahnung.
Ich trete ein.
Sie weicht zurück.
Ich schließe die Tür.
Die Welt hört auf.
Es ist warm. Nicht wegen der Heizung. Sondern wegen ihr.
Die Luft ist gesättigt mit ihr. Ihrem moschusartigen Parfüm. Ihrem Geruch nach süßem Schweiß. Nach Erwartung.
Sie setzt sich aufs Bett, ein Bein angewinkelt, das andere baumelt sanft. Sie lässt mich nicht aus den Augen. Sie ist das Gegenteil von Clara. Sie beruhigt nicht. Sie verwirrt. Sie stört. Sie umarmt mich ohne Arme, nur mit einem Blick.
— Hattest du Angst, dass ich dich vergesse?
— Ich habe ununterbrochen daran gedacht.
Sie nickt, gleichgültig.
— Weiß deine Frau Bescheid?
— Nein.
— Sie weiß es trotzdem. Frauen spüren immer.
— Ich weiß.
Ich komme näher. Zu schnell.
Sie streckt die Hand aus. Packt meinen Gürtel.
Genau das.
Eine Geste.
Eine Spannung.
Ich erstarre. Sie macht nichts auf. Sie versucht nicht, mich auszuziehen.
Sie setzt sich durch. Sie wartet, dass ich nachgebe.
— Was willst du, Éric?
— Dich.
— Nein. Du willst das Vergessen. Du willst zusammenbrechen. Du willst, dass man dich beschmutzt. Du willst, dass man dir die Haut abzieht, um zu sehen, was darunter ist.
Und sie hat recht.
Sie sieht klar. In mich. Durch mich hindurch.
Ich falle vor ihr auf die Knie. Sie spreizt leicht die Beine. Ihre Hände gleiten in mein Haar, dann hinunter zu meinem Nacken, zu meinen Schultern. Mit einer sanften, bestimmenden Geste zieht sie mich hoch.
Ich stehe auf. Und sie ist es, die auf mich zukommt.
Diesmal küsst sie mich zuerst. Langsam. Tief.
Ihr Mund nimmt meinen. Sie verschlingt mich wie einen zu lange zurückgehaltenen Hunger. Ihre Zunge forscht, erkundet, fordert heraus. Ihr Kuss ist keine Liebkosung. Es ist ein Besitzergreifen.
Meine Hände finden ihre Hüften. Ihren Rücken. Ihren Nacken. Ich klammere mich an sie wie ein Schiffbrüchiger an seine Welle.
Sie drückt mich aufs Bett.
Ich falle, keuchend.
Sie klettert auf mich, mit einer geschmeidigen, katzenhaften Bewegung. Ihre Schenkel umschlingen meine Hüften. Das Hemd rutscht. Sie ist nackt darunter. Ihre Haut brennt auf mir. Mein Herz hämmert so laut, dass ich fürchte, sie könnte es hören.
Sie flüstert mir zu:
— Lass mich dich vergessen machen.
Und sie tut es.
Langsam. Wild.
Sie reitet mich wie eine Rache. Sie nimmt mich wie einen Krieg. Ihre Hände kratzen mich. Ihre Zähne beißen mich. Ihre Hüften tanzen, wölben sich, krümmen sich. Sie wiegt sich. Sie schlägt. Sie gibt. Sie fordert.
Ich gehöre ihr. Vollständig.
Als ich mich endlich in ihr verliere, als ich sie fühle, wie sie bebt, zuckt, gegen meinen Mund keucht, lasse ich mich in sie fallen, ohne Filter, ohne Barriere. Ich explodiere. Ich gebe nach. Ich löse mich auf.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich… lebendig.
Nicht glücklich.
Nicht stolz.
Aber lebendig.
Wir bleiben liegen, verschlungen. Ihr Kopf auf meiner Brust. Mein Arm um ihre Hüften.
Nach einem langen Schweigen murmelt sie:
— Denkst du an sie?
Ich brauche ein paar Sekunden, um zu antworten.
— Clara?
— Ja. Clara.
Ich schließe die Augen.
— Weniger als früher.
Ich spüre ihr Lächeln auf meiner Haut. Ein Lächeln, das schneidet. Das zu viel versteht.
Sie richtet sich leicht auf, stützt ihr Kinn auf meine Brust.
— Glaubst du, dass du sie betrügst?
— Das ist der Fall.
— Nein. Es ist dich selbst, den du aufgibst.
Ich antworte nicht.
Sie steht auf, nackt, natürlich. Sublim.
Sie geht ins Badezimmer, ohne mich eines einzigen Blickes zu würdigen. Als wäre ich bereits selbstverständlich. Als wäre dieser Körper, den sie gerade verzehrt hatte, nur ein Werkzeug, eine Durchgangsstation, eine gewöhnliche Gabe.
Ich bleibe auf dem Bett liegen, selbst nackt, die Haut gezeichnet, die Kehle trocken, das Herz in Aufruhr.
Und ich verstehe.
Heute Abend ist es keine Affäre mehr.
Es ist eine Wahl.
Kein Irrtum.
Ein freiwilliger, bewusster Verrat.
Eine Aufgabe dessen, was ich war.
Und dessen, was ich liebte.
Clara ist zu Hause.
Vielleicht sieht sie auf die Uhr.
Vielleicht ahnt sie schon.
Vielleicht wartet sie noch.
Aber ich bin hier.
Und zum ersten Mal
habe ich keine Lust mehr, nach Hause zu gehen.
ÉricSie blieb lange im Badezimmer.Das Wasser läuft hinter der Tür weiter, wie eine ferne Erinnerung an die Realität, aber hier im Zimmer scheint alles aufgehoben. Die Laken noch warm von Jades Körper. Der Geruch ihrer Haut, der in der Luft hängt. Und ich, am Bettrand sitzend, Oberkörper frei, noch fröstelnd.Ich sehe auf meine Hände.Sie zittern leicht.Es ist keine Müdigkeit. Es ist Gier. Ein Mangel, der sofort zurückkehrt, sobald der Akt vorbei ist. Eine neue, heimtückische, stille Abhängigkeit. Sie ist es. Sie verzehrt mich. Sie zieht mich in ein Spiel, in dem ich jede Runde verliere, und doch will ich weiterspielen.Die Tür öffnet sich mit einem Hauch. Leichter Dampf dringt in den Raum, gefolgt von ihrem Körper: Jade.Ihr Körper noch feucht, halb Göttin, halb Dämon. Die Tropfen gleiten über ihre Hüften, ihre Brust, ihren Bauch. Sie hat ein Handtuch um die Taille gebunden, aber es bedeckt nichts. Im Gegenteil, es betont. Akzentuiert. Macht verrückt.Ihr Haar fällt in schweren Str
ÉricIch wusste, dass es passieren würde.Ich wusste es von dem Moment an, als ich sie verließ, fünf Tage zuvor, noch zitternd, noch von ihr gezeichnet. Es war keine Flucht, keine Erlösung. Es war nur ein Aufschub.Seitdem hat alles seinen Geschmack verloren.Der Kaffee.Die Gespräche, Claras Haut.Selbst das Tageslicht.Ich bin wie ein Geist durch meinen Alltag geirrt und habe mir versprochen, dass ich durchhalten würde. Aber ich log bereits. Ich log alle an. Vor allem mich selbst.Und gestern Abend habe ich nachgegeben.Zwei Worte gesendet, ohne nachzudenken:"Wo bist du?"Die Antwort kam wie ein Fallbeil."Noch immer in Reichweite des Fehlers."Dann eine Adresse.Ein diskretes Hotel, fast versteckt in einer anonymen Gasse, zwei U-Bahn-Stationen von mir entfernt.Zimmer 608.Ich habe nicht geantwortet.Ich habe nicht zugesagt.Und doch bin ich heute Abend hier.Vor dieser Tür.Meine Hand zögert.Der Atem stockt.Die Welt steht still.Ich klopfe. Einmal. Zweimal.Und die Tür öffnet s
ÉricDas Büro bedrückt mich.Mehr denn je.Dabei bin ich hierhergekommen, um zu fliehen. Aus dem Zimmer. Vor Clara. Vor der Erinnerung an den Vorabend, an ihre sanfte Stimme wie ein Urteil, an ihren gemessenen Atem im Dunkeln. Vor allem, um Jade zu entfliehen. Ironische Gemeinheit: Sie ist es, die ich wiederfinde, sobald ich die Schwelle überschritten habe.Nicht leibhaftig. Im Geist. Im Parfüm. Im Gift.Alles erinnert mich an Jade. Selbst hier.Der Kaffeeduft, sonst beruhigend, brennt mir im Hals. Das Geräusch der Tastaturen, die fernen Anrufe, die zuschlagenden Türen… jede Sache reizt mich. Mein Körper ist da, sitzend, tadelloser Anzug, Krawatte ordentlich gebunden. Aber innerlich ist es Wüste.Ich glaube, ich bin zu einer Hülle geworden.Eine Illusion eines Mannes.Die Kollegen grüßen mich, sprechen mit mir. Ich antworte automatisch. Ich lächle manchmal. Ich habe gelernt, so zu tun. Ich bin jetzt ein guter Lügner. Aber meine Hände zittern ein wenig, wenn ich mich setze. Und mein Ma
ÉricEs ist fast vier Uhr morgens, als ich das Hotel verlasse.Der Flur ist still, mit dickem Teppichboden ausgelegt, der meine Schritte dämpft, als ob selbst der Ort sich meiner schämen würde. Der Aufzug fährt langsam hinunter, zu langsam. Mein Spiegelbild in den Metallwänden zeigt mir ein verwischtes Bild: gerötete Augen, zerknittertes Hemd, Mund gezeichnet von den Küssen einer anderen. Mit einem Ärmelstrich versuche ich zu verwischen, was ich geworden bin. Vergebens.Die Stadt schläft.Lyon erstreckt sich in einer gespenstischen Ruhe. Die wenigen Autos kreuzen meinen Weg, ohne anzuhalten. Die Schaufenster sind erloschen. Die Bäume zittern sanft im Nachtwind. Die toten Blätter gleiten über den Bürgersteig wie Geständnisse, vor denen man fliehen will.Ich gehe schnell, die Hände in den Taschen, den Mantelkragen hochgeschlagen. Nicht um mich zu wärmen. Um mich zu verstecken.Ich habe kein Taxi genommen. Ich will nicht zu schnell nach Hause. Ich will meine brennenden Beine spüren, mein
ÉricDie Tür ihres Zimmers öffnet sich, noch bevor ich klopfe.Sie wusste es.Sie hatte auf mich gewartet, nackt unter einem geöffneten Kimono, wie eine Provokation. Keine unnötigen Worte. Keine falsche Bescheidenheit. Ihr Blick durchbohrt mich. Ich habe das Gefühl zu ersticken, schon bevor ich eintrete.Ich mache einen Schritt.Sie weicht langsam zurück, dreht mir den Rücken zu. Der Stoff gleitet kaum über ihre Schultern und enthüllt die perfekte Kurve ihres Rückens, ihren dargebotenen Nacken. Sie spricht immer noch nicht. Sie muss nicht. Alles in ihrem Körper, in ihrer Langsamkeit, in ihrer Art, mich präzise zu ignorieren, ruft mich.Ich schließe die Tür. Es gibt nur noch uns. Die Luft ist warm, fast schwül. Eine gedimmte Lampe wirft ein sanftes Licht auf das zerwühlte Bett. Ein leichter Duft von schwarzer Feige und Weihrauch liegt in der Luft. Vertraut. Gefährlich. Als ob dieses Zimmer kein Ort wäre, sondern ein Riss.Sie bleibt am Fußende des Bettes stehen, stellt ihr Glas auf den
ÉricIch kann nicht schlafen.Die Stille im Schlafzimmer ist fast erdrückend. Man hört nichts, außer Claras regelmäßigem Atem, die neben mir ausgestreckt liegt. Oder vielleicht tut sie nur so. Clara hat diese Art, sich zurückzuziehen, ohne Lärm zu machen, lautlos zu verschwinden, aber ihre Abwesenheit ist spürbar wie eine stille Ohrfeige. Das Laken zwischen uns wird zu einer Mauer. Eine unsichtbare Grenze. Eine Barriere, die ich seit Wochen nicht mehr überquere. Seit ihr.Jade.Immer sie.Sie verfolgt mich. In meiner Schlaflosigkeit, in den Korridoren meines Geistes, in jedem freien Raum meines Körpers, den Clara nicht mehr berührt. Sie ist da, wie ein hartnäckiges Echo. Ich schließe die Augen, und es sind nicht die Erinnerungen an meine Ehe, die zurückkommen. Es sind ihre. Ihr Lachen, ihre Hände, ihre tiefe, leicht raue Stimme, dieses Korn in ihrem Tonfall, das mein Gedächtnis durchbohrt.Ich habe sie hereingelassen, schlimmer: ich habe sie gerufen.Und alles begann vor acht Monaten.