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Kapitel 5 — Das Gewicht der Stille

last update Zuletzt aktualisiert: 27.02.2026 21:06:36

Éric

Es ist fast vier Uhr morgens, als ich das Hotel verlasse.

Der Flur ist still, mit dickem Teppichboden ausgelegt, der meine Schritte dämpft, als ob selbst der Ort sich meiner schämen würde. Der Aufzug fährt langsam hinunter, zu langsam. Mein Spiegelbild in den Metallwänden zeigt mir ein verwischtes Bild: gerötete Augen, zerknittertes Hemd, Mund gezeichnet von den Küssen einer anderen. Mit einem Ärmelstrich versuche ich zu verwischen, was ich geworden bin. Vergebens.

Die Stadt schläft.

Lyon erstreckt sich in einer gespenstischen Ruhe. Die wenigen Autos kreuzen meinen Weg, ohne anzuhalten. Die Schaufenster sind erloschen. Die Bäume zittern sanft im Nachtwind. Die toten Blätter gleiten über den Bürgersteig wie Geständnisse, vor denen man fliehen will.

Ich gehe schnell, die Hände in den Taschen, den Mantelkragen hochgeschlagen. Nicht um mich zu wärmen. Um mich zu verstecken.

Ich habe kein Taxi genommen. Ich will nicht zu schnell nach Hause. Ich will meine brennenden Beine spüren, mein Herz unter den Rippen pochen hören. Ich will mir ein wenig von dem Schmerz verdienen, den ich fühlen sollte. Aber alles ist wirr. Was ich fühle, ist etwas anderes. Eine feuchte Benommenheit, eine Spannung zwischen Scham und Verlangen.

Ich spüre Jade noch auf mir.

Ihre Haut, ihr Geruch. Diese unsichtbare und unauslöschliche Spur. Ich streiche vergeblich über meinen Hals, sie ist da. Da, überall. Selbst der kalte Wind vertreibt sie nicht. Sie klebt an meiner Haut wie ein Urteil.

Als ich aufschaue, sehe ich die ersten Lichter des Viertels. Mein Viertel. Mein Gebäude. Mein anderes Leben. Das des treuen Ehemanns. Des ernsthaften Juristen. Des diskreten Nachbarn.

Ich werde langsamer. Meine Beine werden schwer.

Der Aufzug des Gebäudes ist still, und jede Etage macht mich Lust, wieder hinunterzugehen. Zu fliehen. Aber wohin fliehen? Zu ihr? Das wäre schlimmer. Ich bin in diesem üblen Zwischenbereich, in dem keine Umkehr möglich ist, aber nichts vor mir wirklich klar ist.

Als ich vor der Tür ankomme, zittern die Schlüssel in meiner Hand. Das Metall klackt im Schloss. Mein Bauch krampft sich zusammen.

Das Wohnzimmer ist in Dunkelheit getaucht, als hätte sich die Nacht auch in meinem Zuhause eingenistet.

Ich schließe leise hinter mir. Ich ziehe auf Zehenspitzen die Schuhe aus. Ich gehe wie ein Dieb durch mein eigenes Haus. Ein vertrauter Geruch umhüllt mich, der von sauberer Wäsche, gewienertem Holz, kaltem Kaffee. Und diese Stille… sie ist schwerer als jeder Schrei.

Ich nähere mich dem Schlafzimmer.

Die Tür ist angelehnt. Clara liegt, den Rücken zugewandt, im Halbdunkel. Eine Haarsträhne lugt unter ihrem Kopfkissen hervor. Ihr Atem ist langsam, regelmäßig. Aber ich kenne sie. Das ist nicht Schlaf. Das ist stilles Warten. Kontrolle.

Ich bleibe ein paar Sekunden stehen, wie erstarrt. Sie ansehend. Den Biss der Reue bis in die Knochen spürend.

Sie ist schön. Selbst da, regungslos. Eine sanfte, vertraute, stille Schönheit. Nichts zu tun mit der rohen Elektrizität von Jade. Clara ist das stabile Licht, das man zu bewundern vergisst. Jade ist der Blitz. Und ich bin zum Blitz gegangen, wissend, dass er mich verbrennen würde.

Ich gehe ins Badezimmer. Ich mache Licht an. Ich ertrage mein Spiegelbild nicht. Meine Augen fliehen den Spiegel.

Ich lasse eiskaltes Wasser laufen. Ich reibe. Fest. Meine Haut ist rot, wund. Aber ich mache weiter. Als ob der Schmerz die Tat wiedergutmachen könnte. Ich fahre mir durchs Haar. Ich zittere. Mir ist übel.

Als ich wieder rauskomme, ist Clara wach. Sie sieht mich nicht an. Aber ich weiß, dass sie nicht schläft.

— Du kommst spät, sagt sie.

Ihre Stimme ist ruhig, flach. Kein Vorwurf. Es ist schlimmer als das. Es ist eine Diagnose.

— Ich hatte… ein Gespräch, das sich hingezogen hat. Mit einem Kollegen.

Lüge. Trocken. Gemein. Schlecht formuliert.

Sie sagt nichts. Geht nicht darauf ein. Sie hält die Augen offen, zur Wand gerichtet.

— Du riechst nach Alkohol.

Ich schweige.

Ich könnte alles sagen. Jetzt. Hier. Mich erleichtern. Weinen. Flehen. Aber die Worte bleiben mir im Hals stecken. Weil ich weiß, dass es in dem Moment, in dem ich sie ausspreche, keine Rückkehr mehr gibt. Clara wird mich so sehen, wie ich bin. Ein feiger Mann. Und ich bin nicht bereit. Noch nicht.

Ich gleite ins Bett. Der Abstand zwischen uns ist riesig. Nicht in Zentimetern. In Wahrheit. In Schmerz. In Stille.

— Gute Nacht, haucht sie.

Aber das ist kein Wunsch. Es ist ein Urteil.

Ich starre an die Decke. Die Schatten tanzen sanft, projiziert vom Licht draußen. Ich spiele die Szene immer wieder ab. Jade. Ihr Seufzen. Ihr Blick nach dem Liebesakt. Ihr Lächeln, das einer Frau, die weiß, was sie getan hat. Was sie genommen hat. Was sie jetzt in Händen hält.

Ich habe mich hingegeben. Körper und Herz. Ich habe nicht nur betrogen. Ich habe nachgegeben.

Clara ist da, so nah. Aber sie ist fern. Sehr fern. Ihre Schultern sind angespannt. Ihr Atem ist angehalten. Sie schläft nicht. Sie wartet. Oder sie nimmt es hin.

Und ich ertrinke.

Ich spüre, dass ich gerade etwas Tiefes zerbrochen habe. Eine heilige Linie. Und das Schlimmste ist, dass ich nicht einmal zurück will.

Ich bin leer. Enteignet. Verformt.

Ich habe nicht geschlafen, keine Minute, denn ich denke an diese Frau, sie macht mich verrückt.

Als die Morgendämmerung kommt, ist sie kalt. Sie beleuchtet zu viel. Die Falten im Laken. Die leere Mulde zwischen unseren Körpern. Das Kissen, das Clara nicht mehr umklammert.

Sie steht ohne ein Wort auf. Durchquert das Zimmer wie eine Fremde. Kein Blick. Kein Seufzer. Sie schließt die Badezimmertür hinter sich.

Ich bleibe liegen. Regungslos.

Ich bin ein Mann geworden, den ich nicht wiedererkenne.

Und das Schlimmste…

Ist, dass ich weiß, dass ich sie wiedersehen werde.

Jade.

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