Masuk
**Gloria's POV**
„Verlass mein Haus." Seine Stimme war leise und bedrohlich, jedes Wort traf wie ein Stein, der in stilles Wasser fällt. Ein paar Sekunden lang starrte ich Marcus nur an, unfähig zu begreifen, was ich gerade gehört hatte. Ich stand mitten in unserem Schlafzimmer und versuchte noch immer zu verstehen, was gerade geschehen war. Seine Worte schienen zwischen uns in der Luft zu hängen, zu grausam und zu plötzlich, um sie als real zu akzeptieren. Ich suchte in seinem Gesicht nach einem Zeichen, dass er sie zurücknehmen würde, doch er starrte nur reglos zurück. Draußen klopfte der Regen gleichmäßig gegen das Schlafzimmerfenster, ein sanfter, unerbittlicher Rhythmus, der den aufziehenden Sturm im Raum zu verspotten schien. Es war fast Mitternacht, und das einzige Licht kam von den Nachttischlampen und dem schwachen bernsteinfarbenen Schein der Stadt, der durch die Vorhänge drang. „Marcus", flüsterte ich schließlich, meine Stimme kaum hörbar über dem Rauschen des Regens. „Was hast du gerade gesagt?" „Ich sagte, du sollst gehen", knurrte er und wiederholte sich, als wäre es beim ersten Mal nicht deutlich genug gewesen. Seine Stimme war nicht bitter oder wütend. Sie war kalt, bedacht, jeder Emotion beraubt. Und irgendwie machte mir das mehr Angst, als hätte er die Worte laut herausgeschrien. Ich machte einen kleinen, zögernden Schritt auf ihn zu, als könnte das Schließen der Distanz zwischen uns irgendwie auch die Distanz zwischen dem, was er gesagt hatte, und dem, was ich zu glauben imstande war, schließen. „Gehen – wohin?", fragte ich, meine Stimme zitterte, während ich mühsam versuchte zu verarbeiten, was ich hörte. „Wohin du willst." Ich starrte ihn an, suchte in seinem Gesicht nach einem Hinweis, dass er nur aus Wut sprach, dass dies ein Moment der Verärgerung war, den er bis zum Morgen bereuen würde. Vielleicht würde er mich morgen in seine Arme ziehen und mir sagen, nichts davon sei wahr gewesen. Aber da war nichts in seinem Ausdruck. Nur Groll, jetzt offen zur Schau getragen, als hätte er ihn lange zurückgehalten und wäre nun endlich müde geworden, so zu tun, als wäre es nicht so. „Es ist fast Mitternacht", sagte ich. „Wo soll ich hin?" Marcus lachte bitter auf, kurz und humorlos. „Das ist nicht mein Problem." Ich spürte, wie sich meine Kehle schmerzhaft zusammenzog. „Wie kannst du mir das sagen?" „Weil ich müde bin, Gloria." „Müde wovon?" Er sah mich an, als sollte die Antwort offensichtlich sein, als wäre ich begriffsstutzig, überhaupt zu fragen. „Von dir." Das Wort traf mich härter, als ich erwartet hatte, härter, als ich dachte, eine einzige Silbe könnte treffen. Ich blinzelte mehrmals und versuchte, mich zu fassen. „Von mir?" „Ja. Von dir." Er ging zum Fenster und stand lange mit dem Rücken zu mir, starrte hinaus auf das regennasse Glas, als hielte es etwas Interessanteres bereit als die Frau, die er gerade verletzt hatte. Dann drehte er sich um. „Drei Jahre, Gloria." Ich wusste bereits, was kommen würde. Trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet. „Drei Jahre Ehe", sagte er. „Und was habe ich davon?" Ich schluckte schwer, meine Kehle war trocken. „Marcus, wir haben darüber gesprochen." „Nein. Du hast gesprochen. Ich habe zugehört." „Ich habe es versucht." „Du hast es versucht?", fuhr er sofort dazwischen. „Ja." Meine Stimme brach bei diesem einen Wort. „Du weißt, dass ich alles versucht habe, was ich konnte." Er schüttelte langsam den Kopf, als wäre er von meiner Antwort enttäuscht gewesen, noch bevor ich sie überhaupt beendet hatte. „Offensichtlich war alles, was du konntest, nicht genug." Ich spürte, wie heiße Tränen sich hinter meinen Augen sammelten. „Ich bin ins Krankenhaus gegangen. Ich habe die Medikamente genommen. Ich habe die Tests gemacht. Ich habe meine Ernährung umgestellt. Ich habe gebetet. Ich habe alles getan, worum du mich gebeten hast. Was willst du noch von mir?" „Ein Kind." Die Antwort kam so schnell, so mühelos, dass es in meiner Brust schmerzte. „Ein Kind", wiederholte er, seine Stimme nun leiser, fast abwesend. „Das war alles, was ich wollte." „Ich wollte auch eins." „Aber du konntest mir keins geben." Ich wandte den Blick ab, unfähig, seinem länger standzuhalten. Das war der Teil, der immer am meisten wehtat. Nicht, dass wir nicht schwanger geworden waren. Nicht einmal die Fragen seiner Familie, die vielsagenden Blicke bei Feiertagsessen, die geflüsterten Bemerkungen, die ich nicht hören sollte. Es war die Art, wie Marcus mich langsam, still das Gefühl hatte spüren lassen, als hätte meine Unfähigkeit, schwanger zu werden, alles andere ausgelöscht, was ich je für ihn gewesen war. Ich war seine Frau gewesen. Die Person, die an seiner Seite durch schwierige Zeiten gegangen war, die gemeinsam mit ihm Stein für Stein ein Leben aufgebaut hatte. Doch irgendwann war ich zu nichts weiter geworden als der Frau, die ihm kein Kind geschenkt hatte. „Das ist nichts, was ich kontrollieren kann", flüsterte ich. Marcus starrte mich an, sein Kiefer spannte sich an. „Und genau das ist das Problem", sagte er, seine Stimme wurde mit jedem Wort härter. „Ich kann nicht weiter mit einer Frau leben, die mir kein Kind geben kann. Was hat eine Frau, die nicht gebiert, überhaupt von einer Ehe vorzuweisen?" Meine Lippen öffneten sich, doch kein Laut kam heraus. Für einen Moment konnte ich einfach nicht sprechen. Die Tränen, gegen die ich angekämpft hatte, liefen mir endlich über die Wangen, warm auf meiner kalten Haut. „Marcus …" „Was?" „Ich bin deine Frau." Er lachte humorlos auf, der Klang hohl im stillen Raum. „Und?" Ich starrte ihn an, Unglauben legte sich wie eine zweite Haut über mich. Er trat näher, nah genug, dass ich sehen konnte, dass die Kälte in seinen Augen nicht verblasste. „Ich habe keinen Mann geheiratet, Gloria. Ich habe eine Frau geheiratet. Ich habe eine Familie erwartet. Ich habe erwartet, dass Kinder in diesem Haus herumlaufen. Ich habe erwartet, Vater zu werden." Seine Augen wurden noch härter. „Stattdessen habe ich drei Jahre gewartet." Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Wangen und versuchte, mich zu fassen, obwohl mein ganzer Körper zitterte. „Glaubst du, ich bin glücklich darüber?" „Es ist mir egal." Mein Herz sank mir buchstäblich durch den Boden. Diese drei Worte waren schlimmer als alles andere, was er gesagt hatte. Ich hatte Jahre damit verbracht, mir Sorgen zu machen, ob ich nicht genug war. Ich hatte allein geweint, wann immer ein weiterer Monat ohne positiven Schwangerschaftstest verging, auf dem Rand der Badewanne sitzend, den Test noch in der Hand. Ich hatte gelächelt, wann immer eine Freundin eine Schwangerschaft verkündete, selbst wenn ich mich danach im Bad einschließen musste, weil ich nicht aufhören konnte zu weinen. Ich hatte mehr Nächte gebetet, als ich zählen konnte. Und wann immer Marcus mich in den Arm genommen und mir gesagt hatte, alles werde gut, hatte ich ihm geglaubt, weil ich es glauben musste. Jetzt stand er vor mir und sagte mir, es sei ihm völlig egal. „Gibt es jemand anderen?", fragte ich. Er antwortete nicht sofort. Dieses Schweigen dauerte lange genug, um für ihn zu antworten. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Marcus?" „Es hat keinen Sinn, darüber zu reden." „Dann gibt es also jemand anderen." Er sah weg, weigerte sich, meinem Blick zu begegnen. „Spielt das eine Rolle?" Ein bitteres Lachen entfuhr mir, bevor ich es aufhalten konnte. „Natürlich spielt das eine Rolle." Er sagte nichts. Ich starrte ihn an und versuchte zu verstehen, wann der Mann, den ich geheiratet hatte, zu jemandem geworden war, der vor mir stehen und mich ruhig, methodisch zerstören konnte. „Wer ist sie?" „Mach das jetzt nicht zu ihrem Thema." „Worum geht es dann?" „Um dich." Er ging zum Kleiderschrank und öffnete ihn, die Türen knarrten in der Stille. „Du gehst." Ich starrte ihn an, mein Verstand mühte sich, Schritt zu halten. „Heute Nacht?" „Ja." Ich sah zum Schrank, zu den Kleidern, die darin hingen. „Meine Sachen?" „Lass sie hier." Ich dachte, ich hätte mich verhört. „Was?" „Lass deine Sachen hier." „Aber sie gehören mir." Marcus drehte sich nun ganz zu mir um. „Tun sie das?" Ich runzelte die Stirn, Verwirrung durchbrach für einen Moment meine Trauer. Er deutete mit einer Geste durch das Schlafzimmer, sein Arm strich über alles, was wir gemeinsam aufgebaut hatten. „Die Kleider? Ich habe sie bezahlt. Der Schmuck? Ich habe ihn bezahlt. Das Handy, das du in der Hand hältst? Ich habe es bezahlt. Alles in diesem Haus wurde mit meinem Geld gekauft." Meine Finger verkrampften sich um mein Handy, bis meine Knöchel schmerzten. „Du bist mein Ehemann." „Das heißt nicht, dass dir mein Eigentum gehört." Ich spürte, wie Demütigung heiß und erstickend über mich hinwegschwappte. „Nach drei Jahren willst du wirklich hier stehen und mir sagen, dass mir nichts in diesem Haus gehört?" „Du bist mit nichts in mein Leben gekommen." Seine Worte waren gnadenlos, ohne Zögern ausgesprochen. „Ich habe dir alles gegeben." Ich blickte auf meinen Ehering hinab, das Metall fühlte sich plötzlich schwerer an als je zuvor. „Du hast mir eine Ehe gegeben." „Und was habe ich bekommen?" Ich hob langsam den Blick, um ihm in die Augen zu sehen. „Eine Ehefrau, die mir kein Kind geben konnte." Ich schloss die Augen. Seine Worte durchbohrten mich irgendwo tief, an einer Stelle, von der ich nicht gewusst hatte, dass sie noch weiter verletzt werden konnte. Ich wollte nicht mehr vor ihm weinen. Aber meine Tränen fielen trotzdem weiter, und ich hatte keine Kraft mehr, sie aufzuhalten. Marcus nahm meine Handtasche vom Stuhl und warf sie aufs Bett. „Nimm die." Ich sah sie an, dann ihn. „Das ist alles?" „Ja." „Marcus, bitte." „Ich habe meine Entscheidung getroffen." „Wo soll ich schlafen?" „Das musst du selbst herausfinden." „Es regnet." Er zuckte mit den Schultern, als wäre ihm das Wetter draußen ebenso gleichgültig wie das Wetter in meinem Herzen. „Ich kann nicht weiter so leben, nur weil du Angst hast zu gehen." Ich stand mehrere lange Sekunden da und wartete darauf, dass etwas in ihm weicher würde. Nichts geschah. Dann ging ich zum Bett und nahm meine Handtasche. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich sie kaum öffnen konnte. Ich prüfte, was darin war – meine Geldbörse, ein wenig Bargeld. Das war alles. Drei Jahre meines Lebens, und das war es, was mir in den Händen blieb. Ich sah mich ein letztes Mal im Zimmer um. Drei Jahre meines Lebens umgaben mich – unsere Fotos an der Wand, das Bett, das wir geteilt hatten, die kleinen Dekorationen, die ich gekauft hatte, weil Marcus einmal gesagt hatte, sie würden ihm gefallen. Alles blieb genau dort, wo es immer gewesen war. Nur ich wurde daraus entfernt. Ich wandte mich zur Tür. Bevor ich sie erreichte, blieb ich stehen. „Marcus." Er antwortete nicht. Ich drehte mich um. „Hast du mich jemals geliebt?" Für einen Moment veränderte sich sein Gesicht. Oder vielleicht bildete ich es mir nur ein, verzweifelt nach dem kleinsten Zeichen, dass dies einmal etwas für ihn bedeutet hatte. Dann sah er weg. „Geh einfach, Gloria." Meine Brust zog sich so sehr zusammen, dass das Atmen schwerfiel. Ich nickte. „Okay." Ich öffnete die Tür. „Gloria." Ich hielt inne, meine Hand noch am Türrahmen. „Komm nicht zurück." Ich antwortete nicht. Ich trat in den Flur, und wenige Momente später schloss sich die Tür hinter mir. Ich stand da und starrte sie an, als könnte langes Starren sie wieder öffnen. Irgendwo in diesem Haus war das Leben, von dem ich geglaubt hatte, es würde ewig halten. Aber ich war nicht mehr Teil davon. Ich ging langsam die Treppe hinunter, jeder Schritt schwerer als der letzte. Als ich die Haustür erreichte, zögerte ich, meine Hand ruhte auf dem Griff. Ich dachte daran, meine Mutter oder meine beste Freundin anzurufen. Aber was hätte ich sagen sollen? *Mein Mann hat mich rausgeworfen, weil ich nicht schwanger werden konnte.* Allein die Scham reichte aus, um mir übel zu werden. Also öffnete ich stattdessen die Tür. Der Regen prasselte fast sofort auf mich herab, durchnässte meine Haare und Kleider innerhalb von Sekunden. Ich trat hinaus, und die Tür schloss sich hinter mir mit einer Endgültigkeit, die sich anfühlte wie das Ende von etwas viel Größerem als nur einer einzigen Nacht. Ich stand auf dem Gehweg, meine Handtasche an die Brust gepresst. Ich hatte nirgendwo hinzugehen. Drei Jahre lang hatte ich genau gewusst, wo ich hingehörte. Jetzt wusste ich nicht einmal, wo ich schlafen würde. Ich begann zu laufen. Ich wusste nicht, wie lange ich lief. Ich wusste nur, dass ich nicht stehen bleiben wollte. Der Regen verschwamm die Straßen um mich herum, und meine Tränen verschwanden darin. Vielleicht war das besser so. Niemand konnte sehen, dass ich weinte, oder wie zerbrochen ich wirklich war. Nach einiger Zeit bemerkte ich die hellen Lichter eines Pubs auf der anderen Straßenseite. Ich blieb stehen. Ich hätte mir nie vorgestellt, allein um Mitternacht in einen solchen Ort zu gehen, aber heute Nacht war es mir egal. Ich überquerte die Straße und stieß die Tür auf. Wärme umhüllte mich sofort. Musik spielte leise im Hintergrund, während Menschen über ihren Drinks redeten und lachten. Niemand schien sich für die durchnässte Frau zu interessieren, die gerade hereingekommen war. *Gut*, flüsterte ich mir selbst zu. Ich wollte niemandes Aufmerksamkeit. Ich ging zur Bar und setzte mich auf einen der Hocker. Der Barkeeper sah mich an. „Was darf ich dir bringen?" „Etwas Starkes." Er musterte mich einen Moment lang, betrachtete meine durchnässten Kleider und geröteten Augen. „Whiskey?" Ich nickte. Er goss ein Glas ein und stellte es vor mir ab. Ich starrte es lange an, bevor ich es nahm und einen Schluck trank. Es brannte in meiner Kehle, aber ich begrüßte das Gefühl – alles, um etwas anderes zu spüren als die Leere, die sich in meiner Brust ausbreitete. Für ein paar Momente saß ich einfach nur da. Ich dachte nicht an Marcus oder an morgen. Als ich erneut nach dem Glas griff, spürte ich, wie mich jemandes Blick traf. Ich sah auf. Ein Mann saß mehrere Hocker entfernt, allein, ein Glas Whiskey vor sich. Unsere Blicke trafen sich. Ich weiß nicht, wie lange wir uns ansahen. Da war etwas seltsam Vertrautes an der Traurigkeit in seinen Augen. Er sah aus wie jemand, der ebenfalls eine schreckliche Nacht hatte. Keiner von uns lächelte, und keiner von uns sah weg. Schließlich senkte ich den Blick und nahm einen weiteren Schluck. Einen Moment später hörte ich, wie sich der Hocker neben mir bewegte. Der Mann war nähergekommen. „Ist dieser Platz frei?" Ich warf einen Blick auf den leeren Hocker. „Nein." Er setzte sich. Für einen Moment schwiegen wir beide. Dann blickte er auf mein Glas. „Harte Nacht?" Ich lachte kurz und humorlos auf. „Man könnte es so nennen." Er nickte, als würde er mehr verstehen, als seine schlichte Antwort vermuten ließ. „Ich kenne das Gefühl." Ich wandte mich ihm zu. „Du auch?" Seine Finger spannten sich leicht um sein Glas. „Ja." Ich musterte ihn. Etwas an seinem Ausdruck sagte mir, dass er nicht nach einem beiläufigen Gespräch suchte. Ich auch nicht. „Was ist passiert?", fragte ich. Er sah mich einen Moment an, bevor er antwortete. „Jemand, dem ich vertraut habe, hat mich enttäuscht." Ich senkte den Blick. „Das tut mir leid." Er lächelte schwach. „Muss es nicht. Du siehst aus, als bräuchtest du die Entschuldigung mehr als ich." Ich musste fast lachen. „Vielleicht stimmt das." Er sah mich wieder an. „Ich bin übrigens Adriel." Ich zögerte einen Moment, bevor ich ihm meinen Namen nannte. „Gloria." „Gloria." Die Art, wie er meinen Namen wiederholte, ließ etwas Seltsames in meiner Brust flattern, ein ungewohntes Gefühl nach allem, was gerade geschehen war. Ich senkte den Blick zu meinem Drink. „Freut mich, dich kennenzulernen." „Mich auch." Er hob sein Glas leicht. „Auf schreckliche Nächte?" Ich sah ihn an. Dann, trotz allem, berührte ein kleines Lächeln meine Lippen. „Auf schreckliche Nächte." Unsere Gläser berührten sich. Und gerade als Adriel den Mund öffnete, um etwas zu sagen, ertönte plötzlich eine laute Stimme von hinter der Bar. „Hört alle her!" Die Musik wurde leiser gedreht. Die Leute wandten sich dem Barkeeper zu. Er hielt einen Zettel in der Hand, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. „Jemand hat sich gerade entschlossen, heute Nacht die gesamte Rechnung für alle in diesem Pub zu übernehmen!" Der Raum geriet in Aufruhr. Von jeder Ecke brachen Jubelrufe aus. Die Leute begannen sich umzusehen, versuchten die geheimnisvolle Person zu finden, die gerade angeboten hatte, für die Getränke aller zu bezahlen. Ich starrte den Barkeeper ungläubig an. Neben mir lachte Adriel leise. „Was für ein Mensch tut so etwas?" Ich lächelte schwach. „Keine Ahnung." Der Barkeeper erhob seine Stimme über die jubelnde Menge. „Wer auch immer du bist – die heutigen Drinks gehen auf dich!" Der Pub brach in eine weitere Welle des Jubels aus. Und zum ersten Mal an diesem Abend vergaß ich für ein paar Sekunden Marcus. Ich sah zu Adriel. Er sah mich bereits an. Keiner von uns sagte ein Wort.**Gloria**Im gelben Taxi legte ich beide Hände auf meinen Bauch und starrte ausdruckslos aus dem Fenster. Ich konnte kaum glauben, dass ich das Krankenhaus verlassen hatte, ohne die Ausschabung durchführen zu lassen.Ich war an diesem Morgen dorthin gegangen und hatte geglaubt, genau zu wissen, was ich wollte. Tagelang hatte ich mir eingeredet, dass die Beendigung der Schwangerschaft das Einzige war, was mir vernünftigerweise noch blieb. Doch als der Moment schließlich gekommen war, brachte ich es nicht über mich.Ich senkte den Blick auf meinen Bauch und strich langsam mit der Handfläche darüber. Es war noch kaum etwas zu sehen, aber das Wissen, dass in mir ein winziges Leben wuchs, fühlte sich plötzlich anders an.Meine Gedanken wanderten zurück zum Krankenhaus. Der Mann, den ich dort gesehen hatte, ging mir nicht aus dem Kopf, besonders seine Stimme. Sie hatte seltsam vertraut geklungen, als hätte ich sie irgendwo schon einmal gehört, doch so
**Adriel**Ich bekam keine Luft.Der Anblick meines Vaters, wie er hilflos auf dem Krankenhausbett lag, brachte mich beinahe in Panik. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es in den Ohren hören konnte, und für einen Moment wusste ich nichts anderes zu tun, als stumm zu beten, dass alles, was gerade geschah, bald vorbei sein würde.„Dad, bitte bleib bei mir", sagte ich mit brechender Stimme, während ich den Schwestern folgte, die sein Bett durch den Korridor schoben.Seine Augen waren geschlossen, und ihn so zu sehen, jagte mir Angst ein. Mein Vater war immer stark gewesen. Selbst wenn er krank war, hatte er nie zugelassen, dass jemand sah, wie große Schmerzen er hatte. Doch ihn dort liegen zu sehen, umgeben von Ärzten und Schwestern, die sich so eilig bewegten, ließ mich völlig hilflos fühlen.„Bitte, Sie müssen ihn retten", flehte ich und sah den Arzt an, der neben dem Bett herging. „Bitte tun Sie Ihr Bestes. Retten Sie meinen Vater."„Wir tun alles, was wir können", antwortete der
GloriaIch hatte die Krankenhaus-Eingangstür kaum erreicht, als ich stehen blieb.Einen Moment lang dachte ich daran, einfach zu gehen. Ich war erschöpft, emotional ausgelaugt und mehr als bereit, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und das Krankenhaus zu bringen.Dann fiel mir ein, was ich vergessen hatte.Meine Terminkarte.Ich schloss die Augen und seufzte.„Ernsthaft?“ Ich suchte erneut in meiner Handtasche, in der Hoffnung, sie irgendwie unbemerkt mitgenommen zu haben. Meine Finger glitten an meinem Handy, meinem Portemonnaie und ein paar losen Gegenständen vorbei, aber die Karte war nirgends zu finden.Ich hatte sie im Behandlungszimmer liegen lassen.Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wäre es anders. Wenn ich sie wollte, musste ich zurückgehen.Ich drehte mich um und betrat das Krankenhaus erneut.In dem Moment, als ich durch die Türen trat, füllte der vertraute Geruch von Desinfektionsmittel meine Nase. Ich hatte bereits Stunden im Krankenhaus verbracht, und doch fühlt
**Gloria POV**Vier Monate waren vergangen, seit ich das Hotel verlassen hatte, bevor der Mann neben mir aufwachte. Ich hatte versucht, nicht daran zu denken, aber in letzter Zeit war es unmöglich geworden, es zu vergessen.Ich saß im Warteraum des Krankenhauses, meine Terminkarte zwischen den Fingern, starrte auf die Worte, ohne sie wirklich zu sehen.*Schwanger.*Selbst jetzt fühlte sich das Wort fremd an. Ich hatte so lange auf diesen Moment gehofft, doch als er endlich kam, war alles darum herum falsch. Meine Ehe war vorbei, der Vater war ein Fremder, und ich hatte keine Ahnung, was für eine Zukunft ich einem Kind überhaupt bieten konnte.Meine Eltern hatten die Veränderungen an mir bemerkt, bevor ich es ihnen schließlich erzählte. Meine Mutter hatte geweint, als sie es erfuhr, während mein Vater lange geschwiegen hatte, bevor er die Frage stellte, die ich nicht beantworten konnte.„Was willst du tun?"Ich wusste es nicht. Ich hatte wochenlang hin und her überlegt, bis ich mich sc
Das Taxi fuhr leise durch die fast leeren Straßen, die Stadtlichter glitten über die Fensterscheiben, während wir fuhren. Ich saß neben Adriel, meine Handtasche auf dem Schoß, und die Ereignisse der letzten Stunden spielten sich immer wieder in meinem Kopf ab, ohne sich in eine sinnvolle Reihenfolge fügen zu wollen. Es war seltsam, wie schnell sich alles verändert hatte. Ich war in diese Kneipe gegangen, mit noch feuchten Tränen im Gesicht, überzeugt, dass meine Ehe soeben zu Ende gegangen war und ich keine Ahnung hatte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Jetzt saß ich neben einem Mann, den ich erst vor wenigen Stunden kennengelernt hatte, und hielt seine Hand, als kennten wir uns schon viel länger als nur eine einzige Nacht.Ich blickte auf unsere ineinandergeschlungenen Finger, und Adriel bemerkte es.„Denkst du immer noch darüber nach?“Ich sah ihn an. „Worüber?“„Ob das eine gute Idee ist.“Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. „Ist es das?“Er lachte leise. „Ich
Die Aufregung im Pub legte sich allmählich nach der Ankündigung des Barkeepers, obwohl die Leute weiter über den Fremden sprachen, der sich entschieden hatte, für alle zu bezahlen, und in gedämpften, begeisterten Tönen darüber spekulierten, wer es gewesen sein könnte.Ich ertappte mich dabei, wie ich trotz allem über das Durcheinander lächelte.Es war seltsam. Ein paar Stunden zuvor hatte ich im Regen vor dem Haus meines Mannes gestanden, nur mit einer Handtasche, und mich gefragt, wo ich schlafen würde. Jetzt saß ich an einer Bar mit einem Glas Whiskey vor mir, umgeben von Fremden, die keine Ahnung hatten, dass mein ganzes Leben in nur einem einzigen Gespräch zerbrochen war.Vielleicht hatte ich mir deshalb diesen Ort ausgesucht. Hier kannte mich niemand. Niemand kannte meinen Mann. Niemand wusste, dass ich drei Jahre lang versucht hatte, Mutter zu werden, und es irgendwie nicht geschafft hatte, die Frau zu sein, die Marcus sich gewünscht hatte.Für heute Nacht konnte ich einfach nur







