LOGINKatherines Sicht
Der Raum drehte sich nicht. Ich weinte nicht. Ich saß einfach nur da und begriff, dass sich mein Leben auf eine Weise verändert hatte, die ich nicht mehr rückgängig machen konnte. „Ich bin zwei Monate überfällig. Das darf nicht wahr sein; ich kann nicht schwanger sein.“ Ich wiederholte das Mantra immer wieder in Gedanken, als ob sich meine Realität verändern würde, wenn ich es wiederholte. *** Der Weg von der U-Bahn-Station fühlte sich an, als würde ich Bleigewichte durch tiefen Schlamm schleppen. Jeder Schritt jagte mir einen stechenden Schmerz durch den unteren Rücken, und diese stechende, vertraute Übelkeit stieg wieder in mir hoch. Ich erreichte den Treppenabsatz im dritten Stock unseres Wohnhauses und musste stehen bleiben. Ich lehnte meine Stirn gegen die abblätternde, gelbliche Tapete. Plötzlich verschwamm meine Sicht, das schwache Licht im Flur drehte sich im Kreis. Meine Knie gaben schließlich nach. Ich wartete auf den Aufprall auf dem kalten, harten Boden, aber er kam nicht. „Katherine? Hey, ich hab dich. Lehn dich an mich.“ Ein Paar starke, feste Arme fingen mich auf, bevor ich auf den Boden aufschlagen konnte. Ich blickte auf, blinzelte durch den Nebel und sah Mikel O’Connor. Mein neuer Nachbar. Er war nicht nur mein Nachbar in der 4B; er war ein Gesicht, das ich fast jeden Tag meiner Teenagerzeit gesehen hatte. Wir waren die ganze Highschool über in derselben Klasse gewesen. Damals war er der stille, grüblerische Basketballstar, der drei Reihen hinter mir saß. Ich spürte seine Blicke oft im Geschichtsunterricht, aber wir hatten nie wirklich miteinander gesprochen. Ich war zu sehr damit beschäftigt gewesen, Jason Richmond hinterherzujagen, und Mikel war der Liebling der Schule, immer unerreichbar. „Mikel“, flüsterte ich mit brüchiger, trockener Stimme. „Mir geht's gut. Ich... ich habe heute nicht viel gegessen. Es war einfach ein langer Tag.“ „Es ist mehr als nur ein langer Tag, Katherine. Du zitterst ja“, sagte Mikel. Seine goldenen Augen suchten meine mit einer Intensität, die mir einen Schlag aussetzte. Er wartete nicht auf meine Antwort. Er hob mich hoch und trug mich zu meiner Wohnungstür, als wäre ich federleicht. „Du kommst jeden Abend spät nach Hause. Ich sehe dich von meinem Fenster aus, wenn das Taxi dich absetzt. Jason beutet dich aus, nicht wahr?“ Er wartete nicht auf eine Antwort. Er griff in meine Tasche, holte meine Schlüssel heraus und drückte mit dem Fuß meine Tür auf. Er trug mich hinein und setzte mich sanft auf das Sofa, wobei er mir ein Kissen unter den Kopf schob. Er ging direkt in die Küche, und ich hörte das Rauschen des Wasserhahns. Einen Augenblick später kam er mit einem Glas Wasser und einem kühlen, feuchten Tuch zurück. „Trink das. Kleine Schlucke“, befahl er leise und setzte sich auf die Kante des Couchtisches. Er drückte mir das Tuch auf die Stirn; seine Berührung war überraschend sanft für jemanden, der so groß war. „Ich muss aufstehen, Mikel. Ich muss noch Unterlagen für morgen früh sortieren“, murmelte ich, obwohl mir die Augen schon zufielen. Das kühle Tuch fühlte sich himmlisch an. „Du bleibst hier“, sagte er bestimmt. „Ich erinnere mich an dich aus dem Unterricht, Katherine. Du warst das klügste Mädchen im Raum. Du hattest so viele Pläne. Warum lässt du dich von diesem Mann so zerstören? Ist er all diesen Schmerz wirklich wert?“ Ich wandte den Blick ab, eine Träne entwich und glitt in mein Haar. „Es geht nicht darum, ob er es wert ist. Er hat das Leben meiner Großmutter in seinen Händen. Er bezahlt direkt im Krankenhaus. Wenn ich kündige, stellen sie die Behandlung ein. Ich sitze in der Falle, Mikel. Ich sitze komplett in der Falle.“ „Niemand sollte so in der Falle sitzen“, murmelte er und strich mir mit dem Daumen eine Träne von der Wange. In diesem Moment vibrierte mein Handy auf dem Tisch zwischen uns. Die Vibration klang wie ein Schuss in dem stillen Raum. Ich zuckte zusammen. Es war eine SMS von Jason. Ich musste sie gar nicht erst öffnen, um zu wissen, was drinstand. „Wo bist du? Mir ist egal, ob es 2 Uhr nachts ist. Komm zurück ins Büro, sonst verliert deine Großmutter ihre Krankenversicherung. Reiz mich nicht, Katherine.“ Ich keuchte auf und versuchte, nach dem Handy zu greifen. Panik überkam mich. „Ich muss los! Er ist wütend. Wenn ich jetzt nicht zurückkomme, ruft er im Krankenhaus an. Er hat es mir gesagt!“ Mikels Hand war schneller. Er schnappte sich das Handy, bevor ich es berühren konnte, und überflog die Nachricht. Ich sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Sein Kiefer verkrampfte sich so stark, dass ich dachte, seine Zähne würden brechen, und ein finsterer, gefährlicher Blick legte sich über seine Augen. „Er ist ein Monster“, zischte Mikel, seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut. „Er erpresst dich mit dem Gesundheitszustand einer alten Frau? Wie kann er nachts ruhig schlafen?“ „Ich muss los, Mikel! Bitte, gib mir das Handy!“, rief ich und versuchte, vom Sofa aufzuspringen, doch der Raum kippte erneut, und ich fiel zurück in die Kissen.Katherines SichtDas Anwesen der O’Connors glänzte in der Nachmittagssonne, als Mikels Wagen durch die schmiedeeisernen Tore fuhr. Ich saß auf dem Beifahrersitz, die Hände fest im Schoß verschränkt, das Herz pochte mir bis zum Hals. Stundenlang hatte ich mich fertig gemacht – das perfekte Kleid ausgesucht, meine Haare frisiert, mein Make-up mit akribischer Sorgfalt aufgetragen. Ich wollte dazugehören. Ich wollte aussehen wie eine O’Connor.Das Kleid war aus weicher, cremefarbener Seide und reichte bis knapp über meine Knie, elegant und schlicht. Dazu trug ich Perlenohrringe – ein Geschenk von Mikel – und nudefarbene High Heels, die mich größer und selbstbewusster wirken ließen. Ich hatte mein Lächeln vor dem Spiegel geübt, bis es sich natürlich anfühlte.Doch als wir durch den prunkvollen Eingang des Anwesens traten, begann meine sorgsam aufgebaute Fassung zu bröckeln.Eleanor O’Connor wartete im Foyer, ihre Haltung perfekt, ihr Blick kühl und prüfend. Sie trug einen taubengrauen Anz
Katherines SichtAls ich an diesem Nachmittag durch die Gänge der Boutique auf der Michigan Avenue schlenderte, fühlte ich mich wie eine Hochstaplerin, eine Bürgerliche, die sich in einer Welt verkleidete, die mich nie wirklich akzeptieren würde. Doch Mikel hatte mich ermutigt, meine Rolle als O'Connor anzunehmen, sie mit demselben Selbstbewusstsein zu leben wie er.„Du spielst nicht nur die Rolle, Katherine. Du bist eine O'Connor. Und du verdienst es genauso sehr, hier zu sein wie jeder andere.“Ich holte tief Luft und richtete die Schultern. Ich tat das für ihn. Für uns. Für das Leben, das wir gemeinsam aufbauten.Ich griff nach einem Seidenschal – einem tiefen Smaragdgrün, das meinem Hautton schmeicheln würde –, als ich hinter mir eine vertraute Stimme hörte.„Na, na. Wen haben wir denn da?“Mir stockte der Atem.Ich drehte mich langsam um, mein Herz hämmerte mir bis zum Hals. Brenda stand hinter mir, neben sich ein Einkaufswagen voller Designerkleidung. Ihr Lächeln war scharf und
Jasons SichtIch lag gefühlt stundenlang auf dem Boden, umgeben von den Scherben meines zerbrochenen Stolzes. Das zerbrochene Glas glitzerte im Dämmerlicht, jedes Fragment ein Spiegelbild des Mannes, der ich geworden war – zerbrochen, nutzlos, hoffnungslos verloren.Die Worte meiner Mutter hallten in meinem Kopf wider, jedes einzelne eine neue Wunde.Du bist eine Enttäuschung. Das warst du schon immer. Und das wirst du immer sein.Zum ersten Mal in meinem Leben versuchte ich nicht, den Schmerz zu verdrängen. Ich griff nicht nach einer weiteren Flasche. Ich rief niemanden an, um mich abzulenken. Ich lag einfach nur da und ließ die Last meines Versagens wie Wellen über mich hereinbrechen.Ich dachte an Katherine – wie sie mich in dieser Wohnung angesehen hatte, ihre Augen voller Entsetzen. Ich hatte sie so lange geliebt, aber nie wirklich geliebt. Nicht so, wie sie es verdient hatte. Ich hatte die Vorstellung von ihr geliebt, den Besitzanspruch, die Bestätigung, die sie mir geben konnte
Jasons SichtDie Fahrt zurück zu meinem Penthouse war ein einziger Rausch aus Wut und Demütigung. Mein Kiefer pochte an der Stelle, wo Mikels Faust mich getroffen hatte, der Blutgeschmack lag noch immer in meinem Mund. Ich umklammerte das Lenkrad so fest, dass meine Knöchel weiß wurden, meine Sicht verschwamm vor Wut, die mich zu verschlingen drohte.Er war gekommen, um sie zu holen. Er kam wie ein Ritter in glänzender Rüstung, und ich war der Bösewicht, den er besiegen durfte.Ich schlug mit der Faust gegen das Armaturenbrett, der Aufprall durchfuhr meinen Arm. Doch der körperliche Schmerz war nichts im Vergleich zu der brennenden Demütigung, die in meiner Brust brannte.Sie hatte ihn gewählt. Sie hatte ihn tatsächlich gewählt.Ich spielte die Szene immer und immer wieder in meinem Kopf ab – den entsetzten Blick in Katherines Augen, wie sie sich gegen mich gewehrt hatte, wie sie um Hilfe geschrien hatte. Und dann stürmte Mikel wie ein verdammter Held durch die Tür, riss mich von ihr
Mikels SichtIch stand lange vor Katherines Tür, die Stirn an das kühle Holz gepresst, und lauschte ihrem ruhigen Atem. Endlich schlief sie.Aber ich konnte nicht zur Ruhe kommen. Noch nicht.Ich stieß mich von der Wand ab und ging den Flur entlang. Meine Schritte hallten in der Stille des Herrenhauses wider. Meine Gedanken rasten, ein Sturm aus Wut, Schuldgefühlen und verzweifelter Sehnsucht. Ich hatte sie gehalten. Ich hatte sie getröstet. Ich hatte ihr versprochen, dass sie in Sicherheit war.Aber ich hatte ihr nicht die Wahrheit gesagt.Ich erreichte mein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter mir. Das leise Klicken des Schlosses klang in dem stillen Raum viel zu laut. Ich schaltete das Licht nicht an. Ich brauchte es nicht. Das Leuchten der Monitore erhellte den Raum bereits und warf Schatten an die Wände.Ich ging zu meinem Schreibtisch und setzte mich. Meine Augen waren auf die Bildschirme gerichtet.Die Aufnahmen der Überwachungskameras. Ich hatte die Kameras schon Wochen v
Mikels SichtIch hatte mich noch nie in meinem Leben so schnell bewegt.Im einen Moment war ich noch im Flur, mein Herz hämmerte vor einer unerklärlichen Angst. Im nächsten war ich im Zimmer, meine Hände umklammerten Jasons Kragen und rissen ihn mit solcher Wucht von Katherine weg, dass er gegen die Wand krachte.„Lass sie in Ruhe!“, brüllte ich, meine Stimme bebte vor einer Wut, die ich noch nie zuvor gespürt hatte.Jason rappelte sich auf, seine Augen wild, sein Gesicht rot vor Alkohol und Zorn. „O’Connor. Du kommst gerade noch rechtzeitig –“„Lass es.“ Ich stellte mich zwischen ihn und Katherine und versperrte ihm die Sicht. „Kein Wort mehr. Beweg dich nicht. Atme nicht einmal.“„Oder was?“, lachte Jason, hohl und geistesabwesend. „Du willst mich schlagen? Nur zu. Ich würde es gern sehen.“ Ich habe nicht gezögert.Meine Faust traf seinen Kiefer, der Knall hallte durch die kleine Wohnung. Jason taumelte zurück, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, Blut rann ihm über die Lippe.„Du







