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Kapitel 2

作者: Madame Fischer
Gegen ihren kühlen, durchsetzungsstarken Stiefsohn hatte Claudia noch nie etwas ausrichten können.

Sie wagte es nicht, sich offen mit ihm anzulegen, und zog lieber hinter seinem Rücken die Fäden.

Er musste gehört haben, wie sie mit Emily gesprochen hatte. Deshalb nahm er sie jetzt ins Visier.

Nicht etwa, weil ihm so viel an seiner Frau lag. Julian duldete nur nicht, dass jemand seine Autorität untergrub.

Er hatte Emily damals nur auf Druck seines Großvaters geheiratet. Mehr als ein höfliches Nebeneinander war zwischen ihnen kaum zu erkennen.

Angeblich hing er ohnehin an einer anderen. Claudia freute sich über jedes Anzeichen dafür, dass die beiden unglücklich miteinander waren.

Sie verkniff sich jede Widerrede und rang sich ein verlegenes Lächeln ab.

„Das war doch nur ein Spaß. Emily ist schließlich unsere große Wissenschaftlerin. Da werde ich sie doch nicht zum Kochen in die Küche schicken.“

Der Spott in ihren Worten war unüberhörbar.

Eine große Wissenschaftlerin. In der Forschung machte man sich schließlich nicht einfach so einen Namen.

Julian zog sein Sakko aus und warf es achtlos zur Seite.

„Bevor du dich über ihre Arbeit lustig machst, erzähl doch mal, was du selbst geleistet hast. Worauf kann diese Familie bei dir stolz sein?“

Claudias Lächeln wurde sichtlich angestrengt.

Da kam Katharina herein.

„Julian, was ist denn los?“, fragte sie sanft.

Er drehte sich zu ihr um. Die Gereiztheit in seinem Gesicht ließ sofort nach.

„Nichts.“

Er öffnete seine Manschettenknöpfe und ging weiter.

„Warum stehst du noch hier?“, fragte er, als er an Emily vorbeikam. „Geh nach oben.“

Dann ging er voraus.

Emily sah zu Katharina, die ihr ein herausforderndes Lächeln schenkte.

Dass Julian ihr gerade aus der Klemme geholfen hatte, hatte nichts mit ihr zu tun.

Emily wusste, wie wenig er seine Stiefmutter leiden konnte.

Wenn er wütend wurde, wagte niemand, ihm in die Quere zu kommen.

Doch Katharina brauchte nur seinen Namen zu sagen, und sein ganzer Zorn war verflogen.

Emily erwiderte Katharinas Blick und quälte sich damit nur selbst. Dann wandte sie sich ab und ging die Treppe hinauf.

Claudia setzte ihr gewohnt höfliches Lächeln auf und ging Katharina ein paar Schritte entgegen.

„Komm rein, Katharina. An der Tür ist es kalt.“

„Danke, Frau Hartmann“, antwortete Katharina artig.

„Nenn mich doch Claudia.“ Sie strich Katharina das Haar zurecht. „Du gehörst doch bald zur Familie.“

Hinter der Treppenbiegung konnte Emily die Stimmen von unten nicht mehr hören. Emily atmete tief durch und ging in das Zimmer, das sie mit Julian teilte.

Im Bad rauschte Wasser. Er duschte.

Emily setzte sich auf den Stuhl am Fenster und sah auf die Lichter der Stadt hinunter.

Ihr Handy klingelte.

Sie nahm ab.

„Hi, Simon.“

„Hey. Bist du mit den Berechnungen von heute Nachmittag fertig?“

Emily rieb sich mit dem Zeigefinger die Schläfe.

„Ja.“

„Die restlichen Ergebnisse habe ich dir per Mail geschickt. Dann hast du morgen etwas weniger zu tun.“

„Du hast das schon erledigt?“ Emily war überrascht. „Hast du bei euch nicht genug zu tun?“

„Es geht. Mit diesen Daten hast du noch nicht so viel Erfahrung, und die Berechnungen liegen dir nicht besonders. Ich habe sie einfach mitgemacht.“

Manchmal dauerte allein ein Rechenlauf zwei Stunden.

Emily dachte an Andreas, der mit der Datenauswertung ebenfalls seine Schwierigkeiten hatte, und war Simon umso dankbarer.

„Danke. Wenn du mal Hilfe brauchst, sag jederzeit Bescheid.“

„Mach ich. Bis dann.“

Julian kam gerade aus dem Bad und hörte die letzten Worte.

Emily hob bei dem Geräusch den Blick.

Er trocknete sich mit einer Hand die Haare. Selbst die warme Dusche hatte seinen markanten Zügen nichts von ihrer Härte genommen. Sogar seine noch feuchten Wimpern ließen seinen Blick scharf wirken.

Ein Badetuch hing locker um seine Hüften. Sein Bauch war durchtrainiert, die Muskeln klar definiert. Ein Anblick, der unweigerlich den Blick auf sich zog.

Emily stand auf und ging zur Tür. Als sie an Julian vorbeiwollte, umfasste er ihr Handgelenk.

„Was soll das?“, fragte sie kühl. „Es ist Zeit, zum Essen runterzugehen.“

Seit sie Katharina gesehen hatte, stand sie innerlich unter Spannung.

Sie wollte sich losmachen, doch Julian zog sie an sich und senkte den Kopf, um sie zu küssen.

Emily sah wieder sein Lächeln vor sich. Das Geschenk, das er Katharina gegeben hatte.

Ihr wurde übel.

Sie stemmte beide Hände gegen seine Brust und stieß ihn von sich.

Julian runzelte ungeduldig die Stirn.

„Was ist los?“, fragte er nach ein paar Sekunden. „Geht es dir nicht gut?“

Emily wusste, dass allein Julian bestimmte, wann es zwischen ihnen intim wurde.

Wenn er sie wollte, hatte sie kein Recht, Nein zu sagen.

Der Gedanke tat noch mehr weh.

War sie für ihn nur dazu da, seine Lust zu befriedigen?

Entschlossen schob Emily seine Hand weg.

„Fass mich nicht mehr an, wenn ich es nicht will.“

Sie hatte all ihren Mut für diese Worte gebraucht. Dann ging sie nach unten, ohne seine Reaktion abzuwarten.

Dort begegnete sie Thomas Hartmann.

Thomas hatte im Leben Glück gehabt.

Als er jung war, führte sein Vater das Familienunternehmen. Nach dessen Tod übernahm Julian die Verantwortung. Eigentlich hatte sich sein Sohn schon zu Lebzeiten des Großvaters mit entschlossenen Entscheidungen als Nachfolger etabliert.

Erst hatte Thomas einen fähigen Vater, dann einen fähigen Sohn. Er selbst brauchte vom Geschäft kaum etwas zu verstehen und saß trotzdem auf einem riesigen Vermögen.

Mit Mitte fünfzig sah er kaum älter als Anfang vierzig aus. Er wirkte reif und kultiviert, sein Blick war freundlich.

Als er Emily sah, winkte er ihr zu.

„Emily, komm, es gibt Essen. Wo ist Julian?“

Sein Vater hatte diese Ehe gewollt, und dessen Wünsche hatte Thomas stets respektiert. Auch nach seinem Tod hatte er deshalb nichts gegen Emily einzuwenden.

„Er kommt gleich“, antwortete sie.

Katharina kam auf sie zu und hakte sich vertraulich bei ihr unter.

„Emily, setz dich doch hierhin.“

Emily schüttelte den Kopf und entzog ihr den Arm.

„Ich kenne mich hier wohl etwas besser aus als du.“

Sofort traten Katharina Tränen in die Augen. Sie wirkte vollkommen unschuldig und hilflos.

„Ich ... ich wollte doch nur nett sein ...“

Claudia runzelte die Stirn.

„Katharina wollte nur nett sein. Musst du sie gleich so abkanzeln? Du führst dich auf wie die Hausherrin. Und ich bin wohl Luft für dich? Ein bisschen Respekt kann man ja wohl erwarten.“

Claudia wandte sich an Thomas.

„Wenn Emily jetzt schon so mit ihr umgeht, lässt sie Katharina hier bald keinen ruhigen Tag mehr.“

Katharina schluchzte genau im richtigen Moment.

Thomas war mit der Situation überfordert.

„Von Schikanieren kann doch keine Rede sein. Setzt euch erst mal. Katharina, bitte hör auf zu weinen. Emily, entschuldige dich doch bei ihr, bevor Julian und Tobias das noch falsch verstehen.“

Emily sah Katharina an.

Die hatte sich so zur Seite gedreht, dass nur Emily ihr Gesicht sehen konnte. Ihr Blick war voller Triumph.

Schon an ihrem ersten Tag bei den Hartmanns hatte Katharina dafür gesorgt, dass Emily zurechtgewiesen wurde. Sie war zufrieden.

Schade war nur, dass Julian es nicht mitbekommen hatte.

Emily dachte gar nicht daran, sich zu entschuldigen.

Claudia ließ nicht locker.

„Hast du nicht gehört, was Thomas gesagt hat? Du sollst dich entschuldigen.“

Schritte erklangen auf der Treppe.

Alle blickten auf.

Julian kam mit hochgekrempelten Ärmeln herunter. Selbst in seiner dunkelgrauen Freizeitkleidung wirkte er vornehm und unnahbar.

Sein Blick fiel sofort auf Emily. Er sah sie kühl an, und sie erkannte darin Ärger und Missbilligung.

Natürlich. An Katharinas erstem Tag hier hatte Emily ausgerechnet die Frau zum Weinen gebracht, die er liebte.

An wen hatte er wohl gedacht, als er Emily vorhin küssen wollte?

Bei dem Gedanken krampfte sich ihr Herz zusammen.

Gleichzeitig wurde ihr übel.

Julians dunkler Blick blieb undurchdringlich. Er sagte kein Wort zu ihrer Verteidigung.

Thomas hatte selten eine eigene Meinung und richtete sich in allem nach seinem Sohn.

Eben hatte er noch vermitteln wollen. Jetzt genügte ein Blick in Julians Gesicht, und auch er schwieg.

Claudia konnte Julian nicht leiden. Emily aber noch weniger.

Sie selbst hatte hart darum kämpfen müssen, Thomas zu heiraten und Teil dieser Familie zu werden. Und trotzdem musste sie sich nach Julians Launen richten.

Emily dagegen kam aus einfachen Verhältnissen und hatte Julian mühelos geheiratet. Mit der Hochzeit war ihr ein Leben in Luxus zugefallen.

Je schlechter es zwischen den beiden lief, desto lieber war es Claudia.

Mit allem anderen konnte Emily fertigwerden.

Nur Julians misstrauischer Blick ließ sie innerlich erkalten.

Ihre Fingerspitzen zitterten. Ein bitteres, selbstironisches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

Sie wusste längst, dass Julian sie nicht liebte. Eigentlich musste sie doch längst daran gewöhnt sein.

Und trotzdem tat es noch immer weh. Noch immer machte es sie traurig.

In ihr war längst alles kalt. Dennoch zog sich irgendwo dieser feine, hartnäckige Schmerz durch ihre Brust.

Sie sah zu Thomas. Sein Lächeln wirkte etwas verlegen.

„Schon gut, schon gut“, schaltete er sich ein. „Wir sind doch eine Familie. Setzt euch, lasst uns essen.“

Emily saß kerzengerade da und sagte während des Essens kein Wort mehr.

Sich entschuldigen? Sie hatte nichts falsch gemacht. Wofür denn?

Katharina gab sich aufmerksam und verteilte mit dem Servierbesteck Essen an alle, auch an Emily. Zuletzt wollte sie Julian etwas auf den Teller legen.

„Danke, aber lass nur“, sagte er.

„Natürlich, Julian“, antwortete Katharina sanft.

Emilys Lider zuckten. Wo blieb Tobias eigentlich? Wollte er sich von seinem Bruder etwa die Hörner aufsetzen lassen?

Er tauchte erst gegen Ende des Essens auf.

Er arbeitete mit seinem Professor an einem Projekt und hatte in den letzten Tagen viel zu tun gehabt.

Tobias ähnelte seiner Mutter und war kleiner als Julian. Er wirkte wie ein Frauenheld, doch sein Blick verriet, dass er stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht war.

Schon seit der Grundschule hatte Claudia ihm eingeschärft, Julian als Rivalen zu sehen. Eines Tages sollte Tobias das Familienunternehmen übernehmen.

Tobias wusste, dass er Julian noch nicht gewachsen war. Deshalb begegnete er seinem älteren Bruder mit betontem Respekt.

Er setzte sich neben Katharina, legte einen Arm auf ihre Stuhllehne und prahlte mit den Gewinnen und den Aussichten seines Projekts.

Claudia strahlte.

„Das ist mein Sohn! Er hat sein Studium noch nicht einmal abgeschlossen und verdient schon richtig Geld!“

Emily konnte darüber nur die Nase rümpfen.

War das etwa beeindruckend?

Tobias war genauso alt wie sie. Emily hatte ihren Master längst abgeschlossen und arbeitete bereits, während er noch nicht einmal mit seinem Bachelor fertig war.

Und sein angeblich so erfolgreiches Projekt? Die Hartmanns hatten reichlich Geld hineingesteckt. Damit konnte jeder Gewinn machen.

Wenn jemand für seinen ersten großen Gewinn Bewunderung verdiente, dann Julian ...

Emily hob den Blick und traf auf seine dunklen Augen.

Eigentlich waren sie heute zusammengekommen, um über Tobias’ und Katharinas Verlobung zu sprechen.

Thomas schlug gerade vor, dass sich die Eltern der beiden treffen sollten, als ein Klacken zu hören war.

Julian hatte sein Besteck hingelegt.

Emily sah sein finsteres Gesicht, den düsteren Blick. Es wirkte, als braute sich ein Gewitter zusammen.

Die Frau, die er liebte, stand kurz davor, sich mit seinem eigenen Bruder zu verloben. Offenbar konnte Julian sich nicht länger beherrschen.

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