로그인Isabella Ich saß auf dem Boden und starrte auf meine Hände. Sie waren zu sauber. Die Nägel waren kurz gefeilt, die Haut mit einer antiseptischen Lösung geschrubbt, die nach Chemie roch. Jede Spur von dem Dreck, dem Blut und dem Salz des Meeres war weggewischt worden. Ich fühlte mich wie eine leere Leinwand, die man für einen neuen, hässlichen Anstrich vorbereitet hatte. Das Summen der Belüftung in der Zelle war so hochfrequent, dass es hinter meinen Augäpfeln vibrierte. „Subjekt 1, bitte zur Markierung treten.“ Die Stimme kam aus den Wänden. Sie war flach, digital gefiltert, ohne jede Spur von Wärme. Ich rührte mich nicht. Ich fixierte den blauen Sensor an meinem Arm, der im Takt meines Herzschlags pulsierte. Das Licht war schwach, aber in der totalen weißen Leere des Raumes wirkte es wie ein grelles Warnsignal. „Isabella. Wir haben keine Zeit für Sentimentalitäten.“ Aris’ Gesicht erschien auf der glatten Wand gegenüber der Pritsche. Eine Projektion, so scharf, dass ich jed
Isabella Das Schiff rammte unser Schlauchboot mit voller Wucht. Der Aufprall fetzte mich nach vorn gegen den Außenborder, die Kante aus Metall grub sich hart in meine Schulter. Ich hörte das Gummi reißen, während eine Ladung eiskaltes Meerwasser über Enzo hinwegging. Er bewegte sich nicht einmal, als die Flut über sein Gesicht spülte. Bevor ich die Glock auch nur hochreißen konnte, sprangen zwei Typen vom Deck direkt in unser sinkendes Wrack. Ein schwerer Stiefel traf mein Handgelenk – Knochen rieben auf Beton. Die Waffe rutschte über den nassen Boden und verschwand im schwarzen Wasser. Ein grober Griff schloss sich um meinen Nacken, drückte meine Stirn gegen den Rand, während das Boot unter mir nachgab. „Subjekt 1 gesichert. Subjekt 2 kritisch“, bellte einer der Männer in sein Headset. Er packte Enzo an der Jacke und zerrte ihn wie ein Stück Fracht auf eine Trage, die an Seilen herabgelassen wurde. Eine Rettungsschlinge schnürte mir die Brust ein, rauer Kunststoff fraß sich
IsabellaDas Schlauchboot wirkt auf dem offenen Meer wie eine Nussschale. Die Wellen sind nicht hoch, aber langgezogen und schwarz; sie heben uns an und lassen uns mit einem harten Schlag wieder in die Täler krachen. Der Motor hustet. Er spuckt unregelmäßig blauen Qualm aus, und jedes Mal, wenn er stottert, setzt mein Herz einen Schlag aus.Ich knie im Wasser, das im Boot hin und her schwappt. Es ist eine ekelhafte Mischung aus Salzwasser, Benzin und Enzos Blut. Der Gestank ist so penetrant, dass er mir die Kehle zuschnürt.„Enzo“, sage ich. Meine Stimme ist rau vom aufgewirbelten Staub der Explosion.Er reagiert nicht. Er liegt auf dem Rücken, den Kopf gegen den Gummirand gepresst. Sein Gesicht ist jetzt so weiß, dass es in der Morgendämmerung fast leuchtet, eine Maske aus blassem Marmor. Die Hände, die er eben noch gegen seine Flanke gepresst hat, sind schlaff zur Seite gefallen. Sie treiben leblos in der roten Brühe am Boden des Bootes. Der Stoff seines Hemdes ist schwarz gesä
Isabella Das Donnern der Rotoren über dem Haus wird ist so extrem laut . Der Winddruck presst die Gischt gegen die Fensterfront, bis das Glas in den Rahmen vibriert. Vittorio packt mich am Oberarm und zerrt mich zurück in den dunklen Flur. „Der Schacht ist hinter der Küche“, schreit er gegen den Lärm an. Wir rennen durch den Wohnbereich. Enzo schwankt, eine Hand fest gegen seine blutige Flanke gepresst, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Er flucht bei jedem Schritt, ein abgehacktes, heiseres Keuchen. Oben auf dem Dach knallt es. Schwere Stiefel auf Beton. Sie sind da. Vittorio tritt gegen eine unscheinbare Holzverkleidung neben dem Vorratsschrank. Das Holz splittert, und eine schmale, dunkle Öffnung wird frei. Es riecht nach Moder und nassem Stein. „Isabella, zuerst! Da ist eine Leiter. Halt dich an den Seiten fest, sie ist locker.“ Ich schiebe die Glock in den Hosenbund – das kalte Metall brennt auf meiner Haut – und schwinge meine Beine in das Loch. Die Leiter ist r
Isabella Der Kaffee in der Blechtasse ist kalt und schmeckt nach verrostetem Eisen. Ich starre in die dunkle Brühe, während Vittorio am Laptop hantiert. Das einzige Geräusch im Raum ist das unregelmäßige Klicken der Tasten und das Pfeifen des Windes an den Betonecken des Hauses. Es ist ein fieser, grauer Morgen. Das Licht draußen macht alles flach und leblos. Vittorio flucht leise. „Die Datei ist korrupt. Oder verschlüsselt.“ „Mach es einfach auf“, sage ich. Meine Stimme ist belegt, ein trockenes Krächzen. Vittorio dreht den Bildschirm zu mir. Da ist kein glatter Ladebalken. Nur ein verzerrtes Fenster, das nach einem Scan verlangt. Ich beuge mich vor. Die kleine Kameralinse leuchtet kurz rot auf, spiegelt sich in meiner Iris. Ein hässliches, mechanisches Surren, dann springt ein Fenster auf. Es ist kein sauberes Video. Es ist eine Überwachungskamera, schwarz-weiß, grieselig. Man sieht einen klinischen Raum. Mein Vater steht an einem Tisch, den Rücken zur Kamera. Er bewegt si
Isabella Der Sand knirscht unter meinen Stiefeln, als ich Enzo vom Boot auf den Strand hieve. Er ist schwer, ein nasser Klotz, der nach Eisen und Salzwasser riecht. Sein Arm liegt schwer um meinen Nacken, und jedes Mal, wenn er ausatmet, spüre ich die feuchte Hitze seines Atems an meiner Schläfe. Vittorio geht vor, ohne ein Wort zu sagen, die Stiefel fest im weichen Boden. Oben an der Klippe wartet das Haus – ein dunkler Block aus Beton und Glas. Drinnen ist es klamm. Die Luft steht. Vittorio verschwindet sofort wieder nach draußen, die Tür fällt mit einem trockenen Klicken ins Schloss. Wir sind allein. Im Schlafzimmer drücke ich Enzo auf die Matratze. Das Laken ist kühl und riecht nach Staub. Er sitzt auf der Kante, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Sein Hemd ist eine Ruine, der Stoff steif und dunkel verfärbt. Ich trete zwischen seine Knie. Meine Finger sind taub von der Kälte draußen, und die kleinen Knöpfe seines Hemdes gleiten mir immer wieder weg. Sie sind






