Masuk„Iss wenigstens zwei Löffel, Ella. Bitte.“
Kate schob mir eine dampfende Schüssel Pasta hin. Der Geruch bekam mir nicht. Mein Magen verkrampfte sich sofort. Ich saß immer noch auf dem Wohnzimmerboden, mit dem Rücken fest gegen das Sofa gedrückt, und klammerte mich an ein Sofakissen, als wäre es das Einzige, was in meinem Leben noch Halt gab. Sie hatte mich nach dieser brutalen Nacht im Taxi nicht in meine eigene Wohnung zurückgehen lassen. Sie sagte, wenn ich allein blieb, würde ich mich nur immer tiefer in meinen Gedanken verlieren und jedes einzelne Wort wiederholen, mit dem Edward mich zerstört hatte. Sie hatte recht. Aber auch hier hörte die Fäulnis in meiner Brust nicht auf, sich weiter auszubreiten. Ich konnte nicht einmal mehr nachhalten, wie viel ich ihr inzwischen schuldete. Sie hatte ihre Ersparnisse angegriffen, nur um mir genug zu leihen, damit ich die Intensivstationsrechnungen meines Vaters für eine weitere Woche bezahlen konnte. Es war ein Pflaster. Die Wunde darunter blutete immer noch. Sieben Tage lang wachte ich auf und verfluchte Edwards Namen. Ich verfluchte sein Gesicht, seine Karriere, seine Stimme, dieses falsche Lächeln, das er trug, als würde es ihn nichts kosten. Ich bewarb mich bei jeder Sportklinik, jedem Rehabilitationszentrum und jedem privaten Fitnessstudio im Umkreis von achtzig Kilometern. Nichts. Sobald mein Name in ihrem System auftauchte, wurde die Tür zugeschlagen. Sein Team hatte mich still und heimlich auf die schwarze Liste gesetzt. Die Karriere in der Physiotherapie, in die ich jahrelang alles gesteckt hatte, ertrank, und ich konnte das Wasser bereits an meinen Lippen spüren. „Ich hoffe, er bricht sich das Knie“, murmelte ich und starrte auf den Teppich, als könnte er mir eine Antwort geben. „Ich hoffe, seine Schulter bricht, er reißt sich das Kreuzband und wird vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Ich hoffe, seine verdammte ganze Karriere zerfällt zu Staub.“ Kate seufzte und ließ sich neben mir auf das Kissen fallen. „Er ist Abschaum, Ella. Verschwende deinen Atem nicht an ihn. Und? Isst du jetzt, oder muss ich dich zwangsernähren?“ Ich kam gar nicht dazu zu antworten. Die Schlafzimmertür flog auf und Kates zwölfjähriger Neffe White stürmte wie ein Wirbelsturm ins Wohnzimmer. Er schnappte sich die Fernbedienung vom Couchtisch. „Aus dem Weg, aus dem Weg, aus dem Weg!“, rief er, während seine Augen bereits auf den Bildschirm gerichtet waren und er den Einschaltknopf drückte. „Das Halbfinale im Eishockey läuft! Ich darf das nicht verpassen!“ Der Fernseher flackerte auf und die Stimme des Kommentators donnerte durch die Wohnung. „—UND WAS FÜR EIN SPIELZUG! EDWARD ZOEY ERZIELT IN DEN LETZTEN SEKUNDEN DAS SIEGTOR!“ Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Da war er, füllte den gesamten sechzig Zoll großen Bildschirm aus. Edward in diesem makellosen weißen Trikot, breit grinsend und springend, als hätte man ihm gerade die Welt geschenkt, während das Stadion völlig durchdrehte. Er schickte der VIP-Loge einen theatralischen Luftkuss zu. Die Kamera schwenkte direkt auf Bella James, die klatschte, als würde sie dorthin gehören, elegant in einem Designer-Kleid. Ein stechender, körperlicher Schmerz schoss durch meine Brust. All meine Flüche hatten nichts bewirkt. Er blühte auf. Er gewann. Er lebte seinen Traum, während ich pleite auf dem Boden eines anderen Menschen saß. Kate sah es meinem Gesicht an, noch bevor ich wegsehen konnte. „White, mach das sofort aus!“, schnauzte sie und sprang auf. „Auf keinen Fall, Tante Kate!“, jammerte White und wand sich aus ihrer Reichweite, als sie nach der Fernbedienung greifen wollte. „Ist das wegen deiner Freundin? Na und, wenn Edward Ella verlassen hat? Das ist ihr Problem! Er ist trotzdem mein Held und ich schaue mir das Spiel an!“ „White!“, schrie Kate, ihr Gesicht wurde rot. „Gib mir die Fernbedienung!“ Sie stürzte auf ihn zu. Er schoss lachend in Richtung Flur, so heftig, dass er beinahe stolperte, während Kate ihm hinterherjagte. „Du kriegst mich nicht!“ Sie sprintete zur Eingangstür, um ihm den Weg abzuschneiden. Im selben Moment schwang die schwere Tür auf. KLACK. Die Kante traf sie genau an der Stirn. Sie schrie auf, taumelte zurück und griff sich an den Kopf. White erstarrte, zeigte auf sie und brach in schallendes Gelächter aus. Er wich rückwärts in Richtung seines Zimmers zurück und rief über die Schulter: „Willkommen zu Hause, Mom!“ Dann knallte er die Tür zu. Kates ältere Schwester Brenda schleppte sich herein. Sie bemerkte nicht einmal, dass Kate sich die Stirn rieb. Sie ließ sich einfach in den nächstbesten Sessel fallen und stieß ein Stöhnen aus, das klang, als käme es direkt aus ihren Knochen. „Ich bin offiziell tot“, sagte Brenda, zog ihre Arbeitsschuhe aus und ließ ihre Tasche hart auf den Boden fallen. „White! Komm her und massier mir die Schultern, bevor mein Nacken in zwei Teile zerbricht!“ „Ich bin beschäftigt, Mom!“, rief White zurück. „Was ist los? Du siehst aus, als wärst du gerade durch eine Wüste gerannt“, sagte ich. Brenda ließ den Kopf gegen das Polster sinken und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich schwöre bei Gott, wenn ich mich noch mit einer einzigen reichen Familie herumschlagen muss, verliere ich den Verstand. Meine Agentur dreht durch. Der Sohn des Kunden meines Chefs hat einen Hausangestellten nach dem anderen gefeuert. Der fünfte allein in diesem Monat. Jetzt stehen wir auf der Straße und verteilen Papierflyer wie Bettler, in der Hoffnung, dass jemand verzweifelt genug ist, den Job anzunehmen.“ Sie schob ihre Tasche zur Seite, und ein Stapel bunter Flyer rutschte heraus und verteilte sich über den Couchtisch und den Boden direkt vor mir. Mein Blick fiel auf das oberste Blatt und blieb dort hängen. DRINGEND: PERSÖNLICHE ASSISTENZ / HAUSHALTSHILFE MIT WOHNSITZ GESUCHT Vergütung: 4.600 DOLLAR PRO WOCHE (BAR AUSGEZAHLT) Mir stockte der Atem. Die Zahlen begannen sich von selbst in meinem Kopf zu überschlagen. 4.600 Dollar pro Woche. Bar. Damit könnte ich innerhalb von zwei Wochen meine Schulden bei Kate begleichen und die Intensivstationskosten meines Vaters monatelang bezahlen. „Warte …“ Ich hob den Flyer auf. Meine Hände zitterten leicht. Kate schlich sich heran, die Stirn immer noch rot, und ihre Augen wurden groß, als sie über meine Schulter las. „Ist … ist dieser Betrag wirklich echt?!“, sagten wir gleichzeitig. Brenda öffnete ein Auge und verzog bitter den Mund zu einem kleinen Grinsen. „Diese Summe? Das ist nur Zucker, um die Ameisen anzulocken, Süße. Für diese Familie zu arbeiten, ist ein Todesurteil. Dieser Kerl ist ein Monster. Er wirft mit Sachen, schreit, verlangt, dass alles perfekt ist, und feuert Leute, weil sie zu laut atmen. Niemand hält länger als drei Tage durch.“ Ich hörte den Teil über sein Temperament gar nicht. Ich hörte nur 4.600 Dollar in bar. Ich rutschte auf den Knien über den Boden und packte Brendas Beine mit der letzten Kraft, die mir geblieben war. „Ich kann das“, sagte ich und blickte zu ihr auf. Meine Stimme klang entschlossen. „Brenda, bitte. Ich nehme den Job. Wenn ich mich nur mit einem reichen, verwöhnten Bengel herumschlagen muss, bin ich dabei. Bitte gib mir die Adresse.“ Sie sah auf mich hinunter, und die müde Gereiztheit auf ihrem Gesicht verwandelte sich in echtes Mitleid. Sie schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall, Ella.“ Sie versuchte, ihre Beine freizuziehen. „Ich mag dich viel zu sehr. Ich werde die beste Freundin meiner Schwester nicht in diese Löwengrube werfen. Dieser Typ frisst Menschen schon zum Frühstück. Absolut nicht.“ „Brenda, bitte!“ Kate ließ sich neben mir auf den Boden fallen und packte Brendas anderes Bein. „Ella ist unglaublich im Umgang mit Menschen, glaub mir. Egal, wie verrückt oder verwöhnt dieser reiche Bengel ist, sie kann mit den Wutanfällen eines Kindes umgehen. Sie braucht das Geld für ihren Vater!“ Brenda erstarrte. Sie drehte den Kopf zu Kate, die Augen weit aufgerissen vor Verwirrung. „Kinder?“, fragte sie, als könnte sie kaum glauben, was sie gerade gehört hatte. Kate hatte es falsch verstanden. Ich auch. „Er ist kein Kind“, sagte Brenda tonlos. Ich runzelte die Stirn und klammerte mich noch fester an sie. „Dann ein Teenager? Ein Junge aus der Highschool?“ Brenda schüttelte den Kopf, riss ihre Beine frei und hob die Hände, während sie es beinahe schreiend erklärte. „ER IST EIN DREIUNDZWANZIGJÄHRIGER ERWACHSENER MANN!“ „WAS?!“, schrien Kate und ich gleichzeitig. Das Geräusch hallte von den Wänden der kleinen Wohnung wider.„Frei?“„Was zum Teufel soll das überhaupt bedeuten?“, fragte ich.Er antwortete nicht sofort. Stattdessen ließ er seinen Blick langsam über mich wandern, vom Scheitel bis zu meinen Schuhen, als würde er etwas begutachten und hätte sich noch nicht entschieden, was er davon halten sollte. Dann deutete er mit dem Kinn auf die Taschen, die auf dem Boden standen.„Warum stehst du immer noch einfach da herum? Hilf mir mit denen.“„Oh.“Ich eilte zu ihm, schnappte mir zwei der schwereren Taschen und blieb dicht hinter ihm. In der Küche stellte er seine beiden Taschen auf die Arbeitsplatte, drehte sich um, nahm mir die Taschen aus den Händen und stellte sie mit einem rauen Grunzen ab, als würde ihn selbst das Kraft kosten.„Du siehst aus, als könntest du etwas Wasser gebrauchen“, sagte ich, während er sich mit dem Handrücken über die Stirn fuhr.Er schüttelte den Kopf und winkte ab. „Nein. Mir geht’s gut.“ Er zupfte an seinem Hemd, richtete es und sah mich dann wieder an. „Also … du bist die
Er gab mir drei Minuten.Ich drehte mich um und rannte beinahe den Flur hinunter, während mein Herz direkt in meinen Magen rutschte.Das Haus war riesig.Viel zu riesig.Schwarze Böden, schwarze Wände, überall Glastüren. Jede Ecke sah aus wie die davor. Ich bog links ab, öffnete eine Tür, weil ich dachte, es wäre die Küche, und landete in einem dunklen Fitnessraum. Ich rannte zurück, bog rechts ab und stand plötzlich vor einem Innenpool, der unter den Lampen glänzte.Wo zum Teufel war die Küche?Normalerweise zeigt einem jemand zu Beginn eines neuen Jobs wenigstens das Haus. Hier nicht.Dieser mürrische Mistkerl hatte mir einfach einen Befehl hingeknallt, als müsste ich den Grundriss seiner Festung bereits auswendig kennen.Panik und Frust schnürten meine Brust so fest zu, dass es wehtat. Die Uhr lief.Die Intensivstationsrechnungen meines Vaters hingen von dieser verdammten Tasse Kaffee ab, und ich war wie eine Idiotin in einem Haus verloren, das mich offenbar nicht haben wollte.Ich
„Dreiunddreißig?!“ Kate schrie es beinahe. Ihr Mund stand einfach offen. „Brenda, was für ein dreiunddreißigjähriger Mann braucht ein Kindermädchen?!“„Er braucht kein Kindermädchen! Er braucht eine persönliche Assistentin mit Wohnsitz und eine Haushälterin, weil er ein elender, wütender Mistkerl ist, der es nicht schafft, auch nur eine einzige Person länger als zwei Tage in diesem Haus zu behalten!“, schrie Brenda zurück und rieb sich noch immer den Kopf. „Er erholt sich von einer schweren Knieoperation, steckt in einer Schiene fest und behandelt jeden, der durch seine Haustür kommt, wie einen Feind.“Ich setzte mich auf meinen Fersen zurück und starrte auf den Flyer in meiner Hand, als könnte sich das Papier verändern, wenn ich nur lange genug hinsah.Dreiunddreißig. Verschlossen. Gerade von einer Knieoperation zurück.„Wie heißt er?“, fragte ich leise. Meine Gedanken waren bereits weit voraus.Brenda seufzte und kramte nach einer Wasserflasche in ihrer Tasche. „Leroy. Leroy James.“
„Iss wenigstens zwei Löffel, Ella. Bitte.“Kate schob mir eine dampfende Schüssel Pasta hin. Der Geruch bekam mir nicht. Mein Magen verkrampfte sich sofort. Ich saß immer noch auf dem Wohnzimmerboden, mit dem Rücken fest gegen das Sofa gedrückt, und klammerte mich an ein Sofakissen, als wäre es das Einzige, was in meinem Leben noch Halt gab.Sie hatte mich nach dieser brutalen Nacht im Taxi nicht in meine eigene Wohnung zurückgehen lassen. Sie sagte, wenn ich allein blieb, würde ich mich nur immer tiefer in meinen Gedanken verlieren und jedes einzelne Wort wiederholen, mit dem Edward mich zerstört hatte. Sie hatte recht. Aber auch hier hörte die Fäulnis in meiner Brust nicht auf, sich weiter auszubreiten.Ich konnte nicht einmal mehr nachhalten, wie viel ich ihr inzwischen schuldete. Sie hatte ihre Ersparnisse angegriffen, nur um mir genug zu leihen, damit ich die Intensivstationsrechnungen meines Vaters für eine weitere Woche bezahlen konnte. Es war ein Pflaster. Die Wunde darunter b
ELLAMan erkennt den Teufel nicht immer sofort, wenn er einem gegenübersitzt. Manchmal braucht es nur einen hässlichen Auslöser, bevor er die Maske fallen lässt und man sieht, was die ganze Zeit darunter gelebt hat.Edward ist dieser Teufel. Mein Freund. Oder der Mann, der es einmal war, denn nach heute Nacht weiß ich nicht mehr, was zum Teufel wir überhaupt noch sind. Ich weiß bereits, was er ist. Das rede ich mir immer wieder ein. Und trotzdem fleht ein Teil von mir, Gott helfe mir, darum, aufzuwachen und festzustellen, dass das alles nur ein krankhafter Albtraum ist.„Edward.“ Sein Name kam gebrochen über meine Lippen. Ich schluckte Tränen hinunter, die mir bis tief in den Hals brannten. Mein Verstand konnte den Mist, der aus seinem Mund kam, einfach nicht begreifen. Alles prallte an mir ab.Ich trat näher, zitternd, und suchte sein Gesicht nach auch nur einem winzigen Rest des Mannes ab, den ich zwölf Monate lang geliebt hatte. „Musst du das wirklich so weit treiben? Liebst du mic







