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Kapitel 6

Autor: Aurora
Einen Moment lang setzte bei Elena der Verstand aus. Sie wurde knallrot, biss sich auf die Unterlippe, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte Felix einen Kuss auf die Wange.

„Reicht das jetzt?“

Kaum hatte sie ihn geküsst, wollte sie sich schon wieder zurückziehen.

Felix’ Pupillen weiteten sich langsam. Etwas von der Kälte in seinem Blick schien zu schmelzen.

Er zog sie mit einem schnellen Griff wieder in seine Arme, legte die Hand an ihren Hinterkopf und beugte sich zu ihr. Sein warmer Atem strich verführerisch über Elenas Wange.

„Mit einem Kuss ist es doch nicht getan.“

Dann senkte Felix den Kopf noch weiter. Seine schmalen Lippen waren nur noch einen Hauch von ihren rosigen, leicht glänzenden Lippen entfernt, ihre Atemzüge vermischten sich.

In seinen Augen lag eine glühende Hitze, wie bei einem Raubtier, das seine Beute schon lange im Blick hat.

Elena hielt den Atem an.

Ihre Wangen brannten, ihr Herz schlug, als wollte es aus der Brust springen, sie hatte das Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen, bis Felix sie endlich wieder freigab.

Elena spürte, wie ihr Herz raste. Mit leicht verschleiertem Blick sah sie zu ihm auf, als wäre sie ein kleines Kätzchen, das gründlich geärgert worden war.

„Heißt das, dass du einverstanden bist?“, fragte sie leise.

Felix’ Blick blieb beherrscht, seine Mundwinkel hoben sich zu einem feinen Lächeln.

„Den Wunsch meiner Frau erfülle ich natürlich.“

Nachdem er das gesagt hatte, wandte Elena den Blick ab und flüchtete beinahe aus dem Zimmer.

Gerade eben hatte sie eine ungewohnte innere Hitze gespürt, als hätte ihr Körper auf eine Art reagiert, die ihr selbst fremd war ...

Felix verfolgte mit den Augen, wie sie förmlich die Flucht ergriff, ein leises Lachen löste sich aus seiner Kehle. In seinen Augen wurde der Ausdruck noch dunkler.

Sie spielt nach außen die fauchende kleine Wildkatze, aber in Wahrheit ist sie ein kleines Lamm, das man leicht einschüchtern kann.

Das Bild nach außen ist nichts weiter als ihre Fassade.

...

Zwei Tage später brachte Elena Felix ins Haus ihrer Familie.

„Opa.“

In einem hellen Kleid, die Beine brav nebeneinander gestellt, stand Elena artig vor ihrem Großvater, Herrn Weiß.

„Das ist Felix Stein, von dem ich dir erzählt habe.“

Opa Weiß ließ den Blick über Felix an ihrer Seite gleiten, lächelte zufrieden und nickte.

„Gut, sehr gut.“

Felix wirkte mit seinem klar geschnittenen, vornehmen Gesicht ruhig und höflich.

„Opa, das ist eine kleine Aufmerksamkeit zum ersten Kennenlernen.“

Marius Böringer trug die Geschenke eines nach dem anderen herein, stellte sie auf den langen Tisch und zog sich dann wieder zurück.

Schon bald stapelten sich dort kostbare Gesundheitsprodukte und edle Weine.

Es war unübersehbar, dass er sich bei der Auswahl der Geschenke Mühe gegeben hatte.

In einer dunkelroten Jacke im traditionellen Schnitt sitzend lachte Elenas Großvater herzlich.

„Jetzt, wo du Elena geheiratet hast, gehörst du zur Familie. Du musst nicht so förmlich sein.“

„Das gehört sich so. An Höflichkeit sollte man nicht sparen“, antwortete Felix ruhig. Man merkte ihm die gute Erziehung an.

Für Elenas Großvater reichte ein Blick, um zu wissen, dass sie diesmal den Richtigen gewählt hatte.

Damals, als Elenas Vater schwer krank geworden war, hatte er sich Sorgen gemacht, dass später niemand mehr für sie da sein würde. Er hatte sie seinem langjährigen Freund und Geschäftspartner, Herrn Stein, anvertraut und insgeheim gehofft, die beiden Familien eines Tages durch eine Heirat zu verbinden.

In dem Jahr war Elena achtzehn geworden und hatte gerade offiziell ihre Beziehung zu Adrian begonnen.

Auf dem Sterbebett hatte ihr Vater sie gebeten, gut mit Adrian zu sein und bei ihm zu bleiben.

Adrian wiederum hatte Elenas Vater feierlich versprochen, sie ein Leben lang zu lieben und zu beschützen.

Am Ende waren die beiden Familien tatsächlich verschwägert, nur war der Bräutigam nicht der jüngere, sondern der ältere Bruder Felix Stein.

Elenas Großvater wandte sich an sie.

„Elena, geh rüber in die Ahnenhalle und zünde deiner Großmutter und deinen Eltern ein Räucherstäbchen an. Felix und ich unterhalten uns inzwischen ein bisschen.“

Elena warf Felix einen unsicheren Blick zu und antwortete nicht sofort.

Ihr Großvater stellte die Leute gern auf die Probe. Adrian war oft genug von ihm in die Mangel genommen worden und begegnete ihm inzwischen nicht nur mit Respekt, sondern auch mit einer gehörigen Portion Widerwillen.

In den letzten Tagen, seit sie mit Felix zusammenlebte, hatte Elena gemerkt, dass er trotz seiner gelegentlich scharfen Zunge sehr aufmerksam war und dass er ein Mann war, mit dem man gut verheiratet sein konnte.

Da ihre Ehe eine Blitzentscheidung gewesen war, wollte sie umso weniger, dass er ihretwegen in Schwierigkeiten geriet.

Ihr Großvater grinste und stichelte.

„Na, hast du etwa Angst, dass ich deinem Mann zusetze?“

Elena wurde prompt rot im Gesicht.

Felix lachte leise, wandte den Kopf zu ihr.

„Schon gut. Ich rede mit deinem Opa, geh nur.“

Erst da nickte Elena und machte sich auf den Weg in die Ahnenhalle.

Nachdem sie die Räucherstäbchen angezündet und aufgestellt hatte, nahm sie ein frisches Tuch zur Hand und wischte behutsam über die Gedenktafel ihrer Mutter.

Seit ihrer Kindheit war sie von ihrer Familie auf Händen getragen worden.

Ihre Mutter hatte ihr oft sanft über den Kopf gestrichen. „Elena ist unser Ein und Alles. Du sollst einfach nur glücklich sein ...“, hatte sie immer wieder liebevoll gesagt.

„Du verdienst all das Schöne auf dieser Welt. Du bist unser Herzstück.“

Ja...

Für ihre Familie war sie ein Schatz, doch Adrian verletzte sie immer wieder, machte sie klein und behandelte sie, als wäre sie nichts wert.

Elena kam sich plötzlich furchtbar schuldig vor.

Wenn ihre Eltern sehen könnten, wie sie sich vor Adrian verhielt, so kleinlaut wie ein Hund mit wedelndem Schwanz, der um ein bisschen Zuneigung bettelt, wären sie unendlich traurig.

Bei dem Gedanken schossen ihr Tränen in die Augen. Die ersten Tropfen fielen auf die Tafel.

„Mama, ich bin so schwach.“

Überwältigt von ihrer Traurigkeit klammerte sie sich an die Tafel, hockte sich hin und weinte wie ein Kind.

Als sie so lange nicht zurückkam, ließ Felix sich von einer Hausangestellten den Weg zeigen. Er kam gerade rechtzeitig, um diese Szene zu sehen.

Als er hörte, wie verzweifelt sie schluchzte, zog sich ihm etwas in der Brust zusammen. Er ging rasch zu ihr hinüber, half ihr hoch und zog sie fest in seine Arme.

„Schon gut. Nicht so traurig sein“, murmelte er.

Felix dachte, sie vermisse ihre Familie einfach zu sehr, und sprach leise auf sie ein.

„Von jetzt an passe ich auf dich auf. Ich sorge für dich, an ihrer Stelle, ja?“

Bei diesen Worten begann Elena nur noch heftiger zu weinen.

Felix stellte die Tafel wieder an ihren Platz, zog sie fester an sich und spürte, dass auch ihm schwer ums Herz wurde.

Erst als Elena sich ausgeweint hatte und erschöpft gegen ihn lehnte, beugte er sich zu ihr hinunter, hob sie hoch und trug sie aus der Ahnenhalle hinaus, weg aus dem Haus der Familie Weiß.

Bevor sie fuhren, bat Felix das Hauspersonal, das Geschehene für sich zu behalten, damit ihr Großvater sich keine Sorgen machte.

Im Wagen kam Elena schließlich wieder etwas zur Ruhe.

Ihre Nase und ihre Augen waren noch gerötet vom Weinen. In ihrer Stimme lag immer noch ein Schluchzen.

„Felix, danke dir.“

Felix saß links neben ihr, sein Blick war ungewöhnlich weich, als er sie ansah.

„Wenn du dich wirklich bedanken willst, dann werd wieder fröhlich.“

„Glücklich zu sein ist das Wichtigste.“

Als Elena diese Worte hörte, war es, als würde sie aus einem Traum aufwachen.

„Elena, niemand wird dich dein Leben lang verwöhnen. Du musst lernen, dich anzupassen und nachsichtig zu sein, sonst trennen wir uns irgendwann“, hatte Adrian damals zu ihr gesagt.

Jetzt nickte sie, innerlich wie befreit, und merkte plötzlich, dass der Mann, vor dem sie früher immer Angst gehabt hatte, in Wahrheit um Welten besser war als Adrian.

...

Als sie in die Villa zurückkamen, ging Elena zuerst duschen.

Während Felix im Bad unter der Dusche stand, klingelte ihr Handy. Es war eine unbekannte Nummer aus der Stadt.

Ohne groß nachzudenken, wischte sie zum Annehmen. Im nächsten Moment hörte sie Adrians wütende Stimme. „Elena, hast du jetzt endlich genug Theater gemacht?“

„Du hast meine Nummer blockiert, mich überall gesperrt und kommst nicht mal nach Hause. Was willst du eigentlich?“

Nach ein paar Tagen ohne jedes Lebenszeichen ekelte Elena sich allein vor dem Klang seiner Stimme an. „Vergiss nicht, wir sind getrennt.“

„Ob ich zurückkomme oder nicht, geht dich überhaupt nichts mehr an.“

Adrian stockte. Früher hatte ihr Schmollen nie länger als ein paar Stunden gedauert. Sobald er den ersten Schritt gemacht und sie ein bisschen beruhigt hatte, war alles wieder gut gewesen.

Ihre kühle Haltung diesmal ließ ihn unruhig werden, seine Stimme wurde weicher.

„Gut, ich gebe zu, es war übertrieben, dass ich an dem Tag nicht zum Standesamt gekommen bin.“

„Ich entschuldige mich bei dir. Hör jetzt auf mit dem Drama, okay?“

Elena stieß ein kaltes Lachen aus.

„Hörst du schlecht? Wir sind getrennt. Ruf mich nicht mehr an.“

„Elena, werd jetzt nicht frech“, knurrte Adrian.

Elena wollte sich gar nicht weiter mit ihm aufhalten und war gerade dabei, das Gespräch zu beenden.

In diesem Moment öffnete sich plötzlich die Badezimmertür.

Elena fuhr bei dem Geräusch herum.

Felix kam heraus, nur mit einem Handtuch um die Hüften. Die Linien seiner Bauchmuskeln liefen deutlich in ein V hinunter, und für einen Moment vergaß sie völlig, das Gespräch zu beenden.

„Wer ist da dran?“ Felix kam näher, zog eine Braue kühl in die Höhe und warf einen Blick auf das Display, obwohl er die Antwort bereits wusste.

Elena bekam den Blick nicht von seinen deutlich definierten Brustmuskeln los und war einen Moment lang wie betäubt.

Dafür reagierte Adrian am anderen Ende der Leitung umso heftiger. Als er die Stimme eines Mannes hörte, schien es ihm den Verstand wegzuhauen.

„Elena! Ist da ein Mann bei dir? Wer ist das?“

Felix nahm ihr das Handy aus der Hand. In seinen Augen glomm ein dunkler, kühler Schimmer auf.

„Reg dich nicht so auf. Du wirst gleich erfahren, wer ich bin.“
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