LOGINKapitel 6
Evelyn starrte entsetzt auf die eingefrorenen Sicherheitsaufnahmen. Lucas. Das Bild brannte sich in ihr Gedächtnis – die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sein Griff fest um Sophias Arm, während sie neben ihm in der Nähe des Aufzugs kämpfte. „Nein…“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang kaum menschlich. Damian nahm das Telefon langsam zurück, sein Gesichtsausdruck war grimmig. „Wir kennen die ganze Situation noch nicht.“
„Das ist Lucas.“
„Das kann ich sehen.“
„Er hat sie mitgenommen.“
"Vielleicht."
Evelyn drehte sich scharf zu ihm um. „Vielleicht?“
Damians dunkler Blick blieb auf das Filmmaterial gerichtet. „Die Leute geraten in Panik, wenn Skandale ausbrechen. Das macht ihn nicht automatisch gefährlich.“
Aber etwas in seinem Ton verriet ihr, dass er seinen eigenen Worten nicht ganz glaubte. Das Penthouse fühlte sich plötzlich erstickend an. Jede Erinnerung, die Evelyn an Lucas hatte, drehte sich jetzt schmerzhaft in ihrer Brust – sein Lächeln, seine beruhigende Stimme, die Jahre, die sie damit verbracht hatte, zu glauben, er sei in Sicherheit. Gute Menschen zerrten verängstigte Frauen nicht in Aufzüge. Oder doch? Ihre Gedanken drehten sich heftig: „Was machen wir?“
Damian wählte bereits eine andere Nummer. „Wir finden sie, bevor die Polizei es tut.“
Evelyn blinzelte. „Sollten wir nicht die Polizei rufen?“
"NEIN."
Die Schärfe seiner Antwort erschreckte sie. „Warum nicht?“
„Denn wenn Sophia Dokumente im Zusammenhang mit dem Fall Ihres Vaters mitgenommen hat, ist diese Situation größer als ein häuslicher Streit.“
Die Angst kroch kalt über Evelyns Rücken. Die Mappe lag immer noch fest umklammert in ihren zitternden Händen. „Das sagst du immer wieder“, flüsterte sie. „Was genau ist dieser Fall?“
Damian beendete das Gespräch und sah sie direkt an. Einen langen Moment lang war das einzige Geräusch zwischen ihnen der Regen, der gegen die Fenster des Penthouses prasselte. Dann sagte er leise:
„Ihr Vater hat vor fünfzehn Jahren dabei geholfen, Unternehmensbetrug aufzudecken.“
Evelyn erstarrte. „Was?“
„Er entdeckte illegale Finanztransfers, an denen mehrere Investmentfirmen beteiligt waren.“
„Das macht keinen Sinn.“
„Es sollte nicht öffentlich werden.“
Ihr Verstand hatte Mühe, Schritt zu halten: „Mein Vater besaß eine kleine Firma.“
„Ja“, antwortete Damian. „Was ihn nützlich machte. Anfangs hatte ihn niemand verdächtigt.“
Evelyn schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Du lügst.“
„Ich wünschte, ich wäre es.“
Die ruhige Gewissheit in seiner Stimme beunruhigte sie zutiefst. Damian ging zu den riesigen Fenstern mit Blick auf Manhattan und lockerte seine Krawatte ein wenig, als hätten ihn die Erinnerungen selbst erschöpft. „Dein Vater hat Beweise dafür gefunden, dass Milliarden über Briefkastenfirmen bewegt wurden, die mit mächtigen Investoren verbunden waren. Einer dieser Investoren war Richard Bennett.“
Lucas‘ Vater. Evelyns Magen drehte sich heftig um. „Er hat versucht, es leise zu melden“, fuhr Damian fort. „Stattdessen machten ihn die Beteiligten zum Sündenbock, bevor die Ermittlungen sie erreichen konnten.“
Plötzlich fühlte sich der Raum unter ihren Füßen unsicher an. „All diese Jahre ...“, flüsterte sie. „Mein Vater war unschuldig?“
"Ja."
Sofort brannten Tränen in Evelyns Augen. Ihr Vater hatte alles verloren, während die wirklichen Verantwortlichen reich und unantastbar blieben. Und Lucas wusste es. Gott. Lucas wusste es. „Warum hat sich mein Vater nicht gewehrt?“
Damians Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Weil sie dich bedroht haben.“
Die Worte trafen härter als alles andere. Evelyn stockte schmerzhaft der Atem. „Was?“
„Sie waren zwölf, als die Ermittlungen scheiterten.“ Damians Stimme wurde etwas sanfter. „Dein Vater hat sich für Schweigen entschieden, weil es wichtiger war, dich zu beschützen, als seinen Namen reinzuwaschen.“
Emotionen schossen heftig durch ihre Brust. Jedes Opfer. Jeder stille Moment. Jeder erschöpfte Blick in den Augen ihres Vaters bedeutete plötzlich etwas ganz anderes. Evelyn wandte sich schnell ab, überwältigt. Und dann traf sie eine weitere schreckliche Erkenntnis. „Wenn Sophia diese Dokumente nehmen würde ...“
„Sie ist in Gefahr“, beendete Damian leise. Plötzlich hallte ein scharfes Klopfen durch das Penthouse. Beide erstarrten augenblicklich.
Aber sie folgte ihm trotzdem. Natürlich tat sie es. Damian öffnete vorsichtig die Penthouse-Tür. Lucas Bennett stand auf der anderen Seite. Der Regen sickerte durch seinen schwarzen Mantel, während die Anspannung scharfe Linien in sein normalerweise perfektes Aussehen schnitt. Zum ersten Mal seit Jahren sah er wirklich erschüttert aus. Und wütend. Sein Blick landete sofort auf Evelyn. Die Erleichterung huschte so schnell über sein Gesicht, dass es ihr fast wehtat, es zu sehen. „Gott sei Dank.“
Evelyn starrte ihn kalt an. „Wo ist Sophia?“
Lucas blinzelte einmal. „Was?“
„Wir haben die Sicherheitsaufnahmen gesehen.“
Sofort huschte Verwirrung über seinen Gesichtsausdruck. Dann wurde ihm klar: „Oh Gott.“
Lucas fuhr sich frustriert mit der Hand durch sein nasses Haar.„Es war nicht das, wonach es aussah.“
Damian trat leicht vor Evelyn. Beschützend. Die Bewegung blieb Lucas nicht verborgen. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich sofort. „Was macht sie hier mit dir?“
„Sie geht dir nichts mehr an“, antwortete Damian ruhig. Die Spannung zwischen ihnen verschärfte sich sofort. Evelyn hatte Lucas und Damian noch nie so nah gesehen.
„Sie hat mich auch angerufen“, sagte Evelyn leise. Lucas nickte schnell. „Ich habe sie rausgeholt, bevor Reporter oder die Polizei auftauchten.“
Evelyn verschränkte die Arme fest. „Warum sah sie dann verängstigt aus?“
Der Schmerz huschte kurz über Lucas‘ Gesicht. „Weil sie etwas gefunden hat, was sie nicht hätte finden sollen.“
Damians Kiefer spannte sich leicht an. Lucas bemerkte es sofort. Und plötzlich veränderte sich alles. Die beiden Männer starrten einander mit der Spannung an, die von alten Geheimnissen und unvollendeten Kriegen herrührte. „Du hast es ihr gesagt“, sagte Lucas kalt. „Nicht genug.“
„Das war nicht deine Entscheidung.“
Evelyn schaute ungläubig zwischen ihnen hin und her. „Kann mir bitte jemand erklären, was passiert?“
Lucas trat vorsichtig auf sie zu. „Ev, hör mir zu –“
„Nenn mich nicht so.“
Der Schmerz, der über sein Gesicht huschte, schwächte beinahe ihre Entschlossenheit. Fast. Lucas schluckte schwer. „Sophia hat Dokumente gefunden, die mit meinem Vater in Verbindung stehen.“
„Der Betrugsfall?“ fragte Evelyn. Sein Schweigen reichte aus. Ein bitteres Lachen entfuhr ihr. „Es ist also wahr.“
Lucas sah plötzlich elend aus. „Ich wusste damals noch nicht alles.“
„Aber du wusstest genug.“
„Ich habe versucht, dich zu beschützen.“
Evelyn starrte ihn ungläubig an. „Indem sie mich jahrelang angelogen hat?“
Bevor Lucas antworten konnte, klingelte Damians Telefon laut. Er schaute auf den Bildschirm. Und zum ersten Mal, seit Evelyn ihn traf –
Sie sah echte Beunruhigung in seinen Augen. „Was ist los?“ fragte Lucas. Damian antwortete schweigend auf den Anruf. Dann wurde sein Gesichtsausdruck tödlich kalt. „Wann?“ fragte er leise. Eine Pause. „Nein. Lass niemanden die Szene berühren.“
Evelyns Herzschlag beschleunigte sich schmerzhaft. „Was ist passiert?“
Damian ließ das Telefon langsam sinken. Seine Stimme klang leise. Zu leise. „Sie haben Sophias Auto gefunden.“
Stille erfüllte den Raum. Dann fügte Damian die Worte hinzu, die Evelyn das Blut in den Adern gefrieren ließen: „Da war Blut drin.“
Kapitel 45.Schüsse brachen in der Villa aus. Die Fenster zersprangen völlig. Holz zersplitterte. Glas explodierte in der Luft. Sophia schrie und fiel zu Boden. Serena erwiderte sofort das Feuer. Victor zog Jonathan hinter einen umgestürzten Tisch. Und Damian –Damian schlang einen Arm um Evelyn und zog sie hinter eine Steinsäule. Alles passierte in Sekunden. Chaos. Pures Chaos. Interessant. Sehr interessant. Denn nach Wochen der Schattenjagd war ihr Feind endlich ans Licht getreten. Der Regisseur. Der Mann, der im Regen stand. Der Mann, der jedes Geheimnis verfolgt hatte. Jeder Tod. Jeder Verrat. Jede Lüge. Evelyns Herz hämmerte heftig Die Gestalt blieb draußen. Immer noch. Ruhig. Beobachtend. Fast so, als ob ihn die Schüsse nichts angehen würden. Fast so, als wüsste er bereits, wie das enden würde. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Menschen wie Richard Bennett lösten Angst aus. Aber dieser Mann löste etwas Schlimmeres aus. Gewissheit. Die Gewissheit, dass er glaubte, unantastbar
Kapitel 44Eine schreckliche Sekunde lang bewegte sich niemand. Niemand atmete. Die Welt schien um ein einziges Bild herum zu erstarren Vergangenheit.Interessant.Sehr interessant.Denn Verrat tat immer mehr weh, wenn er von jemandem kam, der harmlos aussah.Die Waffe zitterte leicht in Catherines Hand.Tränen liefen über ihr Gesicht.Aber sie ließ die Waffe nicht sinken.Victor reagierte zuerst. „Was hast du getan?“Seine Stimme explodierte durch den Raum. Roh. Wütend. Catherine zuckte zusammen. Sie zuckte tatsächlich zusammen. Als hätte man sie geschlagen.Die Ironie war niemandem entgangen. Der Mann, der sich jahrelang vor dem Jäger versteckt hatte, versuchte nun, ihn zu retten. Nichts an dieser Nacht ergab mehr einen Sinn. Damian trat zwischen Evelyn und Catherine. Instinktiv. Beschützend. Immer. Seine Waffe blieb erhoben. Direkt auf Catherine gerichtet. „Lass sie fallen.“Catherine schüttelte den Kopf. „Nein.“Die Antwort verblüffte alle. Nicht weil sie sich weigerte. Weil sie so besie
Kapitel 43.Im Raum herrschte erstickende Stille. Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Der ursprüngliche Jäger stand wie erstarrt da. Zum ersten Mal, seit Evelyn ihn getroffen hatte, wirkte der Mann wirklich erschüttert.Serena schluckte. „Ein Konvoi.“Diese Antwort gefiel niemandem. Nicht einmal im Geringsten. Jonathan Carter schloss kurz die Augen. Als hätte ihn ein Albtraum, vor dem er fünfzehn Jahre lang geflohen war, endlich eingeholt. Damian wurde sofort aktiv. „Ausstiegsrouten.“Victor zeigte auf den hinteren Korridor. „Drei.“"Gut."Damian drehte sich zu Evelyn um. Sein Gesichtsausdruck blieb ruhig. Beherrscht. Aber sie kannte ihn jetzt gut genug. Er war besorgt. Sehr besorgt. „Wir gehen jetzt.“Der Urjäger lachte plötzlich. Ein trockenes, humorloses Lachen. Alle sahen ihn an. Der alte Mann schüttelte langsam den Kopf. „Du bist schon zu spät.“Die Aussage ließ den Raum erschauern. Dann –Draußen brach eine laute Explosion aus. Das Herrenhaus bebte heftig. Glas zersplitterte i
Kapitel 42.Der Raum erstarrte. Die Zeit selbst schien anzuhalten. Der ursprüngliche Jäger stand neben Jonathan Carter, eine Waffe an die Seite seines Kopfes gedrückt. Damian Hayes stand mit erhobener Waffe in der zerschmetterten Tür. Regen strömte durch die zerbrochenen Fenster Wahrheit. Die Wahrheit hinter fünfzehn Jahren Lügen. Der Name, den Jonathan Carter zu enthüllen versucht hatte. Und jetzt –Alles war explodiert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Damians Augen ließen den Jäger nie los. „Senken Sie die Waffe.“Der Befehl kam kalt heraus. Scharf. Gefährlich. Der Jäger lächelte schwach. Nicht bedroht. Nicht beeindruckt. Nur müde. „Du hast Verstärkung mitgebracht.“„Du hast erwartet, dass ich es nicht tue?“Der alte Mann kicherte. „Gutes Argument.“Jonathan sah erschöpft aus. Als hätte er dieses Gespräch schon Dutzende Male miterlebt. „Evelyn.“Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf ihn. In seinen Augen lag Dringlichkeit. Angst. Etwas, das sie noch nie zuvor bei ihrem Vater ges
Kapitel 41.Das metallische Klicken hallte durch die Villa. Evelyn erstarrte. Jeder Muskel in ihrem Körper verspannte sich. Ihr Puls hämmerte heftig gegen ihre Rippen. Die Waffe war nah. Zu nah. Eine falsche Bewegung und alles könnte enden. Interessant. Sehr interessant. Denn nach wochenlangen Ermittlungen, Verrat, Entführungen und Enthüllungen war das, was Evelyn am meisten Angst machte, nicht die Waffe. Es war die Stimme, die sie kurz zuvor gehört hatte. Die ihres Vaters Stimme.Lebendig.Echt.Nahe.Der ursprüngliche Jäger blieb im Sessel sitzen.Ruhig.Unbeeinträchtigt.Als ob das alles nichts Ungewöhnliches wäre.Als ob bewaffnete Auseinandersetzungen alltäglich wären.Seine silbern durchzogenen Haare fingen das Licht der einsamen Lampe ein.Narben zeichneten sich auf einer Seite seines Gesichts ab.Alte Narben.Die Art, die er sich durch Jahre der Gewalt zugezogen hatte. Doch in seinen Augen lag keine Grausamkeit. Nur Erschöpfung. Eine seltsame Traurigkeit. „Sag ihm, er solle sich senken di
Kapitel 40.Die Nachricht blieb auf dem Bildschirm. KOMM ALLEIN, EVELYN. ODER DEIN VATER STIRBT. Niemand sprach. Niemand bewegte sich. Die Worte schienen sich in den Raum selbst eingebrannt zu haben. Evelyn starrte sie an. Ihr Herzschlag donnerte in ihren Ohren. Fünfzehn Jahre. Fünfzehn Jahre im Glauben, ihr Vater sei tot. Und jetzt war er am Leben. Lebendig und in Gefahr. Lebendig und rief nach ihr. Lebendig und gegen sie eingesetzt. Die Erkenntnis schmerzte auf eine Weise, die sie nicht konnte Erkläre es. Langsam wandte sie den Blick vom Monitor ab. Victor stand starr da. Serena sah wütend aus. Sophia sah verängstigt aus. Damian sah mörderisch aus. Interessant. Sehr interessant. Denn Damians Reaktion war keine Angst. Es war keine Besorgnis. Es war Wut. Reine Wut. Die Art, die auftauchte, wenn jemand etwas Wichtiges bedrohte. Oder jemanden Wichtigen. Victor brach schließlich das Schweigen. „Wir machen das nicht.“Evelyn drehte sich scharf um. „Was?“„Wir schicken dich nicht.“Sein To
KAPITEL 4Im Rehabilitationsraum herrschte schwere Stille, während der Fernseher weiter lief. Evelyn starrte auf den Bildschirm, ihr Puls hämmerte schmerzhaft in ihren Ohren, während sich Reporter wie Geier um den Eingang des Gerichtsgebäudes drängten. Lucas sah unter den blinkenden Kameras angespa
KAPITEL 3Nachdem das Gespräch beendet war, fühlte sich die Stille im SUV erdrückend an. Evelyn starrte auf den dunklen Bildschirm ihres Telefons, als könnte er plötzlich alles erklären, was Lucas gerade gesagt hatte. Mein Vater war beteiligt. Ihr Herzschlag hämmerte schmerzhaft gegen ihre Rippen.
KAPITEL 2.Die Kälte traf Evelyn Carter wie eine Strafe, sobald sie das Ashford Grand Hotel verließ. Schnee wirbelte durch die Nacht Manhattans, während der Verkehr durch die leuchtenden Straßen von New York City kroch. Hinter ihr pulsierte noch immer schwach die Musik aus dem Ballsaal auf dem Dach
KAPITEL 1Schnee wehte träge über die Glaswände Manhattans, während Musik durch den Ballsaal auf dem Dach des Ashford Grand Hotels pulsierte. Unten glitzerte New York City wie ein Meer aus Gold unter dem Winterhimmel, lebendig mit Scheinwerfern, Dampf, der aus U-Bahn-Gittern aufstieg, und dem ferne







