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Kapitel 5: Das Piano

Author: Cat Ink
last update publish date: 2026-09-15 01:32:03

POV: Catherine

Es ist einen Monat her, dass ich bei Cooper bin.

Einen ganzen Monat. Dreißig Tage in diesem goldenen Käfig. Und ich habe Glück, ich kann nicht das Gegenteil behaupten. Nach den Blumen und dem Schmuck, den er mir an diesem Abend geschenkt hat, hat er versucht, sich mir zu nähern. Er wollte sanft sein, er wollte mich küssen. Und ich bin in Tränen ausgebrochen. Nicht leise geweint, sondern richtig geschluchzt, gepackt von blankem Horror, mein ganzer Körper hat gezittert. Ich konnte nicht anders.

Und da hat er aufgehört. Mitten in der Bewegung. Er hat mich losgelassen.

Er hat damals gesagt, dass er mich nie wieder ohne meine Zustimmung anfassen wird. Und er hat sein Wort bis heute gehalten. Ich habe sie ihm immer noch nicht gegeben. Kein einziges Mal.

Ich bin nicht mehr eingesperrt. Nicht mehr wirklich. Cooper hat mir erlaubt, rauszugehen und mich im Haus oder in der näheren Umgebung zu bewegen. Am Anfang waren seine Begleiter, diese zwei Schatten in schwarzen Anzügen, die mich nie aus den Augen lassen, unglaublich nervig. Jeder Schritt wurde beobachtet. Jetzt, nach einem Monat, habe ich mich sogar an ihre Anwesenheit gewöhnt. Sie sind einfach da, wie Möbelstücke. Stumme Wächter.

Einen Monat später überrascht mich Cooper wieder.

Ich gehe einfach nur spazieren, eine kleine Runde um das Haus, wie jeden Nachmittag. Die Luft ist frisch, der See glitzert. Ich will gerade um die Ecke biegen, als ich fast mit seinem weißen Sportwagen zusammenstoße, der gerade mit quietschenden Reifen auf das Grundstück fährt. Er steigt aus. Er hat ein breites Lächeln auf den Lippen, und in der Hand hält er einen wunderschönen Strauß roter Rosen. Schon wieder Rosen. Immer Rosen.

„Ich habe beschlossen, dass dir Blumen gute Laune machen werden“, sagt Damon mit einer sanften Stimme, die fast echt klingt.

„Danke“, sage ich leise und nehme den Strauß entgegen. Die Dornen wurden entfernt. Alles ist perfekt, steril perfekt.

„Ich habe gerade nachgedacht“, sagt er und legt dabei wie selbstverständlich einen Arm um meine Taille. Er zieht mich leicht an sich, zwingt mich, mit ihm zurück zum Haus zu gehen. Seine Berührung ist leicht, aber bestimmt. „Du musst dich doch zu Tode langweilen, ganz allein hier. Sag mir, was du gerne machst, und ich organisiere deine Zeit. Alles, was du willst.“

Ich sehe ihn überrascht an. Ist das ein echtes Angebot? Oder wieder ein Test?

„Piano“, sage ich mit leiser Stimme. Meine eigene Stimme kommt mir fremd vor. „Ich spiele gerne Piano.“

„Piano?“, seine Augen leuchten auf. „Wunderbar“, sagt er und lässt seine Hände wie früher durch meine Haare gleiten. Aber diesmal sanfter, er wartet auf meine Reaktion. „Willst du für mich spielen, Catherine?“

„Natürlich“, flüstere ich.

„Perfekt. Morgen hast du dein Piano.“

Er sagt es so, als würde er sagen: Morgen hast du ein neues Paar Schuhe. Als könnte man einfach so einen Flügel herbeizaubern.

Am nächsten Morgen wache ich durch eine leichte Berührung auf. Jemand streicht mit den Fingerspitzen ganz sanft über mein Gesicht. Über meine Wange, meine Schläfe.

Ich fahre erschrocken hoch, mein Herz rast.

„Guten Morgen, kleines Stück“, sagt Damon. Er sitzt auf der Bettkante, schon angezogen, und lächelt. Er sieht fast... glücklich aus.

„Guten Morgen“, murmle ich verschlafen und ziehe die Decke enger um mich.

„Das Piano ist da. Willst du für mich spielen?“

Ich ziehe mich schnell an, ein leichtes Kleid, und laufe nach unten. So schnell bin ich seit Wochen nicht mehr gelaufen. Als ich ins Wohnzimmer trete, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Ich kann nicht glauben, was ich sehe.

Mitten im Raum, wo gestern noch ein teurer Glastisch stand, thront jetzt ein weißer, makelloser Flügel. Ein Steinway. Er glänzt im Morgenlicht, das durch die riesigen Fenster fällt. Daneben steht ein Sessel mit einem kleinen Beistelltisch, auf dem ein Frühstück für zwei vorbereitet ist. Croissants, Obst, Kaffee. Alles für mich. Alles für diesen Moment.

„Was wirst du mir vorspielen?“, fragt Damon, der hinter mir steht. Er ist mir gefolgt.

„Vivaldi. Der Winter. Aus den Vier Jahreszeiten“, sage ich leise.

Ich setze mich an das Piano. Der Hocker ist perfekt eingestellt. Ich spiele seit meiner Kindheit. Seit ich fünf bin. Meine Mutter hat immer gesagt, ich hätte Talent. Instrumente haben die Macht, den Zustand der Seele zu übersetzen. Alles, was man nicht sagen kann, kann man spielen.

Für einen Moment vergesse ich, wo ich bin. Ich vergesse, dass ich eine Gefangene in diesem Haus bin. Ich vergesse Damon, die Wachen, die vergitterten Fenster. Meine Finger finden von selbst die Tasten. Die Musik beginnt leise, fast zögerlich, wie fallender Schnee, wie kalter Wind durch kahle Äste. Dann wird sie stärker, kraftvoller, stürmischer. Sie schwillt an. Wütend, verzweifelt, traurig. Es ist mein Winter. Mein kalter, endloser Winter.

Ich verliere mich völlig in der Musik. Ich spiele mit geschlossenen Augen.

Der Kontakt von männlichen Händen auf meinen Schultern reißt mich brutal in die Realität zurück. Hart, besitzergreifend. Meine Hände erstarren mitten auf den Tasten, ein schräger, dissonanter Ton hallt durch den Raum. Ich wirbele zu Cooper herum.

Er steht direkt hinter mir, viel zu nah. Seine Augen sind dunkel, fixiert auf meine Lippen.

Plötzlich küsst er mich mit Gewalt. Er packt mein Gesicht und presst seine Lippen auf meine. Ich erstarre völlig. Ich will das nicht. Ich will das nicht! Ich versuche, ihn wegzustoßen, meine Hände gegen seine Brust zu drücken, aber er hat es geahnt und blockiert meine Hände mit einer Hand, während die andere meinen Nacken festhält.

„Bitte“, flüstere ich gegen seine Lippen, als ich kurz Luft bekomme. Tränen schießen mir in die Augen.

In diesem Moment wird Damon durch ein schrilles Klingeln unterbrochen. Sein Handy. Er lässt mich nicht sofort los, er starrt mich noch eine Sekunde lang an, dann nimmt er mit einer Hand das Gespräch an, ohne mich loszulassen.

„Was? Ich warte schon seit einer Ewigkeit!“, erklärt er und starrt dabei auf das Display. Seine Stimme kippt sofort in pure Wut. „Wissen Sie, dass diese Lieferung für meinen neuen Club ist? Wissen Sie, dass diese Möbel mehr kosten als Ihr ganzes verdammtes Leben zusammen?“ – brüllt er ins Telefon.

Der Mann stößt mich plötzlich von sich weg, als wäre ich ein störendes Objekt. Ich rutsche vom Klavierhocker und falle auf die Knie. Hart auf den teuren Holzboden.

Ich hebe den Kopf und sehe, wie Damons Telefon im hohen Bogen durch das offene Fenster fliegt. Es fliegt weit, bis zum See hin und zerschellt mit einem leisen Knall in tausend Stücke.

Ich sollte besser gehen. Ich sollte aus seinem Blickfeld verschwinden, solange ich noch kann. Aber ich habe keine Zeit. Cooper wendet sich vom Fenster ab und sieht mich an. Seine Augen sind voller Zorn und etwas anderem, etwas, das ich nicht deuten kann.

Und ich knie immer noch vor ihm.

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