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Kapitel 2

Author: Lina
last update publish date: 2026-03-18 19:55:35

Der nächste Morgen fühlte sich an wie ein einziger, gigantischer Kater. Und das Schlimmste daran war, dass ich nicht einmal einen Tropfen Alkohol getrunken hatte. Mein Kopf dröhnte, mein Hals brannte, und als ich vorsichtig meine Jeans herunterzog, sah ich die dunklen Abdrücke von Etiennes Fingern an meinen Hüften.

*Er hat mich benutzt. Schon wieder.*

Ich starrte mein Spiegelbild an. Meine Augen waren gerötet, die Mascara verschmiert. Ich sah furchtbar aus. Ich sah genau so aus, wie ich mich fühlte: wie Müll, den man benutzt und weggeworfen hatte.

„Lilly? Bist du wach?“, Sophies Stimme drang gedämpft durch die Zimmertür.

Ich fuhr zusammen. Ich wollte niemanden sehen. Am allerwenigsten Sophie, die mich gestern Abend so entsetzt angesehen hatte.

„Ja, gleich!“, rief ich heiser zurück und sprang unter die Dusche. Ich schrubbte meine Haut, als könnte ich Etiennes Berührungen einfach wegwaschen. Als könnte ich das Gefühl seiner Lippen und die Kälte seiner Worte aus meinem Gedächtnis löschen. Aber es funktionierte nicht. Das Wasser spülte nur die Tränen weg, die mir unaufhaltsam über das Gesicht liefen.

Zehn Minuten später stand ich in der Küche und umklammerte eine Tasse Kaffee, als wäre sie mein einziger Halt im Leben. Sophie saß am Tisch und starrte mich an.

„Du siehst scheiße aus“, sagte sie unverblümt.

„Danke, Sophie. Das baut mich echt auf.“

Sie seufzte und stellte ihre eigene Tasse ab. „Lilly, wir müssen reden. Über gestern Abend. Und über Blackwell.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Da gibt es nichts zu reden. Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Einen Fehler?“, Sophie lachte bitter auf. „Du rennst diesem Kerl seit dem ersten Semester hinterher. Seit zwei Jahren beobachtest du ihn aus der Ferne, und jedes Mal, wenn er dich auch nur schief ansieht, vergisst du, wie man atmet. Er hat dich schon im ersten Jahr vor versammelter Mannschaft lächerlich gemacht, als du ihm helfen wolltest, erinnerst du dich nicht?“

Ich erinnerte mich nur zu gut. Etienne Blackwell hatte mich schon immer wie eine lästige Fliege behandelt – bis er mich gestern Abend gegen die Tür gedrückt hatte. Er hatte in diesen zwei Jahren nie ein nettes Wort für mich übrig gehabt, nie über seine Gefühle gesprochen, geschweige denn über die Frauen, die er vor mir zerstört hatte.

„Ich habe die Situation im Griff, Sophie.“

„Hast du nicht! Er ist ein herzloses Monster, Lilly. Er zerstört alles, was er anfasst. Und er wird dich zerstören, wenn du ihn lässt. Weißt du überhaupt, warum seine letzte Freundin die Uni geschmissen hat? Weil er sie psychisch fertig gemacht hat. Er spielt mit Menschen wie mit Spielzeug.“

Ich starrte in meine Kaffeetasse. Die Worte von Sophie hallten in meinem Kopf nach. Ich wusste, dass sie recht hatte. Etienne Blackwell war eine wandelnde Warnung, eine einzige riesige Red Flag. Aber mein Körper erinnerte sich immer noch an die Hitze seiner Haut an der Schlafzimmertür.

„Ich bin nicht wie sie, Sophie“, flüsterte ich, obwohl ich mir selbst nicht glaubte.

„Das haben sie alle gedacht, Lilly. Jedes einzelne Mädchen, das er in sein Bett gezerrt hat.“ Sophie trat einen Schritt näher und legte mir die Hand auf die Schulter. „Versprich mir, dass du ihm heute aus dem Weg gehst. Er ist Gift.“

Ich nickte, stellte die Tasse weg und schnappte mir meine Tasche. „Ich muss zur Vorlesung.“

Der Weg zum Campus der Saint Oswald University fühlte sich länger an als sonst. Jedes Mal, wenn ein schwarzer Wagen an mir vorbeifuhr, zog sich mein Magen zusammen. Ich hielt den Kopf gesenkt, die Kopfhörer tief in den Ohren, auch wenn keine Musik lief. Ich wollte nichts hören. Kein Tuscheln, kein Lachen.

Der Hörsaal für BWL war bereits fast voll, als ich reinkam. Der Geruch nach Kaffee und teurem Parfüm hing schwer in der Luft. Ich suchte mir einen Platz in der hintersten Reihe, im Schatten.

Und dann sah ich ihn.

Etienne Blackwell saß in der Mitte der ersten Reihe. Er trug schwarze Kleidung, die Ärmel seines Hemdes waren hochgekrempelt, sodass man die Tattoos auf seinen Unterarmen sehen konnte. Er lachte über irgendetwas, das sein Kumpel Ben ihm zuflüsterte. Er sah absolut perfekt aus. Unberührt. Als wäre die letzte Nacht für ihn nicht mehr gewesen als ein flüchtiger Gedanke, den man beim Aufwachen vergisst.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich starrte auf seinen Rücken und wartete. Wartete darauf, dass er sich umdrehte. Dass er spürte, dass ich im Raum war.

Er tat es nicht. Die gesamte Vorlesung über würdigte er mich keines Blickes. Er machte sich Notizen, tippte auf seinem Laptop und unterhielt sich in den Pausen mit den Leuten um ihn herum. Ich existierte für ihn nicht.

Nach neunzig Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, packte er seine Sachen. Ich beobachtete, wie er aufstand und mit seiner Clique zum Ausgang ging. Mein ganzer Körper spannte sich an. Er musste an meiner Reihe vorbei.

Als er auf meiner Höhe war, hielt ich den Atem an. Er war so nah, dass ich die Hitze seines Körpers spüren konnte.

Er sah mich an. Nur für eine Sekunde. Seine dunklen Augen waren absolut leer. Keine Reue, kein Verlangen, nicht einmal Hass. Nur kalte, tödliche Gleichgültigkeit. Er ging einfach weiter, ohne das Tempo zu drosseln.

„Lilly! Warte mal!“, rief jemand.

Ich wirbelte herum. Es war Ben. Er löste sich von der Gruppe und kam auf mich zu, während Etienne bereits im Flur verschwand, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Hey“, sagte Ben und strich sich verlegen durchs Haar. „Alles klar bei dir? Du siehst blass aus.“

„Mir geht’s gut, Ben. Was willst du?“

Er sah sich kurz um, um sicherzugehen, dass niemand zuhörte. Dann griff er in seine Tasche und holte etwas heraus. „Etienne wollte, dass ich dir das hier gebe.“

Er drückte mir einen zerknitterten Zettel in die Hand.

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