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Kapitel zwei

Author: Aria West
last update Petsa ng paglalathala: 2026-08-07 03:07:13

Das gleichmäßige Piepen der Monitore und der scharfe Geruch nach Desinfektionsmittel rissen Vivian langsam zurück ins Bewusstsein.

Sie öffnete die Augen und blinzelte gegen das grelle Licht der Leuchtstoffröhren. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war.

Dann kehrte alles zurück.

Die Scheidungspapiere.

Markus’ kalter Blick.

Seine Worte über ihren Vater.

Der Anruf aus dem Krankenhaus.

Vivian fuhr hoch.

„Dad …“

Ein stechender Schmerz zog durch ihren Arm. Erst jetzt bemerkte sie die Infusionsnadel in ihrer Vene. Ohne nachzudenken, riss sie sie heraus. Ein kleiner Blutstropfen quoll aus der Einstichstelle, doch Vivian achtete nicht darauf. Sie schwang die Beine über die Bettkante und zwang ihre wackeligen Knie, ihr Gewicht zu tragen.

Sie musste zu ihrem Vater.

Mehr zählte im Moment nicht.

Kaum hatte sie die Tür erreicht, kam eine Krankenschwester hastig auf sie zu.

„Frau Vance! Wo wollen Sie hin?“

„Zu meinem Vater.“ Vivian griff nach dem Türrahmen, als der Boden unter ihren Füßen leicht schwankte. „Jason Lloyd. Er wurde heute Nacht eingeliefert.“

„Sie können jetzt nicht einfach herumlaufen.“ Die Krankenschwester stellte sich ihr in den Weg. „Sie sind vor Erschöpfung zusammengebrochen. Ihr Kreislauf ist noch völlig instabil, und nach der Belastung der letzten Stunden brauchen Sie dringend Ruhe.“

Vivian versuchte, an ihr vorbeizukommen.

„Mir geht es gut.“

„Nein, tut es nicht. Und Ihrem Baby tut dieser Stress genauso wenig gut.“

Vivian blieb stehen.

Für einen Moment glaubte sie, sich verhört zu haben.

„Meinem … was?“

Die Krankenschwester blinzelte.

Vivian starrte sie an.

„Was haben Sie gerade gesagt?“

Jetzt veränderte sich der Gesichtsausdruck der Frau.

„Sie … wussten es noch nicht?“

Etwas Kaltes zog sich in Vivians Magen zusammen.

„Was soll ich wissen?“

Die Krankenschwester zögerte kurz, dann sprach sie deutlich sanfter.

„Bei Ihrer Aufnahme wurden routinemäßig Blutuntersuchungen gemacht. Der Schwangerschaftstest war positiv.“ Sie machte eine kleine Pause. „Sie sind schwanger, Frau Vance.“

Vivian hörte das Piepen der Monitore.

Sie war schwanger.

Ihre Hand glitt wie von selbst auf ihren Unterbauch.

„Nein …“

Das Wort war kaum hörbar.

Nicht weil sie der Krankenschwester widersprechen wollte.

Sondern weil ihr Verstand sich weigerte, die Bedeutung dieses einen Wortes zu erfassen.

Schwanger.

Nach drei Jahren Ehe.

Ausgerechnet jetzt.

Ausgerechnet in der Nacht, in der Markus ihr erklärt hatte, dass ihre gesamte Ehe nichts weiter als Teil seines Racheplans gewesen war.

Sie trug sein Kind.

„Geht es …“ Vivian musste schlucken, bevor sie weitersprechen konnte. „Geht es dem Baby gut?“

„Im Moment ja.“ Die Krankenschwester sah sie ernst an. „Aber Ihr Körper hat extrem auf den Stress reagiert. Die Schmerzen und der Kreislaufzusammenbruch waren ein deutliches Warnsignal. Sie sollten sich unbedingt schonen.“

Vivians Finger krampften sich leicht über ihrem Bauch zusammen.

„Ich werde Herrn Vance informieren“, fuhr die Krankenschwester fort und griff nach der Patientenakte.

„Nein!“ Vivians Stimme schnitt schärfer durch den stillen Raum, als beabsichtigt. Als sie den überraschten Blick der Krankenschwester bemerkte, mäßigte sie sofort ihren Ton. „Bitte … sagen Sie es ihm nicht. Ich möchte es ihm selbst sagen.“

Die Krankenschwester musterte ihr blasses Gesicht einen Moment lang, bevor sie widerwillig nickte. „Na gut. Aber Sie müssen sich wieder hinlegen.“

„Das werde ich, ich verspreche es“, log Vivian und stützte sich an der Wand ab. „Sagen Sie mir nur … wurde mein Vater hier aufgenommen? Jason Lloyd?“

Die Krankenschwester musterte sie lange, bevor sie schließlich widerwillig nickte.

„In Ordnung. Aber Sie müssen sich jetzt wieder hinlegen.“

„Das werde ich.“

Vivian wusste bereits, dass sie log.

Sie stützte sich an der Wand ab.

„Sagen Sie mir nur, ob mein Vater hier aufgenommen wurde. Jason Lloyd.“

„Herr Lloyd?“ Die Krankenschwester hielt kurz inne. „Ja. Block B, Station C. Aber Sie sollten wirklich nicht …“

Vivian wartete nicht auf den Rest.

Sie schlüpfte an ihr vorbei und ging auf den Flur hinaus.

Ihre Kehle war knochentrocken, ihr Kopf pochte im Takt ihres rasenden Pulses, und ein widerliches, leeres Gefühl krampfte sich in ihrem Magen zusammen – die Last, Markus’ Kind zu tragen, während ihre Welt um sie herum zusammenbrach.

Als sie endlich die Tür zur Station C aufstieß, stockte ihr der Atem. Jason lag fast verschluckt von dem riesigen Krankenhausbett da. Er wirkte kleiner, zerbrechlicher, als sie ihn je zuvor gesehen hatte. Drähte und Schläuche schlängelten sich über seine blasse Brust, angeschlossen an Maschinen, die in einem dunklen, unheilvollen Rhythmus summten. Er war die einzige Familie, die ihr geblieben war, nachdem ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben war.

„Es ist meine Schuld“, schrie eine Stimme in ihrem Kopf. „Hätte ich doch nur auf ihn gehört … hätte ich mich nicht gegen ihn gewehrt, um Markus zu heiraten …“

Eine Krankenschwester trat leise herein, um den Infusionsbeutel zu überprüfen. Vivian eilte auf sie zu, ihre Stimme heiser vor Angst. „Wie geht es ihm? Wird er wieder aufwachen? Bitte, sagen Sie mir, dass er wieder gesund wird.“

Die Krankenschwester überprüfte einen der Monitore, ihr Gesichtsausdruck blieb ernst. „Ihr Vater hat einen schweren Schlaganfall erlitten. Ein plötzlicher Blutdruckanstieg hat eine Hirnblutung verursacht. Er benötigt dringend einen neurochirurgischen Eingriff, um die Blutung zu stoppen und den Druck auf das Gehirn zu entlasten.“

„Dann operieren Sie ihn! Warum wird er nicht längst operiert?“

Die Krankenschwester zögerte kurz. „Wir warten noch auf die erforderliche Anzahlung“, sagte sie sanft und legte eine Hand auf Vivians zitternde Schulter. „Sobald die Zahlung eingegangen ist, steht das Operationsteam bereit.“

Kalter Schweiß lief Vivian den Nacken hinunter.

Ihre Konten waren gesperrt. Erst jetzt begriff sie, wie gründlich Markus alles vorbereitet hatte. Vor Monaten hatte er unter dem Vorwand einer Fusion ihr gesamtes Vermögen und die Unternehmensanteile ihres Vaters unter dem Dach von Vance Enterprise zusammengeführt.

Damals hatte Vivian keinen Grund gehabt, ihm zu misstrauen.

Er war schließlich ihr Ehemann gewesen.

Benommen nickte sie, ging zurück zum Bett und drückte noch einmal die regungslose Hand ihres Vaters.

„Halte durch“, flüsterte sie. „Bitte.“

Dann ließ sie seine Hand los und drehte sich um.

---

Zehn Minuten später stieg Vivian vor dem hoch aufragenden Glaswolkenkratzer von Vance Enterprise aus einem Taxi. Ihre Kleidung war zerknittert, ihr Gesicht kreidebleich, doch trotz der Erschöpfung war ihr Kopf plötzlich erschreckend klar.

Ihr Vater brauchte diese Operation.

Und Markus hatte Zugriff auf das Geld.

Vivian ging ohne anzuhalten durch die Lobby und nahm den privaten Aufzug direkt in die Führungsetage. Als sie schnurstracks auf die Flügeltüren von Markus’ Eckbüro zuging, sprang seine persönliche Assistentin hinter ihrem Schreibtisch auf und eilte ihr entgegen.

„Frau Vance, warten Sie … Sie dürfen da nicht rein!“, stammelte Sarah und stellte sich vor die Tür. „Herr Vance hat ausdrücklich angeordnet, dass ihn niemand stören darf. Absolut niemand.“

„Aus dem Weg, Sarah.“

Vivians Stimme war beunruhigend leise.

„Bitte, Frau Vance. Wenn ich Sie hineinlasse, verliere ich meinen Job.“

„Ich bin nach wie vor Gesellschafterin und rechtmäßige Miteigentümerin dieses Unternehmens, solange ein Gericht nichts anderes entschieden hat.“ Vivian trat dicht vor sie. Trotz ihrer blassen, erschöpften Erscheinung lag eine Entschlossenheit in ihrem Blick, die Sarah sichtbar verunsicherte. „Also treten Sie zur Seite. Oder ich lasse den Sicherheitsdienst diese Etage noch vor Ablauf der Stunde räumen.“

Sarah zögerte, bleich und unsicher.

Vivian wartete nicht.

Sie schob sich an ihr vorbei, umfasste den schweren Messinggriff und riss die Tür auf.

Der Anblick dahinter zerstörte den letzten Rest ihrer Fassung.

Cassandra war über den massiven Mahagonischreibtisch gebeugt, ihr Rock bis zur Taille hochgeschoben. Hinter ihr stand Markus, beide Hände um ihre Hüften gelegt, während raue, atemlose Laute den Raum erfüllten.

Vivian wurde übel.

Der schwere Duft von Cassandras Parfüm hing in der Luft, süßlich und beinahe erdrückend. Ihr Blick verschwamm, und eine heftige Welle der Übelkeit überrollte sie so plötzlich, dass sie sich am Türrahmen festhalten musste, damit ihre Knie nicht nachgaben.

Markus fuhr herum.

Entsetzen huschte über sein Gesicht. Als sein Blick auf Vivians kreidebleiches, schweißglänzendes Gesicht und das Krankenhausarmband an ihrem Handgelenk fiel, folgte für einen flüchtigen Moment etwas, das beinahe wie Panik aussah.

Seine Haltung wurde weicher.

Nur für einen Augenblick erinnerte er sie an den Mann, der sie früher in den Armen gehalten hatte, wenn sie nachts aus einem Albtraum hochgeschreckt war.

Dann verschwand dieser Ausdruck wieder.

Sein Gesicht wurde kalt. Markus richtete seine Kleidung und zog den Reißverschluss seiner Hose mit einer kurzen, mechanischen Bewegung hoch.

Cassandra zog hastig ihren Rock herunter. Im nächsten Augenblick lag bereits ein einstudierter, tränenreicher Ausdruck auf ihrem Gesicht.

„Vivian … oh Gott, versteh das nicht falsch! Es war meine Schuld. Ich habe ihn verführt … Markus wollte das eigentlich gar nicht.“

„Spar dir das, Cassandra“, brachte Vivian heiser hervor. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, um das Zittern ihrer Finger zu verbergen. Sie konnte es sich nicht leisten, jetzt zusammenzubrechen. „Raus hier.“

Cassandra warf Markus einen flehenden Blick zu, doch er nickte nur in Richtung Tür.

„Warte draußen.“

Als Cassandra an Vivian vorbeiging, huschte ein kurzes, triumphierendes Lächeln über ihre Lippen. Es verschwand, noch bevor sie den Flur erreicht hatte.

Die schwere Tür fiel hinter ihr ins Schloss und ließ Vivian allein mit ihrem Mann zurück.

„Was machst du hier, Vivian?“ Markus trat um seinen Schreibtisch herum, lehnte sich dagegen und rückte seine Manschetten zurecht, als wäre er nicht gerade dabei erwischt worden, seine Frau zu betrügen. Sein Blick fiel erneut auf das Krankenhausarmband an ihrem Handgelenk. „Du solltest in einem Krankenhausbett liegen.“

Vivian zwang den Kloß in ihrer Kehle hinunter. Sie war nicht hier, um mit ihm über Cassandra zu streiten.

„Mein Vater braucht eine Notoperation am Gehirn. Er hat eine Hirnblutung, und das Krankenhaus beginnt erst mit der Operation, wenn die Anzahlung geleistet wurde.“ Sie sah Markus fest an. „Überweise den Betrag aus den Dividenden meiner Aktien.“

Markus lachte trocken und humorlos.

„Du willst, dass ich mein Geld dafür ausgebe, das Leben des Mannes zu retten, der meine Eltern ermordet hat?“

„Er ist kein Mörder!“, fuhr Vivian auf. Sie trat einen Schritt vor, ihr Brustkorb hob und senkte sich heftig. „Er hat dich behandelt wie seinen eigenen Sohn! Hör auf, einen tragischen Unfall als Vorwand zu benutzen, um ihn zu zerstören!“

„Ein Unfall?“

Markus’ dunkle Augen blitzten eisig auf. Mit wenigen Schritten stand er dicht vor ihr, sodass Vivian instinktiv zurückwich.

„Dein Vater hat die Bremsleitungen am Wagen meines Vaters manipulieren lassen, um seinen größten Konkurrenten auf dem Immobilienmarkt loszuwerden.“ Die mühsam unterdrückte Wut in seiner Stimme wurde mit jedem Wort deutlicher. „Ich war fünfzehn, Vivian. Fünfzehn Jahre alt und plötzlich Waise. Danach habe ich jahrelang versucht, mein Leben wieder zusammenzusetzen – alles wegen der Gier deines Vaters.“

„Das ist eine Lüge!“

Endlich liefen Vivian die Tränen über die Wangen, heiß und bitter auf ihrer kalten Haut.

„Mein Vater würde so etwas niemals tun.“

„Du kennst ihn nicht so gut, wie du glaubst.“

Vivian schüttelte den Kopf. Im Moment spielte es keine Rolle, wie oft Markus diese Anschuldigung wiederholte. Ihr Vater lag im Krankenhaus, und jede Minute, die sie hier verschwendete, konnte über sein Leben entscheiden.

„Hör mir zu, Markus … bitte.“ Ihre Stimme brach leicht. „Wenn du in diesen drei Jahren irgendwann auch nur einen Funken echter Zuneigung für mich empfunden hast, dann hilf ihm dieses eine Mal.“

Markus sagte nichts.

„Nimm meine Anteile. Nimm das Haus, die Immobilien, alles.“ Vivian sah ihn durch ihre Tränen an. „Ich unterschreibe die Scheidungspapiere noch heute. Du bekommst, was du willst. Überweis einfach die Anzahlung, damit mein Vater operiert werden kann und lange genug lebt, um seinen Namen reinzuwaschen.“

Sie senkte den Kopf und faltete die Hände vor sich.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie geglaubt, einmal so vor Markus stehen zu müssen.

„Ich flehe dich an.“

Markus blickte auf sie herab.

Auf ihre zitternden Schultern, ihre hohlen Augen und das blasse Gesicht, auf dem die Spuren der vergangenen Stunden deutlich zu sehen waren. Sein Kiefer spannte sich an, und ein Muskel zuckte heftig in seiner Wange.

Die Stille zwischen ihnen zog sich quälend in die Länge.

Markus antwortete nicht.

Doch er sagte auch nicht Nein.

Vor der nur angelehnten Tür stand Cassandra im Schatten des Flurs und beobachtete ihn. Ihre Augen verengten sich, als sie das Zögern in seinem Gesicht bemerkte.

Langsam griff sie in ihre Handtasche, zog ein kleines verschlüsseltes Wegwerfhandy hervor und drückte die Kurzwahltaste. Ein kaltes Lächeln huschte über ihre Lippen.

Beim dritten Klingeln meldete sich am anderen Ende eine tiefe, raue Stimme.

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