ANMELDENDas Erste, was Lola bemerkte, als sie die Augen öffnete, war die Stille. Nicht die gewöhnliche Stille eines leeren Zimmers, sondern etwas Tieferes. Etwas Beängstigendes. Sie konnte das gleichmäßige Piepen der Geräte neben ihrem Bett hören. Sie hörte Schritte auf dem Krankenhausflur und das leise Gespräch der Krankenschwestern vor ihrer Tür. Doch als sie versuchte zu sprechen, kam kein einziger Laut über ihre Lippen. Ihre Kehle verkrampfte sich. Sie versuchte es erneut. Nichts. Panik stieg in ihr auf. Sie hob die Hand zu ihrem Hals und suchte verzweifelt nach einer Erklärung, die nicht so schrecklich sein würde. Eine Krankenschwester bemerkte ihre Bewegung und eilte zu ihrem Bett. „Miss Anderson, bitte überanstrengen Sie sich nicht. Sie sind in Sicherheit.“ Lola starrte sie an. In Sicherheit? Wie konnte sie in Sicherheit sein, wenn sie nicht einmal fragen konnte, was passiert war? Die Krankenschwester richtete ihr Kissen und überprüfte den Monitor. „Ihr Vater wartet drau
Der Morgen begann mit einem seltsamen Gefühl in Lolas Herzen. Sie hatte kaum geschlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, erinnerte sie sich an den Gesichtsausdruck ihres Vaters im alten Familienhaus. Er hatte verängstigt gewirkt. Nicht aus Angst, das Unternehmen zu verlieren. Nicht aus Angst vor Victoria oder Damon. Er hatte Angst davor gehabt, was sie herausfinden könnte. Lola saß an ihrem Schminktisch und las die Nachricht, die sie von Mrs. Harrison erhalten hatte. Mrs. Harrison: Miss Anderson, ich habe für heute Nachmittag einen Termin für Sie in unserer Kanzlei vereinbart. Bitte bringen Sie alle Dokumente mit, die mit dem Nachlass Ihrer Mutter in Verbindung stehen. Lola antwortete sofort. Vielen Dank. Ich werde da sein. Sie legte ihr Handy beiseite und betrachtete das Foto ihrer Mutter. „Mama, ich wünschte, du könntest mir sagen, was ich tun soll.“ Für einen Moment stellte sie sich die Stimme ihrer Mutter vor, die sie daran erinnerte, mutig zu sein.
Lola schlief nicht mehr, nachdem James das Gespräch beendet hatte. Sie saß neben ihrem Schlafzimmerfenster und starrte auf die Lichter außerhalb der Villa. Ihr Vater hatte das Paket abgeholt. Das Originaltestament befand sich in seinem Besitz, und trotzdem hatte er ihr direkt in die Augen gesehen und behauptet, die Angelegenheiten ihrer Mutter seien bereits geregelt. Warum verheimlichte er ihr etwas so Wichtiges? Sie nahm ihr Handy und rief James erneut an. Es klingelte mehrmals, bevor er abnahm. „Miss Lola, Sie sollten mich nicht anrufen.“ „James, bitte. Ich muss etwas verstehen.“ „Ich weiß, aber wir sollten vorerst keinen Kontakt mehr haben.“ „Haben Sie gesagt, mein Vater hätte das Paket letzte Woche abgeholt?“ „Ja. Das Lagerunternehmen hat es bestätigt.“ „Hat er persönlich dafür unterschrieben?“ „Jemand hat es in seinem Auftrag abgeholt, aber die Vollmacht lief auf den Namen Ihres Vaters.“ Lola schloss die Augen. „Wohin wurde es gebracht?“ „Das konnte ich nicht her
Lola hatte in der Nacht vor ihrem Treffen mit James kaum geschlafen. Der Brief ihrer Mutter lag auf dem Nachttisch, und ihre Worte wiederholten sich immer wieder in ihrem Kopf. Unterschreibe niemals etwas, nur weil dir jemand sagt, es sei zu deinem Besten. Lies jedes Dokument. Stelle Fragen. Schütze das, was dir gehört. Jahrelang hatte Lola geglaubt, dass ihr Vater ihr ihr Erbe erklären würde, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen wäre. Sie hätte sich niemals vorstellen können, dass sie ihre eigene Familie untersuchen müsste, um herauszufinden, was ihr gehörte. Doch jetzt war alles anders. Damon und Victoria verheimlichten etwas. Ihr Vater weigerte sich, einfache Fragen zu beantworten, und James, der seit Jahren an Richards Seite arbeitete, schien Angst davor zu haben, offen zu sprechen. Lola überprüfte die Uhrzeit. Es war gerade einmal sieben Uhr morgens. Sie stand auf, wusch sich das Gesicht und öffnete ihren Kleiderschrank. Sie entschied sich für eine schlichte cremefarbe
Lola nahm Damons Anruf nicht entgegen. Sie saß auf der Bettkante und starrte auf die weißen Rosen, die er in die Villa hatte bringen lassen. Eine Haushälterin hatte sie in einer Glasvase vor Lolas Schlafzimmer gestellt, nachdem Damon darauf bestanden hatte, dass sie ihr übergeben wurden. Sie waren wunderschön. Gleichzeitig erinnerten sie Lola daran, wie leicht Damon so tun konnte, als wäre alles ganz normal. Fast drei Jahre lang war Damon außerhalb ihrer Familie der Mensch gewesen, dem sie am meisten vertraut hatte. Er hatte sich ihre Sorgen angehört, ihre Erfolge gefeiert und ihr versprochen, ihr niemals einen Grund zu geben, an ihm zu zweifeln. Jetzt fühlte sich jede Erinnerung wie eine Frage an. Hatte er das alles jemals ernst gemeint? Ihr Handy vibrierte erneut. Damon: Lola, bitte. Mach es nicht so schwierig. Sie las die Nachricht und sperrte ihr Handy. Es klopfte an der Tür. „Miss Lola?“ Es war die Haushälterin, Mrs. Grace. „Kommen Sie herein.“ Die ältere Frau trat
Die Nachricht wollte Lola einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sieh im alten Büro im Arbeitszimmer deines Vaters nach. Suche nach einer blauen Mappe. Sie hatte sie so oft gelesen, dass sie die Stimme des Fremden in ihrem Kopf beinahe hören konnte. Wer auch immer diese Nachricht geschickt hatte, wusste etwas über die Familie Anderson. Etwas so Wichtiges, dass er bereit war, anonyme Warnungen zu verschicken. Aber warum sollte jemand sie ausgerechnet in das private Arbeitszimmer ihres Vaters schicken? Und warum war diese blaue Mappe so wichtig? Lola stand vor dem Spiegel und trug noch immer das Kleid von der Familienfeier. Ihre Geburtstagsfeier war bereits vor Stunden zu Ende gegangen, doch an Schlaf war nicht zu denken. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, erinnerte sie sich daran, wie Damon Victoria angesehen hatte. Es war nicht der Blick eines Mannes, der mit der Schwester seiner Freundin sprach. Es war etwas anderes. Sie nahm ihr Handy und öffnete das Foto, das sie zuvor







