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Der Mann vor meiner Tür

作者: Nur
last update 公開日: 2026-10-18 09:50:05

Kapitel 4: Der Mann vor meiner Tür

Niemand sprach mehrere Sekunden lang.

Dann schob Gianna ihren Stuhl so hart zurück, dass er umkippte. „Dieses Tier. Dieses widerliche alte Tier. Bei einer Hochzeit."

„Setz dich hin, Gianna", sagte Dante leise.

„Ich setze mich nicht hin. Er hat deiner Braut am Hochzeitstag den Ring eines Toten geschickt..."

„Setz dich hin."

Seine Stimme wurde nicht lauter. Das musste sie nicht. Gianna setzte sich, die Wangen flammend rot.

Isabella konnte den Blick nicht von dem Ring abwenden. Sie erinnerte sich an die Nacht, in der Julian ihr einen Antrag gemacht hatte, kniend auf der Terrasse des Plaza, während ein Geiger spielte und Fremde klatschten. Er hatte ihr den Diamanten gegeben und den passenden Ring an einer Kette behalten. Für Glück, hatte er gesagt, lachend. Bis zu dem Tag, an dem ich ihn richtig tragen kann.

Er hatte ihn getragen, als er starb. Sie hatte die Kette an ihrem Handgelenk gespürt, als sie ihre Hände auf seine Brust presste.

„Jemand hat ihn von seinem Körper genommen", sagte sie. Ihre Stimme klang seltsam für sie, flach und sehr ruhig. „Nachdem er starb. Bevor die Polizei kam."

Dante sah sie scharf an.

„Die Kette war unter seinem Hemd", fuhr Isabella fort. „Ich spürte sie, als ich ihn hielt. Jemand musste sich neben ihn knien und sie nehmen. Im Dunkeln. Mit der Polizei auf dem Weg." Sie hob die Augen. „Oder jemand hat sie danach aus der Gerichtsmedizin genommen."

Matteo stellte sein Weinglas langsam ab. „Sie hat recht, Dante. Entweder hatte Vitale einen Mann in diesem Ballsaal, der zurückblieb, nachdem die anderen flohen, oder er hat jemanden im Büro des Gerichtsmediziners."

„Oder beides", sagte Marco von der Türöffnung.

Dante schloss den Deckel der Schachtel. Er tat es sanft, fast respektvoll, als läge Julian selbst darin. Dann reichte er sie Marco.

„Finde heraus, welches", sagte er. „Heute Nacht."

Marco ging. Das Abendessen wurde nicht fortgesetzt. Rosa räumte die Teller in Stille ab. Gianna küsste Isabella auf beide Wangen, flüsterte, dass es ihr leidtue, und ging mit feuchten Augen nach oben. Matteo blieb am Tisch, dann erhob er sich und legte eine warme Hand auf Isabellas Schulter.

„Er kann dich hier nicht erreichen", sagte er leise. „Denk daran. Carlo Vitale ist ein alter Mann, der gerne Menschen Angst macht, weil das alles ist, was ihm geblieben ist. Diese Mauern stehen seit neunzig Jahren. Niemand ist je durch sie gekommen."

„Danke, Matteo."

„Schlaf etwas, cara." Er lächelte Dante über ihren Kopf hinweg an. „Und du, versuch, deine Frau nicht mehr zu erschrecken, als die Vitales es bereits getan haben."

Dann war er fort, und Isabella war allein mit ihrem Ehemann im kerzenbeleuchteten Speisesaal.

Ihr Ehemann. Das Wort fühlte sich wie ein Stein in ihrem Mund an.

Dante stand am Fenster mit dem Rücken zu ihr und sah hinaus auf das dunkle Wasser. Er hatte seine Krawatte gelockert. Im Glas konnte sie die schwache Spiegelung seines Gesichts sehen, und es sah älter aus als am Altar.

„Ich bringe dich zu deinem Zimmer", sagte er, ohne sich umzudrehen.

„Ich finde es selbst."

„Ich weiß, dass du das kannst. Ich bringe dich trotzdem."

Sie gingen die geschwungene Treppe Seite an Seite hinauf, ohne sich zu berühren. Das Haus war sehr still. Irgendwo schlug eine Uhr elf. Am Ende des Flurs im zweiten Stock blieb er vor dem blauen Zimmer stehen und öffnete ihr die Tür.

„Mein Zimmer ist gegenüber", sagte er. „Wenn du etwas brauchst, klopf."

„Werde ich nicht."

„Dann nicht." Er hielt inne. „Schließ deine Tür ab."

„Gegen wen? Ich dachte, diese Mauern stehen seit neunzig Jahren."

„Das tun sie." Seine grauen Augen hielten ihre. „Schließ sie trotzdem ab."

Sie ging hinein, schloss die Tür und drehte den Schlüssel mit einem lauten, absichtlichen Klicken, damit er es hörte.

Dann lehnte sie sich gegen die Tür und rutschte daran hinunter, bis sie in ihrem grünen Seidenkleid auf dem Boden saß, und ließ sich zittern.

Sie weinte nicht. Das hatte sie beschlossen. Aber sie saß lange dort, die Arme um die Knie, drehte den schweren Goldring an ihrem Finger, während das Haus um sie herum zur Ruhe kam und knarrte.

Es war nach ein Uhr morgens, als sie sich endlich in die Baumwollpyjamas umzog, in das riesige Bett kroch und an die Decke starrte. Der Schlaf wollte nicht kommen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie den roten Punkt auf Julians Brust. Sie sah das Blut auf der weißen Rose. Sie sah sechs Worte in eleganter Handschrift.

Dein Vater ist der Nächste. Dann du.

Um zwei gab sie auf. Sie stand auf und durchsuchte das Zimmer nach etwas, womit sie ihre Hände beschäftigen konnte. Auf dem Schreibtisch am Fenster fand sie einen Stapel Dinge, die Gianna dagelassen haben musste: ein paar Taschenbücher, eine Schachtel Pralinen und ein Skizzenbuch mit einem Pack Kohlezeichner.

Isabellas Kehle zog sich zusammen. Sie hatte immer gezeichnet, wenn sie nicht schlafen konnte. Ihr eigenes Skizzenbuch lag in ihrem Schlafzimmer in Rye, hinter Polizeiabsperrband, in einem Haus, das nicht mehr zu ihrem Leben gehörte. Irgendwie hatte Gianna es gewusst.

Sie setzte sich ans Fenster und begann ohne nachzudenken zu zeichnen. Die Linie der Küste. Die schwarzen Eichen. Die Steinkapelle auf ihrem Hügel, klein und einsam in der Dunkelheit.

Irgendwann gegen drei hörte sie etwas draußen vor ihrer Tür.

Ein leises Knarren. Eine Gewichtsverlagerung.

Jeder Nerv in ihrem Körper spannte sich an. Sie legte den Stift hin, durchquerte den Raum lautlos und presste ihr Ohr an das Holz.

Atmen. Langsam und gleichmäßig. Jemand war direkt draußen.

Dein Vater ist der Nächste. Dann du.

Auf der Kommode stand ein schwerer Messingkerzenständer. Sie nahm ihn, packte ihn wie einen Schläger, und mit der anderen Hand drehte sie ganz langsam den Schlüssel und öffnete die Tür einen Spalt.

Dante Moretti saß auf einem Holzstuhl im Flur, direkt gegenüber ihrer Tür.

Er hatte Jacke und Krawatte ausgezogen. Sein weißes Hemd war am Hals offen. Eine Pistole lag locker in seiner Hand auf seinem Knie. Sein Kopf lehnte gegen die Wand, aber seine Augen waren offen, und sie wandten sich ihr zu, in dem Moment, als sich die Tür bewegte.

Er sah den Kerzenständer an. Dann ihr Gesicht.

„Willst du mich damit schlagen?", sagte er.

Isabella senkte ihn langsam, fühlte sich lächerlich. „Was machst du?"

„Sitzen."

„Vor meiner Tür. Um drei Uhr morgens. Mit einer Waffe."

„Es ist ein sehr bequemer Stuhl." Er bewegte sich nicht. „Geh zurück ins Bett, Isabella."

„Geht es um die Nachricht?"

Er war einen Moment still. „Es geht um einen Mann, der einem Toten in einem Raum voller Rauch und Schüssen einen Ring vom Körper genommen und das Ganze ungesehen verlassen hat. So ein Mann ist vorsichtig und geduldig. Ich möchte, dass er geduldig irgendwo anders ist als in deinem Schlafzimmer."

„Du hast gesagt, niemand ist je durch diese Mauern gekommen."

„Matteo hat das gesagt." Dantes Blick wich nicht. „Matteo ist ein Optimist."

Sie stand in der Türöffnung in ihren Pyjamas, einen Kerzenständer in der Hand, und sah auf den gefährlichsten Mann New Yorks hinunter, der wie ein Hund an einem Tor Wache über sie hielt. Etwas in ihrer Brust drehte sich, und es gefiel ihr überhaupt nicht.

„Wie lange sitzt du schon hier draußen?"

„Seit du die Tür abgeschlossen hast."

Vier Stunden. Er hatte vier Stunden in diesem Stuhl gesessen.

„Warum?", fragte sie.

„Du bist meine Frau."

„Ich bin dein Druckmittel."

„Du bist beides." Er sah endlich von ihr weg, hinunter auf die Waffe auf seinem Knie. „Heute Nacht bist du nur das Erste. Geh ins Bett."

Sie hätte die Tür schließen sollen. Sie wusste es. Stattdessen hörte sie sich sagen: „Ich kann nicht schlafen."

„Dann zeichne."

Sie erstarrte. „Woher weißt du, dass ich zeichne?"

Sein Kiefer bewegte sich. Für eine seltsame Sekunde sah er aus wie ein Mann, der etwas gesagt hatte, das er nicht hätte sagen sollen. Dann glättete sich sein Gesicht.

„Du hast Kohle an den Fingern", sagte er. „Und an der Wange."

Isabella rieb ihre Wange. Ihre Hand kam grau zurück. Hitze stieg ihr den Hals hinauf.

„Gute Nacht, Mr. Moretti."

„Gute Nacht, Mrs. Moretti."

Sie schloss die Tür. Sie schloss sie ab. Und dann ging sie aus Gründen, die sie sich weigerte zu untersuchen, zurück zum Fenster, schlug eine leere Seite im Skizzenbuch auf und zeichnete einen Mann auf einem Holzstuhl mit einer Waffe auf dem Knie und zurückgelehntem Kopf gegen eine Wand, der über etwas wachte, von dem er nicht wollte, dass jemand wusste, dass es ihm etwas bedeutete.

Sie schlief irgendwann vor dem Morgengrauen ein, das Skizzenbuch offen auf ihrem Schoß.

Als sie aufwachte, strömte Sonnenlicht durch das Fenster, und der Stuhl im Flur war leer.

Das Frühstück wurde auf einer verglasten Terrasse mit Blick auf den Sound serviert. Der Morgen war hell und kalt, und das Wasser funkelte wie gehämmertes Silber. Rosa hatte Kaffee, Eier, frisches Brot und Obst herausgestellt und eine Vase mit gelben Tulpen. Keine Rosen, bemerkte Isabella. Jemand hatte dafür gesorgt, dass nirgendwo im Haus Rosen waren.

Matteo war bereits dort mit einer Zeitung und einer Tasse Espresso. Er erhob sich, als sie hereinkam, als wäre sie von königlichem Geblüt.

„Guten Morgen, Signora Moretti. Hast du geschlafen?"

„Ein wenig."

„Ein wenig ist mehr als nichts." Er zog ihr einen Stuhl heraus. „Dante ist früh in die Stadt gefahren. Geschäftliches. Er hat mich gebeten, dir zu sagen, dass er heute Abend zurück ist und dass du dich frei auf dem gesamten Anwesen bewegen kannst, wo immer du möchtest. Die Bibliothek ist wunderbar. Die Gärten sind besser. Marco wird dir jemanden zuweisen, der in respektvoller Entfernung folgt."

„In respektvoller Entfernung", wiederholte Isabella.

Matteo lachte. „Dantes Vorstellung von Respekt sind zwanzig Fuß statt zehn. Du wirst dich daran gewöhnen." Er goss ihr selbst Kaffee ein und schob ihr die Sahne hin. „Darf ich dir etwas sagen, cara? Ich kenne ihn sein ganzes Leben. Ich habe ihn bei seiner Taufe gehalten. Er ist kein einfacher Mann, aber er ist ein gerechter. Was auch immer er getan hat, um dich hierher zu bringen, er tat es, weil er glaubte, es sei der einzige Weg, dich am Leben zu halten."

„Du klingst sehr sicher."

„Ich bin sehr sicher." Matteos Augen lächelten warm. Dann wanderten sie zu ihrer Kehle, und sein Ausdruck veränderte sich. Er wurde weich, fast wehmütig.

„Dieses Medaillon", sagte er. „Darf ich?"

Isabellas Hand hob sich instinktiv, um es zu bedecken. „Es war das meiner Mutter."

„Ja. Ich dachte es mir." Er lächelte. „Ich habe sie einmal getroffen, vor Jahren. Bei einer Wohltätigkeitsauktion im Met. Dein Vater hatte sie mitgebracht. Sie trug dieses Medaillon zu einem blauen Kleid, und sie lachte lauter als jeder andere im Raum. Ich erinnere mich, dass ich dachte, Richard Hart sei ein sehr glücklicher Mann." Er seufzte. „Es tat mir so leid, von dem Unfall zu hören."

„Du kanntest meinen Vater?"

„Jeder in unserer Welt kannte deinen Vater, cara. Er war der Mann, dem wir unser Geld anvertrauten." Ein Schatten glitt über Matteos Gesicht. „Ich nehme an, das war unser Fehler."

Er hob wieder seine Zeitung. Isabella saß ganz still, die Hand über dem Medaillon.

Es war eine freundliche Sache zu sagen. Es war eine warme und traurige Erinnerung. Warum also prickelte es in ihrem Nacken?

Sie beendete ihren Kaffee in Stille. Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, lag eine kleine weiße Schachtel auf ihrem Bett, mit einem schlichten schwarzen Band gebunden. Eine Karte darauf, in kräftiger, schräger Handschrift, die sie noch nie gesehen hatte und doch irgendwie erkannte.

Wie vereinbart. Du siehst, was ich sehe. D.

Drinnen war ein brandneues Telefon. Bereits aufgeladen. Ein Zettel auf dem Bildschirm klebte und listete ein Passwort und drei in den Kontakten gespeicherte Nummern auf. Dante. Gianna. Marco.

Also hatte er sein Wort gehalten. Eine Bedingung, erfüllt. Sie schaltete das Telefon ein und spürte, wie etwas wie Freiheit zum ersten Mal seit zwei Tagen in ihrer Brust flackerte.

Sie hatte es kaum entsperrt, als es in ihrer Hand summte.

Eine Textnachricht. Von einer Nummer, die nicht gespeichert war. Eine Nummer, die sie nicht kannte.

Das Telefon war weniger als eine Minute in ihrem Besitz gewesen. Niemand hätte diese Nummer haben dürfen. Niemand außer dem Mann, der es gekauft hatte.

Sie öffnete die Nachricht.

Vertraue niemandem in diesem Haus, Bella. Nicht einmal denen, die lächeln. Es tut mir leid. Ich erkläre alles bald. Lösch das. Dad.

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