LOGINIn der Nacht ihrer Verlobungsfeier sieht Isabella Hart ihren Verlobten in einem Hagel aus Glas und Kugeln sterben. Mitternacht ist ihr Vater mit vierzig Millionen Dollar verschwunden, die nie ihm gehört haben, und der gefürchtetste Mann New Yorks steht mit rauchendem Revolver über ihr. Dante Moretti ist nicht gekommen, um sie zu retten. Er ist gekommen, um sie einzukassieren. Ihr Vater hat die Moretti-Familie bestohlen und ist mit einem Ledger geflohen, das fünf Verbrecherfamilien zu Fall bringen könnte. Jede von ihnen will Isabella als Köder. Dante bietet ihr nur einen einzigen Weg zu überleben: seine Frau zu werden, seinen Namen zu tragen und unter seinem Schutz zu leben. Lehnt sie ab, geht sie allein hinaus in eine Stadt voller Männer, die sie tot sehen wollen. Isabella sagt Ja. Und sie schwört, ihren Vater zu finden, den Vertrag zu brechen und innerhalb eines Jahres frei von Dante Moretti zu sein. Doch je tiefer sie gräbt, desto mehr verdreht sich die Wahrheit. Ein Verräter versteckt sich in Dantes eigenem Haus. Ein ermordeter Bruder hat ein Geheimnis hinterlassen. Ihr Vater ist vielleicht nicht der Schurke, für den alle ihn halten. Und ihr kalter, besitzergreifender Ehemann hütet ein Geständnis, das sie beide zerstören könnte: Er kannte Isabella Hart lange vor der Nacht, in der er kam, um sie zu holen. Sie heiratete ihn, um zu überleben. Jetzt muss sie entscheiden, ob der Mann, der sie beansprucht hat, derjenige ist, der sie retten wird – oder derjenige, der ihren Untergang von Anfang an geplant hat.
View MoreKapitel 1: Blut auf weißen Rosen
Isabella Hart lächelte seit drei Stunden, und ihr Gesicht begann zu schmerzen.
Der Ballsaal des Anwesens ihres Vaters in Rye glitzerte wie das Innere einer Schmuckschatulle. Kristallleuchter ließen Licht über zweihundert Gäste in Seide und Abendgarderobe tropfen. Weiße Rosen erklommen jede Säule, quollen aus silbernen Urnen und schwebten im Springbrunnen neben den Terrassentüren. Ihr Vater hatte viertausend davon bestellt. Isabella hatte die Rechnung letzte Woche in seinem Arbeitszimmer gezählt, denn Zählen war das, was sie tat, wenn sie nervös war.
„Du siehst aus, als würdest du eine Flucht planen", murmelte Julian an ihrem Ohr.
Sie drehte sich um und sah, wie ihr Verlobter sie mit diesem leichten, gutaussehenden Grinsen beobachtete, das andere Frauen seufzen ließ. Julian Whitmore war neunundzwanzig, groß und golden, Erbe der drittgrößten Reederei an der Ostküste. Er war freundlich zu Kellnern. Er erinnerte sich an ihren Geburtstag. Er hatte nie einmal die Stimme erhoben.
Sie liebte ihn nicht.
„Ich plane eine Route zum Desserttisch", sagte sie. „Das ist ein Unterschied."
„Ist das so?" Er lachte und hob ihre linke Hand, wo ein blasser Diamant das Licht fing. „Noch sechs Wochen, Isabella. Dann sind es nur noch du und ich, ein Haus in Connecticut, und keine Partys mehr, die dein Vater wie Militäroperationen plant."
Noch sechs Wochen. Dann würde sie dieses Haus endlich verlassen. Das war der Handel, den sie mit sich selbst geschlossen hatte. Nicht Liebe, sondern eine Tür.
„Ich werde dich beim Punkt mit den keine-Partys-mehr beim Wort nehmen", sagte sie, und er drückte ihre Hand, bevor ein Geschäftspartner ihn wegzog.
Isabella ließ das Lächeln für einen einzigen Atemzug fallen. Auf der anderen Seite des Raumes, nahe den hohen Fenstern, stand ihr Vater mit einem Glas Whiskey, das er nicht berührt hatte. Richard Hart war sechsundfünfzig, silbern an den Schläfen, ein Mann, der Macht wie einen perfekt geschneiderten Anzug trug. Heute passte der Anzug nicht. Sein Kiefer war zu angespannt. Zweimal in der letzten Stunde hatte er sein Telefon geprüft und war blass geworden.
Etwas stimmte nicht.
Sie wusste es seit Tagen. Die Art, wie er seine Studiertür abschloss. Die Art, wie er vier neue Sicherheitsmänner eingestellt hatte, die nicht mit dem Personal sprachen. Die Art, wie er sie manchmal ansah, als würde er sich ihr Gesicht einprägen.
Isabella hob ihren Rock und durchquerte den Ballsaal. Ihr Kleid war aus elfenbeinfarbenem Satin, eng an der Taille geschnitten, ausgewählt von einer Stylistin, die ihr Vater bezahlte. Sie hätte Grün gewählt. Niemand hatte gefragt.
„Dad."
Er drehte sich um, und für einen Moment war sein Ausdruck so roh, dass es sie stoppte. Dann glitt die Maske zurück an ihren Platz.
„Bella. Du solltest bei Julian sein."
„Julian redet über Containerschiffe. Ich würde lieber mit dir reden." Sie senkte die Stimme. „Was ist los?"
„Nichts. Geschäftliches."
„Du hast dein Glas nicht berührt. Du berührst immer dein Glas."
Ein Geist eines Lächelns. „Du bemerkst zu viel. Das hast du immer. Deine Mutter war genauso."
Er sprach selten von ihrer Mutter. Catherine Hart war vor zehn Jahren gestorben, als ihr Auto auf einer nassen Straße in den Hügeln über dem Hudson von der Fahrbahn abkam. Isabella war vierzehn gewesen. Nach der Beerdigung hatte ihr Vater aufgehört zu lachen und begonnen, Mauern zu bauen, und Isabella hatte seither darin gelebt.
Richard griff in seine Brusttasche und holte etwas Kleines, Silbernes heraus. Er drückte es in ihre Handfläche und faltete ihre Finger darüber.
Sie kannte die Form, bevor sie hinsah. Das Medaillon ihrer Mutter. Ein Oval aus altem Silber, graviert mit winzigen Efeublättern, an einer feinen Kette. Sie hatte es seit der Beerdigung nicht gesehen.
„Dad", flüsterte sie. „Wo hast du..."
„Trag es bei dir. Immer." Sein Griff um ihre Hand wurde fester, bis es wehtat. „Und Bella, hör mir zu. Öffne es nicht. Nicht, bis du keine andere Wahl hast. Verstehst du?"
„Nein. Ich verstehe gar nichts. Du machst mir Angst."
„Gut", sagte er leise. „Angst hält Menschen am Leben."
Bevor sie antworten konnte, summte sein Telefon. Er sah auf den Bildschirm, und jede Farbe wich aus seinem Gesicht.
„Entschuldige mich." Er küsste ihre Stirn, schnell und hart, so wie er es getan hatte, als sie klein war. Dann verließ er den Ballsaal, ohne sich umzudrehen.
Isabella stand allein zwischen den Rosen, das Medaillon brannte einen kalten Kreis in ihre Handfläche.
Sie befestigte es um ihren Hals und schob es unter den Ausschnitt ihres Kleides. Dann tat sie das Einzige, was ihr Vater sie ihr ganzes Leben lang gelehrt hatte, nicht zu tun.
Sie folgte ihm.
Der Ostkorridor war still nach dem Lärm des Ballsaals. Dicker Teppich verschluckte ihre Schritte. Die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters stand halb offen, ein Streifen bernsteinfarbenen Lichts fiel auf den Boden. Sie hörte seine Stimme, leise und wütend.
„Ich habe dir gesagt, es ist nicht bereit. Nein. Hör mir zu. Sag Moretti, er bekommt, was ihm zusteht, nach der Hochzeit. Nicht vorher. Wenn er zu früh zuschlägt, brennt das Ganze, und das weißt du."
Eine Pause. Isabella drückte sich gegen die Wand neben einem Porträt ihres Urgroßvaters.
„Es ist mir egal, was Vitale sagt. Das Mädchen bleibt da raus. Das war die Abmachung. Das war immer die Abmachung."
Das Mädchen.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
„Dann sag ihm, er soll kommen und es sich selbst holen", fauchte ihr Vater, und das Gespräch endete.
Isabella atmete nicht. Moretti. Sie hatte den Namen schon gehört, so wie jeder in New York ihn gehört hatte. In Geflüster bei Wohltätigkeitsdinners. In Zeitungsartikeln über Ermittlungen, die nie mit Verhaftungen endeten. Eine Familie, der Restaurants und Baufirmen gehörten und, so sagte man, die Hälfte der Richter in Manhattan.
Was schuldete ihr Vater einem Mann wie dem?
Schritte durchquerten das Arbeitszimmer. Isabella schlüpfte den Korridor zurück und um die Ecke, bevor die Tür sich öffnete. Sie kehrte in den Ballsaal zurück, den Puls in den Ohren, und fand Julian mit zwei Gläsern Champagner wartend.
„Da bist du ja. Dein Vater möchte einen Toast vor dem Abendessen." Er runzelte die Stirn. „Alles in Ordnung? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen."
„Mir geht es gut." Die Lüge kam leicht. Sie war in diesem Haus aufgewachsen. „Nur müde."
Das Orchester verstummte. Ein Kellner tippte an ein Glas. Zweihundert Gesichter wandten sich der kleinen Bühne am Kopf des Raumes zu, und Richard Hart stieg die Stufen hinauf, als wäre nichts auf der Welt falsch.
„Freunde", sagte er und hob sein Glas. „Danke, dass ihr heute Abend mit uns feiert. Als meine Frau starb, dachte ich, das Licht in diesem Haus sei mit ihr gegangen. Ich lag falsch. Es blieb in unserer Tochter."
Er fand Isabella in der Menge. Seine Augen waren feucht.
„Isabella, was auch immer geschieht, ich möchte, dass du weißt, dass alles, was ich getan habe, ich für dich getan habe."
Was auch immer geschieht. Die Worte landeten seltsam. Einige Gäste wechselten Blicke.
„Auf Isabella und Julian", sagte ihr Vater.
„Auf Isabella und Julian", echote der Raum.
Gläser erhoben sich.
Und die Lichter gingen aus.
Für eine Sekunde gab es nur Dunkelheit und ein Raunen überraschten Lachens. Jemand scherzte über die Stromrechnung. Julians Hand fand ihre.
Dann explodierten die Fenster.
Glas sprühte über den Ballsaal wie ein Ausbruch aus Eis. Frauen schrien. Isabella spürte etwas an ihrer Wange stechen. Durch die zerbrochenen Rahmen kamen Gestalten in Schwarz, schnell bewegt, die dünnen roten Strahlen von Gewehroptiken schnitten durch den Rauch, der hinter ihnen hereinströmte.
„Runter!" rief jemand. „Alle runter!"
Gewehrfeuer brüllte. Ein Leuchter schwankte und stürzte ab. Isabella wurde von der Menge zu Boden gestoßen, Satin riss an ihrem Knie, Rosen wurden unter hundert rennenden Füßen zertreten. Julian zerrte sie hinter einen umgestürzten Tisch.
„Bleib hier", keuchte er. „Isabella, bleib unten."
„Mein Vater..."
„Ich finde ihn. Bleib unten."
„Julian, nein!"
Er erhob sich bereits. Ein roter Punkt legte sich auf die Mitte seiner Brust.
Isabella sah es einen Herzschlag, bevor es geschah. Sie streckte die Hand nach ihm aus, und ihre Finger schlossen sich um den Ärmel seiner Jacke.
Der Schuss war so laut, dass es sich wie ein Schlag gegen ihren eigenen Körper anfühlte.
Julian wurde nach hinten gerissen. Er sah auf die dunkle Blüte, die sich über sein weißes Hemd ausbreitete, mit einem Ausdruck höflicher Verwirrung, so wie er vielleicht einen Fehler auf einer Abendessenrechnung betrachten würde. Dann fiel er gegen sie, schwer und warm, und sein Blut soakte in ihr elfenbeinfarbenes Kleid.
„Julian." Sie presste ihre Hände auf die Wunde. Es strömte zwischen ihren Fingern hervor. „Julian, sieh mich an. Sieh mich an."
Seine Lippen bewegten sich. Sie beugte sich nah.
„Nicht... wer du denkst", flüsterte er. „Sag deinem Vater... es tut mir leid."
Seine Augen wurden still.
Isabella konnte die Worte nicht einordnen. Sie konnte überhaupt nichts einordnen. Die Welt hatte sich auf das Gewicht in ihren Armen verengt und das Schreien und den Geruch von Rauch und Rosen.
Eine Stimme schnitt durch das Chaos, kalt und nah. „Die Tochter. Findet die Tochter."
Jeder Instinkt, den sie besaß, sagte ihr, dass sie rennen sollte.
Sie legte Julians Kopf sanft auf den Boden, flüsterte eine gebrochene Entschuldigung an den Mann, den sie nie genug geliebt hatte, und kroch. Glas biss in ihre Handflächen. Sie bewegte sich hinter dem langen Büffettisch toward die Servicetür, die die Caterer benutzten, die in die Küchen führte. Rauch brannte in ihren Augen. Irgendwo schrie ein Mann den Namen ihres Vaters.
Die Servicetür war drei Meter entfernt. Anderthalb.
Sie stieß hindurch und rannte.
Der Küchenkorridor war dunkel und leer, verlassen von fliehendem Personal. Töpfe waren von den Herden gestoßen worden. Wasser zischte auf einem Brenner. Isabella rannte an den Stahltheken vorbei toward die hintere Treppe, die in den Garten führte. Wenn sie den Garten erreichen konnte, konnte sie die Garage erreichen. Wenn sie die Garage erreichen konnte...
Das Arbeitszimmer ihres Vaters lag über dem Garten. Sie sah hoch, als sie am Fenster vorbeikam, und sah ein Licht hinter dem Glas wandern. Ihr Vater, für einen Augenblick an seinem Schreibtisch umrahmt, wie er Papiere in eine Ledertasche schob. Dann erlosch das Licht, und er war fort.
Er ging. Ohne sie.
„Dad!" Das Wort riss aus ihr heraus, bevor sie es stoppen konnte.
Eine Gestalt trat aus den Schatten der Speisekammer.
Er war groß, maskiert, in schwarzer taktischer Ausrüstung, und er hielt eine Pistole mit einem langen Schalldämpfer. Er neigte den Kopf, als er sie sah, fast neugierig, so wie eine Katze einen Vogel mit gebrochenem Flügel ansieht.
„Da ist sie ja", sagte er. „Miss Hart. Dein Daddy schuldet einigen Leuten Geld."
Isabella wich gegen die Theke zurück. Ihre Hand glitt über den Stahl und schloss sich um etwas Kaltes.
Das Kuchenmesser. Schwer, silbern, graviert mit ihren Initialen und Julians. Es war dafür gedacht gewesen, um Mitternacht eine fünfstöckige Torte zu schneiden.
„Bleib weg von mir", sagte sie.
„Oder was?" Er lachte und kam näher. „Willst du mir etwas backen?"
Er griff nach ihrem Arm.
Isabella schwang das Messer mit jedem Gramm Angst und Wut, das sie in ihrem Körper hatte. Es traf ihn am Unterarm, durch den Stoff, tief. Er heulte auf, und die Waffe klapperte über den Boden und wirbelte unter den Herd. Sie rannte zur Treppe.
Sie schaffte drei Stufen, bevor er sie an den Haaren packte.
Schmerz explodierte über ihre Kopfhaut. Er schleuderte sie nach hinten, und sie schlug so hart auf die Fliesen, dass ihr die Luft aus den Lungen wich. Er stand über ihr, seine blutende Hand umklammernd, und zog eine zweite Waffe aus seinem Gürtel.
„Sie haben gesagt, wir sollen dich lebend bringen", knurrte er. „Sie haben nicht gesagt, in einem Stück."
Er hob die Waffe.
Isabella schloss die Augen nicht. Danach würde sie sich daran erinnern. Sie sah direkt in den schwarzen Lauf und dachte, absurd, dass sie in ihrem ganzen Leben nie hatte etwas wählen dürfen, nicht einmal ihr eigenes Hochzeitskleid, und jetzt würde sie nicht einmal wählen dürfen, wie sie starb.
Ein einzelner Schuss krachte durch die Küche.
Der Körper des maskierten Mannes erstarrte. Dann fiel er neben ihr zu Boden und bewegte sich nicht mehr.
Isabella starrte ihn an. Dann hob sie die Augen toward die Türöffnung.
Ein Mann stand dort.
Er trug keine Maske. Er brauchte keine. Er trug einen schwarzen Anzug, der ihm passte wie Rüstung einem Soldaten, und einen offenen schwarzen Mantel darüber. Er war groß, breit in den Schultern, mit dunklem Haar, das von einem Gesicht zurückgestrichen war, das aus Stein hätte gemeißelt sein können von jemandem, der nie Gnade gelernt hatte. Eine blasse Narbe verlief durch seine linke Augenbraue. Seine Augen waren das dunkelste Grau, das sie je gesehen hatte, die Farbe eines Winterflusses unter Eis.
Die Waffe in seiner Hand war noch erhoben. Er senkte sie langsam, ohne Eile, als wäre das Töten eines Mannes nicht bemerkenswerter als das Schließen einer Tür.
Hinter ihm füllten zwei weitere Männer in dunklen Mänteln den Korridor. Einer von ihnen sprach in seinen Ärmel. „Hart ist weg, Boss. Durch den Tunnel unter der Garage. Wir waren zu spät."
Der Mann in der Türöffnung sah nicht weg von Isabella. Er trat über den Körper auf dem Boden und hockte sich vor sie, nah genug, dass sie Regen und Schießpulver riechen konnte und etwas Teures und Dunkles, wie Zedernholz.
Sein Blick glitt langsam über sie. Ihr zerrissenes Kleid. Das Blut an ihren Händen, das nicht ihr eigenes war. Das Kuchenmesser noch immer in ihrer Faust. Etwas huschte über sein Gesicht, zu schnell, um es zu benennen.
„Du hast ihn geschnitten", sagte er. Seine Stimme war tief, leicht akzentuiert und absolut ruhig.
„Er wollte mich töten."
„Ja." Er streckte eine Hand aus. „Gib mir das Messer, Isabella."
Sie fragte nicht, woher er ihren Namen kannte. Sie war plötzlich sehr sicher, dass sie die Antwort nicht hören wollte.
„Wer sind Sie?"
Er senkte seine Hand nicht. Er wartete, geduldig wie eine Winternacht, bis sie verstand, dass er ewig warten würde, wenn er musste. Langsam öffneten sich ihre zitternden Finger. Er nahm das Messer und reichte es einem seiner Männer zurück, ohne hinzusehen.
„Mein Name ist Dante Moretti."
Der Name fiel in ihre Brust wie ein Stein in tiefes Wasser.
Moretti. Sag Moretti, er bekommt, was ihm zusteht, nach der Hochzeit.
„Sie", hauchte sie. „Sie haben das getan. Sie haben diese Männer geschickt."
„Wenn ich sie geschickt hätte", sagte Dante leise, „hättest du sie nicht kommen sehen." Er neigte den Kopf toward den toten Mann auf dem Boden. „Diese gehören jemand anderem. Ich kam, weil ich hörte, dass sie kommen. Es tut mir leid, dass ich nicht früher kam."
Er klang nicht, als täte es ihm leid. Er klang wie ein Mann, der das Wetter rezitierte.
In der Ferne begannen Sirenen zu heulen.
„Wir müssen gehen, Boss", sagte der Mann in der Türöffnung. „Polizei in vier Minuten."
Dante erhob sich. Er zog seinen Mantel aus und ließ ihn um Isabellas Schultern fallen. Er war schwer und warm und verschlang sie vollständig. Dann beugte er sich, packte ihren Ellbogen und hob sie auf die Füße, so leicht, als wöge sie nichts.
„Ich gehe nirgendwohin mit Ihnen", sagte sie.
„Dein Vater", sagte Dante, „hat vierzig Millionen Dollar von meiner Familie gestohlen. Er hat noch etwas anderes genommen. Etwas, das sehr viele gefährliche Menschen ins Gefängnis oder in die Erde bringen könnte. Heute Nacht ist er geflohen, und er hat dich zurückgelassen." Seine grauen Augen hielten ihre ohne Gnade. „Jede Familie in dieser Stadt weiß jetzt, dass der schnellste Weg, Richard Hart zu finden, darin besteht, seine Tochter zu nehmen."
Isabellas Knie drohten nachzugeben. Seine Hand schloss sich fester um ihren Arm und hielt sie aufrecht.
„Du hast also eine Wahl", sagte Dante Moretti. „Du kannst hier bleiben und auf den Nächsten warten. Oder du kannst mit mir kommen."
„Und wenn ich mitkomme?"
Er sah sie einen langen Moment an. Draußen wurden die Sirenen lauter. Rauch trieb durch die zerbrochenen Fenster über dem Garten und trug den Geruch verbranter Rosen mit sich.
„Dann gehörst du ab heute Nacht", sagte Dante, „mir."
Kapitel 5: Neunzehn fehlende SekundenIsabella las die Nachricht, bis die Wörter aufhörten, wie Wörter auszusehen.Vertraue niemandem in diesem Haus, Bella. Nicht einmal denen, die lächeln.Nur eine Person hatte sie je Bella genannt. Ihr Vater hatte damit angefangen, als sie drei war, und er hatte nie damit aufgehört, nicht einmal als sie ein mürrischer Teenager war, der Türen zuschlug und ihn anflehte, sie bei ihrem richtigen Namen zu nennen.Ihre Daumen flogen über den Bildschirm. Dad wo bist du. Bist du in Sicherheit. Was passiert. Wer hat das getan.Sie drückte auf Senden. Ein rotes Ausrufezeichen erschien neben der Nachricht. Nicht zugestellt.Sie rief die Nummer an. Eine aufgezeichnete Stimme informierte sie, dass sie nicht mehr in Betrieb sei.Isabella sank auf die Bettkante, das Telefon in beiden Händen. Ihr Herz raste. Ihr Vater lebte. Er lebte und war frei, und er wusste, wo sie war, und irgendwie hatte er die Nummer eines Telefons, das weniger als eine Minute in ihrer Hand
Kapitel 4: Der Mann vor meiner TürNiemand sprach mehrere Sekunden lang.Dann schob Gianna ihren Stuhl so hart zurück, dass er umkippte. „Dieses Tier. Dieses widerliche alte Tier. Bei einer Hochzeit."„Setz dich hin, Gianna", sagte Dante leise.„Ich setze mich nicht hin. Er hat deiner Braut am Hochzeitstag den Ring eines Toten geschickt..."„Setz dich hin."Seine Stimme wurde nicht lauter. Das musste sie nicht. Gianna setzte sich, die Wangen flammend rot.Isabella konnte den Blick nicht von dem Ring abwenden. Sie erinnerte sich an die Nacht, in der Julian ihr einen Antrag gemacht hatte, kniend auf der Terrasse des Plaza, während ein Geiger spielte und Fremde klatschten. Er hatte ihr den Diamanten gegeben und den passenden Ring an einer Kette behalten. Für Glück, hatte er gesagt, lachend. Bis zu dem Tag, an dem ich ihn richtig tragen kann.Er hatte ihn getragen, als er starb. Sie hatte die Kette an ihrem Handgelenk gespürt, als sie ihre Hände auf seine Brust presste.„Jemand hat ihn vo
Kapitel 3: Gelübde ohne LiebeIsabella las den Artikel dreimal.Laut der Polizei war Richard Hart Minuten nach dem Angriff aus seinem eigenen Anwesen geflohen. Ermittler hatten sein Auto verlassen an einem Yachthafen in Mamaroneck gefunden. Eine Quelle nahe der Ermittlungen behauptete, Julian Whitmore habe kürzlich finanzielle Unregelmäßigkeiten bei Hart Capital entdeckt und gedroht, sie zu melden. Der Angriff, so deutete die Quelle an, sei inszeniert worden, um einen Mord zu vertuschen.Einen Mord. Ihren Vater. An Julian.Es war absurd. Ihr Vater hatte beim Toast geweint. Ihr Vater hatte ihr das Medaillon ihrer Mutter in die Hand gedrückt und ihre Stirn geküsst.Ihr Vater war auch durch einen Tunnel unter seiner Garage geflohen und hatte sie allein mit Männern zurückgelassen, die Waffen trugen.Sie legte die Zeitung sehr vorsichtig hin, als könnte sie explodieren, und setzte sich auf die Bettkante, das Gesicht in den Händen.Nicht wer du denkst. Julians letzte Worte trieben durch den
Kapitel 2: Das Angebot des TeufelsDer Wagen war schwarz, lang und lautlos, und er roch nach Leder und kaltem Regen.Isabella saß gegen die gegenüberliegende Tür gepresst, in Dante Morettis Mantel gehüllt, während Julians Blut auf ihren Händen trocknete. Durch das getönte Fenster sah sie zu, wie die Lichter des Anwesens ihres Vaters hinter den Bäumen kleiner wurden. Rauch stieg in einer grauen Säule über die Dachlinie. Rote und blaue Lichter blitzten an den Toren. Irgendwo dort hinten lag Julian auf einem Ballsaalboden zwischen zertretenen weißen Rosen, und niemand hielt seine Hand.Sie hatte ihn zurückgelassen. Sie war gekrochen und hatte ihn zurückgelassen.„Er war tot, bevor er den Boden erreichte", sagte Dante.Sie drehte sich um. Er saß auf der anderen Seite des breiten Rücksitzes, einen Arm am Fenster entlang ausgestreckt, und beobachtete die Straße vor ihnen, als hätte er überhaupt nicht gesprochen. Ein Mann mit kurz geschnittenem Haar und einem Kinn wie ein Ziegelstein lenkte











