LOGIN
Kapitel 1
Chanel
Ich rannte weiter, auch nachdem die letzte Straßenlaterne verschwunden war. Meine Füße taten höllisch weh. Die Turnschuhe, die ich zwei Städte weiter hinten gestohlen hatte, hatten links ein Loch, und bei jedem Schritt kam kalte Erde herein. Ich schaute nicht oft hinter mich. Zurückschauen machte es echt.
Sie haben mich verkauft. Meine eigenen Eltern. Nicht einmal ein Streit darüber. Haben mich einfach an den Küchentisch gesetzt und gesagt, die Männer kämen um Mitternacht und ich solle bloß keinen Aufstand machen. Sagten, das sei der einzige Weg, das zu tilgen, was sie schuldeten. Ich weiß immer noch nicht das Ganze. Irgendwas mit einer Lieferung, die verschwunden war, und Leuten, die nicht nett fragen, wenn Geld verschwindet. Sie sagten mir, ich sei die Zahlung. Einfach so.
Ich bin vor Mitternacht durchs Badezimmerfenster raus. Über den Zaun. Gerannt, bis die Lichter der Stadt weg waren. Das war vor drei Nächten. Oder vier. Schwer zu zählen, wenn man unter Brücken schläft und isst, was man in Mülltonnen hinter Imbissen findet.
Heute Nacht war mein Magen so leer, dass es sich anfühlte, als kaue er sich selbst. Ich blieb in der Nähe einer zugemachten Tankstelle am Rand von nirgendwo stehen. Lichter aus. Keine Autos. Ich war gerade am Container, als ich Stiefel auf Kies hörte.
Er kam aus dem Dunkel, als hätte er gewartet. Groß. Der Mantel zu weit für ihn. Das Gesicht auf einer Seite ganz zerschnitten, als hätte ihn einmal etwas mit Krallen erwischt und die Narben tief hinterlassen. Er lächelte nicht. Hielt nur eine Papiertüte hin.
„Du siehst hungrig aus“, sagte er. Stimme tief. Rau.
Ich hätte genau dann weglaufen sollen. Aber die Tüte roch nach warmem Brot und etwas Gebratenem. Meine Hände nahmen sie, bevor mein Kopf nachkam. Ich aß im Stehen, riss zu schnell Stücke ab und beobachtete ihn die ganze Zeit. Er kam nicht näher. Lehnte sich nur an die Seite des Gebäudes und sah mich an, als gehörte ich ihm schon.
Als das Essen weg war, wischte ich mir den Mund am Ärmel ab und ging einen Schritt zurück. „Danke. Ich geh jetzt.“
Er neigte den Kopf. Die Narbe zog sich komisch, wenn er das tat. „Du bist das Mädchen aus Ridgewood. Die, die weggelaufen ist.“
Mein Herz sprang hart. Ich antwortete nicht. Drehte mich nur um und ging schnell auf die Bäume jenseits der Straße zu. Er folgte. Noch nicht rennend. Passte einfach leicht mein Tempo an, als hätte er alle Zeit der Welt.
„Sie haben gutes Geld für dich bezahlt“, sagte er hinter mir. „Haben nicht erwartet, dass du so lange auf der Straße durchhältst.“
Ich brach in Lauf aus. Der Wald war direkt da, dunkel und dicht. Ich krachte durch die ersten Büsche und rannte weiter. Äste schlugen mir gegen die Arme. Wurzeln versuchten, mich zu Fall zu bringen. Ich hörte ihn einmal lachen, kurz und gemein, dann änderte sich das Geräusch. Knochen, die knackten. Ein tiefes, nasses Geräusch. Als ich riskierte, zurückzuschauen, war er kein Mann mehr.
Großer schwarzer Wolf. Die Narbe zeigte sich immer noch über dem Fang. Augen gelb und gemein. Auf vier Beinen war er schneller.
Ich rannte härter. Die Lungen brannten. Die Bäume wurden dichter und der Boden fiel in einen Hang ab. Ich rutschte aus, rollte, kam mit Erde im Mund wieder hoch und bewegte mich weiter. Er war nah genug, dass ich ihn atmen hörte. Heiß und hungrig.
Dann änderte sich die Luft.
Drei Gestalten traten vor mir aus dem Dunkel. Größer als der vernarbte. Viel größer. Fell wie Mondlicht, gemischt mit Gold. Augen reines Gold, hell genug, um das bisschen Licht zu fangen, das da war. Sie sahen nicht zuerst mich an. Sie sahen ihn an.
Der schwarze Wolf rutschte zum Stehen. Knurrte tief. Der mittlere der drei trat vor, und das Geräusch, das er machte, war kein Knurren. Es war tiefer. Älter. Als warne ihn der Boden selbst.
Er wich zurück. Einmal. Zweimal. Dann drehte er sich um und rannte den Weg zurück, den wir gekommen waren. Die drei blieben stehen, bis das Geräusch von ihm weg war.
Ich war inzwischen auf den Knien. Zitterte. Versuchte, normal zu atmen. Sie drehten sich um und sahen mich an.
Ich hätte auch vor ihnen Angst haben sollen. Sie waren riesig. Aber irgendetwas in meiner Brust lockerte sich ein wenig, als ihre Augen meine trafen. Als kenne mein Körper sie und mein Kopf sei noch nicht nachgekommen.
Einer von ihnen — der links — kam näher. Langsam. Keine plötzlichen Bewegungen. Er senkte den Kopf, und ich sah die Zeichen an seiner Schulter. Linien und Bögen, die wie Schrift aussahen, aber keine Schrift, die ich kannte. Uralt wirkend. Dieselbe Art Zeichen, die manchmal auf meiner eigenen Haut auftauchten, wenn ich Angst hatte oder wütend war. Ich hatte sie immer versteckt. Dachte, es seien nur seltsame Narben aus der Zeit, als ich klein war.
Meine Hand ging ohne Nachdenken an meinen Unterarm. Die Zeichen dort waren warm. Fast glühend unter der Erde und dem Ärmel.
Der Wolf machte ein leises Geräusch. Kein Bellen. Etwas, das eher einer Frage ähnelte.
Ich flüsterte: „Was seid ihr?“
Er antwortete nicht. Natürlich nicht. Aber dann bewegte sich der mittlere. Kreiste einmal um mich. Schnüffelte die Luft nahe meinem Haar. Dann setzte er sich, als würde er etwas entscheiden.
Da traf mich die Wendung. Nicht von ihnen. Von innen in meinem eigenen Kopf.
Ein Blitz. Hell und scharf. Ich sah einen anderen Wald. Einen anderen Mond. Ein Mädchen mit meinem Gesicht, aber älter, stand in Weiß, goldene Augen wie diese Wölfe. Menschen knieten. Jemand nannte sie Prinzessin Seraphine. Dann Feuer. Schreie. Ein Mann mit dunkler Macht, der lachte, während alles brannte. Und eine Stimme — nicht meine —, die sagte, das Blut werde wieder erwachen, wenn die Zeit gekommen sei.
Ich keuchte, und die Vision riss ab. Ich war wieder auf dem kalten Boden, drei goldene Wölfe sahen mich an, als wüssten sie genau, was ich gerade gesehen hatte.
Meine Zeichen brannten heißer. Ich zog den Ärmel hoch. Die Linien waren jetzt heller. Bewegten sich ein wenig, als wären sie lebendig.
Der mittlere Wolf stand auf. Drehte sich zum tieferen Teil des Waldes. Sah einmal zu mir zurück.
Als wolle er, dass ich folgte.
Ich wusste nicht, ob ich sollte. Alles in mir sagte, das hier sei größer, als vor Männern wegzulaufen, die Menschen kauften und verkauften. Größer als das Verbrechen, das meine Eltern auf mich abgeladen hatten. Aber hierzubleiben hieß, der Vernarbte könnte mit Freunden zurückkommen. Und ich war so müde davon, allein zu rennen.
Ich drückte mich hoch. Die Beine wackelig. „Okay“, sagte ich laut und fühlte mich dumm, mit Wölfen zu reden. „Ich komm.“
Sie gingen langsam, damit ich mithalten konnte. Der Wald wurde stiller, je weiter wir kamen. Keine Nachtinsekten mehr. Kein Wind. Nur unsere Schritte und mein eigenes zu lautes Atmen.
Nach einer Weile lichteten sich die Bäume, und ich sah Wasser durch die Zweige. Einen See, schwarz und still unter dem Himmel. Mondwasser, lieferte etwas im hinteren Teil meines Kopfes, obwohl ich den Namen nie zuvor gehört hatte.
Wir hielten am Ufer. Die Wölfe setzten sich im Halbkreis, dem Wasser zugewandt, als warteten sie.
Ich setzte mich auch. Weil meine Beine mich nicht mehr halten wollten. Die Zeichen an meinem Arm hatten sich in ein gleichmäßiges Leuchten gelegt. Nicht schmerzhaft. Einfach da. Gegenwärtig.
Ich berührte das Wasser mit zwei Fingern. Kalt. Klarer, als es aus der Ferne aussah.
Da hörte ich es. Nicht mit den Ohren. In meinem Kopf. Eine Stimme, die wie meine klang und nicht wie meine zugleich.
Du bist zu Hause, kleiner Schleier. Aber er jagt schon.
Ich riss die Hand zurück. Sah die Wölfe an. Sie starrten jetzt an mir vorbei, zu den Bäumen, durch die wir gekommen waren.
Ein Heulen stieg in der Ferne auf. Nicht ihres. Das des Vernarbten. Und diesmal war er nicht allein. Mehr Stimmen kamen dazu. Drei. Vier. Wurden näher.
Der mittlere Wolf stand wieder auf. Seine goldenen Augen hakten sich in meine, und eine Sekunde lang schwor ich, ich hörte eine andere Stimme — tiefer, älter —, die ein Wort sagte.
Lauf.
Aber es gab nirgendwo mehr hinzurennen, das der See nicht versperrte. Und hinter uns waren die Heuler schon näher, als sie hätten sein dürfen.
Ich rappelte mich hoch. Die drei Mondschleier-Wölfe traten vor mich, die Schultern angespannt, bereit. Das Leuchten an meinem Arm flammte hell genug auf, um den Boden zu meinen Füßen zu erhellen.
Und irgendwo draußen im Dunkeln lachte der vernarbte Wolf mit einer Stimme, die wieder fast menschlich war.
„Gefunden, Seraphine.“
Kapitel 7ChanelNach der Stimme am Fenster habe ich nicht viel geschlafen. Als der Himmel hell wurde, waren die Läden still geworden, und das Gold unter meiner Haut hatte sich wieder auf blasse Linien gelegt. Jemand hatte die Schlösser in der Nacht zweimal geprüft. Ich hörte die Schritte, öffnete die Tür aber nie.Der Morgen kam mit einem Klopfen, das nicht leise war. Cassian. Er stand im Flur und sah aus, als hätte er weniger geschlafen als ich.„Runter“, sagte er. „Das Rudel muss dich sehen. Besser, sie hören es von mir als von Gerüchten.“Ich folgte. Der Hauptraum des Rudelhauses war schon voll. Leute jeden Alters. Manche in normaler Kleidung. Manche rochen noch nach Wald. Tristan stand vorn bei Amara. Evelina beobachtete aus einer Ecke, die Arme verschränkt.Cassian hob die Stimme nicht. Musste er nicht. Der Raum wurde still, sobald er in die offene Fläche trat.„Das ist Chanel“, sagte er. „Sie steht unter Rudelschutz, solange sie ihn braucht. Niemand hinterfragt sie. Niemand geh
ChanelIch erinnerte mich nicht daran, gefallen zu sein.Eine Sekunde lang brannte das Gold unter meiner Haut, als wolle es raus. Als Nächstes wusste ich, dass der Boden unter meiner Wange war und jemand meinen Namen schrie. Amara. Dann Cassians Stimme, die sich hindurchschnitt, scharf und nah.Hände rollten mich auf den Rücken. Evelinas Gesicht schwamm über mir. Ihr Mund bewegte sich, aber die Worte kamen in Stücken. Irgendwas damit, dass der Schild zurückkämpfte. Irgendwas damit, dass mein eigenes Blut den Zauber nach innen drehte.Schmerz traf eine Sekunde später. Nicht die warme Art von zuvor. Das hier war tief. Als hätte jemand in meinen Kopf gegriffen und an Fäden gezogen, die nicht lockerkommen wollten. Ich versuchte zu sprechen. Es kam nur ein Laut. Klein. Gebrochen.„Halt sie fest“, schnappte Evelina. „Wenn sich die Magie falsch setzt, reißt sie komplett durch die Erinnerungszentren.“Cassians Hände schlossen sich um meine Schultern. Stetig. Warm. Der Zug in meiner Brust flam
Kapitel 5ChanelDas Glas war bis zum Morgen weg. Jemand hatte das Fenster verbrettert und den Boden gereinigt, während ich schlief. Ich fragte nicht, wer. Wollte nicht wissen, wie nah dieser schwarze Wolf gekommen war, bevor sie ihn aufgehalten hatten.Amara kam früh mit frischer Kleidung und einem stillen Blick. „Cassian will, dass das Gelände abgelaufen wird. Nur die sicheren Teile. Bevor…“ Sie beendete es nicht. Wir wussten beide, was bevor bedeutete.Ich folgte ihr hinaus. Die Luft roch nach nassen Blättern und Holzrauch. Das Silbermond-Gebiet erstreckte sich weiter, als ich erwartet hatte. Das Rudelhaus saß auf einer flachen Anhöhe, groß und fest, Fenster, die die Bäume beobachteten. Menschen bewegten sich darum herum, als gehörten sie dorthin. Manche nickten Amara zu. Ein paar starrten mich eine Sekunde zu lang an und sahen dann weg.Wir gingen nicht hinein. Kreisten nur den Trainingsplatz und den Pfad, der am Rand des dichteren Waldes entlanglief. Amara zeigte Dinge auf diese
Kapitel 4ChanelIch war seit drei Tagen in der Klinik. Oder vielleicht vier. Die Zeit wurde weich, wenn man viel schlief und jemand einem Essen brachte, ohne Fragen zu stellen.Amara machte es leicht. Sie drängte nie. Tauchte einfach mit Tee oder einem Buch auf oder saß auf dem Stuhl und redete über nichts Wichtiges. Wetter. Wie die Bäume nach Regen aussahen. Wie ihr Gefährte Tristan schnarchte, wenn er wirklich müde war. Kleine Dinge, die das Zimmer weniger wie einen Ort fühlten, an dem ich festsaß, und mehr wie irgendwo, wo ich atmen konnte.Ich fing an, ein bisschen zu helfen. Decken falten. Die Theke abwischen, wenn sie mit anderen Patienten beschäftigt war. Nichts Großes. Aber es fühlte sich gut an, etwas mit den Händen zu tun, das nicht Rennen oder Verstecken war.„Du kommst an“, sagte sie eines Nachmittags, während wir saubere Handtücher stapelten. „Das ist erlaubt, weißt du.“Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nie lange genug irgendwo geblieben, um anzukommen. Fühlt sich
Kapitel 3CassianDas Blut des Abtrünnigen war noch an meinen Händen, als ich zurück ins Rudelhaus ging. Ich hatte mich schon einmal unten am Bach gewaschen, aber der Geruch blieb hängen. Kupfer und nasses Fell und diese saure Kante, die sie immer mit sich trugen, wenn sie zu lange ohne Rudel gewandelt waren.Fenric war still in meinem Kopf. Nicht ruhig. Er wartete nur. Er wollte noch einen Kampf. Ich sagte ihm: später.Tristan kam mir im Flur entgegen. Derselbe stetige Blick wie immer. Als könne ihn nichts lange aus dem Gleichgewicht bringen. Er reichte mir ein Handtuch, ohne etwas zum Zustand meines Hemdes zu sagen.„Noch drei an der Ostgrenze“, sagte ich. „Wie die anderen. Keine Duftspur, die Sinn ergab. Sie tauchten einfach auf und gingen auf die Streife los.“Tristan nickte. „Ich habe das zweite Team näher an den See zurückgezogen. Amara ist noch in der Klinik bei dem Mädchen.“Das Mädchen. So nannten wir sie. Die, die sie letzte Nacht in der Nähe von Mondwasser gefunden hatten.
Kapitel 2ChanelIch wachte auf mit dem Geruch sauberer Bettlaken und etwas Scharfem wie Medizin. Mein Kopf fühlte sich schwer an. Die Decke über mir war weiß und schlicht. Kein Wald. Kein See. Ein Zimmer.Ich setzte mich zu schnell auf, und der Raum kippte. An meinem Arm waren immer noch diese Zeichen. Blasser jetzt, aber nicht weg. Jemand hatte den Schmutz von mir abgewaschen. Mich in weiche Kleidung gesteckt, die nicht meine war. Ein weites Hemd und eine Hose. Keine Schuhe.Neben dem Bett stand ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einem Glas Wasser. Ich trank alles in drei Schlucken. Meine Kehle fühlte sich wund an.Die Tür öffnete sich leise. Eine Frau trat ein. Dunkles Haar nach hinten gebunden. Freundliche Augen. Sie trug einen weißen Kittel über normaler Kleidung. Sie blieb stehen, als sie sah, dass ich wach war, und gab ein kleines Lächeln, das nicht drängte.„Hey. Langsam. Du bist hier in Sicherheit.“ Ihre Stimme war ruhig. Weich an den Rändern. „Ich bin Amara. Amara Quinn. Ic







