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Die Anspannung im Anwesen der Raymonds hatte innerhalb eines einzigen Tages spürbar zugenommen. Alle waren mit den Vorbereitungen für die morgige Hochzeit beschäftigt — alle außer Alessia.
Prasselnder Regen schlug gegen die hohen Fenster des Anwesens. Alessia stand mitten im Speisezimmer, die Hände ineinander gekrallt. Ihr Rock war alt und verwaschen; die Kälte hatte sich bereits ihren Weg durch den dünnen Stoff gebahnt, doch Alessia bemerkte es gar nicht. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, Elena zu beobachten. Ihre Mutter saß am Kopf des Esstischs und trank Tee, als wäre Alessia überhaupt nicht anwesend. Alessia hielt den Blick starr auf den Boden gerichtet; sie wusste aus Erfahrung, dass man Elenas Blick meiden sollte, wenn sie in einer solchen Stimmung war. Nach einem langen Schweigen stellte Elena ihre Teetasse auf den Tisch. Das leise Geräusch ließ Alessias Schultern verkrampfen. Elena blickte mit strengem Miene zu ihr auf. „Du siehst ihm heute erschreckend ähnlich.“ Alessias Finger verkrampften sich, während sich ihre Fingernägel in die Handflächen bohrten. Elenas Mund verzog sich voller Abscheu. „Derselbe verlorene Blick in deinem Gesicht. Ich hasse ihn.“ „Ich habe die Küche fertig geputzt, Madre.“ „Glaubst du etwa, die Küche interessiert mich?“, fuhr Elena sie an. Alessia zuckte zusammen und machte einen panischen Schritt zurück. Elena schob ihren Stuhl nach hinten und stand vom Tisch auf. „Glaubst du allen Ernstes, dass das Schrubben von Arbeitsplatten und das Abwaschen von Geschirr deinen Vater wieder lebendig macht?“ „Nein“, flüsterte Alessia. „Warum tust du es dann ununterbrochen?“, hohnlachte sie. Alessia wusste nicht, welche Antwort Elena erwartete. Beschäftigt zu bleiben war schlichtweg einfacher, als sich von Elena wieder anhören zu müssen, dass sie der Grund für den Tod ihres Vaters sei. „Ich wollte nur helfen“, murmelte sie. „Helfen?“ Elena stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. „Du hast schon mehr als genug getan.“ Alessias Kehle schnürte sich zu, als Elena auf sie zukam und direkt vor ihr stehen blieb. Ihr Parfüm war so schwer, dass Alessia davon schlecht wurde. Sie packte Alessia gewaltsam am Kinn, drückte ihre Nägel in die Haut und zwang ihr Gesicht nach oben. „Sieh mich an“, befahl sie. Widerstrebend hob Alessia den Blick. Für einen Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als einfach im Boden zu versinken. „Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, sehe ich ihn“, ihre Stimme war nun leise, was die Sache nur noch schlimmer machte. „Ich sehe den Mann, den du mir genommen hast.“ Eine Träne rollte über Alessias Wange. „Es tut mir leid, Madre.“ Elenas Gesichtszüge verhärteten sich. „Nenn mich nicht so, du dummes Ding.“ „Entschuldigung.“ „Es war ganz allein deine Schuld“, sagte Elena mit drastisch gesenkter Stimme. „Ich wollte nicht—“, versuchte Alessia zu sagen und wappnete sich bereits gegen die Ohrfeige, die jedoch ausblieb. Stattdessen stieß Elena sie heftig von sich. Alessia stolperte rückwärts, bis ihre Hüfte gegen die Kante eines Beistelltischs krachte. Ein stechender Schmerz fuhr ihre Wirbelsäule hinauf. Sie biss sich fest auf die Innenseite ihrer Wange. Blos nicht vor ihr weinen. Elena musterte sie kalt und strich den Stoff ihres Kleides glatt. „Verschwinde.“ „Ja, Madre.“ „Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht so nennen!“, zischte Elena. Alessia biss sich auf die Lippe. „Ja, Ma’am.“ „Geh auf dein Zimmer. Und untersteh dich, zum Abendessen herunterzukommen“, warnte sie und ging zurück zum Tisch. „Morgen ist mein großer Tag. Wenn du auch nur das Geringste verpatzt, wirst du einen ganzen Tag lang draußen im Regen knien.“ Alessia nickte stumm und eilte hinaus. Als sie die Treppe erreichte, verfiel sie in einen Lauf. Ihre Schritte hallten kaum auf dem Boden; sie wollte einfach nur ihr Zimmer erreichen, bevor Elena sie zurückrufen oder noch etwas Schlimmeres sagen konnte. Sie erreichte den zweiten Stock und lief den Korridor entlang direkt zu ihrer Tür. Es war das kleinste und kälteste Zimmer des Anwesens, völlig ohne Heizung. Alessia schloss die Tür und lehnte sich dagegen, bis ihre Beine nachgaben. Sie setzte sich auf die Kante ihres schmalen Bettes und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Draußen zog der Regen Schlieren über das Glas und ließ die Lichter der Nacht verschwimmen. Ihre Mutter hasste sie, und Bianca sprach kaum ein Wort mit ihr — es sei denn, sie wollte, dass ein Kleid gewaschen oder ihr Zimmer aufgeräumt wurde. Alessia hatte schon vor langer Zeit aufgehört, irgendetwas anderes zu erwarten. Sie zog die Knie an die Brust. Jahrelang hatte sie sich eingeredet, dass sie irgendwann genug Geld sparen würde, um wegzugehen und sich ein eigenes Leben aufzubauen. Doch wie sie jetzt so alleine in der Kälte saß und dem Regen lauschte, wirkte diese Hoffnung kleiner denn je. Sie wünschte sich jemanden, der sie liebte — nicht weil sie nützlich war, sondern einfach, weil sie Alessia war. Sie wollte die Tochter von jemandem sein, ohne das Gefühl zu haben, eine einzige wandelnde Entschuldigung zu sein. Ihre Augen brannten, als sie sich hinlegte und die dünne Decke über sich zog. Das Anwesen blieb mäuschenstill. Niemand kam, um nach ihr zu sehen. Und während der Regen draußen unaufhörlich niederging, wurde Alessia eines klar: Sie würde dieses Haus niemals lebend verlassen. — Der Morgen der Hochzeit war ruhig. Nicht friedlich, einfach nur ruhig. Alessia stand an dem hohen Fenster des Gästezimmers und blickte hinab in den Innenhof. Überall standen Männer in schwarzen Anzügen postiert — an den Toren, entlang der Mauern, während sie in ihre Ohrstöpsel sprachen. Unter den Sakkos einiger Männer konnte sie die Umrisse von Waffen erkennen. Jenseits der Grundstücksmauern erstreckten sich grüne Hügel und gewundene Straßen durch die sizilianische Landschaft. Von hier oben konnte Alessia sie kaum erkennen. Ihre Finger fuhren über die Spitze an ihrer Taille. Das Kleid, das Elena ihr gegeben hatte, war hellblau und viel zu groß. Die Ärmel hingen schlaff herunter, und die Taille saß überhaupt nicht richtig. Alessia hatte versucht, es anzupassen, indem sie den Stoff enger zog, aber viel ausrichten konnte sie nicht. Auf der anderen Seite des Zimmers erlebte Bianca einen völlig anderen Morgen. Sie stand vor einem großen Spiegel, während zwei Frauen ihr Haar und ihr Make-up machten. Perlen waren in ihre dunklen Locken geflochten, und ihr rosagoldenes Kleid saß wie angegossen. Bianca lächelte ihrem Spiegelbild zu, dann wanderte ihr Blick mit einem spöttischen Kichern zu Alessia. „Sieh dir diesen Ort an, Alessia“, sagte sie, machte langsame, stolze Schritte auf sie zu und breitete leicht die Arme aus. „Es ist traumhaft. Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir hier sind. Wir sind praktisch wie Adlige.“ Alessia warf einen Blick aus dem Fenster. „An all diesen Wachen ist absolut nichts Adliges.“ Bianca verdrehte die Augen. „Dummes Mädchen. Das ist Sicherheitspersonal.“ „Es sind genug, um einen Krieg anzufangen“, flüsterte Alessia. „Du suchst auch immer nach etwas, worüber du dich beschweren kannst“, fuhr Bianca sie an. Alessia senkte ihre Stimme, während sich ihre Finger in den Stoff ihres Kleides gruben. „Antonio ist nicht einfach nur ein reicher Mann.“ Biancas Lächeln verschwand schlagartig. „Fängst du schon wieder an?“ „Ich habe gehört, wie die Leute über ihn reden. Sie haben Angst vor ihm.“ Bianca zuckte die Achseln. „Die Leute haben nun mal Angst vor mächtigen Männern. Das ist nichts Neues.“ Alessia antwortete nicht. Sie hatte das Tuscheln des Personals in dem Moment gehört, als sie heute Morgen das Anwesen der De Rossis betreten hatten. Wann immer der Name Antonio De Rossi fiel, wurden die Stimmen schlagartig leiser. Die Menschen blickten sich um, bevor sie sprachen; selbst diejenigen, die schon seit Jahren für ihn arbeiteten, wirkten extrem vorsichtig. Alessia wusste nicht genau, was Antonio getan hatte, um sich diesen Ruf zu erarbeiten — und sie war sich nicht sicher, ob sie es überhaupt wissen wollte. Die Türen öffneten sich und Elena trat ein. Sie sah absolut nicht mehr aus wie die Frau, die Alessia in ihrem alten Zuhause noch angeschrien hatte. Ihr weißes Satinkleid war mit feinen Details übersät, und Diamanten umschlossen ihren Hals. Sie sah aus wie eine Frau, die endlich das bekommen hatte, was sie immer wollte. Elena strahlte, als sie Bianca sah. „Sieh dich an. Du siehst wunderschön aus.“ Biancas Gesicht hellte sich auf. Dann wanderten Elenas Augen zu Alessia; ihr Blick blieb an dem blauen Kleid hängen und ihr Gesicht verzog sich zu einer Fratze des Abscheus. „Was hast du denn da an?“ Alessia blickte an sich herab. „Das Kleid, das du mir gegeben hast.“ Elena kam herüber und packte den Stoff an Alessias Taille. „Das hängt ja wie ein Sack an dir.“ „Es tut mir leid“, flüsterte Alessia. „Natürlich tut es das“, hohnlachte Elena und ließ das Kleid los. „Ich habe Geld ausgegeben, um dich hierher zu bringen, und du schaffst es nicht einmal, halbwegs passabel auszusehen.“ „Ich kann es ändern.“ „Lass das.“ Elena schlug nach ihrer Hand, als Alessia nach dem Stoff greifen wollte. „Halte dich heute einfach im Hintergrund.“ „Ja, Madre“, flüsterte Alessia. Elenas Gesichtsausdruck verhärtete sich zu Stein. „Und nenn mich nicht so.“ Alessia schlug sofort die Augen nieder. „Ja.“ „Du bleibst ganz hinten. Du sprichst nur, wenn du zuerst angesprochen wirst, du starrst niemanden an und du versuchst, etwas weniger elend auszusehen.“ Als Alessia nickte, beugte sich Elena näher zu ihr, während ihre Augen bedrohlich funkelten. „Das ist meine Hochzeit. Ich werde nicht zulassen, dass du mich blamierst. Wenn du mir diesen Tag ruinierst, verbringst du die Nacht im Keller.“ Alessias Magen zog sich zusammen. „Ja.“ Elena richtete sich auf und wandte sich Bianca zu, wobei sich ihre Miene augenblicklich wandelte. „Komm, Schatz. Die Autos warten schon.“ Bianca hakte sich bei ihr ein und warf Alessia einen gehässigen Blick zu. „Fahren wir direkt zur Kapelle?“ „Ja. Antonio will, dass alle dort sind, bevor die Gäste eintreffen“, sagte Elena. Sie gingen gemeinsam hinaus, während Alessia wartete. Dann folgte sie ihnen auf den Korridor, wobei sie mehrere Schritte Abstand hielt. Niemand hatte ihr explizit gesagt, dass sie hinter ihnen gehen sollte — sie wusste einfach instinktiv, dass es von ihr erwartet wurde. Die Kapelle stand hinter dem Haupthaus, direkt in die felsige Flanke des Grundstücks gebaut. Die Steinmauern waren beinahe schwarz, und an den Seiten des Raumes brannten Kerzen. Die Gäste saßen in ordentlichen Reihen, gekleidet in teure Anzüge und elegante Kleider. Niemand lachte oder sprach laut. Die Männer warfen immer wieder nervöse Blicke zu den Türen. Alessia wählte einen Platz ganz hinten in der Hoffnung, unsichtbar zu werden. Dann erblickte sie den Mann, der am Altar wartete: Antonio De Rossi. Er war groß und kräftig gebaut, mit silbergrauem Haar, das nach hinten gekämmt war, und einer Narbe, die von seiner linken Schläfe bis zum Kiefer verfiel. Seine blassgrauen Augen waren eiskalt. Er blickte sich nicht nervös im Raum um wie die anderen Männer. Das hatte er gar nicht nötig. Alle anderen beobachteten ihn. Alessia schlug die Augen nieder. Die Musik setzte ein und Elena erschien am Eingang, lächelnd, während sie den Mittelgang entlangschritt. Alessia beobachtete Antonio. Er erwiderte das Lächeln nicht; er stand einfach nur da und wartete. Als Elena ihn erreichte, legte er seine Hände auf ihre Schultern. Seine Finger waren groß genug, um den Großteil davon zu bedecken, was Elenas Lächeln für den Bruchteil einer Sekunde schwinden ließ. Dann küsste Antonio sie — kurz und bestimmt — und als er sich zurückzog, lächelte Elena sofort wieder. Der Priester begann auf Latein zu sprechen, und die Zeremonie war vorbei, noch bevor Alessia überhaupt Zeit hatte, sich etwas zu entspannen. Als der Priester sie zu Mann und Frau erklärte, wandte sich Elena Antonio zu. „Willkommen in der Familie, Elena“, sagte Antonio mit tiefer, sonorer Stimme. „Ich danke dir.“ Elena legte eine Hand auf seine Brust. „Meine Töchter und ich sind sehr dankbar.“ Antonios Augen wanderten zu Bianca, die den Kopf senkte und lächelte. Dann schwebte sein Blick weiter, bis er direkt auf Alessia liegen blieb. Ihr sackte das Herz in die Hose. Sie blickte rasch zu Boden, konnte seine Augen jedoch nach wie vor auf sich spüren. Als sie es wagte, wieder aufzusehen, lächelte Antonio — ein kaltes, abweisendes Lächeln. Den Rest der Zeremonie verbrachte sie mit dem einzigen Wunsch, spurlos zu verschwinden. Gegen Abend fand der Empfang in einem großen Ballsaal statt, der üppig mit Blumen, Kerzen und Kristall dekoriert war. Musik spielte, während Kellner mit Champagner-Tabletts durch den Raum glitten. Es gab mehr Essen, als Alessia jemals gesehen hatte, doch sie rührte nichts an. Sie blieb nahe den Vorhängen bei den Gartentüren stehen. Niemand hatte ihr etwas angeboten, und sie wagte es nicht, sich selbst etwas von den Tischen zu nehmen. Stattdessen beobachtete sie den ganzen Abend lang Elena. Ihre Mutter stellte Bianca einem Mann nach dem anderen vor — Männern mit Leibwächtern, Männern, die leise sprachen und Antonio respektvoll die Hand gaben. Wann immer jemand Elena nach Alessia fragte, gab ihre Mutter stets dieselbe Antwort: „Oh, Alessia ist schüchtern. Sie bleibt lieber für sich.“ Danach wechselte sie augenblicklich das Thema. Gegen Mitternacht kam jemand, um ihnen mitzuteilen, dass Antonio die Familie oben erwarte. Alessia folgte Elena und Bianca in den privaten Trakt, wo sich die Türen hinter ihnen schlossen und der Lärm verstummte. Das Arbeitszimmer war geräumig, ausgestattet mit dunklen Möbeln, Ledersesseln und einem lodernden Kamin an einer Wand. Antonio stand hinter der Bar und goss sich einen Drink ein. Elena setzte sich auf das Sofa, während Bianca daneben stand und krampfhaft versuchte, entspannt zu wirken. Alessia blieb an der Tür stehen und wartete darauf, dass ihr jemand sagte, wohin sie sich begeben sollte. Antonio nahm einen Schluck und stellte das Glas auf den Schreibtisch. „Jetzt, da die Hochzeit vorbei ist, müssen wir besprechen, wie die Dinge hier ablaufen werden. Dieses Haus hat Regeln.“ Elenas Lächeln wurde schmaler. „Ich verstehe, Antonio.“ „Tust du das?“, Antonio ging um den Schreibtisch herum. „Es ist mir völlig egal, wer du warst, bevor du mich geheiratet hast. Du bist jetzt meine Frau. Du wirst alles haben, was du brauchst — Geld, Schutz, ein komfortables Leben. Aber du wirst dich an meine Regeln halten.“ Er blieb vor ihr stehen und griff nach unten, um ihr Kinn zu packen. Elenas Augen weiteten sich leicht. „Mein Wort ist Gesetz. Du hinterfragst meine Entscheidungen nicht.“ Elena schluckte schwer. „Ja, Antonio.“ Er ließ sie los und richtete seinen düsteren Blick auf Bianca, die blinzelte und sich sofort straffte. „Du.“ Sie schluckte mühsam. „Ja, Don Antonio?“ „Du bist jetzt Teil dieser Familie. Du wirst dich dementsprechend verhalten. Wenn die Zeit reif ist, wirst du denjenigen heiraten, den ich für diese Familie als nützlich erachte.“ Biancas Gesicht verzog sich vor Schock, doch sie überdeckte es schnell mit einem aufgesetzten Lächeln. „Selbstverständlich.“ „Bis dahin hältst du dich aus Ärger heraus und hörst auf deine Mutter.“ „Ja, Don Antonio“, antwortete sie, während sich ihre Finger zu einer festen Faust ballten. Antonio drehte sich um und seine Augen fixierten Alessia. Sie wich zurück, bis ihre Schultern den Türrahmen berührten. Antonio kam auf sie zu und blieb direkt vor ihr stehen. Sie konnte den Geruch von Tabak, Himmelsrichtungen von teurem Herrenparfüm und etwas Scharfes, Angenehmes an ihm wahrnehmen. Seine Finger schlossen sich um ihr Kinn und kippten ihr Gesicht nach oben. „Sieh mich an. Wie heiβt du?“ „Alessia“, murmelte sie. „Gut. Du siehst verängstigt aus.“ Antonio musterte ihr Gesicht. „Was ist mit deiner Stimme passiert?“ „Nichts.“ Seine Finger drückten fester zu. „Sieh mich an, wenn ich mit dir spreche.“ Ihre Augen hoben sich erneut. „Du bist schwach“, hohnlachte Antonio. „Menschen wie du überleben in einem Haus wie diesem nicht lange. Du wirst den Kopf unten halten. Du wirst jede Arbeit erledigen, die man dir gibt. Du wirst dich nicht in meine Geschäfte einmischen und du wirst weder deiner Mutter noch deiner Schwester Probleme bereiten.“ Alessia nickte hastig. „Ja, Don Antonio.“ „Und wenn ich nach dir rufe, kommst du. Hast du das verstanden?“, fragte er. „Ja, Sir.“ Antonio ließ sie los. Sie stolperte rückwärts gegen die Tür; ihr Kinn schmerzte gewaltig. Antonio wandte sich ab. „Bringt sie in den Ostflügel.“ Elena sah ihn an. „In den Trakt des Dienstpersonals?“ „Genau dorthin.“ „Selbstverständlich“, stimmte Elena ohne jeden Einwand oder auch nur einen einzigen Blick in Alessias Richtung zu. Antonio schritt auf den Balkon zu. Sobald er weg war, ging auch Alessia. Sie lief schnellen Schrittes und verfiel schließlich in einen zügigen Lauf, da sie keinesfalls wollte, dass jemand sie weinen sah. Vor mehreren Türen in den endlosen Fluren standen Wachen, die sie schweigend beobachteten, als sie an ihnen vorbeieilte. Schließlich erreichte sie den Ostflügel. Die Wände bestanden aus kargem Stein, völlig ohne Gemälde oder Möbel — nur ein schmaler Korridor mit kleinen Zimmern. Eine Frau zeigte ihr ihr Zimmer und ging ohne ein weiteres Wort davon. Alessia öffnete die Tür. Der Raum war kaum groß genug für das Bett; es gab nur einen kleinen Holzstuhl und eine Glühbirne, die von der Decke hing. Ihr Koffer stand in der Ecke. Sie schloss die Tür und blieb da stehen, während sie ihre empfindliche, schmerzende Haut berührte. Für einen Moment konnte sie sich nicht bewegen; ihr Kinn pochte noch immer. Sie setzte sich auf das schmale Bett, zog die Knie hoch und legte die Stirn darauf ab, während stumme Tränen flossen. Sie hielt sich den Mund zu, damit draußen niemand etwas hörte. Sie hatte geglaubt, dass das Verlassen des Hauses ihres Vaters die Dinge ändern würde — dass das Leben vielleicht besser werden würde, sobald Elena jemand anderen heiratete. Stattdessen war sie im Haus eines anderen Mannes gelandet, mit neuen Regeln und einer weiteren Person, die sie fürchten musste. Draußen vor ihrer Tür hallten Stiefelschritte durch den Korridor. Eine Wache, dann noch eine. Alessia lauschte, bis die Schritte verhallten. Sie war gar nichts entkommen. Sie war lediglich an einen anderen Ort gebracht worden. Und diesmal stand eine Wache vor der Tür.Alessia bereitete hastig Cassians Frühstück nach seinen Wünschen zu. Handgerolltes Omelett, weiche Pfannkuchen und Zimttee, frittiertes Weinsteak und natürlich eine Flasche gealterten Scotch.Die Küche hatte sich zu einem Ort mit hohem Stress entwickelt, als Marta die Speisekarte weiterging.Jeder Koch und Junior-Dienstmädchen hatte sich bemüht, genau die angeforderten Artikel zuzubereiten, aus Angst, dass ein unvollkommenes Anbraten auf dem Steak oder eine lauwarme Tasse Zimttee schlecht auf ihre Arbeit wirken würde.Alessia hatte mit hektischer Geschwindigkeit gearbeitet, die Eier verquirlt, die Pfannkuchen vorsichtig umgedreht und den gealterten Scotch vorsichtig in eine Kristallkaraffe gegossen.Jedes Gericht trug das Gewicht von Cassians Erwartungen, und sie wusste besser, als etwas weniger als perfekt auf seinen Tisch zu schicken.Sie schob den Wagen langsam hinter die drei anderen Dienstmädchen, die das Frühstück für den Rest der Familie trugen.Die Prozession bewegte sich in e
Alessia wachte mit Cassians Worten im Kopf auf.*Über deine Ehe... du kannst einfach fragen.*Der Satz hallte durch ihr müdes Gehirn, als sich ihre Augen öffneten, um das blasse Morgenlicht durch ihre Fenstervorhänge zu sehen.Sie warf und drehte sich gegen die knackigen weißen Laken und versuchte, die Erinnerung an seine tiefe, rauchige Stimme abzuschütteln.Was für ein verdrehtes Spiel hat er jetzt gespielt? Hat er einen einfachen Ausweg aus der Albtraumvereinigung mit Rocco angeboten, oder war es nur ein weiterer grausamer Haken, der sie tiefer in sein Netz ziehen sollte?Sie hatte keine Ahnung, was er damit meinte, und sie hatte nicht die Absicht, ihn um etwas zu bitten. Einem Syndizierten zu vertrauen, war eine dumme Besorgung, und Alessia wusste es besser, als sich auf die Gnade eines Monsters zu verlassen.Jedes Mal, wenn sie sich erlaubte, sich auf seinen Schutz zu stützen, schien sich der Käfig einfach um sie zu straffen.Dann wanderte ihre Gedanken zu Rocco. Er war nicht für
Alessias Lippen öffneten sich in einem erschrockenen Atem. Sie konnte nicht glauben, dass er es wirklich ernst meinte, als er sagte, er würde sie jagen.Seine Worte ließen sich schwer im Raum nieder. Tagelang hatte sie versucht, sich selbst davon zu überzeugen, dass seine besitzergreifende Aufmerksamkeit nichts anderes war als eine vorübergehende Laune, ein gefährliches Spiel, das von einem mächtigen Mann gespielt wurde, der es gewohnt war, alles zu nehmen, was ihm ins Auge fiel.Aber als sie in das kalte, unerschütterliche Silber seiner Augen schaute, erkannte sie die Wahrheit: Er spielte nicht. Er hatte sie markiert, ihre Grenzen kennengelernt und sie auf einen Weg gebracht, dem sie nicht entkommen konnte.„Du... du kannst nicht...“, keuchte sie und versuchte, sich aus seinem Griff zu winden.Ihre Finger kratzten an seinem großen Handgelenk, ihr Körper drehte sich und drehte sich in einem verzweifelten Versuch, sich zu befreien. Jeder Instinkt schrie sie an, so viel Abstand wie mögl
“W-was? W... warum?” Alessia stammete und kämpfte gegen den Drang, einen Schritt zurückzutreten.Ihre Stimme stockte in ihrer Kehle, als Panik in ihr aufstieg. Die Stille der dunklen Suite machte es schwierig zu atmen. Sie hielt ihre Hände an ihren Oberschenkeln und versuchte, sich zu stabilisieren.“Komm her”, wiederholte er, sein Ton ließ keinen Raum für Argumente.Es war keine Bitte. Die stille Autorität in seiner Stimme ließ ihren Puls rasen und erinnerte sie genau daran, in wessen Zimmer sie nach Mitternacht gegangen war.Alessia schluckte schwer und machte zitternde Schritte auf ihn zu, bis sie ein paar Zentimeter entfernt stand.Ihre nackten Füße bewegten sich langsam über den teuren Teppich. Der Duft von Zeder, Tabak und seiner sauberen Haut umgab sie und machte sie noch nervöser.„Näher“, befahl er ruhig.Er hatte sich nicht von seinem Platz bewegt, aber seine Anwesenheit erfüllte den Raum. Seine scharfen silbernen Augen folgten ihr, ein Raubtier, das seine Beute aktiv beobac
Alessia hat vergessen, wie man atmet. Sie starrte Sophia panisch an. Warum hat er sie bis zu diesem Zeitpunkt an sie geschickt? Was hatte er vor, ihr anzutun?Der Gedanke, so spät in sein Zimmer zu gehen, ließ sie erstarren. Einen Diener nach Mitternacht in die private Suite eines Meisters zu beschwören, konnte nur Ärger bedeuten.Ihre Gedanken gingen sofort zurück zu den Schrecken des Penthouses, blinkenden Bildern von verschlossenen Türen, räuberischen Männern und dem betäubten Dunst. Eine kalte Angst erfasste ihre Brust und machte es ihr schwer zu atmen.„Aber... Sophia, es ist nach Mitternacht... Ich kann nicht so spät in seinem Zimmer sein“, geriet Alessia in Panik.Ihre Stimme knackte, als ihre Hände den Stoff ihrer Nachtwäsche umklammerten.Sophia nickte mitfühlend, ihre Augen spiegelten echte Angst vor dem jüngeren Mädchen wider. „Ich weiß, aber es ist ein Befehl. Servieren Sie einfach das Getränk und gehen Sie wieder raus, okay?”Es gab keinen Raum für Verhandlungen im De Ros
Die Worte wiederholten sich in ihrem Kopf wie das hektische Läuten einer Glocke. Bedienen Sie ihn persönlich.Er wusste, dass sie versuchen würde, ihm auszuweichen, sobald sie zurückkehrte, und er hatte einen Weg gefunden, um sicherzustellen, dass sie es nicht konnte.Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie erkannte, was Cassian getan hatte. Er bot keinen Schutz an, er zog sie in seine Welt, was es ihr unmöglich machte, sich fernzuhalten, während der Rest des Syndikats zusah.„Das... ich kann nicht...“, flüsterte Alessia, ihre Hände umklammerten den Rand der Vorratstheke, als die Luft aus ihren Lungen strömte.„Du kannst Cassian nicht ablehnen, Alessia“, sagte Marta leise, ihre faltigen Hände ruhten sanft auf Alessias zitternden Schultern. “Er ist gefährlich... noch gefährlicher, als Antonio es jemals sein würde, aber ich glaube nicht, dass er dir wehtun würde.”„Aber...“ Alessias Stimme brach.Sie verstand nicht, was Cassian eigentlich von ihr wollte. Es war ganz ihm zu


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