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Kapitel 2

Autor: Crystal
last update Fecha de publicación: 2026-09-02 00:06:06

Die Ruhe auf dem Anwesen der De Rossis wurde um Punkt zwölf Uhr mittags zerschmettert.

Alessia war gerade auf halber Höhe der großen Prachttreppe und polierte das Mahagonigeländer, als die Türen von Antonios Arbeitszimmer so heftig aufflogen, dass sie gegen die Wände knallten.

Antonio trat in den Flur, gefolgt von drei seiner dienstältesten Capos. Seine Kiefermuskeln waren angespannt, seine blassgrauen Augen eiskalt und er hatte ein Satellitentelefon an sein Ohr gepresst.

„Wie viele?“, forderte er zu wissen.

Alessias Hand erstarrte in der Bewegung.

Antonio lauschte, während sich seine Brauen zusammenzogen. „Wie viele, verdammt noch mal?“. Eine Pause verstrich, dann wandelte sich sein

Gesichtsausdruck. „Alle zwölf? Am hellichten Tag?“

Im Flur wurde es mucksmäuschenstill. Elena erschien aus dem Salon, gefolgt von Bianca.

„Antonio, Liebling, was ist passiert?“

Er senkte das Telefon und schwieg einige Sekunden lang, während sein Blick zu den Fenstern wanderte. „Chicago ist dicht. Die Bianchi-Familie ist Geschichte.“

„Was meinst du damit?“, fragte Elena.

„Cassian hat heute Nachmittag ihre gesamte Führungsetage ausgelöscht.“

Alessias Finger verkrampften sich um das Putztuch. Cassian.

Elena fing sich als Erste wieder. „Das sind doch gute Nachrichten, oder nicht?“

Antonio wandte sich zu ihr um. „Er hat sie nicht einfach nur getötet. Duncan Bianchis Bruder hat in einem Restaurant zu Mittag gegessen, das randvoll mit Zivilisten war. Cassian ist hineinspaziert, hat eine Waffe gezogen, ihm eine Kugel durch den Kopf gejagt und ist wieder hinausgeschlendert.“

Elena blinzelte ungläubig. „Er hat das selbst getan?“

„Er hat niemanden vorgeschickt.“

Eine lähmende Stille folgte. Alessia starrte auf den Boden. Die Wachen hatten sich seit ihrem Einzug auf das Anwesen Geschichten über Cassian erzählt — über die Männer, die spurlos verschwanden, nachdem sie sich ihm widersetzt hatten, und über das Blutvergießen, das er hinterließ.

Sie hatte nie gewusst, wie viel davon der Wahrheit entsprach. Jetzt wusste sie es.

Antonio warf einen Blick auf sein Telefon. „Er sitzt in seinem Privatjet.“

„Wann wird er landen?“, fragte Elena.

„In drei Stunden.“ Antonio blickte zu seinen wartenden Capos. „Verdoppelt die Sicherheitsvorkehrungen. Überprüft jeden Eingang. Ich will, dass die Tore von jetzt an bewacht werden, bis er wieder abreist.“ Als die Männer nickten, wandte er sich an Elena. „Mach das Haus bereit. Cassian duldet keine Fehler.“ Er ging zurück in sein Arbeitszimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Da verlor Elena die Fassung. „Warum steht ihr hier alle nur herum? Bewegt euch!“

Das Anwesen verwandelte sich augenblicklich in eine hochtourig laufende Welle der Hektik. Wachen hasteten über den Innenhof, um Waffen, Funkgeräte und Fahrzeuge zu überprüfen.

Dienstboten polierten Möbel, die bereits makellos sauber waren, wechselten Bettwäsche und inspizierten die Räume.

Alessia beobachtete das Spektakel von der Treppe aus, während sich eine lähmende Angst hinter ihren Rippen breitmachte. Elena war grausam, aber Alessia verstand ihre Beweggründe.

Cassian war anders — eine Legende, ein Name, den man sich nur hinter verschlossenen Türen zufuflüsterte; ein Mann, der in ein überfülltes Restaurant spazieren und jemanden ohne Wimpernschlag ermorden konnte.

Elena lief im Flur auf und ab, während ihre Absätze laut auf dem Marmor klackten. Sie blieb vor einem Spiegel stehen, um ihr Haar und ihr Kleid zu richten.

Bianca saß auf einem samtbezogenen Stuhl in der Nähe und sah blass aus. „Madre, du machst mir Angst.“

Elena wirbelte herum. „Setz dich ordentlich hin. Wenn Cassian durch diese Türen tritt, wirst du lächeln. Du wirst Beherrschung ausstrahlen. Du sprichst kein Wort, es sei denn, er spricht dich zuerst an.“

Bianca schluckte schwer. „Ist er wirklich so schlimm?“

„Er ist Antonios Erbe.“

„Das habe ich nicht gefragt“, flüsterte Bianca.

Elena trat näher an sie heran und senkte die Stimme. „Cassian braucht in dieser Familie für absolut nichts eine Erlaubnis. Wenn er dich mag, hast du nichts zu befürchten.“

„Und wenn er mich nicht mag?“, fragte Bianca, doch Elena gab ihr keine Antwort.

Alessia stand nahe einer Säule im hinteren Teil der Halle in der Hoffnung, nicht aufzufallen, doch Elena entdeckte sie. „Du. Geh in die Küche. Stell sicher, dass die Getränke bereitstehen.“

„Ja, Ma’am“, flüsterte Alessia.

„Und wenn Cassian ankommt, hältst du dich aus seinem Blickfeld“, Elena deutete mit dem Finger auf sie. „Ich meine es ernst. Kein Herumtreiben in seiner Nähe. Kein verängstigtes Herumstehen. Blamier mich nicht. Wenn er auf dich aufmerksam wird, weil du einer einfachen Anweisung nicht folgen kannst, wirst du es bereuen.“

Alessia eilte davon. Draußen zog sich der Himmel mit Donnergrollen zu; Regen klopfte gegen die Fensterscheiben.

Mit zitternden Fingern arrangierte Alessia Kristallgläser auf einem Silbertablett, während Antonios Worte in ihrem Kopf nachhallten. Cassian hatte zwölf Männer an einem einzigen Nachmittag getötet — und nun kam er nach Hause.

Schließlich öffneten sich die Tore.

Drei schwarze SUVs rollten in Formation die Kiesauffahrt hinab, während ihre Scheinwerfer über den Innenhof strichen.

Jede Wache straffte die Haltung, die Dienstboten verschwanden von den Fenstern und Antonio trat zusammen mit Elena und Bianca an seiner Seite aus seinem Arbeitszimmer.

Alessia blieb mit ihrem Tablett in den Händen im Türrahmen der Küche stehen. Der mittlere SUV hielt an, die hintere Tür öffnete sich und ein schwarzer Lederstiefel berührte den Kies. Dann stieg Cassian aus.

Alessia stockte der Atem. Er war weit über 1,80 Meter groß, breitkorig und athletisch gebaut. Sein schwarzer Anzug saß wie angegossen und sein dunkles Haar war nach hinten gekämmt, obwohl sich einige Strähnen gelöst hatten.

Sein Gesicht war von einer markanten, kühlen Schönheit — eine harte Kieferpartie, bedeckt von dunklen Stoppeln, hohe Wangenknochen und dunkle Tätowierungen, die sich auf der rechten Seite seines Halses unter seinen Kragen schlängelten.

Seine Augen waren silberfarben, eisig und tot, ohne jede Wärme oder Anzeichen von Freude über seine Heimkehr. Cassian schloss beiläufig den mittleren Knopf seines Sakkos.

Ein dienstälterer Wachmann trat an ihn heran. „Willkommen zu Hause, Boss. Der Don wartet bereits—“

Cassian ging ohne ein Wort direkt an ihm vorbei. Auch Antonio würdigte er keines Blickes; mit gemessenen, unaufgeregten Schritten stieg er die Marmortreppe hinauf, bevor er im Inneren des Hauses verschwand.

Die Stimmung im Anwesen schlug augenblicklich in etwas Giftiges um. Alessia senkte den Blick. Sie war Cassian De Rossi bis zu diesem Abend noch nie begegnet, aber sie verstand bereits jetzt nur zu gut, warum die Menschen ihn fürchteten.

Das Abendessen wurde knapp eine Stunde später serviert, doch niemand hatte wirklich Appetit. Schritte hallten auf der Treppe wider, als Cassian den Speiseraum betrat.

Er hatte geduscht und sich in ein makelloses schwarzes Hemd gekleidet, dessen Ärmel hochgekrempelt waren und die Tätowierungen auf seinen Unterarmen freizügig offenbarten. Eine unangezündete Zigarette hing locker zwischen seinen Lippen.

Er zog den Stuhl zu Antonios Rechten heraus und setzte sich. Elena saß zu Antonios Linker, Bianca neben ihr. Alessia war am ganz äußeren Ende platziert worden, nahe den Türen zum Dienstbotenbereich.

Der Regen hämmerte gegen die hohen Fenster, während Antonio sein Steak anschnitt. „Die Chicago-Aktion war unsauber. Du hast Leichen in der Öffentlichkeit hinterlassen.“

Cassian aß unbeeindruckt weiter. „Die Bianchis sind tot“, erwiderte er mit seiner tiefen, ruhigen Baritonstimme. „Das Territorium gehört uns.“

„Du hättest das mit weniger Aufsehen erledigen können.“

Cassian hob die Augen. „Was zählt, sind Ergebnisse. Nicht deine Vorliebe für ordentliche Berichte, alter Mann.“

Ein Muskel im Kiefer von Antonio zuckte. Elena lächelte hastig. „Wir sind einfach froh, dass du wohlbehalten zu Hause bist, Cassian. Wir haben uns alle darauf gefreut, dich wieder hier zu haben.“

Cassian würdigte sie keines Blickes und aß stumm weiter. Bianca rutschte unruhig neben ihrer Mutter auf dem Stuhl hin und her, und Alessia hielt ihren Blick fest auf ihren Teller gerichtet — doch die Neugier siegte.

Als sie langsam die Augen hob, starrte Cassian sie bereits an. Das Erste, was ihm ins Auge fiel, waren ihre seltenen, bernsteinfarbenen Augen und das Zittern ihrer vollen, roten Lippen.

Sein Blick war eiskalt; er studierte sie wie ein Raubtier ein unvertrautes Geschöpf. Alessia spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper anspannte, als sein Blick über ihr einfaches Kleid nach unten wanderte und schließlich wieder zu ihrem Gesicht zurückkehrte.

Sie schlug die Augen nieder; ihre Hand zitterte so stark beim Versuch, ihre Gabel aufzunehmen, dass das Metall mit einem leisen Klirren gegen das Porzellan schlug.

„Ein verängstigtes kleines Ding“, sprach Cassian mit schwerem, unnachgiebigem Blick.

Alessia erstarrte, senkte den Kopf noch tiefer und spürte, wie ihr Herz wild gegen die Brust hämmerte.

Elena räusperte sich, um die Anspannung zu lösen. „Das ist meine jüngste Tochter, Alessia.“

Cassian riss seinen Blick von ihr los und wandte sich Elena zu. „Noch eine Tochter? Ich weiß von einer Bianca Raymond… Wie kommt es, dass es eine Alessia gibt?“

Elena fror ein, um Worte verlegen. „Alessia war schon immer… in sich gekehrt. Sie zieht es vor, sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.“

Cassians kalter Blick blieb auf Elena gerichtet. „Verstehe.“

Dann wandte er seinen Blick wieder Alessia zu — schwer und besitzergreifend. Als sie es schließlich wagte, ganz kurz aufzusehen, waren seine kalten, silbernen Augen immer noch mit intensiver Faszination auf sie gerichtet.

Am anderen Ende des Tisches hatte Bianca Cassian beobachtet, seit er sich gesetzt hatte; sie strich sich durchs Haar und berührte ihre Diamantenkette.

Cassian hatte ihre Existenz bisher mit keinem Blick gewürdigt, und doch zog Alessia seine Aufmerksamkeit völlig mühelos auf sich. Die Erkenntnis verärgerte sie maßlos.

„Cassian“, sagte Bianca. Das Messer in seiner Hand hielt inne. Langsam legte Cassian es neben seinen Teller, ohne sich zu ihr umzudrehen. „Es ist wunderbar, dich endlich kennenzulernen. Ich habe schon so viel über dich gehört. Alle sprechen darüber, was du für die Familie erreicht hast. Besonders was Chicago betrifft. Es gehört schon ein außergewöhnlicher Mann dazu, so etwas zu regeln.“

Antonios Augen hoben sich kurz. Elenas Gesicht verzog sich leicht.

„Ich habe Männer schon immer bewundert, die wissen, wie man die Kontrolle übernimmt“, fügte Bianca hinzu und ihr Lächeln wurde breiter.

Cassian drehte schließlich den Kopf; sein Blick war so eisig, dass Biancas Lächeln augenblicklich schwand. Fünf Sekunden verstrichen. Dann zehn. Bianca rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her.

„Wer hat dir erlaubt, mit mir zu sprechen?“, fragte Cassian leise.

Bianca blinzelte hektisch. „Ich—“

„Wer?“

Bianca blickte hilfesuchend zu Elena, die jedoch sofort wegsah. „Ich wollte dich doch nur willkommen heißen.“

„Habe ich um ein Willkommen gebeten?“

„Nein“, hauchte sie.

„Warum sprichst du dann?“

Biancas Lippen öffneten sich, doch ihr entglitt kein Laut. Cassian lehnte sich zurück, wobei er vollkommen entspannt und schlichtweg gelangweilt wirkte.

„Ich wollte nicht respektlos sein“, sagte Bianca mit angespannter Stimme.

Cassians Augen verengten sich leicht, als er nach seinem Weinglas griff. „Sprich mich nie wieder an.“

„Was?“

Er nahm einen Schluck und ignorierte sie völlig.

Ihr Stolz flammt auf. „Aber du bist doch mein—“ Sie brach mitten im Satz ab, als Cassian das Glas senkte und seine Augen vollkommen leer waren.

Cassian stellte das Glas mit einem leisen Klirren ab. „Wenn du noch einmal das Wort an mich richtest, ohne dass ich dich zuerst angesprochen habe, lasse ich dir die Zunge herausschneiden.“

„Cassian“, schaltete sich Antonio schließlich ein.

Cassian drehte den Kopf leicht und hielt dem Blick seines Vaters stand. „Ja?“

Antonios Blick verhärtete sich. „Das ist mein Haus.“

Cassians Mundwinkel hoben sich schemenhaft.

„Und?“, er lehnte sich zurück. „Ich bin nur hier, weil ich Geschäfte zu erledigen habe, alter Mann. Und ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du mir aus dem Weg gehen würdest.“

Antonios Kiefer spannte sich an; er wusste, dass ein Streit zwecklos war.

Cassian wandte sich wieder seinem Essen zu. „Und jetzt esst. Ihr alle.“

Gabeln bewegten sich. Gläser wurden gehoben. Biancas Augen füllten sich mit Tränen, doch Elena griff unter dem Tisch nach ihrem Handgelenk.

Weine nicht. Provoziere ihn nicht. Am anderen Ende des Tisches verharrte Alessia reglos. Ihr Herz wollte einfach nicht langsamer schlagen; so etwas hatte sie noch nie erlebt. Cassians Blick wanderte erneut zu ihr und ihre Augen trafen sich.

Seine Aufmerksamkeit ruhte mit derselben verstörenden Intensität auf ihr, sank hinab zu ihren zitternden Händen und kehrte dann zu ihrem Gesicht zurück. Sein Mundwinkel verzog sich zu einem kühlen, leicht zufriedenen Ausdruck.

Als das Mahl beendet war, stand Cassian als Erster auf; sein Stuhl scharrte laut über den Marmorboden. Er blickte einmal in die Runde — sein Blick streifte Antonio, Elena und Bianca —, bevor er an Alessia hängen blieb.

Er hielt ihren Blick für mehrere Sekunden, wendete sich dann ab und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Erst da ließ Bianca den Atem aus, den sie angestaut hatte, und eine Träne rollte über ihre Wange.

Elena packte ihr Handgelenk. „Hör auf. Du solltest dankbar sein, dass er dir nur gedroht hat. Provoziere diesen Mann niemals.“

Antonio blieb am Tisch sitzen und starrte bedrückt in seinen unberührten Wein. Alessia beobachtete ihn und spürte eine Welle des Entsetzens in sich aufsteigen.

Ein Mann, der selbst Antonio De Rossi unruhig machen konnte, war jemand, vor dem sie sich dringend fernhalten musste — doch irgendetwas sagte ihr, dass Cassian das längst anders entschieden hatte.

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