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Kapitel 3

Author: Crystal
last update publish date: 2026-09-02 00:15:04

Der Ostflügel war nachts ruhig. Alessia saß auf der Kante ihres schmalen Bettes mit den Knien zur Brust gezogen und starrte auf die Holztür, die dünne Decke um ihre Schultern tat wenig gegen die schleichende Kälte. Die Stiefel eines Wachmanns gingen nach draußen - einmal, zweimal, dann Stille.

Sie hatte ihr Zimmer seit dem Abendessen nicht mehr verlassen. Jedes Mal, wenn sie ihre Augen schloss, sah sie diese silbernen Augen am Ende des Tisches. Cassian hatte sie nicht wie ein Mann angeschaut, der eine Frau ansah, er hatte sie angeschaut, als würde er entscheiden, was sie wert war.

Sie hatte ihr ganzes Leben damit verbracht, zu lernen, unbemerkt zu bleiben. Antonio mochte Gehorsam, Elena mochte Unterwerfung und Bianca mochte es, jemanden zu haben, der schwächer war, um sie zu quälen. Cassian schien nichts davon zu mögen - er befahl einfach ohne Anstrengung Angst.

Eine Diele knarrte draußen und ließ ihren Kopf in Richtung Tür schnappen, dann klopfte jemand.

„Alessia?“

Sie erkannte die Stimme. „Marta?“

“Ja.”

Alessia entspannte sich leicht. Marta war eine der älteren Küchenmädchen, die gelegentlich ihr zusätzliches Brot ausrutschte. “Was ist das?”

“Die Frau des Don will, dass die Wäsche im Hauswirtschaftsraum sortiert wird”, sagte Marta durch die Tür. „Sie sagte, ich solle sie nicht warten lassen“, sagte Marta.

Alessia rutschte vom Bett, ihre Füße schlugen auf den eisigen Boden. “Ich komme.”

Sie öffnete die Tür. Marta stand draußen und sah müde aus. „Du siehst blass aus. Geh”, flüsterte Marta. Ich werde sehen, ob ich dir später etwas Warmes besorgen kann.“

“Danke.”

Alessia trat in den Flur und hielt ihr Gesicht nach unten, als sie an zwei bewaffneten Wachen vorbeikam. Der Hauswirtschaftsraum befand sich auf der anderen Seite der zentralen Halle. Als sie in der Nähe des Innenhofs überquerte, erblickte sie jemanden auf dem oberen Balkon.

Cassian stand unter dem Steinbogen, lehnte sich an eine Säule in einem dunkelgrauen Hemd mit einer brennenden Zigarette zwischen seinen Fingern. Als Alessia vorbeiging, hob er seine Augen und fand sofort ihre.

Ihr Magen sank. Sie schaute sofort weg und ging schneller. Als sie den weit entfernten Korridor erreichte, schaute sie über ihre Schulter - er war immer noch da, rauchte und beobachtete sie. Ihre Finger umklammerten den Saum ihres Kleides, als sie in die Schatten eilte.

Sie erreichte schließlich den Hauswirtschaftsraum und begann, die Wäsche zu sortieren, aber ihr kleiner Moment der Ruhe endete in dem Moment, als Bianca den Raum betrat und sie in die Enge drängte, ihre Augen füllten sich mit intensivem Hass.

„Bianca... was bist du—“

“Halt die Klappe! Du Verrückter!” Bianca schrie und drückte Alessia hart auf die Schultern.

Alessia taumelte rückwärts, ihr Rücken prallte gegen die Wand. Sie sah verwirrt zu ihrer Schwester auf. “Was ist los?”

“Was ist los? Ha! ... Du hast mit ihm direkt vor uns allen geflirtet! Du hast versucht, ihn mit deinen seltsamen Augen zu verführen!“ Bianca lachte.

Alessia war fassungslos. “Was? Nein! Ich habe nicht einmal mit ihm gesprochen!“

“Halt einfach die Klappe, du erbärmliche kleine Hure!” Sie machte langsame Schritte auf Alessia zu und zeigte mit dem Finger auf sie. „Hör gut zu, Cassian gehört mir. Wenn ich dich so nah wie seinen Schatten sehe, werde ich dein Leben ruinieren.“

Alessia starrte nur ihre Schwester an, Tränen begannen sich in ihren Augen zu bilden, aber sie weigerte sich, sie fallen zu lassen.

“Verstehst du mich!” Bianca schnappte.

„Ja... Ich werde mich fernhalten“, antwortete sie und hielt ihren Blick auf den Boden gerichtet.

“Dumme Schlampe!” Bianca spuckte und verließ den Raum und schlug die Tür zu.

Alessia ließ den Atem aus, den sie angehalten hatte, als eine streunende Träne über ihr Gesicht lief. Sie hatte keine Ahnung, was sie getan hatte, um ihre Schwester dazu zu bringen, sie so sehr zu hassen.

-

Um Mitternacht konnte Alessia ihre Arme kaum spüren. Sie hatte Stunden damit verbracht, Wäsche zu sortieren, Laken zu falten und Körbe zu tragen. Als sie endlich fertig war, trug sie den letzten Korb den fast dunklen Flur hinunter in Richtung der Dienertreppe.

Die Szene von früher, Biancas grausame Worte schnitten ihr immer noch tief ins Herz. Sie konnte nicht verstehen, warum jemand denken würde, dass sie Cassian wollte.

In dem Moment, als sie um die Ecke bog, trat eine Gestalt von der Wand weg.

Alessia hörte so abrupt auf, dass der Korb aus ihren Händen rutschte und gefaltete Bettwäsche über den Stein verschüttete. Ihr Herz schlug gegen ihre Brust, als sie Cassian erkannte. Er stand in dem engen Gang und versperrte ihren Weg. Sie trat zurück, bis ihre Schultern gegen die Wand schlugen.

„Cassian“, ihre Stimme war kaum ein Flüstern.

Er starrte sie im schlichen Licht an und griff dann in seine Tasche. Alessia zuckte vor Entsetzen zusammen und eine schwache Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. Er zog eine kleine Ledertasche heraus und Alessia sah zu, wie er sie öffnete. Tabak.

Cassian nahm ein dünnes Blatt Rollpapier und begann, eine Zigarette zuzubereiten. Seine Hände waren ruhig. Er holte sein silbernes Feuerzeug heraus, drehte es auf und zündete es an, das plötzliche orangefarbene Leuchten beleuchtete seinen harten Kiefer und seine kalten silbernen Augen. Cassian zündete sich die Zigarette an, schaltete das Feuerzeug ab und nahm einen langsamen Zug.

“Kann... kann ich passieren?” Sie flüsterte. „Bitte.“

Cassian nahm einen weiteren Zug und ließ den Rauch aus seinem Mund kräuseln. “Warum hast du immer Angst?”

Als sie nicht antwortete, machte er einen Schritt auf sie zu. Alessia drückte sich fester gegen die Wand. Er blieb nah genug stehen, dass sie ihren Kopf neigen musste, um ihn anzusehen, seine Augen fielen auf den Puls, der schnell in ihrer Kehle schlug.

„Lass es“, befahl er leise, als sie eine Hand hob, um ihren Hals zu bedecken. Ihre Hand fiel widerwillig, Rauch trieb zu ihrem Gesicht. “Du weinst.”

“Bin ich nicht”, jammerte sie.

“Du bist ein schrecklicher Lügner.”

Sie wandte ihr Gesicht ab. Seine Hand kam plötzlich hoch und ließ sie sich zurückziehen, aber seine Finger schwebten, ohne sie zu berühren, bevor sie wegfielen. Ein Ausdruck von leichter Irritation huste über sein Gesicht. “Du hast Angst vor allem.”

“Bin ich nicht.”

„Gut“, sagte Cassian. Er trat zurück und deutete auf den Boden. “Hol sie ab.”

“Was?”

Er neigte sein Kinn zu der verschütteten Bettwäsche. Alessia hockte sich sofort hin und sammelte die Laken mit zitternden Händen, während er zusah. Als sie nach dem letzten Stück griff, kam Cassians Schuh neben ihr in Sicht.

“Schau mich an.”

Langsam hob sie ihren Kopf. Cassian hockte sich hin und brachte sein Gesicht auf die gleiche Ebene mit ihrem.

“Weißt du, was ich an verängstigten Menschen hasse?” Seine Stimme wurde leiser. “Sie lügen.”

Alessia schluckte. “Ich... ich habe nicht gelogen.”

“Jeder lügt.” Er stand auf und trat um sie herum.

Alessia beobachtete, wie er zum Ende des Korridors ging, in der Annahme, dass er gehen würde. Dann blieb er stehen und schaute über seine Schulter.

“Wenn du mich das nächste Mal siehst, lauf nicht weg.”

Alessia starrte ihn vom Boden aus an. “Warum?”

Cassians Gesichtsausdruck wurde leer. „Weil ich annehme, dass du etwas versteckst, Dolcezza.“

Dann verschwand er in der Dunkelheit.

Alessia blieb auf dem Boden und hörte zu, bis seine Schritte völlig verblassten.

Ihre Hände zitterten so heftig, dass sie die Hälfte der Bettwäsche wieder fallen gelassen hatte. Sie sammelte sie langsam und drückte den Korb an ihre Brust. Cassian schrie nicht, schlug sie nicht und berührte sie nicht, aber er konnte in einem dunklen Flur stehen und ihr das Gefühl geben, völlig gefangen zu sein.

Bianca hatte sie gerade gewarnt, sich von ihm fernzuhalten. Und jetzt hatte er ihr einen Befehl gegeben, der sie erschreckte.

Lauf nicht weg.

Männer wie Cassian gaben nicht umsonst Warnungen - sie gaben sie, weil sie völligen Gehorsam erwarteten.

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