Die, die er nicht gesehen hat

Die, die er nicht gesehen hat

last updateÚltima atualização : 2026-10-31
Por:  L'invincibleAtualizado agora
Idioma: Deutsch
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Die, die er nicht gesehen hat Fünf Jahre lang lebte Valeria De Santis wie ein Schatten in ihrer Ehe mit Lorenzo Fontana: zwei Nächte im Monat, ohne ein Wort, ohne Wärme. Er hatte nur Augen für Bianca Rinaldi. Valeria aber schwieg — aus Treue zu einer alten Schuld, aus einem Opfer, das er nie ahnte. Als der Vertrag endete, eilte Lorenzo zu Bianca. Valeria aber drehte sich nicht um: „Lorenzo, ich gebe dir deine Freiheit zurück." Sie nahm ihre Karriere wieder auf, fand ihren Glanz zurück, erklomm allein die Hänge, die man ihr überlassen hatte. Zu spät sah Lorenzo sie endlich strahlen. Er versuchte zurückzukehren. Sie lehnte ab, ohne Hass, nur müde. Er wird nie erfahren, dass sie ihn schweigend geliebt hatte bis das Schweigen alles verschlang. Nur eine endgültig geschlossene Tür.

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Capítulo 1

KAPITEL 1 — DER VERTRAG

— Valeria

Die Feder gleitet über das Papier wie ein Messer über die Haut; ich unterschreibe, ohne zu lesen, meine Finger sind sicher, mein Kopf ist woanders, und das Kratzen der Tinte auf der Papierfaser erfüllt die Stille ganz allein. Meine Mutter sieht mich an, ihre Finger umklammern ihre Handtasche, ihre Tränen, die sie zurückhält, weil sie kein Recht mehr hat, vor mir zu weinen. Nicht heute. Der Notar schiebt die Blätter zu mir herüber, eines nach dem anderen, mit langsamen, präzisen, fast feierlichen Gesten, und seine Fingerspitzen sind vom Tabak gelb gefärbt. Er reicht mir den Stift. Ein Montblanc, schwer in meiner Handfläche, der Schaft eiskalt gegen die zarte Haut zwischen meinen Fingern. Alles ist luxuriös in diesem Raum: der Marmorboden, die Bilder an den Wänden, die gedämpfte Stille, die sogar das Geräusch der umgeblätterten Seiten verschluckt. Selbst die Knechtschaft hat ihren Preis; selbst der Verkauf seiner Tochter hat eine schöne Präsentation.

Lorenzo Fontana ist nicht da.

Natürlich ist er nicht da; warum sollte er auch da sein, er muss nicht beim Kauf anwesend sein, er hat seine Anwälte geschickt, seine Handlanger im Nadelstreifenanzug, die mich ansehen, wie man eine Ware ansieht, die man vor dem Mitnehmen prüft. Ich bin eine Ware. Eine Schuld, die man tilgt. Ein Name, den man auslöscht.

Mein Vater ist im Krankenhaus; er weiß es nicht, er wird es nie erfahren, oder vielleicht doch, vielleicht ahnt er es, vielleicht sieht er es in meinen Augen, was ich gegen seine Tage eingetauscht habe. Aber er wird nichts sagen. So ist es in unserer Familie: Man schweigt, man erträgt, man unterschreibt.

Der Notar verliest die Klauseln mit monotoner Stimme, die Worte reihen sich aneinander, Ehe, Zusammenleben, eheliche Pflichten, eine Liste von Verpflichtungen wie ein Inventar; ich höre nicht zu, die Worte gehen über mich hinweg, sie prallen gegen meine Schläfen, sie zerquetschen sich an meinen Wangen. Ich schaue auf meine Hände, die auf dem Schreibtisch liegen. Sie zittern nicht. Das ist alles, was ich verlange. Dass sie nicht zittern.

— Artikel 7, fährt der Notar fort. Die Vertragsdauer ist auf fünf Jahre festgelegt; nach Ablauf dieser Frist sind die Parteien frei von ihren Verpflichtungen.

Fünf Jahre.

Fünf Jahre meines Lebens; fünf Jahre, in denen ich Madame Fontana bin; fünf Jahre, in denen ich einen Namen trage, der nicht meiner ist, in einem Bett schlafe, das nicht meines ist, vor Gästen lächle, die niemals meine Freunde sein werden.

Meine Mutter hustet, ein kleines, trockenes, kaum hörbares Geräusch, aber ich höre es, und ich weiß, was sie sagen will. Beeil dich. Bevor er kommt. Bevor sie es sich anders überlegen. Bevor dein Vater stirbt.

Ich unterschreibe.

Die erste Seite. Mein Name: Valeria De Santis. Es kommt mir vor, als würde ich als Fremde schreiben, als gehörten diese Buchstaben mir nicht mehr; schon entfernen sie sich, schon verlasse ich mich selbst.

Die zweite Seite.

Die dritte.

Meine Mutter hält den Atem an; der Notar blättert die Seiten mit studierter Behutsamkeit um. An der Wand schlägt eine Uhr vier Uhr, vier Uhr nachmittags, und in einer Kirche irgendwo muss ein Priester eine Messe vorbereiten, die niemand besuchen wird, und in einer Villa irgendwo muss ein Mann sich vor einem Spiegel rasieren, seine Krawatte zurechtrücken, an etwas anderes denken.

Die letzte Seite.

Die Feder zögert eine Sekunde; ich sehe meine Hand über dem Papier schweben, und in dieser Leere liegt alles, was ich zurücklasse: mein Atelier, meine schlaflosen Nächte, meine halbfertigen Leinwände, mein Künstlername, den noch niemand kennt, meine Träume, meine Werke in Galerien, Museen, Büchern hängen zu sehen. All das passt in eine Sekunde. All das verschwindet im Strich eines Stifts.

Ich unterschreibe.

Meine Mutter atmet aus; der Notar nimmt die Blätter, legt sie in eine Ledermappe, und er lächelt mich an, ein professionelles Lächeln, fast mitleidig, als wäre das alles normal, als wäre es ein gewöhnlicher Akt zwischen Leuten aus guter Familie, seine Tochter zu verkaufen.

— Herzlichen Glückwunsch, Signora Fontana.

Signora Fontana.

Der Name fällt auf meine Schultern wie ein Stein; ich spüre, wie er lastet, kalt, fremd; er hat keinen Geschmack, keine Farbe, er ist grau wie der Himmel draußen, grau wie der Regen, der beginnt, gegen die Scheiben zu schlagen. Ich stehe auf, meine Beine tragen mich, das ist schon etwas, ich stehe aufrecht, ich gehe zur Tür. Meine Mutter folgt mir, sie holt mich im Flur ein, sie nimmt meine Hand.

— Valeria, haucht sie.

Ich antworte nicht; ich kann nicht; wenn ich den Mund öffne, stürzt alles ein, die Wände, die Decke, der Marmor, die Stille, alles.

Auf der Straße verdoppelt sich der Regen; ein schwarzes Auto wartet auf uns, ein Chauffeur in Uniform hält einen Schirm über die Wagentür, und er nennt mich Madame. Schon. Schon bin ich Madame.

Ich steige in das Auto; meine Mutter setzt sich neben mich; sie weint nicht, sie hat auch dazu kein Recht; man hat uns gesagt, dass Emotionen unpassend seien, dass alles gut werden würde, dass Lorenzo Fontana eine außergewöhnliche Partie sei, jung, reich, schön, dreißig Jahre alt, Erbe einer Industriefamilie, Fabriken, Schweizer Konten, Besitztümer in der Toskana, eine Villa in Florenz, eine weitere in Portofino. Alle Mädchen träumen davon.

Alle Mädchen.

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