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Kapitel 4: Sein Blick

last update Data de publicação: 2026-07-21 10:50:47

POV Maëlys

Die Tür schloss sich. Fast im selben Moment glitten zwei Riegel im Flur vor.

Élodie musterte mein Gesicht.

„Du hast nicht vor, in diesem Bett liegen zu bleiben.“

„Ich bin verletzt, nicht mysteriös.“

Sie seufzte und bereitete zwei Tabletten vor.

„Die eine hemmt die Entzündung. Die andere sollte dich für sechs Stunden schlafen legen.“

Ich nahm die erste und ließ die zweite in ihrer Handfläche liegen.

„Wenn Lucien zurückkommt, können Sie ihm sagen, dass ich mich geweigert habe.“

„Er wird mir vorwerfen, dass ich dich habe gehen lassen.“

„Sie können die Tür schließen. Ich werde nicht dadurch gehen.“

Ihr Blick wanderte zum angekippten Fenster des Badezimmers. Wir befanden uns im Erdgeschoss; das Regenrohr verlief weniger als einen Meter von der Brüstung entfernt. Élodie hätte die Wachen rufen können. Stattdessen nahm sie einen Wollschal aus ihrem Schrank und band ihn mir um die Schultern, um meinen Arm zu stützen.

„Du hast zehn Minuten Vorsprung, bevor ich dein Verschwinden offiziell feststelle“, sagte sie. „Wenn du im Garten hinschlägst, werde ich allen erzählen, dass ich dich gewarnt habe.“

„Sie können es sogar in meine Akte schreiben.“

Ich kletterte durch das Fenster – mit deutlich weniger Eleganz, als ich es mir vorgestellt hatte. Meine Schulter protestierte, sobald meine Füße den aufgeweichten Boden berührten. Ich blieb zwischen zwei Beeten hocken, bis die Übelkeit nachließ, und schlich dann an der Außenwand des Pavillons entlang, während ich die beleuchteten Fenster mied.

Das private Archiv befand sich im Hauptgebäude auf der anderen Seite des Hofes. Lucien und Gabriel würden den inneren Verbindungsgang zwischen den beiden Flügeln nehmen. Ihr Weg war kürzer, doch Gabriel würde anhalten müssen, um die drei Sicherheitsgitter öffnen zu lassen. Noah hatte mir einen anderen Eingang gezeigt, als er sechzehn gewesen war und die Patrouillenregister gestohlen hatte, um seinem Vater in die Pässe zu folgen.

Hinter dem Efeu nahe der Küche verbarg sich eine alte Dienstbotentür. Das Schloss leistete Widerstand, bis ich die Kette des Medaillons hineinschob. Luciens Siegel aktivierte den Mechanismus mit einem Klick, der mir eine Sekunde der Genugtuung verschaffte, gefolgt von einem tieferen Unbehagen. Sein Emblem zu tragen, ermöglichte mir das Durchschreiten von Türen, die mir gestern noch verschlossen gewesen waren. Jede Freiheit, die ich auf diese Weise erlangte, hing dennoch von ihm ab.

Ich durchquerte eine leere Anrichte, stieg die Dienstbotentreppe hinauf und erreichte die Galerie genau in dem Moment, als Stimmen aus dem Hauptflur näher kamen. Weiter hinten öffnete sich eine Tür. Gabriel befahl den Wachen, die Fenster zu überprüfen.

Sie hatten mein Fehlen schneller bemerkt als gedacht.

Ich glitt in das alte Rauchzimmer. Ein zweiter Ausgang führte direkt in den Flur der Archive. Als die Schritte der Patrouille verhallten, steuerte ich die letzte Tür an, deren verstärktes Türblatt den schwarzen Halbmond trug, der den Dokumenten des Alphas vorbehalten war.

Sie stand angelehnt.

Für einige Sekunden hörte ich auf zu atmen. Lucien hätte diese Tür niemals so hinterlassen. Ein Geruch nach warmem Wachs lag noch im Durchgang, vermischt mit dem von feuchtem Papier.

Der Raum war durchsucht worden. Kisten lagen umgestürzt auf dem Tisch, mehrere Schubladen hingen aus ihren Schienen und Blätter bedeckten den Boden. Der Regen drang durch ein zerbrochenes Fenster ein. Ich schritt vorsichtig zwischen den Scherben hindurch und suchte das Regal, in dem Lucien vor seiner Abreise seine laufenden Ermittlungen aufbewahrt hatte.

Der Platz, der mit Noahs Namen versehen war, war leer.

Ein schweres Schrittgeräusch ertönte hinter mir.

Lucien füllte den Türrahmen aus. Er hatte seinen nassen Pullover abgelegt und trug ein dunkles Hemd mit offenem Kragen, doch die sauberere Kleidung minderte seine Wut keineswegs. Gabriel tauchte an seiner Schulter auf, außer Atem von dem Versuch, mit seinem Tempo mithalten zu wollen.

„Siebzehn Minuten“, sagte Lucien. „Du hast es geschafft, einer medizinischen Anweisung zu trotzen, zwei Wachen zu täuschen und in siebzehn Minuten an einem Tatort einzudringen.“

„Die Akte ist verschwunden.“

„Das sehe ich.“

Er trat vor und nahm mein Kinn zwischen seine Finger, um meine Pupillen zu prüfen. Ich schob seine Hand fort.

„Sie können mich ausschimpfen, nachdem Sie sich das Schloss angesehen haben.“

Gabriel kniete sich neben das Türblatt. Die Platte war nicht aufgebrochen worden. Um die Blutaufnahme herum trug eine Schicht schwarzen Wachses den deutlichen Abdruck eines Wolfs, der von drei Krallen umgeben war.

Ich kannte dieses Emblem. Es prangte auf den Briefen, die Lucien mir aus dem Norden geschickt hatte – jenen, von denen ich behauptet hatte, sie nicht zu erwarten.

„Das ist Ihr privates Siegel“, sagte ich.

Lucien stellte sich vor die Markierung. Sein Gesicht verlor jeglichen Ausdruck.

„Dieses Siegel verlässt niemals meine Hand.“

Er hob die rechte Faust. Der Silberring steckte noch immer an seinem Zeigefinger, befleckt mit dem Schlamm von der Nordwache.

Gabriel hielt eine Lampe an das Wachs. In der Mitte des Abdrucks war ein roter Faden in die Masse eingearbeitet, als hätte derjenige, der ihn angebracht hatte, selbst das von dem Schloss verlangte Blut nachahmen wollen.

„Jemand hat dieses Archiv mit deiner Autorität geöffnet“, sagte er. „Die Wachen haben also keinen Eindringling gesehen. Sie haben den Alpha gerochen.“

Lucien hob ein Blatt nahe seinen Stiefeln auf. Er drehte es um und reichte es mir, ohne es loszulassen. Das Papier enthielt nur eine einzige Zeile, geschrieben in Noahs nervöser Handschrift:

Wenn die Akte fehlt, suche denjenigen, der das Gesicht eines Anführers annehmen kann.

Ich blickte auf zu Lucien. Sein Daumen zerdrückte den Rand der Seite, und das Gold seines Wolfs überflutete langsam seine Iris.

Jemand im Herzen des Silbergrunds verstand es, das Siegel, das Blut und sogar die Präsenz des Alphas nachzuahmen.

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