ANMELDENDas billigste Zimmer in der Nähe des Infinity Clubs kostete hundertachtunddreißig Dollar und war so groß wie ein Abstellraum.
Daisy bezahlte bar, zählte, was übrig blieb, und versuchte, nicht nachzurechnen. Vierundsiebzig Dollar. Das war jetzt ihr ganzes Leben: vierundsiebzig Dollar und eine Bremsleitung.
Sie hatte nur ein Kleid eingepackt, das schwarze ihrer Mutter, weil es noch schwach nach ihrem Parfüm roch. Vor dem gesprungenen Badezimmerspiegel stehend, zog Daisy den Reißverschluss zu und erkannte das Mädchen im Spiegel kaum wieder. Rote Augen. Blasses Gesicht. Eine Frau, die aussah, als wäre sie von einem Lastwagen überfahren worden und hätte trotzdem beschlossen aufzustehen.
„Okay“, flüsterte sie. „Okay, Mama. Okay, Papa. Lass uns ihn finden.“
Der Infinity Club verschlang sie ganz. Musik dröhnte durch den Boden und hoch durch ihre Schuhe. Lichter bluteten gold und violett über eine Menge, die nach Geld und Kölnisch Wasser roch, und Daisy, die noch nie einen Fuß in einen solchen Ort gesetzt hatte, hielt das Kinn hoch und die Hände eng an die Seiten gepresst, als gehöre sie hierher.
Es dauerte elf Minuten, bis sie ihn fand.
Oben auf der VIP-Empore, hinter einer Glasbrüstung, saß Stephen Owen mit einem stämmigen Mann im grauen Anzug. Ein Lederordner lag aufgeschlagen auf dem Tisch zwischen ihnen. Stephen lächelte das glatte, leichte Lächeln, mit dem er einst die Investoren ihres Vaters bezaubert hatte. Der stämmige Mann nahm einen Stift heraus.
Marlowe. Daisys Puls donnerte in ihren Ohren. Das ist der Bericht.
Sie bewegte sich auf die Treppe zu. Auf halbem Weg schloss sich eine Hand um das Geländer vor ihr, und sie blickte hoch in das Gesicht von Rick, dem Fahrer ihres Onkels. Der Mann, der ihr früher den Sicherheitsgurt angelegt hatte, als sie zwölf war.
Seine Augen weiteten sich. Er hob zwei Finger an den Ohrhörer in seinem Ohr.
Daisy rannte.
Sie dachte nicht nach. Sie drehte sich einfach um und stürzte zurück durch die Menge, Ellbogen stießen gegen Schultern, jemand schrie hinter ihr her, und sie duckte sich durch eine schwarze Tür mit der Aufschrift PRIVAT. Ein langer Korridor erstreckte sich vor ihr, dunkel und still, der Bass nur noch wie ein Herzschlag zu hören. Hinter ihr schlug eine Tür zu. Schritte. Schwere. Schnelle.
Sie bog in voller Fahrt um die Ecke und prallte direkt gegen eine Wand.
Keine Wand. Ein Mann.
Starke Hände fingen sie an den Armen, bevor sie fallen konnte. Er war groß, trug einen dunklen Anzug, die Krawatte am Hals gelockert, ein Telefon noch ans Ohr gepresst. Und er war mitten dabei zu sagen, mit einer Stimme so kalt wie Stahl: „Nein, Großvater. Ich werde keine Fremde heiraten, nur damit der Vorstand zufrieden ist. Sag ihnen, was du willst.“
Er hielt inne. Blickte hinunter.
Daisy griff mit beiden Fäusten nach seinem Revers. „Bitte“, keuchte sie. Die Schritte waren fast an der Ecke. „Zwei Sekunden. Sieh einfach so aus, als würdest du mich kennen.“
Sie wusste nicht, was sie erwartete. Fragen. Wut. Dass er sie wegschob.
Er stellte keine einzige Frage.
Er beendete das Gespräch und zog sie in einer fließenden Bewegung an seine Brust, drehte die Schulter zum Korridor, sein Mantel verdeckte ihr Gesicht vollständig. Seine Hand legte sich in ihren Nacken, fest und warm. Sie konnte seinen Herzschlag hören. Sie konnte Zeder und Regen und etwas riechen, das schwach nach Rauch roch.
Die Schritte bogen um die Ecke und hielten an.
„Sir.“ Rick, schwer atmend. „Entschuldigung, dass ich störe. Ist gerade eine junge Frau hier durchgekommen? Dunkles Haar, schwarzes Kleid?“
Der Mann bewegte sich nicht. „Sehe ich aus“, sagte er mit einer Stimme so kalt, dass sie den Korridor hätte einfrieren können, „als hätte ich Interesse an einem Gespräch?“
Eine Pause. Dann: „Nein, Sir. Entschuldigung.“
Die Schritte entfernten sich. Die Tür klickte zu.
Stille.
Daisy merkte, dass sie immer noch sein Revers umklammerte, so heftig zitternd, dass ihre Knöchel schmerzten. Langsam hob sie den Kopf.
Er sah sie an. Wirklich an. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz im schwachen Licht, und sie wanderten über ihr Gesicht, wie jemand eine Seite liest, die er nicht ganz versteht. Nicht ihr Kleid. Nicht ihre Figur. Ihre Augen.
„Du zitterst“, sagte er leise.
„Mir geht’s gut.“
„Du lügst.“ Es lag kein Vorwurf darin. Nur eine Feststellung. „Vor wem rennst du weg?“
„Vor niemandem, der zählt.“ Sie ließ seinen Mantel los und trat zurück, strich sich mit unruhigen Händen das Kleid glatt. „Danke. Wirklich. Ich will nicht noch mehr von deiner Zeit stehlen.“
Sie drehte sich zum Gehen, und seine Hand schloss sich sanft um ihr Handgelenk.
„Bleib für einen Drink“, sagte er. „Du bist blass wie Papier, und ich glaube nicht, dass du irgendwo sicher bist. Ein Drink. Dann bringe ich dich zu deinem Auto.“
Irgendwo sicher. Die Worte trafen etwas Rohes in ihrer Brust, und für eine schreckliche Sekunde brannten ihre Augen. Sie hatte ein abstellraumgroßes Zimmer und vierundsiebzig Dollar. Sie hatte nirgendwo, wo sie sicher war.
Sie blickte den Korridor hinunter, durch das schmale Glasscheibchen in der Tür, und ihr Blut gefror.
Auf der Empore hatte Marlowe aufgehört zu unterschreiben. Er starrte geradewegs auf den Korridor hinunter. Geradewegs auf sie. Und neben ihm beugte sich Stephen vor und murmelte etwas, ein Finger zeigte direkt auf das Glas.
Der Mann neben ihr folgte ihrem Blick. Sein Kiefer spannte sich an.
„Schau nicht zurück“, sagte er sehr leise, und seine Finger glitten von ihrem Handgelenk in ihre Hand. „Geh mit mir.“
„Ich kenne nicht einmal deinen Namen“, flüsterte Daisy.
Etwas huschte über sein Gesicht, fast ein Lächeln, fast keines.
„Gut“, sagte er. „Namen sind für Leute, die vorhaben, sich wiederzusehen.“
Im vierten Monat hatte Daisys Körper aufgehört, ein Geheimnis zu sein.Es war langsam geschehen und dann auf einmal. Der Bund ihres Uniformrocks schloss sich nicht mehr ohne eine Sicherheitsnadel. Ihre Knöchel schmerzten bis zum Mittag. Und jeden Morgen, wenn sie vor dem gesprungenen Badezimmerspiegel stand und sich seitlich drehte, war es da: eine kleine, runde Wölbung unter ihrer Schürze, so hartnäckig und unbestreitbar wie der Herzschlag, den sie auf dem Bildschirm der Ärztin gehört hatte.Sie hatte es von dem ersten Moment an geliebt. Sie hatte nur nicht erwartet, es so sehr zu lieben, während sie so müde war. Manche Nächte lag sie wach und rechnete auf Servietten, und manche Nächte lag sie einfach nur wach. Beides half nicht.„Setz dich, Daisy“, rief Marta über das Geklapper des Mittagsrushes, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischte. „Ich meine es ernst. Fünf Minuten.“„Es warten sechs Tische.“„Dann können sechs Tische warten.“„Sie geben bessere Trinkgelder,
Der Konferenzraum im vierzigsten Stock war gebaut worden, um zu beeindrucken – und er tat es. Eine Glaswand blickte über Athen, weißer Stein und goldenes Licht, die Akropolis glühte auf ihrem Hügel, die Straßen darunter wimmelten vom Abendverkehr. Lucas hatte nichts davon angeschaut. Er blickte auf sein Telefon, das mit dem Display nach unten neben seinen unberührten Notizen lag, und zählte seine Stillen. Neunzehn Tage seit dem Umschlag seines Großvaters. Neunzehn Tage voller Sackgassen.„Wenn wir im dritten Quartal einen Anstieg von vierzehn Prozent im Mittelmeerkorridor prognostizieren“, sagte sein Verkaufsleiter ein wenig zu hell, „dann allein der Schifffahrtszweig…“Das Telefon vibrierte.Lucas hatte es am Ohr, bevor die zweite Vibration kam. „Holloway.“„Sir.“ Die Stimme des Ermittlers war grau und vorsichtig. „Ich wollte Sie persönlich auf den neuesten Stand bringen. Wir haben es auf San Jose eingegrenzt. Mehrere Restaurants, zwei Kliniken, eine Reihe gemieteter Zimmer. Aber ich
Die Vorladung kam um sieben Uhr morgens, und das bedeutete, dass es keine Bitte war.Lucas Desalvo hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass sein Großvater nie vor neun anrief, es sei denn, etwas war bereits schiefgelaufen. Also sagte er sein erstes Meeting ab, fuhr den Hügel hinauf zum alten Familienhaus und ging mit einer kalten, stetigen Furcht in der Brust durch die marmorne Halle.Sir Desalvo wartete im Arbeitszimmer.Er saß hinter dem großen Eichenschreibtisch, so wie er seit fünfzig Jahren dahinter saß, silberhaarig, aufrecht, ein Mann, der ein Imperium aus Geduld und Furcht erbaut hatte. Eine einzige Lampe brannte neben ihm. Vor ihm lag ein dicker Umschlag.„Setz dich“, sagte er.„Ich stehe lieber.“„Dann steh.“ Der Alte kippte den Umschlag, und der Inhalt glitt über das polierte Holz und kam zu Lucas’ Füßen zum Liegen.Fotografien. Ein halbes Dutzend. Lucas bückte sich, und sein Herz tat etwas Seltsames und Schweres.Eine Frau. Dunkles Haar. Ein abgetragener Mantel bis zum Ha
Der Erste platzte an einem Montag.Eine Nachtputzkolonne in einer Zahnarztpraxis in der Innenstadt. Der Manager hatte ihr die Hand geschüttelt, gelächelt und gesagt: „Mittwoch geht’s los.“ Daisy war so erleichtert hinausgegangen, dass sie beinahe den Bus verpasst hätte.Am Dienstagnachmittag eine E-Mail: Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Stelle inzwischen besetzt ist.Der Zweite war eine Bäckerei, Frühschichten, Bargeld. Der Besitzer mochte sie. Sie sollte am Freitag anfangen. Am Donnerstag ging er nicht mehr ans Telefon.Der Dritte war ein Telefonsupport-Job, und die Recruiterin war so warmherzig, dass Daisy sich erlaubte, zu hoffen. Zwei Tage später: Nach erneuter Prüfung haben wir uns für eine andere Richtung entschieden.Jedes Mal. Jedes einzelne Mal, in dem Moment, in dem sie die Tür in der Hand hielt, schlug sie wieder zu.„Das ist kein Pech“, sagte sie ihrem Spiegelbild im gesprungenen Spiegel des Personalbads, drei Wochen später. „Das ist etwas anderes.“Sie dr
Daisy übergab sich zum dritten Morgen in Folge im begehbaren Kühlraum.Sie stützte eine Hand gegen die vereisten Regale, die andere vor den Mund gepresst, und atmete durch die Nase, bis der Raum aufhörte sich zu drehen. Sechs Wochen… Sechs Wochen, seit sie Queen’s City mit einem Nachtbus verlassen hatte, mit einem Koffer und vierundsiebzig Dollar. Sechs Wochen, in denen sie bei Marta’s Kitchen in San Jose Tische bediente, sich ein Bad mit drei Fremden teilte und sehr hart versuchte, nicht an einen Mann in einem gläsernen Turm zu denken, der selbst im Schlaf eine Stirnfalte trug.„Daisy?“ Ein Klopfen an der Kühlraumtür. „Schatz, du bist schon zehn Minuten drin.“„Komme!“ Sie wischte sich den Mund ab, reinigte schnell die Stelle, glättete die Schürze und ging mit hoch erhobenem Kinn hinaus.Marta, der das Restaurant gehörte und die ein Gesicht wie warmes Brot hatte, warf einen Blick auf sie und schnalzte mit der Zunge.„Setz dich.“„Ich kann nicht, der Mittagsrush—“„Setz dich.“Daisy s
Er brachte sie nicht zu ihrem Auto.Stattdessen führte er sie durch die Küche, vorbei an überraschten Köchen und klappernden Pfannen, und durch eine Stahltür hinaus in eine regennasse Gasse, in der ein schwarzes Auto wartete. Er öffnete selbst die Beifahrertür für sie. Daisy zögerte, eine Hand am Rahmen, und blickte zurück auf den leuchtenden Hintereingang des Clubs.„Der Mann deines Onkels ist immer noch drin“, sagte er. Es war keine Frage.Sie starrte ihn an. „Woher weißt du—“„Dein Gesicht, als du zur Empore geschaut hast.“ Er streifte seinen Mantel ab und hielt ihn ihr hin. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Leute zu beobachten, die mich anlügen, Miss Niemand. Ich erkenne gut, wenn jemand belogen wurde.“Sie nahm den Mantel. Er war warm und roch nach Zeder, und genau das brachte sie zum Zusammenbrechen. Als das Auto aus der Gasse fuhr, liefen ihr still Tränen über das Gesicht, und sie hasste es, hasste es, dass ein Fremder sie so sah.Er sagte kein Wort. Er fuhr einfach,







