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Erst weg, dann dein Bedauern?
Erst weg, dann dein Bedauern?
Author: Selina

Kapitel 1

Author: Selina
Jedes Jahr am ersten April machte mein Freund Xavier Yorkton bei den Aprilscherzen seiner Kindheitsfreundin mit. Jedes Mal inszenierte er für mich einen falschen Heiratsantrag.

Letztes Jahr lachten Xavier und seine Kindheitsfreundin Eloise Zephyr schallend. Es kümmerte sie kaum, dass mein Finger in der Requisite feststeckte und fast so stark eingeklemmt wurde, dass das Gewebe abzusterben drohte.

Um sich bei mir zu entschuldigen, versprach Xavier mir hoch und heilig: „Dieses Jahr mache ich dir wirklich einen Antrag.“

Als er mich also erneut völlig überstürzt an den Ort unseres ersten Dates bestellte, glaubte ich ihm.

Ich ließ mir die Haare machen, gönnte mir eine Maniküre, schminkte mich sorgfältig und zog neue Kleidung an.

Sogar den Text für den offiziellen Post in den sozialen Medien formulierte ich schon vor.

Doch als ich voller Freude durch die Tür trat, klatschte mir ein schwerer Batzen Sahne mitten ins Gesicht.

Aus der Menge ertönte Eloises helles und ausgelassenes Lachen.

„Ich hab doch gesagt, dass Brittany kommt! Xavier, du hast verloren!“

Wie früher wischte Xavier mir sanft die Sahne aus dem Gesicht.

„Du hast dich ja richtig schick gemacht. Schade um das Outfit.“

Dann grinste er, als wäre das Ganze wirklich nur ein harmloser Spaß.

„Ich habe mit den Jungs gewettet, ob ich dich hierherlocken kann. Mein Einsatz war: Kommst du nicht, mache ich dir morgen den Antrag. Kommst du doch, verschieben wir es auf nächstes Jahr.“

Er zuckte mit den Schultern.

„Tut mir leid. Weil du gekommen bist, können wir dieses Jahr wohl doch nicht heiraten.“

Ich sah ihn still an.

„Du weißt also, was morgen für ein Tag ist?“

Er lachte unbekümmert.

„Natürlich weiß ich das. Unser sechster Jahrestag. Wie könnte ich den vergessen?“

Die klebrige Sahne hing mir noch immer im Gesicht. In diesem Moment fühlte sich plötzlich alles sinnlos an.

Unser Jahrestag war ihm weniger wert als der erste April.

Genau wie ich ihm weniger wert war als seine Sandkastenfreundin.

Ich zog den schlichten Partnerring ab, den ich sechs Jahre lang mit ihm getragen hatte.

„Dann trennen wir uns eben.“

Der klare Klang des Rings auf dem Boden ließ das ganze Separee verstummen.

Xavier runzelte leicht die Stirn.

„Mach kein Drama. Es ist doch nur ein bisschen Sahne. Zu Hause wasche ich sie dir ab. Du weißt doch, Eloise hat früher viel derbere Sachen gebracht. Bei dir hat sie sich schon zurückgehalten.“

Er senkte die Stimme ein wenig, doch in seinem Ton lag keine echte Reue.

„Ich habe dich extra einmal hierherbekommen. Lass die anderen nicht denken, dass ich wegen einer Beziehung plötzlich keinen Spaß mehr verstehe.“

Eloise zog ein gekränktes Gesicht.

„Brittany, das war doch alles nur Spaß. Wenn es dir nicht gefällt, lassen wir es eben. Reicht das nicht? Warum redest du gleich von Trennung?“

Dann wandte sie sich an Xavier.

„Ich hab doch gesagt, Brittany versteht keinen Spaß. Aber du musstest sie ja unbedingt herholen. Jetzt siehst du, was du davon hast.“

Sie setzte sich schmollend aufs Sofa. Die Blicke der anderen wurden auf einmal kalt.

Eloise war das einzige Mädchen in ihrer Runde. Alle behandelten sie wie den Liebling der Gruppe. Sobald sie unglücklich war, mussten alle sie trösten.

Xavier war da keine Ausnahme.

Als ich sie zum ersten Mal traf, organisierte sie eine Runde Wahrheit oder Pflicht. Bei den anderen bedeutete Pflicht, nach draußen zu gehen und sich ein bisschen zu blamieren. Bei mir hieß es plötzlich, ich sollte vor allen Stöhngeräusche vorspielen.

Ich sagte nur, dass mir diese Art von Strafe zu weit ging. Sofort bekam Eloise rote Augen und rannte hinaus.

Alle liefen ihr hinterher.

Xavier auch.

Das Willkommensessen, das ursprünglich für mich gedacht war, endete damit, dass ich allein zurückblieb.

Xavier sagte danach zwar nichts dazu. Aber bei späteren Treffen nahm er mich nie wieder mit, solange Eloise nicht ausdrücklich zustimmte.

Jetzt sah Xavier mich mit zusammengezogenen Brauen an.

„Brittany Judson, entschuldige dich bei Eloise.“

Früher hätte ich das getan.

Um dazuzugehören. Um Xavier vor seinen Freunden nicht das Gesicht verlieren zu lassen.

Ich schluckte alles hinunter. Ich entschuldigte mich sogar von selbst und erklärte mich, noch bevor er etwas sagen musste.

Doch jetzt begriff ich es.

Selbst meine Trennungserklärung wog für ihn weniger als ein einziges gekränktes Wort von Eloise.

Erst da verstand ich, dass unsere Beziehung in Xaviers Herzen nie so wichtig war wie seine Bindung zu Eloise.

Ich hob die Tasche und den Mantel auf, die ich extra gekauft hatte, um seine Eltern kennenzulernen.

Dann sah ich in ihre prüfenden Gesichter.

„Xavier, es ist aus. Diesmal wirklich.“

Auf unsicheren High Heels ging ich hinaus.

Als ich die Tür schloss, hörte ich drinnen undeutlich Eloises neckisches Lachen.

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