LOGINKAPITEL 29
Kapitel 120Der Meridian-AnbauJONATHAN (Perspektive)Catalina fuhr, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nur auf die Erlaubnis dazu gewartet.Sie nahm die Ausfahrt des Parkhauses mit einer Geschwindigkeit, für die die Schranke nicht ausgelegt war; der Schrankenbaum klapperte hinter uns hoch. Als wir die Hauptstraße erreichten, hatte sich der Sonntagsverkehr bereits auf Lieferwagen und ein paar frühe Jogger reduziert; sie schlängelte sich mit festem Griff am Lenkrad und zusammengebissenen Kiefern hindurch.Ich saß auf dem Beifahrersitz, den Eisenschlüssel in der einen Tasche und Viviennes goldenen Schlüssel in der anderen. Vivienne saß hinten. Ich spürte ihre Anwesenheit dort, wie man einen Luftzug wahrnimmt – eine kalte, beständige Präsenz am Rande von allem. Die Taschenuhr lag tickend auf meinem Schoß, und jedes Mal, wenn ich auf sie hinunterblickte, befand sich der Sekundenzeiger genau dort, wo er sein sollte.„Sie ist zweiundzwanzig Jahre lang nicht gelaufen“, sagte ich, mehr zu mi
Kapitel 119. Zwei SchlüsselJONATHAN (Perspektive)Einen Moment lang wagte niemand im Raum zu atmen.Vivienne stand im Türrahmen, das Handy wie einen Dienstausweis erhoben, und mir wurde klar, dass sie mir gefolgt war. Nicht durch das Gebäude – für das sie keine Zutrittsberechtigung hatte –, sondern mithilfe der Standortfreigabe, die ich nie deaktiviert hatte. Natürlich. In diesem ganzen Desaster war ich derjenige gewesen, der jede Tür offen gelassen hatte.„Wie bist du hier heraufgekommen?“, fragte ich.„Ich habe dem Wachmann unten erzählt, mein Mann hätte seine Medikamente im Büro vergessen.“ Sie versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht recht. „Er erinnerte sich an mich von der Weihnachtsfeier. Er fragte nicht, warum ich weinte.“Catalina war einen halben Schritt vom Schreibtisch zurückgewichen. Ich sah, wie ihr Blick zu Viviennes linker Hand wanderte – auf den Diamanten –, um sich dann bewusst abzuwenden. Es war eine Art der Zurückhaltung, die Kraft kostete, und plötzlich s
Kapitel 118. Woran sich die Uhr erinnerteJONATHAN (Perspektive)Ich kannte die Nummer, noch bevor meine Augen sie zu Ende gelesen hatten. Sieben Ziffern und ein Buchstabe, eingeprägt in das Gehäuse einer Taschenuhr, die ich seit der Woche, in der mein Vater gestorben war, bei mir trug. Tausendmal war ich mit dem Daumen über diese Zeichen gefahren – in Sitzungssälen und auf Krankenhausfluren –, ohne mich je zu fragen, warum eine Uhr ein Autokennzeichen tragen sollte.„Das ist die Uhr meines Vaters“, sagte ich.Niemand rührte sich.„Es ist in die Innenseite des Deckels eingraviert. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es sich um eine Seriennummer handelt.“ Ich legte das Foto vorsichtig auf den Couchtisch, als könnte es jeden Moment zerreißen. „Mein Vater hat mir einmal erzählt, sie stamme von seinem eigenen Vater. Dass sie einen *langen Weg mit ihm zurückgelegt* habe. Mehr hat er nie dazu gesagt.“Marcus starrte auf das Foto; seine Fassung war dahin, die Hände lagen flach auf seine
Kapitel 117 Vier MinutenJONATHAN (Perspektive)Vier Minuten sind keine lange Zeit. In dieser Wohnung – mit heruntergelassenen Jalousien, dem Summen des Kühlschranks und Wills Gesicht, das die Farbe von altem Papier hatte – fühlte es sich an wie ein angehaltener Atemzug. Y„Wir könnten gehen“, sagte Catalina. „Durch das Treppenhaus. Er würde uns nicht sehen.“„Und dann?“, fragte ich, den Blick fest auf die Wohnungstür gerichtet. „Er weiß, wo ich bin. Anscheinend weiß er es schon die ganze Woche. Wegzulaufen würde mir nichts verraten, was ich nicht ohnehin schon ahne.“„Was ahnst du denn?“„Dass ich sehr dumm gewesen bin.“Will saß auf der Armlehne des Sofas, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und starrte auf den Teppich. Er hatte kein Wort mehr gesagt, seit Marcuss Nachricht eingegangen war. Ich dachte an zwanzig Jahre: an Studentenwohnheime, billiges Bier und einen Mann, der einmal vier Stunden lang durch einen Schneesturm gefahren war, nur weil ich ihn um drei Uhr morgens angerufe
Kapitel 116Zwanzig JahreJONATHAN (Perspektive)Will wohnte im neunten Stock eines Glasgebäudes, das mir für ihn immer zu hell erschienen war. Er hatte es wegen der Aussicht ausgesucht, wie er mir einmal erzählt hatte – nur um dann zuzugeben, dass er die Jalousien nie öffnete.Der Portier erkannte mich und winkte uns durch, ohne oben anzurufen. Ich wusste nicht, ob das Glück war oder etwas anderes. Im Aufzug stand Catalina so nah bei mir, dass sich unsere Ärmel berührten, doch keiner von uns erwähnte es. Mein Handy lag in meiner Faust; auf dem Display leuchtete die letzte Nachricht.*Frag ihn, wer ihm das Handy gegeben hat.*Die Tür öffnete sich, noch bevor ich klopfen konnte.Will stand da, im Hemd vom Vortag, unrasiert, mit geröteten Augen. Er wirkte nicht überrascht. Er sah aus wie ein Mann, der schon seit Stunden auf der anderen Seite der Tür gestanden und auf den Aufzug gewartet hatte.Sein Blick wanderte von mir zu Catalina und zurück. „Du hast Begleitung mitgebracht.“„Sie ble
Kapitel 115 Die AufnahmeJONATHAN (Perspektive)Die ersten zehn Sekunden waren nur vom Wind und dem gedämpften Reiben von Stoff erfüllt – dem Geräusch eines Telefons, das achtlos in eine Manteltasche geschoben wurde. Dann schloss sich irgendwo im Hintergrund eine Tür, und eine Stimme, die ich besser kannte als meine eigene, sprach aus dem winzigen Lautsprecher.*„Bist du dir sicher wegen des Rings? Sag mir, dass du dir sicher bist.“*Will. Jünger. Unbeschwerter, mit einem Lachen, das noch jene Leichtigkeit hatte, die er besaß, bevor er gelernt hatte, seine Worte genau abzuwägen.Und dann ich – warm, mit leicht verwaschener Stimme und einem Grinsen im Gesicht; ein Mann, der keine Ahnung hatte, dass er gerade aufgenommen wurde.*„Ich bin mir sicher, dass es der richtige Schritt ist. Das ist etwas anderes, als sich absolut sicher zu sein.“*Catalinas Hand auf meinem Ärmel erstarrte.Ich hätte die Aufnahme stoppen sollen. Ich kannte das Datum auf dem Ordner, ich wusste, welcher Abend das
Kapitel 3Catalina„Sie werden nicht schneller zurückkommen, Madam, wenn Sie auf und ab gehen.“Ich blieb stehen und sah Marco an, den Chef der Hauswache. „Ich kann nicht einfach auf dem Sofa sitzen, Marco. Was, wenn der Hinterhalt sie verfolgt hat? Was, wenn Rodrigo gerade mitten im Kreuzfeuer ste
Kapitel 2Catalina„Das Essen ist fertig, Rodrigo“, sagte ich, meine Stimme durchdrang die Stille des Esszimmers.Ich stand am Kopfende des langen Mahagonitisches, meine Finger berührten sanft den Rand des makellosen Keramiktellers, den ich gerade zurechtgerückt hatte. Ich hatte alles genau so gede
Kapitel 1Catalina„Du musst sofort zum Anwesen kommen, Catalina. Sie lebt.“„Was?“, platzte es aus mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. Wer lebte?„Deine Schwester, sie lebt.“Die Stimme meines Vaters klang durch den Telefonlautsprecher so sanft wie seit drei Jahren nicht mehr. Er wartete n
Kapitel 5Catalina„Gehen Sie zurück und lassen Sie mich herein. Nur sie kann mich richtig verarzten.“„Boss, Ihr Vater hat uns strenge Anweisungen gegeben. Sie dürfen diesen Flügel nicht ohne Catalinas Erlaubnis betreten.“„Ich bin immer noch der Boss dieses Anwesens. Gehen Sie mir aus dem Weg, be







