LOGINMeine Augen sind ein weiteres. Sie beobachten, sie hören, sie notieren. Jede im Flur aufgeschnappte Konversation, jedes zwischen den Wachen gewechselte Flüstern, jede Information, die in diesem Palast zirkuliert. Ich sammle sie, ich speichere sie, ich analysiere sie. Mein Geist ist der mächtigste von allen. Der, den Humberto nicht sieht, den niemand ahnt. Der Geist einer Überlebenden, einer Strategin, einer Frau, die gelernt hat, jede Schwäche in Stärke zu verwandeln. Die wilde Bestie in mir knurrt leise. Sie hat Hunger. Nicht nach Nahrung, nicht nach Schlaf, nicht nach Sicherheit. Sie hat Hunger nach Macht, nach Kontrolle, nach Rache. Eines Tages wird sie sich nähren. Eines Tages wird sie alle diejenigen verschlingen, die mich benutzt, besessen, zerstört haben. Aber für den Moment wartet sie. Ich öffne die Augen wieder. Die Decke ist noch da, mit ihren Engeln und Dämonen, die für die Ewigkeit kämpfen.
Die Männer kommen, ziehen sich zurück, kleiden sich wieder an. Sie tauschen zufriedene Blicke aus, komplizenhaftes Lächeln, anzügliche Kommentare, die ich nicht höre. Sie verlassen das Zimmer, gesättigt, stolz auf sich, unwissend über das, was wirklich in meinem Inneren vor sich geht. Humberto bleibt in seinem Sessel, sein Glas Whisky in der Hand. Seine schwarzen Augen betrachten mich, undurchdringlich. — Du kannst gehen. Ich stehe auf. Mein Körper ist wund, beschmutzt, fremd. Ich hebe meine Kleider auf, ziehe mich an, ohne mich zu beeilen, meine Bewegungen langsam, präzise, kontrolliert. — Chiara. Seine Stimme hält mich an der Schwelle auf. Ich drehe mich um, meine Augen treffen seine. — Du sagst nichts. Du beschwerst dich nicht. Du weinst nicht. Warum? Seine Frage ist aufrichtig, fast neugierig. Er versteht nicht. Er kann nicht verstehen. Für ihn bin ich eine zerbrochene
Jede Umarmung mit Diego, jeder Kuss, jeder Moment der Leidenschaft wird zu einer Waffe. Eine Waffe, die ich gegen ihn wende, gegen mich, gegen das, was wir waren. Ich nehme diese kostbaren Erinnerungen, diese Momente gestohlenen Glücks, und ich vergifte sie. Ich tauche sie in Hass, in Schmerz, in die Demütigung des Kellers. Um sie nie wieder zu lieben. Um ihn nie wieder zu lieben. Humberto grunzt über mir, sein Körper spannt sich an, seine Finger graben sich in meine Hüften. Er kommt schweigend, zieht sich zurück, erhebt sich. Die Matratze hebt sich, erleichtert von seinem Gewicht. — Du kannst gehen. Seine Stimme ist kalt, distanziert, als wäre nichts geschehen. Als wäre ich nur eine Funktion, die er gerade erfüllt hat, eine erledigte Aufgabe, ein abgehaktes Kästchen. Ich stehe auf. Meine Beine zittern, mein Körper ist wund, mein Geist ist leer. Ich hebe mein Nachthemd auf, ziehe es an, g
Die Flure ziehen vorbei, die Meistergemälde, die kostbaren Wandteppiche, die Duftkerzen. Der protzige Reichtum eines Mannes, der will, dass die Welt weiß, wie mächtig er ist. Humbertos Zimmer liegt am Ende eines langen Korridors, hinter einer massiven geschnitzten Holztür. Der Wächter klopft dreimal, eine tiefe Stimme antwortet, einzutreten. Die Tür öffnet sich. Das Zimmer ist riesig, noch größer als meines. Ein Himmelbett thront in der Mitte, seine Laken aus schwarzer Seide, seine Kissen zahlreich und prall. Duftkerzen brennen auf den Kommoden, verbreiten einen süßen Geruch von Vanille und Moschus. Spiegel bedecken die Wände, reflektieren das Licht der Flammen ins Unendliche. Humberto steht am Fenster, ein Glas Whisky in der Hand. Er hat mir den Rücken zugewandt, betrachtet den in Dunkelheit getauchten Innenhof. Seine massige Silhouette zeichnet sich gegen den Nachthimmel ab, imposant, bedrohlich.
Ich verstehe.Die Botschaft ist klar, eindeutig, unmissverständlich. Ich bin keine Gast, keine Gerettete, die man aus Güte beschützt. Ich bin eine Investition. Eine Schuld, die ich zurückzahlen muss. Ein Werkzeug, das man gekauft hat und das nun seinen Nutzen beweisen muss.Ich schließe die Augen. Meine Lider sind schwer, meine Wimpern verklebt von den Tränen, die ich nicht vergossen habe. In der Dunkelheit sehe ich Diego. Nicht das Monster des Kellers, nicht den Kerkermeister, nicht den Feind. Den Mann von früher. Den, der mich berührte, als wäre ich heilig. Den, der mich küsste, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt. Den, der mich mit Augen voller wahnsinniger, verheerender Liebe ansah.Er ist tot. Dieser Mann ist tot, wenn er je existiert hat. Es bleibt nur das Monster. Und das Monster hat mich in einen Keller geworfen, mich wie ein Tier angekettet, mich mit verschimmeltem Brot und Hass gefüttert.Humberto ist nicht anders. Viell
ChiaraWie viele Tage sind vergangen? Ich weiß es nicht. Sieben, vielleicht. Zehn. Zwei Wochen. Die Zeit hat keinen Sinn mehr in diesem Zimmer mit den Samtvorhängen, in diesem Himmelbett, in diesem goldenen Käfig, der dem so ähnelt, den ich gerade verlassen habe.Die Dienerin kommt weiterhin, dreimal am Tag, mit ihren Tabletts voller Essen, die ich nicht anrühre. Sie hat aufgehört, zu versuchen, mich zum Sprechen zu bringen. Sie begnügt sich damit, sich an den Bettrand zu setzen, meine Hand zu nehmen, dort in Stille zu bleiben. Ihre Anwesenheit ist ein Anker, ein fester Punkt in dem Nebel, der meinen Geist umgibt.Heute ist sie nicht gekommen.Stattdessen öffnet sich die Tür für einen Mann, den ich noch nie gesehen habe. Groß, massiv, das Gesicht von Sonne und Wind gegerbt. Kurz geschnittenes graues Haar, ein dichter Schnurrbart, durchdringende schwarze Augen, die durch mich hindurchzusehen scheinen. Er trägt einen dunklen, perfekt geschnittenen Anzug, der mit seinen großen, schwielig
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best







