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Küss mich 2.1
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Déesse

Kapitel 1 — Die Tür des Unbekannten

last update Last Updated: 27.02.2026 21:02:02

Clara

Der Himmel ist tief, schwer wie meine müden Augenlider. Ein feiner Regen zeichnet graue Adern auf die Scheiben der Fensterfront und verschwimmt den Blick auf den makellos geschnittenen Garten, den ich im Laufe der Jahre selbst angelegt habe. Jedes Beet, jeder Busch hat eine Geschichte. Stunden damit verbracht zu graben, zu gießen, zu gestalten… um dieses Haus zu einem Kokon zu machen. Meinem Kokon.

Nichts ist hier dem Zufall überlassen. Weder die streng ausgerichteten Kissen auf dem perlgrauen Sofa, noch die weißen Leinenvorhänge, die ich alle vierzehn Tage wasche, nicht einmal der Duft von Zimt und Rauchholz, der in der Luft liegt, seit ich die Kerze am Kamin wieder angezündet habe. Alles hier spricht von mir. Von uns. Zumindest glaubte ich das.

Ich werfe einen Blick auf die Wanduhr. 18:47 Uhr. Éric ist zu spät. Schon wieder. Der kleine Sekundenzeiger scheint mit einem spöttischen Grinsen zu tanzen. Ich habe aufgehört, ihn zu fragen. Ich kenne die Antworten: "eine Besprechung, die sich hingezogen hat", "der Ring ist voll", "ein Kollege in der Klemme". Immer etwas. Immer ein Grund. Und doch… diese langsame Drift zwischen uns, ich spüre sie, wie man eine Flut spürt, die heraufzieht, ohne sie zu hören.

Ich stehe zum vierten Mal innerhalb von zehn Minuten auf, gehe mir ein Glas Wasser holen, das ich nicht trinke, und kehre dann ins Wohnzimmer zurück, wo alles erstarrt scheint. Sogar die Zeit. Sogar ich.

Dann ein Motorengeräusch in der Auffahrt. Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Ich gehe zum Fenster. Er ist es. Sein Auto. Ich lächele, unwillkürlich. Ein alter Reflex einer verliebten Frau, konditioniert. Aber sehr schnell verblasst dieses Lächeln. Er ist nicht allein.

Ich erstarre, die Hand noch am Vorhang.

Eine Silhouette steigt aus dem Fahrzeug. Schlank. Weiblich. Ich kneife die Augen zusammen. Es ist dunkel, der Regen trübt die Sicht. Aber ich erkenne ihre Bewegungen. Langsam. Präzise. Berechnend.

Und da umrundet er die Motorhaube, um ihr die Tür zu öffnen.

Éric hält mir nie die Tür auf.

Sie steigt aus, zieht einen Rollkoffer hinter sich her. Keine alte, abgenutzte Tasche, nein. Ein neues Modell, elegant, aus kamelfarbenem Leder. Sie richtet ihn mit einer anmutigen Handbewegung. Dann hebt sie den Kopf.

Endlich sehe ich sie deutlich.

Sie ist… umwerfend. Zu sehr. Die Art von Schönheit, die stört, die in einen Raum kommt und sofort alle Blicke auf sich zieht. Sie hat diese Art von perfekter Haut, die kein Regen zu trüben scheint. Ihr Gesicht ist genau richtig geschminkt. Ihr braunes Haar fällt lässig gewellt über ihre Schultern. Sie wirkt weder müde noch fehl am Platz. Im Gegenteil, sie scheint vollkommen an ihrem Platz, als wüsste sie, dass sie hier hereinkommen würde. Als hätte sie diesen Moment vorbereitet.

Ich trete langsam vom Vorhang zurück. Ein Schauer durchläuft mich. Nicht vor Kälte. Vor Unbehagen.

Die Tür öffnet sich abrupt. Die feuchte Luft strömt in den Flur.

— Schatz! Ich bin da!

Seine Stimme ist lauter als sonst. Gezwungen. Er will natürlich, entspannt klingen. Es misslingt ihm.

Ich nähere mich, meine Schritte hallen auf dem zu stillen Parkettboden wider. Mein Blick gleitet über sie. Sie betrachtet alles. Die Wände, die Bilder, das gedämpfte Licht… und mich.

— Clara, das ist Jade, sagt Éric und legt eine Hand auf ihre Schulter.

Diese Hand… sie verweilt eine Sekunde zu lang. Jade. Der Name schnalzt sanft zwischen seinen Zähnen. Fast zärtlich.

— Jade ist… meine Cousine. Von der Seite meiner Mutter. Entfernt, aber trotzdem Familie, weißt du?

Ich sage zunächst nichts. Mein Gehirn ringt mit dieser Information. Eine Cousine? Welche Cousine? Er hat mir nie von ihr erzählt.

— Ich kann mich nicht erinnern, dass du mir von ihr erzählt hast, sage ich, der Ton ruhig, aber scharf.

Er lächelt. Zu breit. Zu falsch.

— Wir haben uns vor kurzem wiedergetroffen. F******k, Familienforschung… Sie durchlebt eine schwierige Zeit, sie brauchte einen Ankerplatz. Ich dachte, wir könnten sie ein paar Tage aufnehmen. Sie ist schließlich Familie.

Er spricht schnell. Seine Augen meiden mich.

Sie dagegen fixiert mich. Sie streckt die Hand aus.

— Danke, dass du mich aufnimmst, Clara. Das ist wirklich großzügig.

Ihre Stimme ist sanft, höflich. Aber da ist dieser Unterton. Dieses kleine Etwas, das ich nicht benennen kann. Keine Provokation, nein. Etwas Subtileres. Eine Art, meine Reaktion zu testen. Mich abzuschätzen.

Ich ergreife ihre Hand. Fest. Fester als nötig. Sie zuckt nicht zusammen. Ihr Blick hält meinem stand, ohne zu blinzeln.

Sie lächelt mich an. Kein verlegenes Lächeln, kein dankbares. Ein ruhiges Lächeln, fast amüsiert.

Ich kenne diesen Blick. Diesen Blick einer Frau, die weiß, was sie tut. Die ein Haus betritt und genau weiß, was sie hier sucht.

Éric beugt sich zu Jades Koffer.

— Ich zeige ihr das Gästezimmer. Wartest du bitte im Wohnzimmer auf uns?

Ich nicke.

Er verschwindet mit ihr die Treppe hinauf.

Ich bleibe allein im Flur zurück.

Und da, in dieser plötzlichen Stille, bekommt etwas einen Riss. Keine Angst. Eine Ahnung.

Sie ist nicht seine Cousine.

Sie ist etwas anderes.

Etwas, das ich noch nicht laut aussprechen kann.

Aber das ich bereits unter meiner Haut spüre, wie es nagt.

Ich flüchte mich ins Wohnzimmer. Setze mich, verschränke die Arme. Ich starre auf das Feuer im Kamin, das kaum brennen will. Das Holz knackt leise, wie ein ferner Atemzug.

Das Parkett knarrt oben. Leise Stimmen. Ein weibliches Lachen schallt herunter.

Ich schließe die Augen.

Als sie wieder herunterkommen, setzt sich Éric neben mich. Er legt seine Hand auf mein Knie. Automatische Geste. Hohl.

— Sie bleibt ein paar Tage. Nur bis sie sich etwas gefangen hat. Sie hat niemanden mehr in der Gegend. Und es freut mich, ihr helfen zu können.

Er sieht mich an, sucht meine Reaktion.

Ich gebe ihm nichts. Mein Gesicht ist regungslos.

— Natürlich, sage ich nur. Der Familie schlägt man nichts ab.

Jade setzt sich in den Sessel gegenüber. Sie schlägt die Beine übereinander, richtet den Rücken auf. Sie beobachtet jeden Winkel des Raumes. Eine Raubkatze, die ihr neues Territorium analysiert. Sie sagt es nicht, aber sie ist bereits zu Hause. Oder eher… sie tut so, als wäre ich die Eingeladene.

Stille breitet sich aus.

Lang. Dick. Unbequem.

Sie nimmt einen Schluck von dem Tee, den sie sich ohne zu fragen zubereitet hat. Sie lächelt, als sie das Aroma entdeckt.

— Zimt. Ich liebe es.

Ich sehe Éric an. Er weicht meinem Blick aus.

Und da verstehe ich.

Etwas ist nicht klar in dieser Geschichte.

Eine unsichtbare Tür.

Und auf der anderen Seite… ist die Wahrheit.

Und sie wird wehtun.

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