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Sofias Sicht
Der Regen war das Einzige, was sich nicht verändert hatte. Er fiel genauso wie vor sieben Jahren, kalt und schräg, und trommelte auf das Dach von Diego Valentinos Wagen, während ich mit einem Messer in der Hand über ihm kniete. Meine Finger waren glitschig vom Blut, und die Klinge rutschte in meinem Griff, bis ich fester zupackte, denn ich würde sie jetzt nicht fallen lassen.
Ich hatte zu lange gewartet, um sie jetzt fallen zu lassen. Vor zwanzig Minuten war ich noch an seiner Brust eingeschlafen, und ich hatte zugelassen, dass er mich hielt. Ich schob den Gedanken mit aller Kraft beiseite und zwang mich hinzusehen, was ich getan hatte.
Er blutete in das Lederpolster. Der Taser hatte ihn beim ersten Mal zusammenklappen lassen, und ich hatte ihn noch einmal eingesetzt, als seine Hand sich um meine Kehle schloss, und jetzt lag er halb verdreht an der Tür, das Hemd dunkel und schwer. Ich hatte noch nie jemandem wehgetan.
Ich hatte mir immer vorgestellt, es würde sich nach etwas anfühlen, nach Wut oder Triumph oder sogar nach Erleichterung, aber ich spürte nur eine seltsame, flache Stille, wie in einer Kirche, wenn die Musik verklungen ist. Sein Handy lag mit dem Display nach oben im Fußraum, noch immer hell, und die letzte Nachricht stand noch auf dem Bildschirm. Die Beweise sterben mit ihm.
Diegos Augen waren offen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nachdem der Schock nachgelassen hatte, wehrte er sich nicht so, wie sich ein Mörder wehrt. Er sah zu mir auf, eine Hand an die Seite gepresst, rotes Blut sickerte zwischen seinen Fingern hindurch, und in seinem Gesicht lag kein Hass, nur etwas Müdes, Fassungsloses, das ich nicht benennen konnte.
„Sofia.“ Seine Stimme war nur ein Faden, dünn und nass, und seine freie Hand hob sich einen Zoll vom Sitz, als wollte sie nach mir greifen. „Hör mir zu.“
Ich fuhr zurück gegen die offene Tür, das Messer noch immer zwischen uns erhoben, mein ganzer Arm zitterte. „Sag meinen Namen nicht.“
Diego holte rasselnd Luft, ohne den Blick von meinem Gesicht zu nehmen. „Dein Vater …“ Er schluckte, und sein Kiefer spannte sich vor Schmerz. „Dein Vater war ein guter Mann.“
Ich kannte diese Worte. Er hatte sie in seinem Büro zu mir gesagt, an dem Tag, an dem er mich eingestellt hatte, mit derselben tiefen Stimme, als ich Drohungen erwartet hatte und er mir etwas angeboten hatte, das fast wie Trauer klang. Ein Mann, der den Tod meines Vaters befohlen hatte, würde so etwas nicht sagen, und ein Mann, der diese Nachrichten geschrieben hatte, würde mich nicht so ansehen. Für eine Sekunde wankte das Messer.
Dann fielen meine Augen auf das Foto auf seinem Handy, das von meiner Mutter vor unserem Haus, die Hand an der Tür, das Gesicht grau vor Erschöpfung. Jemand hatte auf der anderen Straßenseite gestanden und dieses Bild aufgenommen. Jemand hatte meinem Vater zeigen wollen, dass er uns erreichen konnte, und der Zweifel riss wie ein Draht.
Ich stieß das Messer nach unten.
Er gab einen Laut von sich, den ich nie vergessen werde. Es war kein Schrei. Er war tiefer und seltsam überrascht, als hätte ein Teil von ihm wirklich geglaubt, ich würde es nicht tun. Ich fiel rückwärts aus dem Wagen und landete auf dem nassen Asphalt des Hotelparkplatzes, und der Regen schlug mir ins Gesicht und auf das Blut an meinen Händen und trug es in dünnen rosa Fäden davon.
Über mir leuchtete das Valentino Grand Hotel golden gegen die Wolken, und kein einziges Fenster öffnete sich. Niemand kam. Diego rutschte seitlich über den Sitz, und seine Hand hing aus der offenen Tür, die Handfläche nach oben, die Finger gekrümmt, vollkommen reglos.
Ich wartete darauf, mich siegreich zu fühlen. Stattdessen hörte ich die Stimme meines Vaters, das Letzte, was er je zu mir gesagt hatte. Geh zurück zu deiner Mutter. Ich war nicht zurückgegangen. Ich war ihm durch den Sturm gefolgt und hatte zugesehen, wie sein Wagen zu einem Feuerball wurde, und ich hatte mir geschworen, dass jemand dafür bezahlen würde.
Jetzt hatte jemand bezahlt. „Papa“, flüsterte ich, und meine Stimme brach bei dem Wort. „Es ist vorbei.“ Der Regen antwortete nicht. Die Straße antwortete nicht.
Meine Hände zitterten inzwischen, und der Rest von mir auch, obwohl ich nicht sagen konnte, ob es die Kälte war oder der Schock oder etwas Schlimmeres, dem ich noch keinen Namen geben wollte. Ich kroch zu meiner Tasche, die in einer Pfütze gelandet war, und fand mein Handy darin, das Display gesprungen und nass. Ich hätte fliehen können.
Der Parkplatz war leer, und der Wagen lag im Dunkeln, und bis zum Morgen hätte ich überall sein können. Aber ich hatte sieben Jahre gebraucht, um den Mut dafür zu finden, und ich würde danach nicht feige sein. Ich wählte die Nummer.
„Notruf, was ist Ihr Anliegen?“ Die Telefonistin war eine Frau, ruhig und gefasst, mit einer Stimme, die darauf geschult ist, niemals zu zucken.
Ich sah auf Diegos Hand, die aus dem Wagen hing, auf das Blut, das von seinen Fingern in die Pfütze lief, während der Regen es in langsame Ringe rührte. „Das Valentino Grand Hotel“, sagte ich. „Der Parkplatz dahinter. Hier liegt ein Mann, der einen Krankenwagen braucht.“
„Atmet er?“ Am anderen Ende der Leitung klapperten rasch Tasten.
Darauf antwortete ich nicht. Ich konnte nicht. „Und ich brauche die Polizei“, sagte ich stattdessen und umklammerte das Handy, bis das gesprungene Glas in meine Handfläche schnitt. „Ich bin diejenige, die das getan hat.“
Die Leitung wurde für einen Moment still, und als die Telefonistin wieder sprach, war ihre Stimme weicher geworden. „Wie lautet Ihr Name?“
Ich schloss die Augen. Das letzte Adrenalin wich aus mir, und mit ihm ging die Person, die ich in sieben Jahren geworden war, bis nichts mehr übrig war als ein neunzehnjähriges Mädchen auf einer nassen Straße, das ein Feuer beobachtete. „Sofia Ricci“, sagte ich. „Und der Mann, den ich gerade getötet habe, ist Diego Valentino.“
Ich wartete auf die Sirenen.
Was ich nicht wusste, während ich im Regen kniete, sein Blut an meinen Händen, war, dass Diegos Finger gerade gezuckt hatten und dass irgendwo im Dunkel hinter dem Hotel jemand zusah und bereits ein Telefon ans Ohr gehoben hatte.
Diegos SichtDer Lastwagen war drei Tage zuvor von einem Verladehof in Lambrate gestohlen worden. Die Kennzeichen fehlten, die Fahrgestellnummer war abgefeilt, und als die Polizei ihn fand, war er an einem Kanal am Stadtrand ausgebrannt. Marco legte den Bericht um sieben Uhr morgens auf meinen Schreibtisch, und ich las ihn zweimal, ohne mich zu rühren. Dann klappte ich die Mappe zu und sah zu dem Mann auf, der sie gebracht hatte. „Hat niemand den Fahrer gesehen?“„Niemand, Herr Valentino.“ Marco Vitale stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen da, ruhig und ein wenig zerzaust, wie immer nach einer langen Nacht. Er war einunddreißig, still, loyal und der beste Sicherheitschef, den mein Vater je eingestellt hatte. Er hatte auf einem regennassen Parkplatz seine Jacke an meine Seite gedrückt und sie dort gehalten, bis der Krankenwagen kam, und das würde ich nicht vergessen. Ein schwacher Hauch von etwas Scharfem, Metallischem umgab ihn, ein Parfüm, das ich nie recht gemocht hatte.
Sofias Sicht Der Schlüssel war die ganze Zeit da gewesen. Ich fand ihn am Morgen nach dem achten Stock, als ich mit dem Foto in der einen und dem Umschlag meines Vaters in der anderen Hand am Küchentisch saß und zu begreifen versuchte, was ein durchgestrichener Buchstabe überhaupt bedeuten konnte. Das Klebeband an der Klappe hatte die Farbe von altem Tee angenommen, und sieben Jahre lang hatte ich mich gehütet, es je zu berühren. An diesem Morgen war ich nicht vorsichtig. Ich löste es mit dem Daumennagel, und etwas Kleines, Hartes glitt heraus und klirrte wie eine Münze auf den Tisch.Es war ein Schlüssel, silbern und schlicht, mit einer eingravierten Zahl auf dem Kopf. 427. Es gab keinen Namen, keine Adresse, keine Notiz, nur diese eine Zahl und das Gewicht von allem, was mein Vater nicht hatte sagen können. Ich drehte ihn in den Fingern, bis er warm war. Dann fädelte ich ihn auf die dünne Kette, die ich unter dem Hemd trug, sodass er an meinem Brustbein ruhte, ein zweiter Herzschla
Sofias Sicht Ich hielt sechs Tage durch, bevor ich in einen verschlossenen Raum einbrach. In der ersten Woche war ich die perfekte Assistentin. Ich kam um halb acht, prägte mir Diegos Terminplan ein und brachte ihm seinen Kaffee genau so, wie er ihn mochte, schwarz und zu heiß. Ich hielt meine Augen auf den Bildschirm gerichtet und meine Stimme neutral. Und jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, beobachtete er mich, die Arme verschränkt, den Kopf geneigt, als wäre ich eine Rechnung, die nicht aufging.Die Nachricht der unbekannten Nummer war mir in der ersten Nacht nach Hause gefolgt, und sie folgte mir in jede Besprechung danach. Ich weiß, warum du hier bist. Ich hatte die Nummer zweimal angerufen und ins Leere klingeln lassen. Ich erzählte es niemandem, nicht einmal Camila, denn sie hätte mich angefleht aufzuhören. Ich studierte jedes Gesicht im Gebäude nach einem Aufflackern des Wissens, und ich fand nichts. Victors Lächeln war zu warm, um ihm zu trauen. Diegos Schweigen war zu kalt,
Sofias SichtValentino Holdings residierte in einem Glasturm mitten in Mailand, vierzig Stockwerke aus Spiegel und Stahl, die das Morgenlicht wie eine Warnung auf die Straße zurückwarfen. Ich stand eine volle Minute auf dem Bürgersteig, unter dem Mantel das Kleid, das ich auf der Beerdigung meines Vaters getragen hatte, das einzige schwarze Kleid, das ich besaß, und sah zu, wie die Drehtüren Menschen verschluckten, die sich nie hatten fragen müssen, wie sie die Medikamente ihrer Mutter bezahlen sollten. Dann ging ich hinein.Elena Moretti empfing mich am Empfang. Sie war in den Vierzigern, scharf geschnitten, ein Tablet an ihr maßgeschneidertes graues Jackett gedrückt, und sie schüttelte meine Hand einmal, kurz, als prüfe sie ihr Gewicht. „Frau Ricci.“ Sie musterte mich einen Atemzug zu lang. „Herr Valentino führt keine Vorstellungsgespräche mit neuen Mitarbeitern. Das sollten Sie wissen, bevor wir hinaufgehen.“„Warum führt er dann eines mit mir?“, fragte ich.„Das“, sagte Elena und
Sofias SichtSieben Jahre reichen aus, um genau zu lernen, wie viel ein Mensch überleben kann. Ich hatte die Beerdigung überlebt, die unbezahlten Rechnungen und die Mahnungen des Vermieters, die an unserer Tür klebten. Ich hatte überlebt, tagsüber zu kellnern und nachts Büros zu putzen, und ich hatte überlebt, wie meine Mutter sich langsam in eine Welt zurückzog, in die nichts mehr vordringen konnte. Was ich nie überlebt hatte, nicht wirklich, war diese Nacht. Mein Vater hatte mir im Regen einen Umschlag in die Hände gedrückt, und eine Stunde später hatte ich zugesehen, wie sein Wagen auf einer Straße am See zu einem Feuer wurde.Vor der Explosion hatte ich ihn einen Namen zu dem Fremden im schwarzen Mantel sagen hören. Victor. Ich hatte ihn so oft ins Dunkel geflüstert, dass er glatt geworden war wie ein Stein in meiner Tasche, und ich hatte immer noch keine Ahnung, wer er war. Der Umschlag blieb unter einer losen Diele unter der Küchenspüle versteckt, versiegelt und stumm. Ich redet
Diegos SichtDas Erste, was ich begriff, war der Schmerz, und das Zweite, dass ich nicht tot war, was mir wie ein Verwaltungsfehler vorkam. Licht drückte gegen meine Augenlider. Etwas piepte in einem gleichmäßigen, lästigen Rhythmus, ein Schlauch führte von meinem Arm zu einem Beutel mit klarer Flüssigkeit, und meine Brust fühlte sich an, als hätte jemand sie mit zerbrochenem Glas gefüllt. Ich versuchte mich aufzusetzen, und eine Hand drückte mich mit erstaunlicher Kraft wieder nieder.„Untersteh dich.“ Die Stimme meiner Schwester, scharf und heiser vor Erschöpfung. Alessia saß auf der Bettkante, das dunkle Haar zu einem Knoten gebunden, die Wimperntusche unter beiden Augen verschmiert. „Du warst zwei Tage bewusstlos, du Idiot. Wenn du die Fäden aufreißt, bringe ich dich selbst um, und dann muss ich es Papa erklären.“„Zwei Tage.“ Meine Stimme klang wie Kies. „Wasser.“Sie hielt mir einen Plastikbecher an den Mund und stützte mit der anderen Hand meinen Kopf, und ich trank. Ihre Finge







