เข้าสู่ระบบSofias Sicht
Sie nahmen mir zuerst das Messer ab, dann meinen Mantel, dann das dünne silberne Armband, das meine Mutter mir mit zwölf geschenkt hatte. Eine Polizistin mit müden Augen durchsuchte mich in einem weiß gefliesten Raum, der nach Bleiche und nasser Wolle roch, und sie sagte kein einziges Wort. Ich stand still und ließ es geschehen. Irgendwo zwischen dem Parkplatz und der Rückbank des Polizeiwagens hatte ich aufgehört, meine Hände zu spüren, und ich betrachtete sie aus weiter Ferne, bis zu den Handgelenken rosa verfärbt, als gehörten sie jemand anderem.
Als sie fertig war, drückte sie nacheinander jeden meiner Finger auf einen Glasscanner, und die Maschine nahm alles, was ich war, und machte eine Nummer daraus. Dann führte sie mich einen Korridor entlang in einen kleinen grauen Raum mit einem am Boden festgeschraubten Tisch. Der Stuhl war durch mein nasses Kleid hindurch kalt. Niemand bot mir eine Decke an, und ich bat nicht darum, denn ich hatte auf der Fahrt beschlossen, diese Leute um nichts zu bitten.
Kommissar Rinaldi kam zwanzig Minuten später herein, ein schwerer Mann in den Fünfzigern mit grauem Schnurrbart und dem geduldigen, abgenutzten Blick eines Menschen, der jede Art von Geständnis schon gehört hat. Er legte eine Akte auf den Tisch und einen Rekorder daneben und drückte mit einem dicken Finger auf die Taste.
„Sofia Ricci.“ Er ließ sich auf den Stuhl mir gegenüber nieder, der unter seinem Gewicht knarrte. „Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Verstehen Sie das?“
„Ich verstehe.“ Ich hielt die Hände flach auf dem Tisch, damit er nicht sah, wie sie zitterten. „Ich will keinen. Ich habe der Telefonistin gesagt, was ich getan habe, und ich sage es Ihnen noch einmal.“
Er nickte langsam, den Blick auf mein Gesicht statt auf die Akte gerichtet, und ich begriff, dass er darauf wartete, ob ich weinen würde. Ich tat es nicht. Ich erzählte ihm alles in einem flachen, ruhigen Ton, das Messer, den Taser, den Wagen, das Hotel, und als ich zu der Stelle mit dem Taser kam, sah ich seinen Schnurrbart zucken. Als ich geendet hatte, schwieg er lange, und das kleine rote Licht des Rekorders blinkte zwischen uns.
„Sagen Sie mir, warum“, sagte er.
„Weil er meinen Vater getötet hat.“ Die Worte kamen so ruhig heraus, dass sie mir Angst machten. „Matteo Ricci. Sein Wagen ist vor sieben Jahren auf einer Straße am See explodiert, und ich war dabei. Ich habe ihn brennen sehen.“
Rinaldi schlug die Akte auf, blätterte um und fuhr mit dem Finger eine Zeile entlang. „Ich erinnere mich an den Fall.“ Etwas Vorsichtiges war in seine Stimme gekommen. „Er wurde abgeschlossen. Ihr Vater stand zum Zeitpunkt seines Todes unter Betrugsverdacht im Valentino-Konzern, und die Akte behandelt die Explosion als das Ende dieser Ermittlung. Was lässt Sie glauben, dass Diego Valentino dafür verantwortlich war?“
„Sein Handy.“ Ich beugte mich vor, bis die Tischkante gegen meine Rippen drückte. „Die Nachrichten darauf. Drohungen gegen meinen Vater, Fotos von meiner Mutter und mir und eine letzte aus der Nacht, in der er starb. Sie haben das Handy, also lesen Sie es.“
„Wir haben es.“ Er klappte die Akte sanft zu, wie ein Mann, der ein Kind zudeckt. „Es liegt in einem Beweisbeutel und wird zu gegebener Zeit untersucht.“ Er sagte es, als hätte er es tausendmal gesagt, und ich begriff, dass nichts, was ich ihm heute Nacht erzählte, ändern würde, was als Nächstes geschah. Als er aufstand, um zu gehen, fragte ich, ob ich meine Mutter sehen dürfe, und er sah mich einen Moment lang mit etwas an, das fast Mitleid war. „Sie wartet schon draußen“, sagte er.
Sie brachten mich kurz nach drei Uhr morgens in Zelle 14. Es war ein schmaler Betonkasten mit einem Stahlbett, einer Toilette ohne Deckel und einem vergitterten Fenster, das zu hoch lag, um hinauszusehen. Ich saß auf der Bettkante, mein nasses Kleid klebte an meinen Knien, und wartete darauf, etwas für das zu empfinden, was ich getan hatte, aber da war nur die Kälte und das Tropfen eines Rohrs irgendwo in der Wand. Ich dachte an Diegos Hand, die offen im Regen lag, und zwang mich aufzuhören.
Der Morgen kam grau und langsam. Um neun schloss ein Wärter die Tür auf und führte mich in einen Besucherraum mit einer Glasscheibe, und Camila saß bereits auf der anderen Seite. Ihre Augen waren geschwollen, ihr Haar hastig hochgebunden, und sie trug noch die Strickjacke, in der sie wohl geschlafen hatte. Sie presste beide Handflächen flach gegen das Glas, sobald sie mich sah.
„Du hast es mir versprochen.“ Ihre Stimme zitterte, und sie umklammerte den Hörer mit beiden Händen, als könnte er zerbrechen. „Du hast mir geschworen, dass du vorsichtig sein würdest, Sofia. Vorsichtig. Welcher Teil davon war vorsichtig?“
„Ich weiß.“ Ich nahm meinen eigenen Hörer und zwang mich, sie anzusehen. „Es tut mir leid. Ich habe die Nachrichten gefunden, Camila, und ich konnte nicht aufhören.“
Sie schloss die Augen und stieß einen langen, unsicheren Atemzug aus, und als sie sie wieder öffnete, waren sie feucht, aber ruhig. „Okay“, sagte sie. „Okay. Ich besorge dir einen Anwalt, und es ist mir egal, was es kostet oder wie lange es dauert. Sag kein Wort mehr zu irgendjemandem, bis sie da ist.“ Sie rutschte seitlich vom Stuhl. „Deine Mutter ist hier. Sie wollte nicht draußen warten.“
Serina nahm Camilas Platz auf dem Hocker ein, als fürchte sie, er könnte unter ihr nachgeben. Sie hatte ihren guten Mantel angezogen, den grauen, den sie zur Beerdigung meines Vaters getragen hatte, und ihre Hände zitterten so heftig, dass der Hörer an ihrem Ohr klapperte. Sie fragte mich nicht, warum ich es getan hatte. Sie fragte nicht, ob ich verletzt war. Sie sah mich lange durch das verschmierte Glas an, und was ich in ihrem Gesicht sah, war kein Schock, sondern eine Art schreckliches Wiedererkennen.
„Hast du ihnen von dem Umschlag erzählt?“ Ihre Stimme war kaum ein Hauch.
„Nein, Mama.“ Ich beugte mich näher zum Glas. „Ich habe kein Wort darüber gesagt.“
„Gut.“ Ihre Finger schlossen sich um den Hörer, bis die Knöchel weiß wurden. „Du hattest ihn nie, Sofia. Was sie dich auch fragen, du hattest ihn nie. Dein Vater hat mich schwören lassen, dass er niemals ans Tageslicht kommt.“
Ich starrte sie an. „Mama, was weißt du?“
„Nichts.“ Sie schüttelte zu schnell den Kopf, und ihre Augen glitten von meinen weg zum Wärter an der Tür. „Ich weiß nichts.“
Der Wärter rief das Ende der Besuchszeit aus. Meine Mutter stand so schnell auf, dass der Hocker über den Boden kratzte, und sie drückte die Handfläche gegen das Glas, dort, wo mein Gesicht gewesen war, und dann war sie fort. Ich saß mit dem toten Hörer in der Hand da, und ein einziger Gedanke kreiste in meinem Kopf. Sie hatte mich nicht gefragt, warum ich es getan hatte. Sie hatte es nie fragen müssen.
Der Nachmittag schleppte sich dahin. Jemand schob ein Tablett mit kalten Nudeln durch die Klappe in meiner Tür, und ich rührte es nicht an. Ich lag auf dem Stahlbett, den Arm über den Augen, und spielte den Parkplatz immer wieder durch, den Regen, das Messer, wie seine Stimme zu einem Faden geworden war. Dein Vater war ein guter Mann. Ich hatte diese Worte nicht mehr aus dem Kopf bekommen, seit ich sie gehört hatte, und es gelang mir noch immer nicht.
Es war wieder dunkel, als sich die Tür öffnete. Rinaldi stand im Korridor, die Hände in den Taschen, mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich nicht deuten konnte, und einen Moment lang sprach keiner von uns. „Sofia Ricci“, sagte er schließlich. „Diego Valentino ist vor einer Stunde aus seiner dritten Operation gekommen.“
„Er ist tot.“ Ich sagte es tonlos, denn ich hatte es mir so oft gesagt, dass es aufgehört hatte, eine Frage zu sein.
„Nein.“ Rinaldi schüttelte langsam den Kopf, und sein Schnurrbart bewegte sich beim Sprechen. „Die Chirurgen sagen, er wird leben.“
Der Raum kippte. Ich griff nach der Bettkante, und die kalten Nudeln glitten vom Tablett und fielen zu Boden, und zum ersten Mal seit dem Parkplatz spürte ich etwas Echtes, Scharfes, das sich durch die flache Stille in meiner Brust riss. Es war kein Triumph und keine Reue. Es war Angst.
Diegos SichtDer Lastwagen war drei Tage zuvor von einem Verladehof in Lambrate gestohlen worden. Die Kennzeichen fehlten, die Fahrgestellnummer war abgefeilt, und als die Polizei ihn fand, war er an einem Kanal am Stadtrand ausgebrannt. Marco legte den Bericht um sieben Uhr morgens auf meinen Schreibtisch, und ich las ihn zweimal, ohne mich zu rühren. Dann klappte ich die Mappe zu und sah zu dem Mann auf, der sie gebracht hatte. „Hat niemand den Fahrer gesehen?“„Niemand, Herr Valentino.“ Marco Vitale stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen da, ruhig und ein wenig zerzaust, wie immer nach einer langen Nacht. Er war einunddreißig, still, loyal und der beste Sicherheitschef, den mein Vater je eingestellt hatte. Er hatte auf einem regennassen Parkplatz seine Jacke an meine Seite gedrückt und sie dort gehalten, bis der Krankenwagen kam, und das würde ich nicht vergessen. Ein schwacher Hauch von etwas Scharfem, Metallischem umgab ihn, ein Parfüm, das ich nie recht gemocht hatte.
Sofias Sicht Der Schlüssel war die ganze Zeit da gewesen. Ich fand ihn am Morgen nach dem achten Stock, als ich mit dem Foto in der einen und dem Umschlag meines Vaters in der anderen Hand am Küchentisch saß und zu begreifen versuchte, was ein durchgestrichener Buchstabe überhaupt bedeuten konnte. Das Klebeband an der Klappe hatte die Farbe von altem Tee angenommen, und sieben Jahre lang hatte ich mich gehütet, es je zu berühren. An diesem Morgen war ich nicht vorsichtig. Ich löste es mit dem Daumennagel, und etwas Kleines, Hartes glitt heraus und klirrte wie eine Münze auf den Tisch.Es war ein Schlüssel, silbern und schlicht, mit einer eingravierten Zahl auf dem Kopf. 427. Es gab keinen Namen, keine Adresse, keine Notiz, nur diese eine Zahl und das Gewicht von allem, was mein Vater nicht hatte sagen können. Ich drehte ihn in den Fingern, bis er warm war. Dann fädelte ich ihn auf die dünne Kette, die ich unter dem Hemd trug, sodass er an meinem Brustbein ruhte, ein zweiter Herzschla
Sofias Sicht Ich hielt sechs Tage durch, bevor ich in einen verschlossenen Raum einbrach. In der ersten Woche war ich die perfekte Assistentin. Ich kam um halb acht, prägte mir Diegos Terminplan ein und brachte ihm seinen Kaffee genau so, wie er ihn mochte, schwarz und zu heiß. Ich hielt meine Augen auf den Bildschirm gerichtet und meine Stimme neutral. Und jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, beobachtete er mich, die Arme verschränkt, den Kopf geneigt, als wäre ich eine Rechnung, die nicht aufging.Die Nachricht der unbekannten Nummer war mir in der ersten Nacht nach Hause gefolgt, und sie folgte mir in jede Besprechung danach. Ich weiß, warum du hier bist. Ich hatte die Nummer zweimal angerufen und ins Leere klingeln lassen. Ich erzählte es niemandem, nicht einmal Camila, denn sie hätte mich angefleht aufzuhören. Ich studierte jedes Gesicht im Gebäude nach einem Aufflackern des Wissens, und ich fand nichts. Victors Lächeln war zu warm, um ihm zu trauen. Diegos Schweigen war zu kalt,
Sofias SichtValentino Holdings residierte in einem Glasturm mitten in Mailand, vierzig Stockwerke aus Spiegel und Stahl, die das Morgenlicht wie eine Warnung auf die Straße zurückwarfen. Ich stand eine volle Minute auf dem Bürgersteig, unter dem Mantel das Kleid, das ich auf der Beerdigung meines Vaters getragen hatte, das einzige schwarze Kleid, das ich besaß, und sah zu, wie die Drehtüren Menschen verschluckten, die sich nie hatten fragen müssen, wie sie die Medikamente ihrer Mutter bezahlen sollten. Dann ging ich hinein.Elena Moretti empfing mich am Empfang. Sie war in den Vierzigern, scharf geschnitten, ein Tablet an ihr maßgeschneidertes graues Jackett gedrückt, und sie schüttelte meine Hand einmal, kurz, als prüfe sie ihr Gewicht. „Frau Ricci.“ Sie musterte mich einen Atemzug zu lang. „Herr Valentino führt keine Vorstellungsgespräche mit neuen Mitarbeitern. Das sollten Sie wissen, bevor wir hinaufgehen.“„Warum führt er dann eines mit mir?“, fragte ich.„Das“, sagte Elena und
Sofias SichtSieben Jahre reichen aus, um genau zu lernen, wie viel ein Mensch überleben kann. Ich hatte die Beerdigung überlebt, die unbezahlten Rechnungen und die Mahnungen des Vermieters, die an unserer Tür klebten. Ich hatte überlebt, tagsüber zu kellnern und nachts Büros zu putzen, und ich hatte überlebt, wie meine Mutter sich langsam in eine Welt zurückzog, in die nichts mehr vordringen konnte. Was ich nie überlebt hatte, nicht wirklich, war diese Nacht. Mein Vater hatte mir im Regen einen Umschlag in die Hände gedrückt, und eine Stunde später hatte ich zugesehen, wie sein Wagen auf einer Straße am See zu einem Feuer wurde.Vor der Explosion hatte ich ihn einen Namen zu dem Fremden im schwarzen Mantel sagen hören. Victor. Ich hatte ihn so oft ins Dunkel geflüstert, dass er glatt geworden war wie ein Stein in meiner Tasche, und ich hatte immer noch keine Ahnung, wer er war. Der Umschlag blieb unter einer losen Diele unter der Küchenspüle versteckt, versiegelt und stumm. Ich redet
Diegos SichtDas Erste, was ich begriff, war der Schmerz, und das Zweite, dass ich nicht tot war, was mir wie ein Verwaltungsfehler vorkam. Licht drückte gegen meine Augenlider. Etwas piepte in einem gleichmäßigen, lästigen Rhythmus, ein Schlauch führte von meinem Arm zu einem Beutel mit klarer Flüssigkeit, und meine Brust fühlte sich an, als hätte jemand sie mit zerbrochenem Glas gefüllt. Ich versuchte mich aufzusetzen, und eine Hand drückte mich mit erstaunlicher Kraft wieder nieder.„Untersteh dich.“ Die Stimme meiner Schwester, scharf und heiser vor Erschöpfung. Alessia saß auf der Bettkante, das dunkle Haar zu einem Knoten gebunden, die Wimperntusche unter beiden Augen verschmiert. „Du warst zwei Tage bewusstlos, du Idiot. Wenn du die Fäden aufreißt, bringe ich dich selbst um, und dann muss ich es Papa erklären.“„Zwei Tage.“ Meine Stimme klang wie Kies. „Wasser.“Sie hielt mir einen Plastikbecher an den Mund und stützte mit der anderen Hand meinen Kopf, und ich trank. Ihre Finge







