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4

Author: Oluyemz
last update publish date: 2026-07-02 17:30:41

Kapitel 4

 Man sagt, wenn man kurz davor ist zu sterben, kann man es spüren.

 Genau das bedeutete es für mich, meine Wolfsseite zu verlieren. Ich konnte ihre Stille, ihren Schmerz, ihre Qual und ihren Verrat spüren.

 Tränen liefen ungehindert über mein Gesicht, als ich versuchte, die Augen zu öffnen.

 Doch ich war wieder in meinem Zimmer.

 Ich versuchte mich aufzusetzen, aber ich war zu schwach.

 Zu schwach, um sie anzusehen.

 Sie saß direkt vor mir und wusste nicht, wie sie mich trösten sollte.

 Sie wusste, dass ich litt.

 „Was hältst du davon, wenn wir dieses Rudel verlassen?“, fragte meine Mutter und sah mich an.

 „Aber... wohin sollen wir gehen?“, fragte ich schluchzend und versuchte, meine verstopfte Nase frei zu bekommen.

 „Irgendwohin. Such dir einfach ein Rudel aus“, sagte meine Mutter und blickte mich an.

 „Das kann ich dir nicht antun, Mum. Du hast dein ganzes Leben hier verbracht. Die Menschen, das Rudel, der Alpha. Dieser Ort ist dein Leben“, sagte ich mit tränenerfüllten Augen.

 „Ich würde alles für dich tun. Ich würde bis ans Ende der Welt für dich gehen. Wenn du sagst: Spring, dann springe ich“, sagte Paulina und nahm meine Hände.

 „Ich werde nicht gehen, Mutter“, sagte ich und wischte mir das Gesicht ab.

 „Du solltest wissen, dass die Leute nicht schweigen werden. Sie werden über dich reden, bis sie irgendwann das Interesse verlieren. Kannst du das ertragen?“, fragte Paulina.

 Ich wusste nicht, ob ich das konnte.

 Die Scham.

 Der Spott.

 Es würde zu viel sein.

 „Kannst du das, mein Schatz?“, fragte meine Mutter, während sie mein Gesicht in ihre Hände nahm. Ich konnte die Tränen in ihren Augen sehen.

 „Ich werde stark sein, Mutter. Und ich werde darüber hinwegkommen“, sagte ich entschlossen.

 Doch meine Mutter wusste, wie lange ich auf Stephan gewartet hatte.

 Darauf, dass er mich lieben würde.

 „Warum zeigst du ihnen nicht, dass es dich nicht kümmert?“, sagte meine Mutter und schniefte ebenfalls.

 Jetzt hatten wir beide eine laufende Nase, weil wir versuchten, uns gegenseitig zu trösten.

 Komisch, oder?

 „Warum arbeitest du nicht mit mir als Dienerin im Palast?“, fragte meine Mutter mit ernstem Blick.

 „Meinst du das ernst, Mum?“, fragte ich, meine Augen beinahe aus den Höhlen tretend.

 „Ja. Du kannst Stephan zeigen, dass du über ihn hinweg bist und nicht länger davon träumst, dass er deine Liebe eines Tages erwidert.“

 Stille.

 Ich wusste nicht, ob ich schon bereit für diesen Schritt war.

 Die Wunde war noch frisch.

 Und der Schnitt war tief.

 „Schon gut, mein Schatz. Lass dir Zeit. Ich werde hier sein, wenn du mich brauchst“, sagte meine Mutter und küsste mich auf die Stirn.

 Ich sah zu, wie sie aufstand.

 „Ich muss heute die Nachtschicht im Palast übernehmen. Iss etwas und warte nicht auf mich“, sagte meine Mutter, als sie mein gemütliches Bett verließ.

 Ich lächelte und winkte ihr zum Abschied.

 Ohne zu wissen...

 ...dass es das letzte Mal sein würde, dass ich sie jemals sah.

 [ ZWEI TAGE SPÄTER ]

 Ich starrte auf das Essen vor mir und verlor den Appetit.

 Heute war bereits der zweite Tag, an dem meine Mutter gesagt hatte, sie müsse zum Palast.

 Sie hätte längst zurück sein müssen.

 Ich musste nach ihr suchen.

 Ich griff nach meinem Mantel und ging hinaus. Die Kapuze war tief über mein Gesicht gezogen, doch trotzdem erkannten mich die Leute.

 „Ist das Selena?“

 „Du meinst das Mädchen, das nach der Zurückweisung ihren Wolf verloren hat.“

 „Woher weißt du, dass sie es ist?“

 „Ich kann riechen, dass sie keinen Wolf mehr hat.“

 „Sie stinkt förmlich danach!“

 Ich konnte alles hören.

 Ihre Blicke.

 Ihre Stimmen voller Verachtung.

 Einer von ihnen schlug mir die Kapuze vom Kopf.

 „Siehst du? Ich wusste doch, dass sie es ist“, sagte er sofort.

 Ich konnte es nicht mehr ertragen.

 Ich sah zum Palast hinüber...

 ...und drehte mich um.

 Ich rannte zurück nach Hause.

 Vielleicht sollte ich bis zum Einbruch der Nacht warten.

 Ich musste jetzt nicht gehen.

 Ich konnte auch heute Nacht nach meiner Mutter sehen.

 Immer wieder redete ich mir das ein, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

 Ich sollte mutig sein wie sie.

 Furchtlos.

 Aber ich war nicht Paulina.

 Ich war ihr überhaupt nicht ähnlich.

 Nicht mutig.

 Nicht stark.

 Nicht geschickt.

 Ich ging wieder hinein und schloss die Tür hinter mir.

 Mein Herz raste, während ich versuchte, mich zu beruhigen.

 Ich zog die Vorhänge zu, um mich vor den neugierigen Blicken der Menschen draußen zu verstecken.

 Ich setzte mich an den Tisch und starrte auf mein unberührtes Essen.

 Vielleicht brauchte ich einfach mehr Zeit, mich an den Namen zu gewöhnen, den man mir jetzt gegeben hatte.

 Meine Gedanken wanderten zurück zu Stephan und Olivere.

 Ich fragte mich, wie glücklich sie wohl zusammen waren, während ich mich selbst bemitleidete.

 Das Ticken der Uhr war das einzige Geräusch im Raum.

 Und der gleichmäßige Schlag meines Herzens.

 Ich hielt meinen Blick auf die Uhr gerichtet.

 Ich musste das Haus verlassen.

 Ich musste sie finden.

 Sobald es nach acht Uhr war, schob ich den Vorhang ein Stück zur Seite.

 Draußen war es dunkel.

 Gerade wollte ich hinausgehen, als plötzlich die Alarmglocke erklang.

 Ich blieb abrupt stehen.

 Die Glocke wurde nur in Notfällen geläutet.

 Was zum Teufel war passiert?

 Eines wusste ich.

 Der Palast war der einzige Ort, an dem ich die ganze Wahrheit erfahren konnte.

 Ich ging schnellen Schrittes los, voller Hoffnung, meine Mutter zu sehen und sie zu fragen, was geschehen war.

 Doch dann bemerkte ich, dass die Zahl der Wachen verdoppelt worden war.

 Jeder einzelne hielt aufmerksam Ausschau.

 „Was zum Teufel ist hier los?“, murmelte ich.

 Ich wollte gerade auf das Haupttor zugehen...

 ...als mich plötzlich eine Hand packte.

 Ich erstarrte.

 Mein Herz machte einen Sprung.

 Und ich spürte etwas...

 ...das ich gar nicht hätte spüren dürfen.

 Mein Wolf.

 Sie regte sich.

 Sie war zurück!

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