Teilen

Zufall

last update Veröffentlichungsdatum: 22.09.2026 12:10:52

Auroras Perspektive

Das Taxi fuhr davon und hinterließ den Geruch von Benzin. Ich zog meinen Mantel enger um mich, als könnte das den Lärm in meinem Kopf dämpfen. Meine Absätze klackten auf dem Pflaster, während ich alles noch einmal durchspielte – wie seine Stimme an meinem Ohr geklungen hatte, wie ich ihm Dinge zugeflüstert hatte. In dem Moment, in dem ich anfing, wieder davon zu träumen, schob ich den Gedanken beiseite.

Was um alles in der Welt hatte ich getan?

Die Lichter in der Lobby flackerten, als ich eintrat. Die Aufzugtüren öffneten sich, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Als ich an meiner Tür ankam, zitterten meine Hände. Ich stieß den Schlüssel ins Schloss und trat ein. Ich würde mir selbst ins Gesicht sehen müssen – und der Wahrheit, die dazugehörte.

Ich hätte nie gedacht, dass ich in einer solchen Situation landen würde – ein One-Night-Stand mit einem völlig Fremden. Warum war ich so wütend? Das hätte ich nicht sein sollen. Selbst wenn ich mich belügen wollte: Ich hatte es gewollt. Er hatte mich nicht gezwungen, meine Beine um ihn zu schlingen und zu betteln. Das hatte ich ganz allein getan. Solche Dinge passierten jeden Tag. Ich war nicht die Erste. Ich sollte einfach aufstehen und so tun, als wäre die ganze Nacht nie gewesen.

Nach ein paar Minuten nahm ich ein Bad. Als ich herauskam, klingelte mein Handy – ein FaceTime-Anruf von Ana und Mia.

Wenn ich ihn gestern Abend nicht angesprochen hätte, wäre ich nicht in diesem Schlamassel. Aber ich wollte die Schuld nicht abschieben. Was geschehen war, war geschehen.

Ich nahm ab. „Hi, Mädels.“

Ana rollte mit den Augen. „Wir rufen seit gestern an. Du bist einfach abgetaucht. Wir hatten uns Sorgen gemacht.“

Mia gab einen tiefen Laut von sich. „Was hast du angestellt? Wir haben dir gesagt, du sollst mit ihm flirten – sag bloß nicht …“

Ich schloss die Augen und versuchte zu atmen. „Ihr solltet damit aufhören. Ich habe gemacht, was ihr wolltet, dann hat es mich genervt und ich bin nach Hause gegangen. Denkt bloß nichts anderes.“

Das war eine glatte Lüge. Ich war es nicht gewohnt, meine Freundinnen anzulügen, und ich konnte ihnen immer noch nicht sagen, was wirklich passiert war. Ich versuchte, mein Gesicht auf dem Bildschirm neutral zu halten.

Mia schüttelte den Kopf. „Es tut uns leid wegen gestern. Ich hoffe, du bist uns nicht böse. Wir wollten dir nur helfen. Also … hast du seine Nummer bekommen?“

Helfen? Ich hätte fast über das Wort gelacht. „Lass uns das einfach vergessen“, sagte ich und wechselte das Thema. „Ich bewerbe mich bei einer Modefirma. Wir sprechen uns später.“

Ana schrie fast. „Warte! Vergiss die Party heute Abend nicht.“

Meine Freundinnen interessierten sich nur für Partys. Ich war nie der Partymensch gewesen, aber jetzt musste ich hingehen, damit ich nicht völlig langweilig wirkte.

Ich warf das Handy aufs Bett und starrte an die Decke. Meine Brust hob und senkte sich langsam, während ich versuchte, mich zu beruhigen. Ich vergrub das Gesicht im Kissen und wünschte mir, ich könnte die ganze Nacht gleich mit begraben.

Aber die Bilder ließen nicht nach – seine Hände, die Art, wie ich Ja gesagt hatte, obwohl ich Nein hätte sagen können. Mein Herz schlug schneller, als die Erinnerungen zurückfluteten. Ich presste die Handflächen über die Augen.

Eine Benachrichtigung riss mich heraus. Wieder eine Nachricht von Ana: „Vergiss die Party nicht. Du hast es versprochen.“

Ich seufzte. Party, Party, Party. Als würde Ausgehen und so tun, als wäre alles in Ordnung, irgendetwas in mir zum Verschwinden bringen.

Ich setzte mich an den Bettrand und ließ mein Haar über die Schultern fallen. Vielleicht hatten sie recht. Vielleicht brauchte ich eine Ablenkung. Oder vielleicht lief ich nur vor mir selbst davon.

Wie auch immer – der Abend würde kommen.

---

Ein paar Tage später rannte ich die Treppe hoch, bereits zu spät an meinem ersten Arbeitstag. Ich hatte meinen Freundinnen vorgelogen, dass ich mich nur bewerben würde. Die Anzahl der Lügen, die ich in letzter Zeit erzählt hatte, wurde langsam lächerlich.

Es war nicht genau eine Modefirma – alle nannten es nur so. Sie brauchten jemanden, der gut im Entwerfen war, nachdem ihre Hauptdesignerin gestorben war. Und irgendwie sollte ich diese jemand sein.

Ich blieb am Eingang stehen, fing meinen Atem ein und richtete meinen Rock. Dann klopfte ich und trat ein.

Panik stieg mir in den Hals, in dem Moment, als ich den Mann hinter dem Schreibtisch sah.

Es war er.

Derselbe Typ von jener Nacht.

Mein Tag war gerade deutlich schlechter geworden.

Ich senkte den Blick und zwang die Worte heraus. „Guten Tag.“

Er warf mir einen Blick zu, das Gesicht vollkommen ausdruckslos, und schaute dann wieder auf seinen Laptop.

„Setz dich“, sagte er.

Meine Wimpern flatterten. Meine Brust zog sich zusammen, als ich mich setzte.

„Ich brauche dir nicht zu sagen, wer ich bin.“

Ich zog eine Augenbraue hoch.

„Jedenfalls. Ich bin Dominic Hale, CEO von Novalux Industries und Titanium Edge Holdings.“

Da lag etwas Beinahe-Gelangweiltes in der Art, wie er das sagte, als wäre die Vorstellung selbst Zeitverschwendung.

Ohne mich anzusehen, fragte er: „Und Sie sind?“

Ich starrte ihn an. Ich war hier für ein Vorstellungsgespräch. Er musste meine Unterlagen gesehen haben, bevor er mir den Job angeboten hatte. Was spielte er gerade?

Er hatte es ernst gemeint, als er sagte, ich solle diese Nacht vergessen. Er tat so, als kenne er mich nicht einmal. Oder vielleicht kannte er mich wirklich nicht. Es war nur eine Nacht gewesen, und wir waren Fremde.

Das Schweigen dehnte sich, bis es unangenehm wurde.

Ich räusperte mich. „Aurora.“

Er nickte und griff zum Telefon. „Komm in mein Büro“, sagte er und legte auf.

„Wie Sie bereits wissen, ist die Designerin, die wir vorher hatten, gestorben.“

Meine Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Sie ist gestorben?“

Er nickte. „Sie ist vom Dach eines unserer Gebäude gestürzt.“

Ich schluckte ins Leere.

„Ein Unfall?“

Seine Augen trafen endlich meine.

„Die Untersuchung hat es als Unfall eingestuft.“

Etwas an der Art, wie er das sagte, ließ die Antwort unvollständig wirken.

Ich öffnete den Mund, um eine weitere Frage zu stellen, aber er hatte sich bereits wieder seinem Laptop zugewandt.

„Ihre Aufgabe ist einfach. Übernehmen Sie ihre Verantwortlichkeiten und sorgen Sie dafür, dass die Arbeit nicht hinterherhinkt.“

Ich starrte ihn noch einen Moment länger an.

Irgendetwas an der ganzen Sache gefiel mir nicht.

Aber ich sagte nichts.

Meine Augen weiteten sich. Ich wollte fragen, wie, aber ich schluckte die Frage hinunter.

„Das sollte Sie nicht erschrecken“, sagte er.

Ich sah ihn an, überrascht von dem leichten Wechsel in seinem Ton.

Für eine Sekunde klang es fast so, als versuche er, mich zu beruhigen.

Dann wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos, und ich erinnerte mich daran, nicht zu viel hineinzuinterpretieren.

Die Tür öffnete sich. Eine große Frau trat ein – schwarzes Haar zu einem strengen Dutt gebunden, marineblaues Kleid perfekt sitzend, dunkler Eyeliner. Sie sah mich auf eine Weise an, die ich nicht deuten konnte. Ich schaute schnell weg.

„Bring sie in ihr Büro“, sagte Dominic. „Du weißt, was zu tun ist, Natalia.“

Ich stand auf und folgte ihr hinaus, die Tasche fest umklammert.

Sie blieb nicht weit von seinem Büro stehen. Ihre Lippen wurden schmal, dann trat sie näher und zog mich in eine kurze Umarmung. Ihre Stimme war leise an meinem Ohr.

„Pass auf dich auf. Nicht alles, was glänzt, ist auch schön.“

Ich erstarrte. Meine Haut wurde kalt. Bevor ich fragen konnte, was sie meinte, war sie bereits weitergegangen.

Ich ließ einen Atemzug heraus, von dem ich nicht gemerkt hatte, dass ich ihn angehalten hatte, und ging weiter. Das Büro war größer, als ich für jemanden erwartet hatte, der nur entwerfen sollte. Es war schön. Ich trat näher und nahm den Raum in mich auf, aber meine Gedanken drifteten immer wieder zu Dominics ausdruckslosem Gesicht zurück.

Gänsehaut lief mir die Arme hinauf. Plötzlich wurde mir übel. Ich rannte zur Toilette und übergab mich, bis nichts mehr kam. Als ich mich endlich gesäubert und Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, sah ich mein Spiegelbild.

Ich sah blass aus.

Mein Herz setzte aus.

Ich hoffe, es ist nicht das, was ich denke.  

Nein … ich bin nur krank.  

Das kann nicht sein.

„Nein“, flüsterte ich dem Spiegel zu. „Das kann nicht sein.“

Lies dieses Buch weiterhin kostenlos
Code scannen, um die App herunterzuladen

Aktuellstes Kapitel

  • Sein geheimes Verlangen    Unwiderstehlich

    Dominics PerspektiveUnwiderstehlichIch blieb, wo ich war, die Hand noch an ihrer Taille, und spürte das feine Zittern, das durch ihren Körper lief.Florella.Schon der Gedanke an den Namen tat etwas mit mir, das ich mich weigerte, genauer zu betrachten.Ich hätte zurücktreten sollen. Ich hätte sie gehen lassen sollen. Stattdessen beugte ich mich vor, nah genug, um den schnellen Schlag ihres Herzens zu hören.Mein Kiefer spannte sich an. One-Night-Stands waren dazu da, in dem Moment vergessen zu werden, in dem sie endeten. Ich löschte sie immer. Aber dieses Mädchen … ich konnte nicht aufhören, an sie zu denken.Als sie zum Vorstellungsgespräch hereinkam, wusste ich innerhalb von Sekunden, wer sie war. Ich hätte Natalia sagen sollen, sie abzulehnen. Stattdessen ließ ich alle anderen Termine absagen. Ich wollte sie hier. Ich wollte sie jeden Tag sehen – was sie trug, wie sie sich bewegte, wie sie reagierte, wenn ich sie forderte. In diesem Moment entschied ich, dass ich sie in Reichwei

  • Sein geheimes Verlangen     Ich würde nicht verlieren.

    Auroras PerspektiveWas soll das Ganze, schwanger zu werden, wenn man es nie geplant, nie wirklich gewollt hat … nur um es zu verlieren, bevor man überhaupt begreifen kann, was es bedeutet?Meine Brust schmerzte, als würde jemand sie von innen verdrehen. Ich legte die Hand auf den Bauch und spürte nichts als Leere. Der Raum, in dem kurz etwas existiert hatte, fühlte sich jetzt lauter an als mein eigener Herzschlag. Tränen liefen mir über das Gesicht, aber es war nicht nur Trauer. Es war Wut. Reine, brennende Wut auf das Universum, auf das Schicksal und auf den Mann, der in mein Leben getreten war und nichts als Trümmer hinterlassen hatte.Ich hatte das nicht gewollt. Ich wusste noch nicht einmal, was ich wollte. Und jetzt war es weg, bevor ich mich entscheiden konnte.Die Tür öffnete sich.Dominic.Er war seit meiner Einlieferung jeden Tag aufgetaucht. Ich verstand immer noch nicht, warum. Reichte es nicht, dass mir das passiert war? Wenn er in jener Nacht pünktlich gewesen wäre, wäre

  • Sein geheimes Verlangen    Was ich verloren habe

    Dominics PerspektiveIch hatte sie nicht treffen wollen.Ich redete mir ein, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Dann kam der Drang trotzdem – scharf, unerwartet, unmöglich zu ignorieren. Schuldgefühle oder etwas Schlimmeres. Ich wusste immer noch nicht, was davon.Mein Wagen hatte unterwegs eine Panne. Bis der Fahrer mit einem anderen Fahrzeug zurückkam, war es bereits zu spät. Er war der Erste, der sie sah – eine Gestalt auf dem Boden, die dort nicht hingehörte.Aurora, in ihrem eigenen Blut liegend.Ich hätte ihr schreiben sollen. Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich mich verspätet. Der Schaden war bereits angerichtet.Jetzt stand ich vor dem Krankenzimmer, die Hände in den Taschen vergraben, der sterile Geruch brannte mir im Rachen. Ich lief auf und ab, weil Stillstehen unmöglich erschien. Ich sollte mich nicht kümmern. Sie war eine Angestellte. Mehr nicht. Ich wiederholte die Worte, bis sie fast wahr klangen.Der Arzt trat heraus.„Wie geht es ihr?“ Meine Stimme kam leiser hera

  • Sein geheimes Verlangen    Bitte...mein Baby

    Auroras PerspektiveWochen später kehrte die Übelkeit zurück, stärker als zuvor. Zuerst schob ich es auf den Stress. Dann zählte ich die Tage und merkte, dass meine Periode ausblieb.Auf dem Heimweg von der Arbeit kaufte ich einen Test. Ich redete mir ein, es sei nur, um den Zweifel zum Schweigen zu bringen. Eine Nacht. Kein Schutz. Die Wahrscheinlichkeit fühlte sich immer noch unmöglich an.Im Badezimmer wartete ich. Als das Ergebnis erschien, glitt der Test mir aus den Fingern und fiel auf die Fliesen.Schwanger.Ich stieß ein kurzes, ungläubiges Lachen aus. „Nein … das kann nicht sein.“Ich griff zum zweiten Test. Dasselbe Ergebnis.Ich sank auf den Boden, die Hände zitternd. Dominics kaltes, ausdrucksloses Gesicht blitzte vor meinem inneren Auge auf. Wie sollte ich es ihm sagen? Würde er überhaupt glauben, dass es nicht geplant war? Würde er mich auf der Stelle feuern?Ich presste die Handflächen an die Schläfen und zwang Luft in meine Lungen.Du wirst das regeln, sagte ich meinem

  • Sein geheimes Verlangen    Zufall

    Auroras PerspektiveDas Taxi fuhr davon und hinterließ den Geruch von Benzin. Ich zog meinen Mantel enger um mich, als könnte das den Lärm in meinem Kopf dämpfen. Meine Absätze klackten auf dem Pflaster, während ich alles noch einmal durchspielte – wie seine Stimme an meinem Ohr geklungen hatte, wie ich ihm Dinge zugeflüstert hatte. In dem Moment, in dem ich anfing, wieder davon zu träumen, schob ich den Gedanken beiseite.Was um alles in der Welt hatte ich getan?Die Lichter in der Lobby flackerten, als ich eintrat. Die Aufzugtüren öffneten sich, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Als ich an meiner Tür ankam, zitterten meine Hände. Ich stieß den Schlüssel ins Schloss und trat ein. Ich würde mir selbst ins Gesicht sehen müssen – und der Wahrheit, die dazugehörte.Ich hätte nie gedacht, dass ich in einer solchen Situation landen würde – ein One-Night-Stand mit einem völlig Fremden. Warum war ich so wütend? Das hätte ich nicht sein sollen. Selbst wenn ich mich belügen wollte: Ich ha

  • Sein geheimes Verlangen    einmalige Affäre

    Auroras PerspektiveDie Bar war dunkel und laut. Musik hämmerte unter dem ständigen Klirren von Gläsern, und in unserer Eckbank waren meine Freundinnen irgendwie noch lauter als beides zusammen.„Im Ernst?“, sagte Mia und kreiste den Rest ihres Drinks. „Du bist als Jungfrau von der Schule abgegangen und irgendwie auch durchs Studium gekommen?“Ihr Lachen trug weit. Jeder, der vorbeiging, konnte jedes Wort hören. Hitze kroch mir den Nacken hoch. Ich fuhr mit dem Finger am Rand meines Glases entlang und wünschte mir, das Eis würde schneller schmelzen, nur damit ich etwas anderes anstarren konnte.Ana grinste spöttisch, auch wenn für den Bruchteil einer Sekunde etwas Weicheres über ihr Gesicht huschte. „Sei nicht unhöflich, Mia. Wir wissen doch alle, dass die Männer vor Aurora weglaufen.“Ich zwang mir das übliche selbstironische Lächeln ab und starrte weiter in mein Glas.Mia schüttelte den Kopf, immer noch lächelnd. „Genau.“„Das stimmt nicht“, sagte ich leise. „Hört auf. Bitte.“Ana r

Weitere Kapitel
Entdecke und lies gute Romane kostenlos
Kostenloser Zugriff auf zahlreiche Romane in der GoodNovel-App. Lade deine Lieblingsbücher herunter und lies jederzeit und überall.
Bücher in der App kostenlos lesen
CODE SCANNEN, UM IN DER APP ZU LESEN
DMCA.com Protection Status