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Kapitel 8

Author: Loveday-Helen
last update publish date: 2026-07-29 16:08:05

Die Tür öffnete sich einen weiteren Zentimeter.

Dann noch einen.

Ich kniff meine Augen so fest zusammen, dass kleine Sterne hinter meinen Augenlidern aufblitzten. Mein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er zu Stein geworden.

Bitte lass ihn es nicht sein. Bitte lass ihn es nicht sein. Die Worte wiederholten sich in meinem Kopf wie ein Lied, das ich nicht aufhören konnte zu summen.

Meine Arme schlangen sich noch fester um meine Knie, meine Finger gruben sich in meine Haut, und ich wartete auf Ryders tiefe, kalte Stimme, die durch die Stille schneiden würde.

Doch die Schritte waren leise und vorsichtig.

Ich öffnete ein Auge einen Spalt breit.

Es war nicht Ryder.

Blade stand in der Tür. Sein dunkles Haar sah unordentlicher aus als sonst, als hätte er sich hundertmal mit den Händen durchgefahren. In der Hand hielt er meinen Stift – den blauen, den ich immer in meiner Tasche trug. Er blickte zu mir herab, wo ich zusammengerollt an der Tür saß, die Knie bis zum Kinn hochgezogen.

„Den hast du unten fallen gelassen“, sagte er leise. Seine Stimme war nicht laut oder bestimmend. Sie war sanft, als spräche er mit einem erschrockenen Vogel. „Ich dachte, du möchtest ihn vielleicht zurückhaben.“

Ich starrte auf den Stift. Meine Finger zitterten noch immer, als ich die Hand ausstreckte. Ich nahm ihn und klammerte ihn an meine Brust, als könnte er mich beschützen.

Blade kam nicht sofort näher. Er sah sich nur in dem kleinen, leeren Raum um, dann ließ er sich wenige Meter von mir entfernt auf den Boden sinken.

Er saß mit dem Rücken an der gegenüberliegenden Wand, die Beine ausgestreckt, die Hände locker auf den Knien. Er versuchte nicht, mir auf die Pelle zu rücken. Er saß einfach nur da.

Ich rückte ein Stück zur Seite und drückte meine Schulter fester gegen die Tür. Ich brauchte mehr Abstand.

Er bemerkte es.

Aber er sagte nichts dazu.

Nach einem langen, stillen Moment – lang genug, dass ich meinen eigenen Herzschlag hören konnte, der langsam ruhiger wurde – sprach er erneut.

„Du musst nicht immer alles glauben, was der Alpha sagt, wenn andere Leute zuhören.“

Mein Kopf schnellte hoch. Meine Augen hefteten sich an sein Gesicht.

Er sah mich nicht an, sondern starrte auf einen winzigen Riss in den Dielen, als enthielte er alle Antworten. Seine Stimme blieb ruhig.

„Manchmal werden Worte für Ohren gesagt, die nicht deine sind. Um bestimmte Leute daran zu hindern, die wahre Wahrheit zu erraten. Um jemanden zu beschützen.“

Meine Finger krampften sich so fest um den Stift, dass das Plastik ein leises Knacken von sich gab.

Blade sah mich schließlich an, seine Augen blickten ruhig. Nicht wütend. Nicht mitleidig. Einfach ehrlich.

„Ich sage nicht, dass er perfekt ist, aber ich kenne ihn – und ich weiß, dass er die Menschen, die ihm wirklich etwas bedeuten, nicht einfach wegwirft.“

Die Worte fühlten sich für einen Sekunde warm an, wie eine kleine Kerze in der Dunkelheit, doch dann schoss Ryders Stimme wieder in meinen Kopf – laut und kalt von unten aus dem Erdgeschoss:

„Es ist mir schweregal, was mit einem stummen Mädchen passiert … Wenn sie stirbt, zieht das Rudel weiter. Ich ziehe weiter.“

Ich schüttelte einmal den Kopf.

Blade widersprach nicht. Er nickte nur, als verstünde er alles, was ich nicht sagen konnte. Dann schwieg er wieder.

Wir saßen für eine gefühlte Ewigkeit da; die einzigen Geräusche waren mein Atem, der noch immer zu schnell ging, und das feine Ticken einer Uhr irgendwo weit entfernt im Haus.

Nach einer Weile drückte sich Blade langsam hoch. Er hielt mir seine Hand hin – nicht zugreifend, sondern einfach offen, die Handfläche nach oben zeigend.

„Komm“, sagte er sanft. „Du kannst nicht den ganzen Tag hier drinnen bleiben. Lass uns dich zurück in dein Zimmer bringen.“

Ich starrte seine Hand an.

Ich nahm sie nicht.

Doch nach ein paar weiteren Herzschlägen nutzte ich die Tür, um mich aufzurichten. Meine Beine fühlten sich wackelig an, als gehörten sie jemand anderem.

Blade drängte mich nicht. Er wartete, bis ich aufrecht stand, und trat dann zurück, um mir Platz zu machen.

Wir gingen zusammen hinaus. Der Flur wirkte nach dem dämmrigen kleinen Raum viel zu hell. Meine neuen blauen Ballerinas erzeugten leise Klackgeräusche auf dem Boden.

Blade ging neben mir – nicht zu nah, aber auch nicht zu weit weg. Als wüsste er genau, wie viel Abstand ich brauchte, um mich sicher zu fühlen.

Wir bogen um die Ecke.

Und da stand er.

Ryder stand am anderen Ende des Flurs, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Gesicht war ausdruckslos, schwer zu lesen. Seine Augen wanderten von mir zu Blade und wieder zurück zu mir. Etwas Schnelles blitzte darin auf – scharf wie ein Funke –, verschwand dann aber sofort wieder.

Er trat einen Schritt vor.

„Deine Schule beginnt morgen“, sagte er. Seine Stimme war flach. Ruhig. Als läse er von einem Blatt Papier ab. „Geh zurück in dein Zimmer. Die Dienstmädchen werden dir dein Essen bringen. Sie bringen dir alles, was du für die Schule brauchst. Bereite dich heute Abend vor, morgen geht es los.“

Er fragte nicht, wie es mir ging.

Er sah nicht auf die getrockneten Tränenspuren auf meinen Wangen.

Er erwähnte weder die zerbrochene Vase im Erdgeschoss noch den Grund, warum ich weggerannt war.

Er drehte sich einfach um und ging davon. Seine Stiefel hallten den Flur hinab, bis das Geräusch ihn verschlang.

Ich stand da und starrte auf die leere Stelle, an der er gestanden hatte.

Blade berührte mich am Ellbogen – nur ein leichtes Streifen mit den Fingern. „Komm“, sagte er leise. „Lass uns dich in dein Zimmer bringen.“

Ich ließ mich von ihm führen. Meine Beine bewegten sich, aber ich spürte sie kaum. Alles fühlte sich weit entfernt an, als würde ich mir von irgendwo weiter oben selbst zusehen.

Wir erreichten meine Tür, und Blade öffnete sie für mich. Das Zimmer sah noch genau gleich aus: die hellviolette Decke ordentlich auf dem Bett gefaltet, der Schrank voller neuer Kleidung, der Schreibtisch mit meinen Notizbüchern. Aber es fühlte sich nicht mehr wie meines an. Es fühlte sich an wie ein hübscher Käfig.

Er hielt im Türrahmen inne. „Wenn du irgendetwas brauchst, schreib es einfach auf und gib es einem Dienstmädchen. Oder such mich. Okay?“

Ich nickte einmal.

Er schenkte mir ein kleines, trauriges Lächeln und schloss die Tür leise hinter sich.

Ich stand lange Zeit mitten im Raum, dann ging ich zum Bett und sank auf die Kante.

Mein Blick wanderte zum Fenster.

Die Vorhänge waren noch immer halb geschlossen.

Ich erinnerte mich an den Mann von letzter Nacht.

Ryders Worte wiederholten sich unaufhörlich in meinem Kopf:

„Wenn sie stirbt, zieht das Rudel weiter. Ich ziehe weiter.“

Ich zog die Knie hoch und schlang die Arme darum.

Und dann sah ich es.

Auf meinem Kissen.

Ein einzelnes Blatt weißes Papier.

Es war vorher nicht da gewesen.

Mein Herz machte einen heftigen Schlag.

Ich starrte es an.

Langsam streckte ich die Hand aus und hob es auf.

Große rote Buchstaben waren darauf gekritzelt … krakelig, wütend, als hätte jemand den Stift so fest aufgedrückt, dass er das Papier fast zerrissen hätte:

„Hey neue Luna

willkommen in der Hölle und mach dich bereit zu sterben wie die vorherige Luna.“

Meine Finger wurden kalt.

Ich konnte nicht schreien.

Stattdessen eilte ich zur Klingel in der Ecke des Zimmers und drückte sie wieder und wieder; meine Finger zitterten gegen das kalte Metall.

Innerhalb weniger Minuten eilten einige Dienstmädchen herein, während ihre Schritte auf dem Boden hallten. Ihre Blicke fielen sofort auf den Zettel, den ich fest in meinen zitternden Händen hielt.

Eines der Dienstmädchen keuchte leise auf, bevor sie hinausstürzte – offensichtlich, um Ryder zu holen.

Ich blieb sitzen, wie angewurzelt, während mein Körper noch immer zitterte und die Worte auf dem Papier vor meinen Augen verschwammen.

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