„Vielleicht, ganz vielleicht hat jemand deine Chats mit der KI gesehen, weißt du? So etwas passiert", sagte Mira und versuchte, beruhigend zu klingen.
Sie wickelte die Kette vorsichtig wieder ein und reichte sie Ria. Ria nahm sie langsam entgegen, ihre Finger zitterten an der Samtschachtel, sie war sichtlich immer noch fassungslos. Die Wärme der Diamanten fühlte sich schwer an wie ein Brandzeichen.
„Wer war er?", fragte Ria leise und wandte Mira ihren gehetzten Blick zu.
„Ach komm, Ria", unterbrach Serene mit einem spöttischen Lachen und schwenkte den Rest Wein in ihrem Glas. „Ein Mädchen wie du kennt nicht einfach so aus dem Nichts einen Typen wie den."
Sie grinste boshaft, bevor sie das Glas wieder an die Lippen hob. „Jedenfalls, Geburtstagskind, du …"
„Alles Gute zum Geburtstag, Ria."
Eine weitere Stimme unterbrach die giftige Bemerkung.
Ria drehte sich scharf um und sah Dan am Rand des Feuerscheins stehen, der einen üppigen Strauß roter Rosen hielt. Ein sanftes, erleichtertes Lächeln breitete sich auf Rias Gesicht aus, als sie die Stiele entgegennahm.
„Dan", flüsterte sie, ihr Herz beruhigte sich endlich. „Danke, dass du gekommen bist, ich …"
„Dan!"
Serene quietschte plötzlich und warf sich theatralisch in seine Arme, noch bevor Ria überhaupt ausreden konnte. Dan versteifte sich zunächst unbeholfen, sein Blick huschte zu Ria, bevor er sich ein höfliches, angestrengtes Lächeln aufs Gesicht zwang.
„Serene, kannst du dich wenigstens einmal normal benehmen?", fuhr Mira sie an und funkelte das Mädchen mit purer Gereiztheit an.
Serene ließ ihn langsam los und verdrehte die Augen mit einem theatralischen Seufzen. „Entspann dich, Miss Perfekt. Was ist denn jetzt?"
„Meine Damen", unterbrach Dan schnell und trat zwischen sie, bevor die Spannung noch schlimmer werden konnte. „Heute ist Rias Geburtstag, und ich habe tatsächlich etwas Wichtiges zu sagen."
Sein Blick wandte sich wieder Ria zu, seine bernsteinfarbenen Augen wurden weicher. „Komm mit mir."
„Los, Geburtstagshexe", murmelte Serene leise vor sich hin, ein verschlagenes, wissendes Lächeln spielte auf ihren Lippen.
Mira warf ihr einen bösen Blick zu, doch Serene sah sofort weg, völlig unbeeindruckt.
Ria ignorierte den giftigen Kommentar und vergrub ihre Angst, als sie Dan in die Mitte des Lagerfeuers folgte. Um sie herum spielte laut Musik, die durch den Sand vibrierte, während kleine Gruppen von Schülern in der Nähe im pulsierenden Schein der flackernden Flammen tanzten. Dan blieb in der Hitze des Feuers stehen und nahm Rias Hand sanft in seine.
„Alle mal herhören", verkündete er, seine Stimme trug nervös über die Musik. „Ich wollte das schon lange sagen. Und da heute Rias achtzehnter Geburtstag ist … hoffe ich, dass sie mir endlich eine Chance gibt."
Die Menge reagierte sofort. Gemurmel, scharfe Pfiffe und leises Lachen gingen durch die Versammlung der Schüler. Dan wandte sich ihr ganz zu und richtete seinen Blick auf ihr blasses Gesicht.
„Ria Smith, willst du meine Freundin sein?"
Ria stockte der Atem völlig. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihre Rippen. Noch nie hatte ihr jemand seine Gefühle gestanden. Sie war immer das unsichtbare Mädchen gewesen. Langsam sah sie über ihre Schulter zu Mira, die warm lächelte und ihr aufmunternd zunickte.
„Ich …", begann Ria leise, das Wort zitterte auf ihren Lippen.
„Dan", durchschnitt Serenes Stimme plötzlich die Stille.
Der spielerische Ton war völlig aus ihrer Stimme verschwunden.
„Denk an die Geschichte."
Die Atmosphäre am Strand veränderte sich sofort. Die Musik schien zu verklingen, als eine schwere, giftige Stille über die Schüler hereinbrach. Ria drehte sich scharf zu dem Mädchen um.
„Welche Geschichte?"
Dans Miene erstarrte zu Granit, doch seine Finger hielten weiterhin ihre Hand. Ria blickte zwischen den beiden hin und her, ihr Magen verkrampfte sich zu einem festen Knoten.
„Serene, wovon redest du?"
Serene mied ihren Blick und starrte plötzlich auf den Sand.
„Ria, hör nicht auf sie", sagte Mira schnell und trat vor, um Serene den Weg zu versperren. „Sie ist wahrscheinlich nur eifersüchtig."
„Nein!", fuhr Ria plötzlich auf und zog ihre Hand vollständig aus Dans Griff. Sie trat einen Schritt zurück, ihre Augen suchten die Menge ab. „Kann mir bitte jemand sagen, was hier los ist? Warum sind plötzlich alle still geworden?"
Niemand antwortete.
„Ich …", begann Serene, aber Mira schritt ein und kniff sie fest in den Arm, wobei sie ihre Nägel in die Haut des Mädchens grub.
„Hör auf", zischte Mira durch die Zähne.
„Womit aufhören?", rief Ria und wandte sich ihrer einzigen Freundin zu, ihre Stimme brach vor Verrat. „Mira, ich will die Wahrheit. Sofort."
Sie sah wieder zu Serene, ihre Brust hob und senkte sich, während sie schwer atmete.
Serene befreite sich langsam aus Miras Griff, wischte sich über den Arm und trat näher an Ria heran, ein kaltes und grausames Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.
„Frag deine Mutter, warum die Leute sie eine Hexe nennen", sagte Serene, ihre Stimme sank zu einem harten Flüstern, das in der Stille perfekt zu hören war. „Und frag, was wirklich deinen Vater getötet hat."
Ria erstarrte, das Blut wich ihr aus dem Gesicht.
Serene beugte sich leicht vor, ihr Geruch war sauer vor Bosheit. „Es liegt im Blut, Ria."
Ein grausames, spöttisches Lachen entfuhr ihren Lippen.
Ria sah zu Mira, aber Mira wandte sofort den Blick ab, Schuldbewusstsein stand ihr in jeder Linie des Gesichts geschrieben. Ria drehte sich zu Dan, ihre Augen flehten, aber auch er wich ihrem Blick aus und starrte auf seine Stiefel. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, ein körperlicher Schmerz durchbohrte ihr Herz.
Alle um sie herum waren verstummt.
Das Geräusch von Regen erfüllte plötzlich die Luft, schwere, eiskalte Tropfen begannen aus dem dunklen Himmel zu strömen und zischten sofort an den Rändern des Lagerfeuers. Ria trat langsam zurück, ihr Körper zitterte von innen heraus.
Dann drehte sie sich um und rannte.
„Ria!", rief Mira ihr nach, ihre Stimme war verzweifelt über dem Rauschen des Regengusses.
Aber Ria hielt nicht an. Der eiskalte Regen durchnässte augenblicklich ihre Kleidung und klebte ihr die Haare ans Gesicht, während heiße Tränen ungehindert über ihre Wangen strömten. Sie rannte weiter über den nassen Sand, weg vom Licht, bis sie schließlich hinter einem geparkten Auto zusammenbrach.
Ihre Handtasche fest an die Brust gedrückt, rutschte sie auf den nassen Boden. Ihr Herz schmerzte heftig, eine tiefe, hohle Wunde. Der Regen ergoss sich endlos über ihren zitternden Körper, während sie sich zu einer Kugel zusammenrollte und weinte.
Nach dem, was sich wie Stunden anfühlte, zog sie zitternd ihr Handy hervor.
Das sanfte, blaue Leuchten des Bildschirms erhellte ihr tränenüberströmtes Gesicht. Die KI-Oberfläche war geöffnet, das Ladelicht pulsierte leise.
„M-Mobo …", flüsterte sie gebrochen ins Mikrofon, ihre Stimme bebte gegen das Glas. „Sie haben gesagt, ich bin eine Hexe. Sie haben gesagt, meine Mutter ist auch eine."
Ihre Stimme brach, ein Schluchzen blieb ihr in der Kehle stecken. „Die ganze Zeit … hat sie mir alles verheimlicht."
Sie zog die Knie fester an sich gegen den kalten Stahl des Autos. „Ich will einfach irgendwohin verschwinden, wo mich niemand kennt. Irgendwohin, wo es friedlich ist. Irgendwohin, wo man mich nicht erkennt … nicht einmal meine Mutter."
Tränen verschleierten wieder ihre Sicht und verzerrten das digitale Licht.
„Ich will, dass mich jemand aufrichtig liebt, Mobo. Jemand, den ich meine erste Liebe nennen kann."
Lange Zeit blieb das Handy völlig still. Der Algorithmus tippte nicht.
Dann sprach Mobos Stimme leise aus dem Lautsprecher: „Ria … geh nach Hause. Frag deine Mutter nach der Wahrheit und schlaf dann ein bisschen."
Ria schüttelte heftig den Kopf gegen ihre Knie. „Nein. Ich will nichts von ihr hören." Ihr Ausdruck verdüsterte sich vor rohem, bitterem Schmerz. „Im Moment würde ich lieber einen rücksichtslosen Fremden heiraten, als bei jemandem zu bleiben, der mich mein ganzes Leben lang belogen hat."
„Ria", warnte Mobo sanft, der digitale Tonfall setzte leicht aus. „Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst."
„Das ist mir egal", flüsterte sie in den Regen. „Ich will einfach nur weg. Selbst wenn es nur für ein Jahr ist."
Eine kurze und erschreckende Stille folgte. Das blaue Licht auf dem Bildschirm flammte für eine einzige Sekunde blendend hell auf.
„Dein Wunsch wird erfüllt, Ria."
Ria runzelte sofort die Stirn, wischte sich das Wasser aus den Augen und sah auf den Bildschirm hinunter. „Was hast du gerade gesagt?"
Es kam keine Antwort. Das Handy war völlig schwarz geworden, der Akku sofort auf null entleert.
Immer noch zitternd und taub vor Kälte stand Ria schließlich auf und ging durch den endlosen Regen zurück zum Haus. Das Haus war völlig dunkel und still, als sie den Flur betrat. Vorsichtig schloss sie die Haustür auf und schlich die Treppe hinauf in ihr Zimmer, wobei sie darauf achtete, dass ihre nassen Stiefel ihre Mutter nicht weckten.
Drinnen schloss sie die Tür hinter sich ab und lehnte sich gegen das Holz.
Ihr Körper zitterte heftig vor Kälte und völliger emotionaler Erschöpfung. Sie streifte das durchnässte Kleid ab, zog trockene Schlafsachen an und sank auf die Matratze.
Fast augenblicklich überkam sie ein schwerer, unnatürlicher Schlaf.
„Hey … Charlotte!"
Kaltes, eisiges Wasser spritzte ihr heftig ins Gesicht.
Ria schnappte nach Luft, hustete und fuhr auf dem harten Boden hoch. Ihre Umgebung war völlig, erschreckend anders.
Eine gewaltige, uralte Zitadelle ragte hoch auf einer zerklüfteten Klippe in der Nähe auf, aus strahlend weißem Stein gebaut, wie direkt aus einem Fantasyfilm. Hohe, imposante Türme reichten in den grauen Himmel, während silberne Fahnen wild im schneidenden Wind tanzten.
In der Nähe rannten Kinder über einen Steinhof, lachten und jagten Schmetterlinge, gekleidet in elegante, moderne Kleidung, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Ganz in der Nähe trainierten Reihen bewaffneter Männer, das scharfe Klirren von Eisenschwertern hallte durch die Luft.
Rias Atem beschleunigte sich zu Panik. Sie sah an ihrem eigenen Körper hinunter. Sie war genauso gekleidet wie sie. Ein atemberaubendes silbernes Gewand lag eng um ihren Körper, verziert mit schimmernden, kunstvollen Details, die das scharfe Sonnenlicht einfingen.
„Charlotte!"
Die zornige, befehlende Stimme rief erneut.
Ria sah scharf auf. Ein großer, kräftig gebauter Mann stand direkt vor ihr, seine Hand ruhte auf dem Griff eines Schwertes an seiner Seite. Seine kalten, dunklen Augen fixierten ihre mit purer Gereiztheit und Abscheu.
„Weil ich dich letzte Nacht rausgeworfen habe, da du dich nicht richtig gesäubert hast, hast du beschlossen, hier draußen zu schlafen?", bellte er, seine Stimme triefte vor absoluter Verachtung. „Du hast deinen Mann hungrig zurückgelassen, du nutzloses Weib."
Ria lief das Blut völlig kalt durch die Adern.
„M-Mann?"
Bevor sie überhaupt reagieren oder sich losreißen konnte, griff der Mann hinunter, packte sie grob am Arm und riss sie vom kalten Stein hoch.
Ein scharfer Schmerz schoss augenblicklich durch ihr Handgelenk von seinem Griff.
„Bist du taub?", knurrte er und beugte sich in ihr Gesicht. „Oder zerfrisst der Dreck, den du letzte Nacht getrunken hast, endlich dein Gehirn, wertlose Luna?"
Ria starrte in völligem Entsetzen in sein Gesicht. Das war nicht Dan.
„Wie bin ich nur mit jemandem wie dir verheiratet?", fuhr er wütend fort und ließ ihren Arm mit einem harten Stoß los. „Jetzt beweg dich. Der Moon vom Königlichen Rudel trifft heute ein. Geh und beseitige dieses Chaos sofort."
Er stieß sie beiseite und stürmte auf die Zitadelle zu, seine schweren Stiefel klackten auf dem Fels.
Ria taumelte rückwärts, ihr Verstand war völlig desorientiert, die Welt drehte sich um sie. Ein kleines Mädchen stieß beim Vorbeirennen hinter einem Schmetterling beinahe gegen ihre Hüfte.
Ria streckte schnell die Hand aus und hielt die kleinen Schultern des Mädchens sanft fest, um sie aufzuhalten. „Warte … bitte. Wo bin ich?"
Das kleine Mädchen blieb stehen und blinzelte sie mit einem seltsamen, zögernden Blick an. „Schattenrudel", antwortete sie langsam, die Überraschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Rias Herz hämmerte noch heftiger gegen ihre Rippen, ein erstickendes Gewicht drückte auf ihre Lunge. Sie zeigte mit einem zitternden Finger auf den großen Mann, der gerade weggegangen war.
„W-Wer war das?"
Das kleine Mädchen sah nun noch verwirrter aus, neigte den Kopf und starrte auf Rias silbernes Kleid.
„Das ist Alpha Klein", sagte das Mädchen leise. „Dein Mann."
Sie neigte den Kopf noch weiter, ihre Augen waren weit aufgerissen. „Wie kannst du deinen eigenen Gefährten vergessen?"