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Der Hinrichtungsplatz von Duskhaven war eine düstere, eiskalte Steingrube, die erbaut worden war, um die Menschen in Gehorsam zu zwingen. Dicke graue Mauern umschlossen den Raum, und hohe eiserne Balkone blickten auf den kalten Schlamm hinab, in dem die Rudelmitglieder sich versammeln mussten. Nella und Sarah standen auf einem der Balkone, in teure Pelze gehüllt, und beobachteten mit weit aufgerissenen, nervösen Augen, wie sich die morgendliche Panik unter ihnen entfaltete. Wachen schleppten mich in die Mitte des Platzes und zwangen mich auf die Knie vor dem vernarbten Holzblock. Das eiskalte Eichenholz drückte hart gegen meine Wange und roch nach altem Blut und Kiefernharz. Meine Handgelenke waren mit rauem Seil hinter dem Rücken gefesselt, das sich in die Haut schnitt, aber ich blickte weder nach unten noch duckte ich mich. Ich hielt den Kopf hoch und starrte geradeaus auf Zane. Zane stand am Fuß des Schafotts, sein Gesicht bleich und schweißgebadet, die Brust hob und senkte sich, während er versuchte, wie ein Alpha auszusehen, der die Kontrolle hatte. „Irgendwelche letzten Worte, Verräterin?“, schrie Zane vom Schnee aus herauf, seine Stimme zitterte leicht vor Panik, während er versuchte, Nellas verzweifelte Schreie vom Balkon darüber zu übertönen. Ich drehte den Kopf leicht, drückte die Wange gegen das kalte Holz und stieß ein leises, spöttisches Lachen aus, das nur er hören konnte. „Du hast dir dein eigenes Grab geschaufelt, Zane“, flüsterte ich. „Ich sterbe lieber hier, als zuzusehen, wie einer von euch mir noch ein verdammtes Ding wegnimmt.“ Ich spuckte aus. Zanes Gesicht verzerrte sich vor blinder Wut. Er hob die Hand, seine Stimme hallte von den Steinmauern des Hofes wider. „Tut es. Trennt ihr den Kopf ab und klärt die Linie.“ Der Henker – ein massiger Kerl mit einem schweren eisernen Breitschwert, das von Jahrhunderten rudelinterner Disziplin gekerbt und vernarbt war – trat vor, umfasste den schweren Griff mit beiden Händen und hob die massive Klinge hoch in die graue Winterluft. Die Menge versank in erstickender, atemloser Stille. Die Klinge begann ihren Abstieg auf meinen Nacken. Ich schloss die Augen, das Herz hämmerte vor Furcht und Wut. Genau in dem Moment, als die kalte Stahlschneide durch die Luft pfiff und nur Zentimeter über meiner Haut schwebte, erklang eine Stimme jenseits der schweren Eisentore – tief, schwer und erfüllt von einer uralten Autorität, die den gefrorenen Boden unter unseren Stiefeln erzittern ließ. „Niemand rührt meine Luna an.“ Der Henker erstarrte mitten im Schwung, das schwere Schwert stoppte tot in der Luft. Das Geflüster in der Menge erstarb sofort. Nellas hektisches Schelten brach mitten im Wort ab, und Zane riss den Kopf zum Eingang herum, der Kiefer vor plötzlichem Schrecken angespannt. Die schweren Eisentore bebten einmal und schlugen dann weit auf. Er kam herein. Groß, breitschultrig und eine plötzliche Hitzewelle ausstrahlend, die den Frost um seine Stiefel schmolz, bewegte er sich mit der ruhigen, furchteinflößenden Sicherheit eines Raubtiers, das in einen Pferch voller Schafe eintrat. Dunkles Haar streifte den Kragen seines Mantels, umrahmte ein scharfes, gutaussehendes Gesicht und kalte, rücksichtslose Lippen. Doch es waren seine Augen, die die Aufmerksamkeit aller auf sich zogen: ein helles, brennendes Karmesinrot, das vor reiner Macht flackerte. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter, während meine Hand hinter mir zuckte. Sein Beta und ein Berater gingen hinter ihm, aber niemand sah sie an. Er füllte den gesamten Hof ganz allein. „Es ist der Lycan-König…“, flüsterte jemand aus dem hinteren Teil der Menge, zitternd. „Es ist König Japel…“ Japel blickte weder zu den Ältesten, die von oben zusahen, noch zu den Wachen, die sich rückwärts drängten, um den Weg freizumachen. Seine leuchtend roten Augen richteten sich geradewegs auf mich. Unter der Klinge des Henkers brach eine plötzliche, heftige Welle von Emotionen über mich herein. Ein tiefes, stechendes Unglauben kämpfte mit einem wilden, aufsteigenden Funken der Genugtuung. Zwei Jahre lang hatte man mir gesagt, ich sei nichts – ein zerbrochener, nutzloser, rangloser Streuner, den man wegwerfen würde, wenn meine Nützlichkeit endete. Doch als ich zu der turmhohen, furchterregenden Gestalt aufblickte, die über den Hof schritt, erklang ein tiefer, resonanter Akkord in meiner Brust. Zum ersten Mal seit meinem Verrat brach die erdrückende Dunkelheit in meinem Herzen auf und wurde ersetzt durch eine berauschende, pulsierende Wärme, die mir zuflüsterte, dass ich endlich sicher war, endlich gesehen wurde und absolut unaufhaltsam. Ohne den Blickkontakt zu mir abzubrechen, hob Japel eine einzelne behandschuhte Hand zum Schafott und machte eine scharfe, herrische Geste mit dem Handgelenk. „Lasst sie frei. Sofort“, befahl Japel, seine Stimme vibrierte durch den Stein. Bevor der Henker überhaupt reagieren konnte, traf ihn eine unsichtbare Welle erdrückenden Lycan-Drucks, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und schleuderte ihn rückwärts von der Holzplattform. Er fing sich, rannte zu mir und befreite mich. In dem Moment, in dem ich frei war, machte Japel drei lange Schritte durch den Schnee, trat direkt auf das hölzerne Schafott und blieb nur Zentimeter von mir entfernt stehen. Aus der Nähe umhüllte mich sein Duft – Kiefer, Regen und reine Luft – und ließ mich zum ersten Mal seit Jahren geerdet fühlen. Zane zwang sich, neben dem Schafott aufrecht zu stehen und versuchte, vor dem König hart zu wirken. „Lycan-König Japel“, sagte Zane und verneigte sich steif, die Hände zitternd. „Was verdanken wir diesem unerwarteten Besuch?“ „Ich bin hier für meine Luna“, sagte Japel. Seine Stimme war nicht laut, trug aber ein schweres Gewicht, das von den Steinmauern widerhallte. Zane blinzelte und versuchte, seine Panik hinter einer Maske der Verwirrung zu verbergen. „Luna? Da muss ein Irrtum vorliegen, Eure Majestät. Hier ist niemand, der dafür geeignet wäre. Diese Frau…“ Er zeigte mit reiner Abscheu auf mich. „…ist nur eine zerbrochene, wolflose Ausgestoßene, die ich loswerde.“ Einige Rudelmitglieder kicherten nervös hinter ihm. „Schweigt!“, brüllte Japel. Das Wort fiel wie Blei. Das Lachen verstummte sofort, und zwei Älteste zuckten zusammen. Nella lehnte sich zu weit über das Balkongeländer, verzweifelt bemüht, das Gesicht zu wahren. „Eure Majestät, sie kann keine Kinder bekommen! Sie ist nutzlos! Wie könnte eine wolflose Niemandin Euch jemals einen Erben schenken?“ Japel drehte langsam den Kopf zu ihr. Die rohe Hitze seines Zorns flammte so intensiv auf, dass Nella keuchte, rückwärts stolperte und in ihren Sitz fiel, während ihr Wächter sie auffing. „Sagt noch ein Wort“, sagte Japel leise, seine Stimme trug klar über den stillen Platz, „und ich reiße Euch hier und jetzt die Zunge heraus.“ Er wandte sich wieder mir zu. Sein zorniger Ausdruck schmolz dahin und wurde ersetzt durch einen tiefen, ruhigen Fokus, als er in mein Gesicht hinabblickte. „Wie ist dein Name?“, fragte er leise. „Mira“, antwortete ich und hielt seinem brennend roten Blick stand, ohne zu blinzeln. „Mira Daven.“ Ein kleines, scharfes Lächeln berührte seine Lippen. „Ich, Lycan-König Japel von Grimstone, beanspruche dich, Mira Daven, als meine Gefährtin und meine Königin – vor diesem gesamten Rudel.“ Er streckte die Hand aus und berührte sanft die Innenseite meines Handgelenks. In dem Moment, in dem seine Haut die meine berührte, flammte ein helles grau-goldenes Mal über meinem Puls auf, das mit einem warmen, beständigen Licht leuchtete und die grauen Schatten der Hinrichtungsgrube durchdrang. Zane keuchte und trat einen Schritt zurück, als er begriff, was gerade geschehen war. „Das ist unmöglich! Sie hat nicht einmal einen Wolf! Man kann niemanden markieren, der wolflos ist—“ „Sie war nie wolflos“, unterbrach ihn Japel, seine Stimme absolut und gewiss. „Ihr wart nur zu blind und zu schwach, um das zu wecken, was in ihr steckte.“ Klick. Tief in meinen Rippen sprang ein altes Schloss auf. Mein Herz hämmerte gegen die Brust wie eine Trommel. Eine plötzliche Hitzewelle flutete mein Blut und brannte durch jeden Knochen und jedes Gelenk meines Körpers. Es tat weh – ein scharfer, wilder, berauschender Schmerz –, als mein Körper sich verwandelte und in etwas völlig Neues einrastete. Fangzähne schoben sich durch mein Zahnfleisch, und lange Krallen schossen aus meinen Fingerspitzen hervor, die tiefe Rillen in das gefrorene Holz des Schafotts kratzten, während ich auf ein Knie sank und ein tiefes Knurren in meiner Kehle grollte. Alle auf dem Platz starrten in reinem Schock und Entsetzen. Die Frau, die sie zwei Jahre lang nutzlos, zerbrochen und unfruchtbar genannt hatten, blickte auf, ihre Augen leuchteten in einem hellen, furchterregenden Silber. Und aus der Tiefe meiner Brust riss eine Stimme, die endlich meine eigene war, durch den Hof in einem Gebrüll, das die Glaslaternen an den Mauern zersplittern ließ. Ich war immer hier.MiraDie dicken Samtvorhänge blockierten das Licht der großen Halle. Dahinter rollte das Geräusch von Hunderten von Stimmen wie ein fernes Meer. Der Geruch von gebratenem Fleisch, süßem Wein, Bergblumen und brennendem Talg drang durch den Bogen und ließ mein Herz ein wenig zu schnell schlagen.Ich stand still auf dem kalten Stein und holte langsam Luft. Beide Hände glätteten die Vorderseite meines Kleides und versuchten, die Nervosität unter meinen Rippen zu beruhigen.Das Kleid war tiefes Burgundersseide, sauber über die Schultern geschnitten und fiel in schweren Falten bis zum Boden. Dünner Goldfaden zog sich entlang des Mieders und fing das Fackellicht in weichen Glitzern ein. Eine leichte Krone aus goldenen Bergblättern saß auf meinem silbernen Haar. Es fühlte sich immer noch seltsam an – real auf eine Weise, die mich daran erinnerte, dass ich nicht mehr das gebrochene Mädchen war, das in der Dunkelheit des alten Rudelhauses eingesperrt gewesen war.Japel stand neben mir, groß gen
Zane Die Luft im Arbeitszimmer roch nach abgestandenem Eichenlikör und brennendem Wachs, so dicht, dass sie einem Mann den Hals kratzen ließ. Ich blickte nicht einmal von den Grenzlandkarten auf, die über meinen Schreibtisch ausgebreitet lagen, als schwere Schritte den Steinkorridor hinunterhallten. „Ich habe gesagt, dass ich nicht gestört werden will, Max“, knurrte ich, meine Stimme rau vom Schlafmangel. „Alpha“, sagte Beta Max und trat in den Raum, ohne die übliche leise Entschuldigung anzubieten. Er überquerte den Teppich, bis er direkt vor meinem Schreibtisch stand. „Ein königlicher Kurier von der hohen Nordgrenze hat das soeben abgegeben. Es trägt das schwarze Wachssiegel des Grimstone-Palastes.“ Meine Augen rissen sich von den Karten los. Auf dem dunkel polierten Holz lag ein schwerer Pergamentumschlag, mit dickem Silberfaden gebunden und mit dem unverkennbaren, furchterregenden Wappen von König Japel gestempelt. Das schwarze Wachs war noch unversehrt, kalt und glatt im schw
Japel Als ich den unteren Ratssaal verließ, fühlte sich jeder Knochen in meinem Körper schwer an, gefangen in einem subtilen, brennenden Schmerz, den ich meinen Ältesten nicht zeigen wollte. Das Aufsaugen des giftigen Silberstaubs direkt aus Miras Blut während der energetischen Bindungsheilung von gestern hatte meinen physischen Kern schwer getroffen. Rein war noch immer still in mir, seine Ausdauer erschöpft davon, die Blutlinien der Zwillinge im Gleichgewicht zu halten, während meine eigenen Lungen das restliche Gift herausfilterten. Ich hatte mich gezwungen, drei unerbittliche Stunden voller Ratsdebatten aufrecht zu stehen und absolute, unerschütterliche Dominanz auszustrahlen, während meine innere Magie wie kalte Asche brannte. Doch in dem Moment, als ich die Türen zu unserer Schlafkammer aufstieß und sie sah, verschwand die knochentiefe Erschöpfung in Luft. Eine plötzliche, anschwellende Flut roher Kraft schoss durch meine Adern. Sie aus dem Nachthemd steigen zu sehen, vollkom
MiraDie dampfende Wärme der privaten Badewanne hüllte uns ein und erfüllte den Raum mit den beruhigenden Düften von zerstoßenem Lavendel und süßem Zedernholz.Japel führte mich an der Hand zur Mitte des Marmorbodens, wo eine gewaltige, versenkte Wanne bereits mit warmem, sprudelndem Wasser gefüllt war. Mein seidenes Nachthemd flatterte zu Boden und ließ mich vollkommen nackt vor ihm stehen. Die kühle Bergluft strich über meine Haut und ließ Gänsehaut aufsteigen, doch die intensive Hitze in Japels goldenen Augen verbrannte die Kälte im selben Augenblick.Sein schwerer Blick wanderte langsam meinen Körper hinab, verweilte auf der sanften Wölbung meines Bauches, in dem unsere Zwillinge ruhten, und sank dann tiefer. Ein langsames, dunkles Grinsen berührte seine Lippen.„Zu beschäftigt gewesen, um dich zu rasieren, stimmt’s?“, murmelte er mit tiefer, besitzergreifender Stimme.Meine Wangen flammten karmesinrot auf. Bevor ich ein Wort sagen konnte, griff Japel nach einem silbernen Rasierme
MiraDie schweren Eichentüren der Herrensuite schwangen auf, und die Energie im Raum veränderte sich sofort.Maggie, die leise einen weichen Wollschal an der Toilette faltete, richtete sich augenblicklich auf. Sie neigte den Kopf in tiefer Achtung, als Japel die Schlafkammer betrat. Seine massige Gestalt schien den Türrahmen auszufüllen, sein dunkles Haar war leicht zerzaust und seine goldenen Augen trugen die intensive, nachklingende Hitze der langen Ratssitzung, die er soeben geleitet hatte.Ohne ein Wort gab Maggie mir ein subtiler, beruhigendes Nicken, legte die Hände hinter dem Rücken zusammen und entschuldigte sich. Sie glitt aus dem Raum und zog die schweren Türen hinter sich zu, bis sie leise ins Schloss fielen.Japel sah ihr nach, bevor er seine volle Aufmerksamkeit wieder mir zuwandte. Die harte, kalte Linie seines Kiefers entspannte sich im selben Augenblick, als seine Augen in meine blickten. Mit langen, bedächtigen Schritten durchquerte er den Raum; das Leder seiner Stief
MiraAls ich die Augen öffnete, war die harte, erdrückende Dunkelheit, die mich im Rosengarten zu ertrinken drohte, vollkommen verschwunden.Stattdessen umhüllte eine wohltuende Wärme meine Haut wie eine weiche Wolldecke. Mein Kopf lag bequem auf den Samtkissen der Herrensuite, und der rhythmische, goldene Puls von Japels Magie summte friedlich unter meiner Haut. Ich holte tief und vorsichtig durch die Nase Luft. Der krankhaft-süße, metallische Gestank des Giftes war fortgespült, ersetzt durch den erdenden Duft von Kiefernnadeln, Regen und frischen Bettlaken.Ich streckte die Finger gegen die Matratze und stieß einen leisen Seufzer aus. Meine Muskeln fühlten sich seltsam locker und schwer an, erfüllt von diesem tiefen, befriedigenden Schmerz, der immer auf Japels intensives, ursprüngliches Berühren folgte. Er hatte jeden Tropfen seiner Kraft in mich gegossen, um das giftige Allergen aus meinem Blut zu spülen, und unsere körperliche Vereinigung genutzt, um meinen Kern wieder in Einklan







