LOGINMeine Zwillingsschwester Bianca versuchte, sich das Leben zu nehmen, weil ich in der Schule besser war als sie. Offenbar hatte mein Erfolg sie zu sehr getroffen. Also schickten meine Eltern mich vom Anwesen der Familie Bellini fort. „Nur so lange, bis die Hochschulen ihre Entscheidungen bekannt geben“, versprach Mutter. „Danach kannst du wieder nach Hause kommen.“ Hinter ihr half mein Bruder Dante Bianca dabei, ihren neuen gepanzerten Bentley auszusuchen. Mein Freund Luca stand neben ihnen, in der Hand einen Strauß weißer Rosen – Biancas Lieblingsblumen. „Wenn irgendetwas passiert, ruf uns an, Valentina.“ Das tat ich. Einen Monat später stand ein betrunkener Mann vor meiner Tür und hörte nicht auf, gegen die Tür zu hämmern. Ich schloss mich im Badezimmer ein und rief meine Familie immer wieder an. Keiner meiner Anrufe wurde angenommen. Kurz vor Tagesanbruch schrieb Mutter mir schließlich: [Es tut mir leid, Schatz. Wir haben Biancas Geburtstag gefeiert. Wenn sie deinen Namen gesehen hätte, hätte sie sich vielleicht aufgeregt.] Danach bat ich nicht mehr um Hilfe. Der letzte Zulassungsbescheid traf ein, doch meine Eltern ließen mich weiterhin nicht heimkehren. Dann, bei unserer Gala zum achtzehnten Geburtstag, stellten die Bellinis Bianca ganz New York als ihre geliebte und einzige Principessa vor. Mutter schickte mir noch eine Nachricht: [Deine Schwester braucht noch Zeit. Bitte warte.] Diesmal war ich fertig mit dem Warten. Sie wussten nicht, dass ich meine Zusage vom MIT bereits angenommen hatte. Ich ließ die Familie Bellini hinter mir.
View MoreDrei Tage nachdem Luca Cambridge verlassen hatte, brach der Bellini-Skandal aus.NY1 strahlte das Interview auf dem Bellini-Anwesen nie aus.Stattdessen begann jemand aus dem Team zu fragen, warum eine der erfolgreichsten Schülerinnen Amerikas verschwunden war, ohne dass ihre Familie wusste, wohin sie gegangen war.Meine ehemaligen Mitschüler begannen darüber zu sprechen.Dann gab der Manager des Cafés zu, dass Mutter meinen Lohn abgeholt und ihn durch gefälschte Scheine ersetzt hatte.Der Hausverwalter bestätigte, dass ich ein Jahr lang allein in einem Gebäude der Familie Bellini gelebt hatte.Die Schlagzeilen verbreiteten sich in ganz New York.[Der vergessene Bellini-zwilling: Nationales Genie lebte ohne Schutz, während die Familie ihre Schwester feierte.][Sie gewann den Regeneron-Wettbewerb, lehnte Stanford ab und verließ ihre Familie für das MIT]Ich sah den Artikel, während ich mit meiner Mitbewohnerin Pizza aß.Sie senkte langsam ihr Handy.„Valentina … geht es hier um dich?“A
Zwei Wochen später fand Luca mich am MIT.Ich war gerade aus der Bibliothek gekommen, als ich ihn unten an der Treppe stehen sah.Luca sah erschöpft aus. Seine Kleidung war makellos, doch dunkle Ringe lagen unter seinen Augen.In dem Moment, in dem er mich sah, spiegelte sich Erleichterung in seinem Gesicht wider.„Val.“Er kam hastig auf mich zu.„Ich habe überall nach dir gesucht.“Ich blieb stehen, fiel ihm aber nicht in die Arme.Früher hätte mich sein Anblick – ganz gleich, wie wütend ich gewesen wäre – schließlich doch besänftigt.Jetzt fragte ich nur:„Was willst du?“Luca stockte.Dann schlossen sich seine Finger fester um den Gegenstand in seiner Hand.„Ich hatte unrecht“, sagte er leise. „Wir sollten gemeinsam in Stanford sein.“Er hielt mir die Postkarte entgegen, die ich zerrissen hatte.Jemand hatte die beiden Hälften sorgfältig zusammengeklebt, doch der Riss verlief noch immer durch den Hoover Tower – und durch Lucas Versprechen auf der Rückseite.„Ich werde in Stanford a
Regen zog über die Fensterscheiben, als mein Flug auf dem Logan Airport landete.Niemand wartete draußen auf mich, als ich die Gepäckausgabe verließ.Jahrelang hätte mich das verletzt.Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich gewartet – darauf, dass Mutter sich an ihre Versprechen erinnerte, darauf, dass Vater mich mit Stolz ansah, darauf, dass Dante mich wie eine Schwester behandelte, und darauf, dass Luca wieder zu dem Jungen wurde, der mir einst versprochen hatte, in Stanford auf mich zu warten.Jetzt fühlte sich das Alleinsein zum ersten Mal wie Freiheit an.Sobald ich mein Handy einschaltete, war es voller verpasster Anrufe.Ich stellte alle stumm, bestellte einen Fahrdienst und gab dem Fahrer die MIT-Adresse.Das Forschungsprogramm für den Frühsommer hatte für mich bereits eine Unterkunft auf dem Campus organisiert. Als ich dort ankam, erwartete mich eine Koordinatorin für Graduierte in der Lobby und übergab mir meine ID-Karte und den Zimmerschlüssel.„Valentina Bellini?“Ich nick
Zehn Minuten später wurde das Kamerateam in den Empfangssaal der Familie Bellini geführt.Für die Öffentlichkeit war Don Bellini ein mächtiger Geschäftsmann. Doch in seinem eigenen Haus durfte niemand vergessen, was er wirklich war.Die Frau, die das Team leitete, stellte sich als Bildungsreporterin von NY1 vor. Ein Kameramann und ein Produzent folgten ihr, beide den wachsamen Blicken der Wachen sichtlich unwohl.„Wir suchen Valentina Bellini“, sagte die Reporterin. „Ist sie zu sprechen?“Mutters Gesicht versteifte sich.„Warum wollen Sie Valentina sprechen?“Die Reporterin sah sich im Raum um, offenbar überrascht von der Frage.„Sie haben es noch nicht gehört?“Vaters Augen verengten sich.„Was denn?“„Valentina Bellini hat beim Regeneron Science Talent Search den ersten Platz belegt“, sagte die Reporterin.Niemand im Raum bewegte sich.„Außerdem hat sie bei der International Mathematical Olympiad eine Goldmedaille für das Team USA gewonnen. Sie ist die erste amerikanische Schülerin ü











