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Kapitel 18 – Der Rivale

Auteur: Nma Evergruin
last update Date de publication: 2026-11-06 04:25:57

„Alpha Kraus hat die Grenze überschritten“, sagte Tilo. „Mit zwölf Wölfen. Er bittet um Gastfreundschaft.“

„Er ist früh dran“, sagte Jano.

„Er lässt ausrichten, er sei auf der Durchreise.“

„Niemand reist über die Elmsfelder Straße durch.“ Jano sah nicht von seinem Arm auf. Der Schnitt schloss sich schon, das Grau verblasste, eine lange rosa Naht. Er rollte den Ärmel herunter. „Öffnet das Tor. Bringt Nela mit Brandt ins Kinderzimmer.“

„Nela sitzt am Küchentisch und lässt sich von Elske die Haare machen“, sagte Lova. „Da bleibt sie.“

Beide Männer sahen sie an.

Sie stand in der Tür des Arbeitszimmers, das Kinn erhoben. Sie hatte sich das Blut von den Händen gewaschen und eine saubere Bluse angezogen, und sie hatte festgestellt, dass sie Jano ansehen konnte, ohne zu erröten, solange sie die Augen auf seinen Kragen richtete.

„Ich lasse sie nicht verstecken. Nicht vor jedem Fremden, der hereinspaziert. Lieber sieht sie sie.“

„Sie ist vier.“

„Sie ist die Einzige in diesem Haus, die merkt, wenn jemand lügt. Ich stecke sie nicht in einen Schrank.“

Jano zögerte. Dann nickte er langsam.

„Dann bleibst du dicht bei ihr.“

„Das habe ich vor.“

. . .

Dieter Kraus war ein Berg in Lederjacke.

Er war fünfundvierzig und riesig, mit einem dichten rotgoldenen Bart, einer gebrochenen Nase und einer Narbe auf dem Handrücken wie eine Leiter. Seine Augen waren hellbraun, fast gelb, und sein Lächeln war breit und wölfisch und ganz ohne Bosheit. Er schritt an der Spitze von zwölf stummen Wölfen in die große Halle und blieb mitten auf dem Marmor stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, und sah sich mit offener Anerkennung um.

„Ein bisschen protzig“, sagte er. „Gefällt mir.“

„Dieter.“

„Jano.“ Er verneigte sich nicht. Er bot keine Hand an. „Hab gehört, du wurdest angeschossen. Hab gehört, du hast dir eine Tochter besorgt. Hab gehört, du hast eine Menschenfrau vor fünfzehn Ältesten zu deiner Luna erklärt, und Gerhard Voss musste rausgetragen werden.“ Das Lächeln wurde breiter. „Der beste Klatsch seit Jahren. Ich dachte, ich sehe es mir selbst an.“

„Du hast es gesehen.“

„Einen sehr dünnen Mann in sehr schlechter Laune.“ Dieter legte den Kopf schief. „Die Frau hab ich noch nicht gesehen.“

Lova war im Korridor geblieben, im Halbdunkel zwischen zwei Säulen. Jetzt trat sie hervor.

Seine Augen fanden sie sofort und blieben auf ihr, ruhig, ohne eine Spur des begehrlichen Starrens, das sie von Männern seiner Art gewohnt war. Sie wanderten zu ihren Händen und hinauf zu ihrem Gesicht.

„Ah“, sagte Dieter leise. „Da seid Ihr ja.“

„Frau Jorik“, sagte Jano trocken. „Dieter Kraus. Alpha des Nordwolf-Rudels. Er hat die Angewohnheit, unangemeldet aufzutauchen.“

„Und Ihr seid die erklärte Luna.“ Dieter verneigte sich. Es war nicht spöttisch. Es war tief und schlicht und überraschend anmutig. „Mein Respekt, Frau Jorik. Und mein Mitgefühl. Ich nehme an, es war eine schwere Woche.“

„Man könnte es so sagen.“

„Imkerin, nicht? Jorik Honig. Hab ich gegessen. Einmal habe ich auf einem Markt in Lübeck zwölf Gläser für meine Mutter gekauft. Linde. Der beste, den ich je hatte.“ Seine Augen krausten sich. „Sie hat geweint.“

Trotz allem musste Lova beinahe lächeln.

„Das sage ich ihr.“

„Mm.“ Er sah Jano an. „Du hast nicht erwähnt, dass sie lustig ist.“

„Ich habe gar nichts erwähnt.“

„Offensichtlich.“ Dieter wandte sich Lova wieder zu, mit einem nachdenklichen, leicht verwirrten Blick, als versuche er, einen Geruch einzuordnen. „Und wo ist die Kleine? Die, die die Mutter des Tempels mit Beulen nach Hause geschickt hat?“

Ein Murmeln ging durch die Halle.

„Das ging schnell“, sagte Jano kalt.

„Nachrichten reisen. Und ich habe Alwine Kessler noch nie in meinem Leben irgendwo in Eile abziehen sehen. Dafür hätte ich bezahlt.“ Das Lächeln verblasste. „Ich bin gekommen, um das Kind zu sehen, Jano. Das ist die Wahrheit.“

„Nein.“

„Sie ist hier“, sagte Lova.

Sie hatte die kleinen Füße vor allen anderen gehört. Nela kam schlitternd um die Ecke aus dem Küchengang, mit einem fertigen Zopf und einem, der sich gerade löste, einen Löffel in der Faust. Sie blieb beim Anblick der Wölfe wie angewurzelt stehen. Ihre Augen weiteten sich.

„Hallo. Bist du ein Riese?“

Ein Schnauben von Gelächter ging durch die Nordwölfe. Dieter legte die Hand über das Gesicht.

„So ungefähr“, sagte er. „Sieht man das?“

„Du bist sehr groß.“

„Das wurde mir schon gesagt.“

„Hast du einen Hund?“

„Elf.“ Er ging mit einem Knarren in die Hocke, ein riesiger Bär von einem Mann auf dem kalten Marmor, und sah sie ernst an. „Möchtest du sie kennenlernen?“

Nela überlegte. Sie sah Lova an, dann Jano. Dann ging sie auf Dieter zu und legte ihre Handfläche flach auf seine breite Brust.

Die Bienen kamen vom Kronleuchter herunter.

Lova rührte sich nicht. Dieter rührte sich nicht. Zwei Dutzend Bienen ließen sich in einer langsamen, sanften Wolke auf seinen Schultern und seinem Bart nieder, leise wie Schnee. Eine lief über den Rücken seiner vernarbten Hand.

Er sah darauf hinunter. Seine Augen waren plötzlich feucht.

„Ich will verdammt sein“, sagte er ganz leise. „Das hätte ich nie zu sehen geglaubt.“

„Ist schon gut“, sagte Nela. „Die mögen dich. Du riechst nach Blättern. Und nach Holzrauch. Und nach Speck.“

„Ich hatte tatsächlich Speck.“

„Hab ich mir gedacht.“

Janos Hand sank auf Nelas Schulter und blieb dort, leicht, beschützend. „Das reicht.“

Dieter erhob sich und strich die Bienen ab, die es nicht zu stören schien. Er wandte sich Lova zu, und sein Gesicht hatte sich verändert. Alles Neckende war daraus verschwunden.

„Frau Jorik. Ein Wort.“

„Sagt es hier.“

„Das möchte ich lieber nicht.“

„Dieter“, sagte Jano. Unter dem Namen lag ein tiefes Grollen.

„Nein, Alpha. Ich bin mit einem ehrlichen Angebot gekommen, und ich mache es offen.“ Er richtete sich auf. „Das Nordwolf-Rudel hat Land im Norden. Es hat Mauern und Ärzte. Es hat keinen Streit mit Eurer Familie, was dieses Haus im Überfluss hat. Wenn Frau Jorik ein Dach will, das kein Richter erreicht, gehört es ihr. Und dem Kind. Solange sie wollen. Keine Bedingungen, kein Anspruch, kein Preis.“

Der Raum schwieg.

„Ich meine es ernst“, sagte Dieter. „Bis auf diesen Mann. Ich biete es an, weil ich finde, Ihr solltet noch eine andere Tür haben, durch die Ihr hinausgehen könnt.“

Jano rührte sich nicht. Aber etwas rührte sich in ihm. Lova spürte es, ein plötzliches heißes Beben in ihrer Brust. Seine Augen blitzten bernsteinfarben, und der Boden schien zu kippen. Die Wölfe hinter Dieter knurrten tief in der Kehle.

„Das reicht“, sagte Lova.

Alle sahen sie an. Sie holte Luft und fand ihre Stimme fest.

„Danke, Herr Kraus. Ich bin dankbar. Ich überlege es mir.“ Sie drehte den Kopf. „Und du hörst damit auf, Jano. Sofort. Ich bin kein Knochen.“

Das Bernstein verschwand aus seinen Augen. Er schluckte. „Ich entschuldige mich.“

„Entschuldige dich nicht bei mir. Entschuldige dich bei ihm.“

Janos Mund wurde schmal. Er sah Dieter mit einem Ausdruck an, der ihn sehr viel kostete.

„Mein Wolf mag es nicht, wenn man sein Revier verschenkt. Er vergisst seine Manieren. Es tut mir leid.“

„Kein Schaden.“ Dieters Augen waren freundlich. „Es ist das Nützlichste, was ich heute Morgen gelernt habe.“

„Was heißt das?“

„Nichts.“ Er sah wieder Lova an. Dann tat er etwas Seltsames. Er trat einen Schritt näher und atmete lang und langsam durch die Nase ein, und eine merkwürdig verblüffte Stille legte sich über sein großes Gesicht.

„Frau Jorik“, sagte er leise. „Darf ich Euch etwas fragen? Nur unter uns?“

„Fragt.“

„Ihr tragt seinen Geruch.“

Sie starrte ihn an.

„Was?“

„Er ist in Eurem ganzen Blut.“ Er sagte es sanft, fast traurig. „Keine Spur. Kein Hauch von Nähe. Ein voller Bindungsgeruch. Den, den ein Wolf nur einmal im Leben bekommt, und nur von einem einzigen Menschen. Ich habe ihn gerochen, sobald ich hereinkam.“ Er sah zu Jano und zurück. „Ich dachte, Ihr müsstet es wissen. Er hat es Euch doch sicher gesagt.“

Die Halle wurde totenstill.

Lovas Herz blieb nicht stehen. Es schlug weiter, in ihren Ohren, in ihren Handgelenken, in dem großen, langsamen Doppelrhythmus, der seit drei Tagen in ihrer Brust lebte.

„Mir was gesagt?“

Dieters braune Augen weiteten sich. Er sah Jano an. Und Jano, die Hand auf Nelas Schulter und das Gesicht so bleich wie Papier, sagte nichts.

„Ah“, sagte Dieter ganz leise. „Verdammt.“

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