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Kapitel 5

Author: Crystal
last update publish date: 2026-09-02 00:17:49

Cassian stand seit mehreren Minuten auf dem Balkon. Er hatte gesehen, wie Elena die Galerie betrat, gesehen, wie sie Alessia schlug, zusah, wie sie das Mädchen an den Haaren herumzog und sie trat, als sie bereits auf dem Boden lag.

Er hatte sich nicht bewegt, hatte niemanden angerufen. Er hatte nicht einmal seinen Gesichtsausdruck geändert. Eine Zigarette ruhte zwischen seinen Fingern, der Rauch trieb träge um seine Hand, bevor er in der hohen Decke verschwand.

Cassian schaute nach unten und Alessia putzte den Marmor. Sie hielt einen Arm nah an ihre Rippen, wann immer sie sich bewegte, ihre Wange blutete. Sie wischte es einmal ab und arbeitete dann weiter. Cassian nahm einen weiteren Zug. Er hatte Schlimmeres gesehen, viel Schlimmeres. Er hatte seit seiner Kindheit mit Gewalt zu taten.

Er hatte beobachtet, wie Männer um ihr Leben bettelten, er hatte Menschen selbst in den Boden gesetzt. Schmerz war nie etwas gewesen, das er respektierte, es war einfach etwas, das passierte. Der Anblick unten hätte also keine Rolle spielen dürfen. Und das tat es nicht.

Nicht so, wie es für jemand anderen wichtig sein könnte. Er war nicht wütend in Alessias Namen, er hatte kein Mitleid mit ihr, wollte nicht nach unten eilen und Elena bestrafen, weil sie ihre Hände auf eine Frau gelegt hatte.

So funktionierte Cassian nicht. Aber er ertapfte sich dabei, wie er zusah, und das ärgerte ihn. Seine Augen folgten Alessia, als sie sich von einem Marmorabschnitt zum nächsten bewegte, sie versuchte, nicht zu weinen, und Cassian bemerkte es. Ihre Schultern zogen sich zusammen, wenn sie dachte, sie sei allein, sie hielt für eine Sekunde inne, atmete durch den Schmerz und fuhr dann fort.

Interessant. Er nahm einen weiteren Zug. Sie hatte Angst vor ihm von dem Moment an, als sie ihn sah. Die meisten Menschen waren es. Der Unterschied war, dass Alessia es nicht gut verheimlichte, ihre Angst war überall auf ihr geschrieben und sie hatte keine Erfahrung mit Vortäuschen.

Kein poliertes Lächeln. Keine klugen Worte. Keine Ahnung, wie man Menschen manipuliert. Cassian hatte jahrelang von Menschen umgeben, die genau wussten, welches Gesicht sie vor sich tragen mussten. Alessia hat es nicht getan. Sie war schmerzhaft transparent. Er sah zu, wie sie ihre Wange berührte, ihre Finger wurden rot.

Sie starrte einen Moment lang auf das Blut, dann wischte sie es an ihrem Rock ab. Cassians Augen verengten sich. Elena war schon immer bösartig gewesen, und das war keine Neuigkeit, was ihn interessierte, war Alessias Antwort. Sie hatte nicht gekämpft. Hatte nicht geschrien, sie hatte es einfach ertragen. Cassian lehnte sich weiter gegen das Geländer. Er fragte sich, wie lange das dauern würde, weil jeder einen Bruchpunkt hatte.

Er hatte Männer zweimal gesehen, wie Alessias Größe ihre erreichte. Manchmal nahm es Schmerzen. Manchmal Angst. Manchmal verlieren sie die eine Sache, von der sie dachten, sie könnten nicht ohne sie leben. Cassian wusste genau, wie er diese Punkte finden konnte. Sein Blick richtete sich wieder auf Alessia. Sie stand jetzt da und versuchte, die Spitze eines anderen Rahmens zu erreichen.

Sie zuckte vor Schmerz zusammen, Cassians Mund zog sich leicht zusammen. Keine Sorge. Reizung. Sie sollte putzen. Stattdessen lenkte sie ihn ab, und er hasste Ablenkungen. Cassian strich Asche aus dem Ende seiner Zigarette, sie fiel über das Geländer und verschwand darunter.

Alessia hat es nicht bemerkt. Gut. Er wollte nicht, dass sie aufschaut, noch nicht. Er beobachtete sie noch einen Moment, bevor er sich abwandte, seine Schuhe machten fast keinen Ton auf dem Boden, als er auf den Westflügel zuging.

Er erreichte die Tür, blieb aber stehen und schaute zurück. Alessia putzte immer noch. Immer noch ahnungslos. Cassian starrte sie an, da war etwas an ihr, das nicht in dieses Haus passte. Sie war zu weich dafür. Zu unerfahren, zu leicht zu erschrecken. Menschen wie diese überlebten normalerweise nicht lange in der Nähe von Männern wie Antonio.

Und doch hatte Alessia Elena bisher überlebt. Cassians Finger umklammerten die Zigarette. Er wusste nicht, was er von ihr wollte, und das störte ihn, er wusste, was er von den meisten Menschen wollte. Geld. Informationen. Loyalität. Angst. Manchmal Tod.

Mit Alessia gab es nichts so Einfaches. Er schaute wieder auf das Blut auf ihrer Wange, dann wandte er sich ab. Was auch immer das war, er würde es herausfinden. Irgendwann. Im Moment hatte er nicht die Absicht, sie zu retten.

Wenn Elena sie verletzen wollte, war das Elenas Sache. Wenn Alessia überleben wollte, müsste sie lernen. Cassian verschwand im Westflügel und schloss die Tür hinter sich. Unten putzte Alessia weiter, sie wusste nie, dass er dort gewesen war. Und Cassian zog es so vor.

Die Uhr im zentralen Turm schlug zwei. Das Geräusch breitete sich durch die Gänge aus und verblasste, so dass das Anwesen wieder still wurde. Alessia war noch wach, sie hatte stundenlang im schmalen Bett gelegen und an die Decke gestarrt. Ihre Wange schmerzte dort, wo Elenas Ring sie geschnitten hatte, und der Schmerz in ihren Rippen hatte nicht nachgelassen. Jedes Mal, wenn sie tiefer atmete, spürte sie es.

Draußen rammte der Wind das kleine Fenster. Sie zog die Decke näher und schloss ihre Augen. Schlaf würde nicht kommen. Dann hörte sie den Riegel, ihre Augen öffneten sich, als das Bügeleisen klickte, und Alessia drückte sich so schnell auf, dass ihre Rippen schmerzten. Sie schnappte sich die Decke und zog sie um ihren Hals.

Die Tür öffnete sich und Cassian kam herein. Er ließ es offen hinter sich. Für einen Moment konnte Alessia nur starren. Er sah aus, als wäre er gerade von irgendwo anders im Haus gekommen. Er trug ein schwarzes Hemd mit offenem Kragen, das die Tätowierungen enthüllte, die ihm in den Hals liefen. Sein Ledertabakbeutel war in einer Hand und er ging auf ihr Bett zu, während er eine Zigarette rollte.

„C-Cassian...“

Er hörte nicht auf, ging einfach weiter.

„Was... was machst du hier? Bitte... meine Mutter—“

„Deine Mutter schläft“, unterbrchte er sie.

Alessia schluckte. Cassian beendete die Zigarette, fuhr mit der Zunge über das Papier und griff nach seinem silbernen Feuerzeug. Er öffnete es mit einem lauten Knall, die Flamme erschien zwischen seinen Fingern, und einen Moment später begann Rauch den Raum zu füllen.

„Du... warum bist du hier?“ Sie jammerte.

Er nahm den Holzstuhl von neben ihrem Schreibtisch und stellte ihn neben das Bett, dann setzte er sich und kreuzte ein Bein über das andere. Alessia sah zu, wie er einen Zug ließ und den Rauch langsam herausließ. „Das ist mein Haus, Dolcezza.“

Alessia bewegte sich weiter gegen das Kopfteil. “Bitte... lass mich in Ruhe.”

Cassian schaute auf ihre Wange, seine Augen blieben auf dem blauen Fleck stehen. „Du bist in meinem Raum. Und ich gehe, wohin ich will.“

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