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Kapitel 4

Author: Crystal
last update publish date: 2026-09-02 00:16:23

Der Morgen kam, aber nichts daran fühlte sich besser an. Alessia hatte kaum geschlafen.

Jedes Mal, wenn sie ihre Augen schloss, befand sie sich wieder in diesem engen Korridor, zwischen der Steinmauer und Cassians hoch aufragendem Körper. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie ruhig er dort gestanden hatte, während sie zitterte, er hatte sie nicht berühren müssen, und das war es, was sie am meisten erschreckte.

Beim Frühstück hatte der gesamte Haushalt bereits ihre Arbeit. Elena hatte sie mit einem Lappen, einem Federstaubwedel und einer Liste von Dingen, die gereinigt werden mussten, in die Ostgalerie geschickt.

Alessia hatte fast eine Stunde lang die riesigen goldenen Rahmen abgestaubt, die die Wände säumen, als sie das Porträt erreichte, das dem Eingang zum Westflügel am nächsten war. Sie hörte auf. Der Westflügel. Cassians Teil des Hauses. Sie wusste es, weil es jeder wusste.

Bedienstete sollten nicht ohne Erlaubnis eintreten. Selbst die Wachen gingen selten über die schweren Türen hinaus, die es vom Rest des Anwesens trennten. Alessia schaute schnell weg. Sie streckte sich auf die Zehen und fuhr mit dem Tuch über den oberen Rand des Rahmens.

Ihre Hände zitterten immer noch, und sie hasste es, dass sie es waren. Sie hasste es, dass Cassian es nach nur zwei Begegnungen geschafft hatte, in ihren Kopf zu kommen. Ein schwaches Geräusch kam hinter ihr und Alessia senkte das Tuch.

„Alessia.“

Ihr Magen sank. Sie drehte sich um, Elena ging auf sie zu. In ihrem Gesichtsausdruck lag etwas Unangenehmes.

Alessia senkte sofort ihre Augen. „Mutter.“

“Was machst du hier?” Fragte Elena und sah sie misstrauisch an.

“Aufräumen”, sagte sie.

„Belügen Sie mich nicht“, spottete Elena.

Alessia schaute auf den Rahmen. “Ich wurde gesagt, ich solle die Porträts abstauben.”

Elena warf einen Blick darauf, dann auf die Türen hinter Alessia, ihr Gesichtsausdruck verdunkelte sich sofort. “Wie lange stehst du schon hier?”

„Ich weiß es nicht“, flüsterte Alessia.

Elenas Augen verengten sich. “In der Nähe seines Flügels?”

Alessia verstand sofort. „Nein.“

Die Antwort kam zu schnell, was Elenas Gesicht vor Wut verhärten ließ. Bevor Alessia es erklären konnte, schlug Elena sie hart, der Riss hallte durch die Galerie. Alessia taumelte zur Seite. Ihre Schulter schlug gegen die Marmorwand, und für eine Sekunde konnte sie nichts außer dem Klingeln in ihrem Ohr hören.

Ihre Wange brannte vor Schmerzen. „Mutter...“

Elena packte ihre Haare, bevor sie überhaupt fertig werden konnte, schrie Alessia, als ihr Kopf nach hinten gezausst wurde.

“Glaubst du, ich bin blind?” Elena zishte.

„Nein“, jammerte sie.

“Dann steh nicht da und mach mich zum Narren!” Elena schrie.

„Ich habe nichts getan...“ Alessia versuchte zu erklären.

Elena zog härter. “Du versuchst, seine Aufmerksamkeit zu erregen.”

Alessias Augen weiteten sich vor Schock. “Was? Nein!”

Ein weiterer Schlag schickte ihren Kopf zur Seite, ihre Augen drehten sich vom Aufprall. Der Schmerz breitete sich über ihre Wange aus, als Elenas Diamantring ihre Haut geschnitten hatte. Alessia hob instinktiv eine Hand und spürte etwas Nasses unter ihren Fingern. Blut.

„Du suchst immer nach einer Möglichkeit, Ärger zu machen“, sagte Elena.

“Ich habe nicht nach Cassian gesucht!” Schrie Alessia.

Das machte Elena noch wütender. Sie schob Alessia weg, sie stolperte und fiel fast hin.

„Sagen Sie seinen Namen nicht so, als ob Sie ihn kennen“, zischte Elena.

„Das bin ich nicht“, sagte Alessia.

„Dann halte dich von ihm fern“, warnte Elena.

Alessia nickte schnell. “Ja.. ICH bleibe weg.”

Elena trat näher. “Weißt du, was mit Mädchen passiert, die in dieser Familie ehrgeizig werden?”

Alessia antwortete nicht. Sie konnte nicht. Der Schmerz, der sich durch ihren Körper ausbreitete, machte es schwierig, darauf zu reagieren.

“Sie werden daran gewöhnt”, die Worte waren jetzt still. Fast gesprächiert. Das erschreckte Alessia mehr als das Geschrei.

Elena sah sie mit offenem Ekel an. “Sieh dich an. Man kann nicht einmal richtig stehen, ohne verängstigt auszusehen. Und du denkst, Cassian würde dich wollen?“

Alessia senkte ihren Kopf. “Das habe ich nie gesagt.”

„Das musst du nicht“, packte Elena ihr Kinn und zwang ihr Gesicht nach oben. „Deine Schwester versteht, wie diese Familie funktioniert. Bianca weiß, wie man sich mit mächtigen Männern verhält. Sie weiß, was sie will.“

Alessias Kehle zog sich zusammen. “Bianca ist nicht wie ich.”

“Nein. Das ist sie nicht“, ließ Elena sie los. “Deshalb hat sie eine Zukunft.”

Elenas Augen verhärteten sich. “Und du hast nichts.”

Die Worte landeten härter als die Ohrfeige, Alessia schaute nach unten und Elena stieß sie. Sie fiel auf Hände und Knie, der Schmerz schoss durch ihre Handflächen.

„Steh auf“, schnappte Elena.

Alessia kämpfte aufrecht, aber Elenas Schuh traf ihre Seite. Luft verließ Alessias Lungen in einem gebrochenen Keuchen. Sie beugte sich vor, einen Arm umschlang sofort ihre Rippen.

Elena sah sie angewidert an. „Verstehst du mich jetzt?“

Alessia konnte nicht antworten, als Elena sie mit der Spitze ihres Schuhs anstupste. “Ich habe dir eine Frage gestellt.”

„Ja“, flüsterte Alessia.

„Sag es richtig“, schnappte Elena.

Alessia schluckte gegen den Schmerz. “Ich verstehe.”

„Du bleibst weg vom Westflügel“, sagte Elena.

„Ja“, flüsterte Alessia.

„Du wanderst nicht herum, wenn Cassian in der Nähe ist.“

“Ja.”

“Du suchst nicht nach ihm.”

Alessias Augen stachen vor heißen Tränen. “Das werde ich nicht.”

Elena starrte sie noch einen Moment an, dann beugte sie sich leicht vor. “Wenn ich herausfinde, dass du versuchst, seine Aufmerksamkeit zu erregen, werde ich dich in den Keller stecken lassen.”

Alessia ging still. Elena wusste genau, was sie erschreckte.

“Die Kälte wird dich nicht so schnell töten”, sagte sie. “Du wirst viel Zeit haben, um jede dumme Idee zu bereuen, die dich dorthin gebracht hat.”

Alessias Lippen zitterten. „Bitte, Madre.“

Elena richtete ihr Kleid auf und glättete sie. “Reinige den Boden.”

Sie ging weg und Alessia blieb, wo sie war. Ihre Wange pochte. Ihre Rippen schmerzten jedes Mal, wenn sie atmete, sie starrte auf den polierten Marmor unter ihr. Ein kleiner Blutstropfen war neben ihrer Hand gelandet. Dann noch ein. Sie wischte es mit der Ecke ihres Ärmels weg, als sie hörte, wie Elenas Absätze den Flur hinunter verschwanden.

Erst dann erlaubte sich Alessia, richtig zu atmen. Sie drückte sich aufrecht, ihre Knie zitterten, als sie nach dem Tuch griff. Ihre Finger hörten nicht auf zu zittern, also ballte sie sie zu Fäusten, bis sie weh taten. Sie hatte vor langer Zeit etwas gelernt. Weinen hat Elena nie freundlicher gemacht, es gab ihr nur einen weiteren Grund, weiterzumachen.

Also schluckte Alessia die Tränen und begann zu putzen. Sie bemerkte die Figur über ihr nicht.

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