Teilen

Das Genie

last update Veröffentlichungsdatum: 25.10.2026 15:44:07

POV: Emma, Ich-Perspektive.

Panik war das Erste, was ich spürte, als ich wieder aufwachte. Es war ein heftiges, erstickendes Gefühl, das sich meinen Hals hinaufkrallte.

Meine Hände flogen sofort zu meinem Bauch und drückten fest gegen die weiche Seide der Decke. Ich hielt den Atem an und wartete auf einen Krampf, wartete auf den stechenden Schmerz, der mir sagen würde, dass ich das Einzige verloren hatte, was mir wichtig war.

Nichts. Nur ein dumpfer, schwerer Schmerz im unteren Rücken und das brennende Stechen der Striemen auf meinen Schultern.

Ich stieß einen rauen Atemzug aus, Tränen traten mir in die Augen. Dem Baby geht es gut. Uns geht es gut.

Die Erinnerung an die letzte Nacht kehrte in Fragmenten zurück. Der Gürtel. Dominics kalte Augen. Der Regen. Die quietschenden Reifen. Der Mann.

Ich setzte mich zu schnell auf, mein Kopf drehte sich.

„Ganz ruhig“, sagte eine tiefe Stimme von der Tür.

Ich zuckte zusammen und drückte die Decke an meine Brust. Lorenzo Asher stand dort und hielt ein Tablett. Er trug sein Sakko nicht mehr, nur ein frisches weißes Hemd mit bis zu den Ellbogen hochgekrempelten Ärmeln, das starke, gebräunte Unterarme entblößte. Er wirkte in dieser luxuriösen Umgebung völlig fehl am Platz, und doch beherrschte er den Raum mit einer ruhigen, mühelosen Autorität.

Er kam langsam herein, als nähere er sich einem verletzten Tier. Er stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab – eine Porzellantasse mit dampfendem Tee, ein Glas Wasser und ein kleines Erste-Hilfe-Set.

„Du hast Fieber“, sagte er leise, seine dunklen Augen musterten mein Gesicht. „Du hast heftig gezittert, als ich dich hereingebracht habe. Ich habe meine Haushälterin gebeten, dir etwas Trockenes anzuziehen. Ich hoffe, das war in Ordnung.“

Ich sah an mir hinunter. Ich trug ein riesiges, weiches Baumwollhemd, das genau wie er roch. Meine Wangen brannten vor einer Mischung aus Verlegenheit und Angst.

„Ich muss gehen“, flüsterte ich, meine Stimme brach. Ich warf die Decke zurück und schwang meine Beine über die Bettkante. „Danke, dass... dass du mir geholfen hast. Aber ich kann nicht hier bleiben. Ich habe kein Geld, um dich zu bezahlen, aber ich werde einen Weg finden, die Kleidung zurückzugeben–“

„Hör auf“, sagte er, seine Stimme fest, aber nicht unfreundlich. Er trat vor mich und versperrte mir den Weg. „Du gehst nirgendwohin. Du hast Fieber, du bist dehydriert, und dein Rücken...“ Er hielt inne, sein Kiefer spannte sich fest an. „Du musst dich ausruhen. Ich werde dir nichts tun.“

Ich sah zu ihm auf, mein Atem stockte. „Du kennst mich nicht.“

„Ich weiß, dass du vor jemandem wegläufst, der dir wehgetan hat“, sagte er und sein Blick fiel auf die blauen Flecken an meinem Arm. „Und ich weiß, dass wer auch immer er ist, es nicht verdient, dich zu finden. Bleib einfach ein paar Stunden. Trink den Tee. Lass das Fieber sinken.“

Ich zögerte. Der Gedanke, wieder hinaus in die Kälte, ins Ungewisse zu gehen, war beängstigend. Aber der Gedanke, hier zu bleiben, bei einem mächtigen Fremden, war ebenso erschreckend.

Ich schluckte schwer und nickte.

Er lächelte nicht, aber seine Schultern entspannten sich leicht. Er führte mich hinaus in das riesige Wohnzimmer. Ich setzte mich auf den Rand eines weichen weißen Ledersofas und zog das große Hemd fester um meine Knie. Er reichte mir die Tasse Tee, und ich nippte daran, während sich die Wärme in meiner Brust ausbreitete.

Er setzte sich an das andere Ende des Sofas und zog einen eleganten silbernen Laptop auf seinen Schoß. Er öffnete ihn, rieb sich die Schläfen und sein Fokus verlagerte sich sofort auf das, was auf dem Bildschirm zu sehen war.

Ich versuchte, nicht hinzusehen. Ich versuchte, mich nur auf das Atmen zu konzentrieren, darauf, den Tee bei mir zu behalten. Aber meine Augen wanderten zum Bildschirm.

Ich konnte nichts dagegen tun. Es war ein Reflex. Ich hatte Jahre damit verbracht, auf Bildschirme zu starren, unterrichtet von meinem Vater vor seinem Tod, und Algorithmen in meinem Kopf entworfen, während ich gezwungen war, die ruhige, gehorsame Ehefrau zu spielen.

Ich sah die Codezeilen. Es war ein komplexes Sicherheitsprotokoll, wahrscheinlich für einen Millionen-Dollar-Server. Aber da war ein Fehler. Ein massiver, offensichtlicher Logikfehler in der dritten Subroutine, der das gesamte System anfällig für einen Angriff machen würde.

Ich biss mir auf die Lippe und sah weg. Es war nicht meine Sache. Ich war ein Gast. Ein Wohltätigkeitsfall.

Aber die Stille zog sich hin, und ich konnte hören, wie er vor sich hin murmelte, eindeutig frustriert.

Ich sah wieder auf den Bildschirm. Der Fehler war so offensichtlich für mich. Er schrie mich förmlich an.

Ohne nachzudenken, stellte ich die Teetasse ab. Ich lehnte mich vor, meine Finger bewegten sich, bevor mein Gehirn ihnen sagen konnte, sie sollten aufhören.

„Was machst du da?“, fragte Lorenzo, seine Stimme war von Verwirrung geprägt.

Ich antwortete nicht. Meine Finger flogen über die Tastatur. Ich löschte einen Codeblock, schrieb den Verschlüsselungsschlüssel neu und fügte eine neue Schleife ein. Es dauerte genau fünfundvierzig Sekunden.

Ich zog meine Hände zurück, plötzlich verängstigt. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. „Es tut mir leid“, platzte es aus mir heraus, während ich mich zurück auf das Sofa drückte. „Ich hätte es nicht anfassen dürfen. Ich wollte nur– es war ein einfacher Logikfehler. Deinem Team ist eine Datenvalidierungsprüfung entgangen. Aber ich hätte nicht–“

Ich hörte auf zu sprechen, weil Lorenzo mich anstarrte.

Sein Mund stand leicht offen, seine Augen weit aufgerissen vor Ungläubigkeit. Er sah vom Bildschirm zu meinem Gesicht und wieder zurück zum Bildschirm. Er lehnte sich vor und seine Finger scrollten durch den Code, den ich gerade geschrieben hatte.

„Du...“, hauchte er, seine Stimme war kaum ein Flüstern. „Du hast einen Fehler behoben, an dem meine besten Ingenieure seit drei Tagen feststecken. Du hast ein Millionen-Dollar-Sicherheitsprotokoll in weniger als einer Minute neu geschrieben.“

Ich sah auf meine Hände hinunter. „Es war nur ein Fehler. Es war nicht so schwer.“

Lorenzo stieß ein kurzes, ungläubiges Lachen aus. Er klappte den Laptop zu, seine volle Aufmerksamkeit galt jetzt ganz mir. Die Atmosphäre im Raum veränderte sich. Ich war nicht länger nur ein Opfer, das er aus dem Regen gerettet hatte. Ich war etwas völlig anderes.

„Du bist ein Genie“, sagte er, seine Stimme voller stiller Ehrfurcht, die mir den Magen umdrehte.

Ich starrte auf den Bildschirm, mein Herz raste, meine Finger zitterten noch über den Tasten, und ich war völlig schockiert, als die Tür zum Penthouse plötzlich aufgestoßen wurde.

Ein Mann in einem scharfen grauen Anzug stürmte herein, wütend aussehend. „Lorenzo! Wir haben ein massives Problem mit dem Server-Angriff. Der Kunde droht, abzuspringen. Ich habe dir gesagt, wir müssen–“

Der Mann erstarrte. Er sah mich an, wie ich im riesigen Hemd auf dem Sofa saß, und dann Lorenzo.

Lorenzo sah ihn nicht einmal an. Er sah immer noch mich an.

„Eigentlich, Marcus“, sagte Lorenzo, während sich ein langsames, gefährliches Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete, „ist das Problem bereits gelöst.“

Lies dieses Buch weiterhin kostenlos
Code scannen, um die App herunterzuladen

Aktuellstes Kapitel

  • Die geheime Erbin des Milliardärs   Das Angebot

    POV: Lorenzo, Ich-Perspektive.Marcus stand wie erstarrt in der Tür, sein Mund öffnete und schloss sich wie bei einem Fisch, der nach Luft schnappt. Er sah Emma an, dann wieder mich, seine Augen weit aufgerissen vor Ungläubigkeit.„Lorenzo, was zur Hölle ist hier los? Wer ist sie?“, forderte Marcus und trat weiter in den Raum.„Marcus, warte in der Lobby“, sagte ich mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.„Aber der Kunde–“„Ich sagte, warte in der Lobby.“Marcus zuckte bei meinem Ton zusammen, warf einen letzten verwirrten Blick auf die Frau, die auf meinem Sofa saß, und zog sich aus dem Raum zurück, wobei er die Tür hinter sich schloss.Die Stille, die folgte, war schwer. Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Emma. Sie hatte sich in die Ecke des Sofas gekauert, die Knie an die Brust gezogen, und sah mich an wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Sie hatte Todesangst. Nicht nur vor Marcus, sondern vor mir. Sie wartete darauf, dass der nächste Schlag kam, wartete darauf, da

  • Die geheime Erbin des Milliardärs   Das Genie

    POV: Emma, Ich-Perspektive.Panik war das Erste, was ich spürte, als ich wieder aufwachte. Es war ein heftiges, erstickendes Gefühl, das sich meinen Hals hinaufkrallte.Meine Hände flogen sofort zu meinem Bauch und drückten fest gegen die weiche Seide der Decke. Ich hielt den Atem an und wartete auf einen Krampf, wartete auf den stechenden Schmerz, der mir sagen würde, dass ich das Einzige verloren hatte, was mir wichtig war.Nichts. Nur ein dumpfer, schwerer Schmerz im unteren Rücken und das brennende Stechen der Striemen auf meinen Schultern.Ich stieß einen rauen Atemzug aus, Tränen traten mir in die Augen. Dem Baby geht es gut. Uns geht es gut.Die Erinnerung an die letzte Nacht kehrte in Fragmenten zurück. Der Gürtel. Dominics kalte Augen. Der Regen. Die quietschenden Reifen. Der Mann.Ich setzte mich zu schnell auf, mein Kopf drehte sich.„Ganz ruhig“, sagte eine tiefe Stimme von der Tür.Ich zuckte zusammen und drückte die Decke an meine Brust. Lorenzo Asher stand dort und hiel

  • Die geheime Erbin des Milliardärs   Der Fremde

    POV: Emma, Ich-Perspektive.Der Regen fühlte sich an wie Nadeln auf meiner Haut. Die Kälte war mir in die Knochen gekrochen und machte es schwer zu denken, schwer zu atmen. Ich umklammerte meinen Bauch, den einzigen Teil von mir, der sich warm anfühlte, während ich die lange, gewundene Auffahrt des Ashford-Anwesens hinunterstolperte.Ich sah nicht zurück. Ich konnte nicht. Ich wusste, wenn ich zurückschaute und die Lichter des Herrenhauses sah, würde ich vollkommen zerbrechen.Mein Handy war tot. Mein Laptop war im Haus. Ich hatte nichts als das dünne Kleid, das an meiner nassen Haut klebte, und den qualvollen Schmerz, der von den Striemen auf meinem Rücken ausging. Ich wusste nicht, wohin ich ging. Ich wusste nur, dass ich wegmusste.Der Regen war so laut, dass ich das Auto erst hörte, als die blendenden Scheinwerfer über mich hinwegfegten.Reifen quietschten – ein fürchterliches, zerreißendes Geräusch auf dem nassen Asphalt. Ich erstarrte, geblendet, riss die Arme hoch, um mein Gesi

  • Die geheime Erbin des Milliardärs   Die Verbannung

    POV: Dominic, Ich-Perspektive.Es war mir egal, dass ihre Hände zitterten. Es war mir egal, dass sie aussah wie ein Geist, der im Flur unseres Penthouse stand. Ich konnte mich nur auf den schweren Koffer in Biancas Hand konzentrieren und auf die Tatsache, dass Emma dort stand und den Weg blockierte wie eine erbärmliche, stumme Statue.„Geh beiseite, Emma“, sagte ich mit ausdrucksloser Stimme.„Dominic, bitte“, flüsterte sie. Ihre Stimme war heiser, als hätte sie geweint. Es nervte mich. Sie weinte in letzter Zeit ständig, spielte immer das Opfer. „Du verstehst das nicht. Wir müssen reden. Gib mir einfach fünf Minuten allein.“Ich schnaubte verächtlich und rieb mir mit einer Hand über den Kiefer. „Es gibt nichts zu bereden. Bianca ist krank. Sie stirbt, Emma. Die Ärzte haben ihr sechs Monate gegeben, und ich werde nicht zulassen, dass sie diese Monate in einem engen Gästezimmer verbringt, während du in der Master-Suite schmollst. Sie braucht Trost.“„Ich bin deine Frau“, sagte Emma, ih

  • Die geheime Erbin des Milliardärs   Der Preis einer Lüge

    Das Leder peitschte auf meinen Rücken, bevor ich überhaupt das Pfeifen hörte, mit dem es durch die Luft schnitt.Ich schrie nicht. Ich hatte sehr früh in meiner Ehe mit Dominic Ashford gelernt, dass Schreien ihn nur noch härter zuschlagen ließ. Stattdessen grub ich meine Fingernägel in den weichen Teppich des Wohnzimmers und kniff die Augen fest zu, während sich der scharfe, brennende Schmerz über meine Schultern ausbreitete.„Sieh sie dir an“, dröhnte Dominics Stimme von oben, kalt und völlig frei von der Liebe, die er mir an unserem Hochzeitstag versprochen hatte. „Sieh dir an, was du ihr angetan hast.“Ich zwang meine Augen auf. Von meiner Position auf den Knien aus war der Marmorboden eiskalt unter mir, aber die Kälte war nichts im Vergleich zu dem Eis in den Augen meines Mannes. Er stand über mir, die Brust hob und senkte sich schwer, ein schwerer Ledergürtel so fest in seiner rechten Hand, dass seine Knöchel weiß geworden waren.Hinter ihm, perfekt im Rahmen der gewölbten Tür st

Weitere Kapitel
Entdecke und lies gute Romane kostenlos
Kostenloser Zugriff auf zahlreiche Romane in der GoodNovel-App. Lade deine Lieblingsbücher herunter und lies jederzeit und überall.
Bücher in der App kostenlos lesen
CODE SCANNEN, UM IN DER APP ZU LESEN
DMCA.com Protection Status