LOGINNyelle
„Komm und triff mich am üblichen Ort.“ In dem Moment, als Nico diese Worte über den Videoanruf sagte, zog sich meine Brust unerwartet zusammen. Es war fünf Jahre her, seit ich auch nur einen Fuß in die Nähe der Rennstrecke gesetzt hatte. Fünf ganze Jahre, seit ich ein Motorrad berührt, Benzin in der Luft gerochen oder diesen Adrenalinschub gespürt hatte, der mir früher das Gefühl gab, unbesiegbar zu sein. Damals, vor Vincent, bevor die Ehe mich vollkommen verschlang, war das Rennfahren meine ganze Welt gewesen. Und jetzt kehrte ich endlich dorthin zurück. Als ich die Rennstrecke erreichte, waren meine Handflächen bereits leicht feucht am Lenkrad. Laute Musik hallte durch das Gelände, während Gruppen von Bikern lachend, diskutierend und an ihren Maschinen arbeitend herumstanden. Der vertraute Geruch von Rauch, Metall, Benzin und verbrannten Reifen traf mich in dem Moment mit voller Wucht, als ich aus dem Auto stieg. Ich hatte diesen Ort so sehr vermisst, dass es beinahe körperlich wehtat. Noch bevor ich mich richtig sammeln konnte, entdeckte Nico mich sofort. „Nyelle!“ Er eilte auf mich zu, komplett in schwarzer Motorradkleidung, den Helm unter den Arm geklemmt. Das breite Lächeln auf seinem Gesicht rührte mich beinahe zu Tränen, denn anders als die meisten Menschen in letzter Zeit schien Nico sich wirklich aufrichtig zu freuen, mich zu sehen. „Willkommen zurück“, sagte er herzlich, sobald er bei mir angekommen war. „Du hast hier gefehlt.“ Dann wurde sein Blick etwas weicher. „Wie geht es deinem Mann?“ Die Frage ließ die kleine Wärme in meiner Brust sofort verblassen. Statt zu antworten, sah ich weg und hob langsam die Hände. „Ich möchte nicht über ihn sprechen.“ Nico bemerkte die Veränderung in meinem Gesichtsausdruck sofort. Die Sorge in seinen Augen wurde für einen Moment tiefer, doch glücklicherweise bohrte er nicht weiter nach. Er kannte mich gut genug, um zu wissen, wann etwas zu sehr schmerzte, um darüber zu sprechen. „Okay“, sagte er leise. „Ich werde nicht fragen.“ Erleichterung breitete sich in mir aus. Jahrelang war Nico immer so gewesen. Geduldig und verständnisvoll. Er hatte mir nie das Gefühl gegeben, schwierig zu sein, nur weil ich anders kommunizierte. Während andere genervt waren, wenn sie auf meine getippten Antworten warten mussten, hatte Nico einfach Gebärdensprache gelernt, ohne sich jemals zu beschweren. Vincent hatte es nicht einmal versucht. Der Gedanke schmerzte mehr, als ich erwartet hatte. Nico klatschte rasch in die Hände und zwang hörbar neue Begeisterung in seine Stimme. „Also“, sagte er und bedeutete mir, ihm zu folgen, „wir müssen deine Fähigkeiten erst testen, bevor du offiziell wieder ins Rennen zurückkehren kannst.“ Ich nickte sofort und antwortete mit Gesten. „Das ist in Ordnung.“ Während wir gemeinsam tiefer auf das Gelände gingen, begannen immer mehr Menschen, mich zu bemerken. Sofort machten sich Flüstern und neugierige Blicke breit. „Warte ... ist sie das wirklich?“ „Unmöglich.“ „Die stumme Legende ist tatsächlich zurück?“ Ich ignorierte die Aufmerksamkeit so gut ich konnte, doch bevor Nico und ich weitergehen konnten, trat plötzlich jemand direkt in unseren Weg. Eine große Frau mit einer gefährlich selbstsicheren Ausstrahlung verschränkte die Arme vor der Brust und starrte mich direkt an. Sie trug eine kurze Rennjacke über einem eng anliegenden Top und zerrissene Jeans, die ihre Figur selbstbewusst zur Geltung brachten. Ihr markanter Lidstrich und ihr spöttisches Lächeln ließen sie gleichzeitig wunderschön und furchteinflößend wirken. „Die stumme Legende ist also wirklich zurück“, sagte sie langsam und trat näher. Ich blieb ruhig. „Ehrlich gesagt wollte ich schon immer sehen, wie du aussiehst“, fuhr sie fort und musterte mich von Kopf bis Fuß. „Also bist du es tatsächlich.“ Wow. Was für ein herzlicher Empfang. Nico seufzte sofort neben mir. „Soreya, kannst du nicht einmal damit aufhören?“ Sie ignorierte ihn völlig. „Wie auch immer“, sagte sie und streckte mir selbstbewusst die Hand entgegen. „Ich bin Soreya. Ich gehe hier mit niemandem sanft um.“ Ich betrachtete ihre Hand kurz, bevor ich sie schließlich schüttelte. „Nyelle, richtig?“, fragte sie. Ich nickte einmal. Ein langsames Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus. „Gut“, erwiderte sie und beugte sich leicht zu meinem Ohr. „Ich kann es kaum erwarten, dich eines Tages zu vernichten.“ Dann ging sie lässig davon, als hätte sie mich nicht gerade mit einem Lächeln bedroht. Ich blinzelte langsam, während ich ihr nachsah. Nico verdrehte dramatisch die Augen. „Ignorier sie einfach“, sagte er. „Sie sucht ständig nach jemandem, gegen den sie antreten kann.“ Ich antwortete ruhig mit Gesten. „Schon okay.“ Ein paar Augenblicke später blieb Nico schließlich vor einem großen Gegenstand stehen, der unter einer schwarzen Abdeckung verborgen war. In dem Moment, als ich ihn sah, veränderte sich mein Herzschlag. Nein. Das konnte nicht sein. Langsam griff Nico nach dem Tuch und zog es vollständig herunter. Und als mein Blick auf das Motorrad darunter fiel, blieb mir schmerzhaft die Luft weg. Mein Motorrad. Mein echtes Motorrad. Selbst nach fünf Jahren unter einer Staubschicht erkannte ich es sofort. Erinnerungen trafen mich mit solcher Wucht, dass ich emotional beinahe das Gleichgewicht verlor: die nächtlichen Rennen, die tobenden Menschenmengen, der Wind in meinem Gesicht und vor allem die Freiheit. Nico nahm sofort ein Tuch und begann sorgfältig, den Staub zu entfernen. „Sie ist mittlerweile alt“, scherzte er leicht, „aber sie sieht immer noch wunderschön aus.“ Meine Augen brannten unerwartet. Langsam trat ich näher und streckte vorsichtig die Hand aus. Das kalte Metall unter meinen Fingern ließ sofort eine Flut von Erinnerungen zurückkehren. Meine Hand glitt sanft über die Griffe, den Motor und die Verkleidung, während sich die Emotionen schmerzhaft in meiner Kehle festsetzten. Ich vermisste diese Version von mir selbst so sehr. Für einen Moment standen mir Tränen in den Augen. „Dein Helm“, sagte Nico leise und reichte mir einen. Vorsichtig nahm ich ihn entgegen und schwang mich langsam auf das Motorrad. In dem Moment, als ich mich setzte, zog sich meine Brust so fest zusammen, dass es beinahe weh tat. Es passte immer noch perfekt. Als würde mein Körper sich an etwas erinnern, das mein Herz längst vergessen hatte. Ich umklammerte die Griffe fest und startete schließlich den Motor. Das laute Aufheulen hallte sofort über die gesamte Rennstrecke. Und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit ...fühlte ich mich wieder lebendig. Doch plötzlich verschwamm meine Sicht. Eine schmerzhafte Welle schoss so schnell durch meinen Körper, dass ich mir sofort an die Stirn griff und versuchte, mich zu stabilisieren. Das Motorrad kippte beinahe um. „Nyelle!“ Nico stürzte sofort zu mir, Panik deutlich in seinem Gesicht. „Geht es dir gut?“, fragte er hastig und griff vorsichtig nach meinem Arm. „Wenn du das nicht machen möchtest, dann zwing dich bitte nicht dazu.“ Ich schüttelte sofort den Kopf und entzog mich sanft seinem Griff. „Mir geht es gut“, gestikulierte ich schnell, obwohl meine Hände stark zitterten. Die Wahrheit war, dass es mir überhaupt nicht gut ging. Nicht einmal ansatzweise. Aber ich konnte ihm die Wahrheit nicht sagen. Nico sah mich weiterhin besorgt an. „Soll ich dich ins Krankenhaus bringen?“, fragte er leise. „Du siehst wirklich nicht gut aus. Ehrlich gesagt machst du mir langsam Angst.“ Die Sorge in seiner Stimme traf mich beinahe mitten ins Herz, denn nach all den Jahren mit Vincent hatte ich vergessen, wie echte Fürsorge klang. Ich zwang mich zu einem kleinen Lächeln und gestikulierte langsam: „Mir geht es wirklich gut. Es fühlt sich einfach schön an, mein Motorrad wiederzusehen und nach so langer Zeit wieder darauf zu sitzen.“ Nico wirkte immer noch nicht überzeugt. „Vielleicht war es einfach ein bisschen überwältigend, weil ich seit Jahren nicht mehr gefahren bin“, fuhr ich ruhig fort. Schließlich seufzte er und nickte. „Okay. Keine Sorge, ich bringe dir alles wieder bei, falls du es brauchst.“ Dann hellte sich sein Gesicht plötzlich auf. „Aber nicht heute“, fügte er rasch hinzu. „Heute feiern wir erst einmal deine Rückkehr. Lass uns etwas trinken gehen.“ Meine Augen weiteten sich leicht. Alkohol. Fünf Jahre lang hatte ich kaum etwas Alkoholisches angerührt, weil Vincent den Geruch von Alkohol an Frauen hasste. Eigentlich hasste Vincent viele Dinge. Kurze Kleider. Späte Nächte. Motorräder. Und wie eine Idiotin hatte ich Jahre damit verbracht, mich in genau die Frau zu verwandeln, die er bevorzugte. Aber nicht mehr. Heute Nacht wollte ich nicht Vincents stille, gehorsame Ehefrau sein. Heute Nacht wollte ich mich rücksichtslos und frei fühlen. Ein langsames Lächeln erschien auf meinem Gesicht, bevor ich Nico erneut die Hände entgegenhob. „In Ordnung“, antwortete ich selbstbewusst in Gebärdensprache. „Machen wir es.“ Denn heute Nacht ...würde ich alles tun, was mein Ehemann hasste.VincentEin paar Minuten zuvor„Wie konntest du mir das antun?!“Cassias Stimme hallte durch den Raum, als sie mir so heftig gegen die Brust stieß, dass ich einen Schritt zurücktaumelte. Ihre Augen waren gerötet, ihr Atem ging unregelmäßig, und ihre perfekt gestylten Haare fielen ihr inzwischen wirr ins Gesicht. Sie sah völlig am Ende aus.Zum ersten Mal hielt ich sie nicht zurück. Ich blieb einfach stehen und ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf, denn ehrlich gesagt verstand ich, warum sie so wütend war.Vielleicht war genau das der Grund gewesen, weshalb ich gewollt hatte, dass das, was zwischen Nyelle und mir passiert war, geheim blieb.In dem Moment, als Nyelle die Sache unten vor allen offengelegt hatte, wusste ich, dass alles eskalieren würde.„Sag doch endlich etwas!“, schrie Cassia und schlug mir erneut gegen die Brust. „Warum stehst du einfach nur da, als wäre das völlig normal?“Ich fuhr mir mit einer Hand durchs Haar und wandte den Blick ab.„Cassia …“„Nein!“, fuhr sie mir
NyelleMein Herz wollte sich einfach nicht beruhigen, selbst nachdem ich wieder das Anwesen betreten hatte.Kaum war die Haustür hinter mir ins Schloss gefallen, stieß ich zitternd die Luft aus und fuhr mir mit beiden Händen durchs Haar. In meinem Kopf herrschte das reinste Chaos. Leons Worte spielten sich immer wieder in meinen Gedanken ab und ließen mich einfach nicht los.Woher wusste er von dem Wegwerfhandy?Diese eine Frage kreiste unaufhörlich in meinem Kopf.Ich lief im Wohnzimmer auf und ab und nahm die Dekorateure, die mit Kisten, Bändern und Blumenarrangements beschäftigt waren, kaum wahr. Ihre Stimmen verschmolzen zu einem bedeutungslosen Hintergrundgeräusch, während ich rastlos hin und her ging und nervös auf meinem Daumennagel herumkaute. Die Angst breitete sich langsam in meiner Brust aus.An diesem Gespräch stimmte einfach nichts. Leon hatte viel zu selbstsicher gewirkt. Als wüsste er bereits die halbe Wahrheit und wartete nur darauf, dass ich ihm die andere Hälfte verr
LeonIch ließ meinen Blick fest auf Nyelles Gesicht ruhen und achtete auf jede noch so kleine Reaktion.In dem Moment, als ich das Wegwerfhandy erwähnte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Es ging so schnell, dass die meisten Menschen es wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätten. Aber mir entging nichts.Und das genügte mir bereits.Die Stille im Wagen zog sich zwischen uns in die Länge. Äußerlich wirkte sie ruhig, doch ihre Schultern waren nun angespannt. Eine Anspannung, die vorher nicht da gewesen war.Warum brauchte eine stumme Frau ein Wegwerfhandy?Diese Frage ließ mich nicht mehr los, seit ich davon erfahren hatte.Meine Gedanken wanderten sofort zurück zu den Ereignissen wenige Stunden zuvor.Ich hatte in meinem Arbeitszimmer gesessen und auf meinem Laptop Dokumente durchgesehen, als Cole den Raum betrat, ohne anzuklopfen. Kaum sah ich seinen Gesichtsausdruck, wusste ich bereits, dass er Neuigkeiten hatte.„Sir“, begann er vorsichtig. „Die Krankenschwester wurde erledigt.“La
NyelleKaum war ich nach draußen getreten, fiel mein Blick auf den eleganten schwarzen Wagen, der gegenüber der Villa parkte.Ein spöttisches Schnauben entfuhr mir, bevor ich es verhindern konnte.Was für eine Dreistigkeit!Nach allem, was passiert war, nach allem, was ich vermutete, dass er getan hatte, besaß er tatsächlich noch die Frechheit, vor meinem Haus zu sitzen, als wären wir alte Freunde, die sich auf einen Kaffee trafen.Einen Moment lang überlegte ich, einfach umzukehren und wieder hineinzugehen. Leider siegte meine Neugier.Was zum Teufel wollte Leon?Ich ging zum Wagen und öffnete die Beifahrertür. Kaum hatte ich mich auf den Sitz gleiten lassen, verschränkte ich die Arme vor der Brust und lehnte mich zurück, ohne mir die Mühe zu machen, meinen Unmut zu verbergen.Leon warf mir einen Seitenblick zu und schüttelte amüsiert den Kopf.„Wow. Nicht mal ein Hallo?“Ich starrte ihn ausdruckslos an.„Wir sehen uns zum ersten Mal seit jener Nacht wieder“, fuhr er fort. „Keine Beg
NyelleVincents Gesichtsausdruck war es beinahe wert, für all das Chaos zu sorgen, das ich gleich anrichten würde.Die Überraschung stand ihm so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass ich beinahe lachen musste. Letzte Nacht hatte er mich praktisch angefleht, zu vergessen, was passiert war. Er wollte so tun, als hätte es diesen Moment nie gegeben. Er wollte alles unter den Teppich kehren und einfach weitermachen, als hätte es ihm absolut nichts bedeutet.Leider hatte ich heute nicht die geringste Lust, ihm entgegenzukommen.Schnell tippte ich eine weitere Nachricht auf meinem Handy und hielt es den beiden direkt vor die Nase.„Antworte ihr.“Cassias Blick wanderte sofort zum Bildschirm. Ihr Gesichtsausdruck wurde noch angespannter.„Sag es mir, Vincent“, verlangte sie und verschränkte die Arme fest vor der Brust. „Was ist letzte Nacht passiert?“Die Stille, die darauf folgte, war beinahe unerträglich. Vincent wirkte in die Enge getrieben. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah Vincent Hal
NyelleDer Morgen kam viel zu schnell. Ich hatte die ganze Nacht kaum geschlafen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, stürmten die Erinnerungen an die vergangene Nacht auf mich ein und verwandelten meine Gefühle in einen verworrenen Knoten, der sich einfach nicht lösen wollte. Ein Teil von mir fühlte sich noch immer verletzt. Zutiefst verletzt. Vincent hatte mir direkt in die Augen gesehen und es einen Fehler genannt. Selbst jetzt, während ich wach unter meiner Decke lag, hallten diese Worte in meinem Kopf wider.Ein Fehler.Der Mann, den ich seit Jahren liebte, hatte einen der wichtigsten Momente meines Lebens auf einen Fehler reduziert. Es hätte mich wütend machen müssen. Ich hätte ihn hassen müssen. Stattdessen starrte ich mit einem dämlichen Lächeln an die Decke, das sich alle paar Minuten auf meine Lippen zu schleichen drohte.Ich hasste das. Wirklich.Denn trotz allem, trotz des Schmerzes, trotz der Zurückweisung gab es eine Wahrheit, die ich nicht leugnen konnte.Zum ersten







