LOGIN„Reiß dich zusammen. Reiß dich einfach zusammen.“ Die leise Stimme in ihrem Hinterkopf ließ nicht locker.
Es dauerte einen Moment, bis sie überhaupt begriff, was gerade passiert war. Wann war Derek ihr so nahe gekommen? Warum stand er plötzlich in ihrer persönlichen Distanz?
Ihr Blick fiel auf das Salz.
Die einzig vernünftige Erklärung war, dass sie ohnmächtig geworden sein musste.
Behutsam schob sie seine Hände von ihrer Haut.
„Es tut mir leid. Mir wurde plötzlich schwindelig, und ich bin wohl kurz bewusstlos geworden. Das Klima hier ist ganz anders als in Frankreich.“ Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Doch Derek erwiderte nichts.
Er sah sie lediglich an – mit einem Blick voller Misstrauen.
Sie hielt seinem Blick einen Augenblick stand, bis ihre Aufmerksamkeit auf den Gegenstand in seiner Hand fiel.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Sie erkannte ihn sofort.
„Der gehört mir. Bitte gib ihn zurück.“
Sie streckte die Hand aus, doch Derek zog sie zurück.
„Gib ihn her!“
Alle Gefühle, die in ihr aufsteigen wollten, drängte sie mit aller Kraft zurück.
„Nein!“, entgegnete Derek scharf. „Nicht, bevor du meine Frage beantwortest.“
Sie funkelte ihn voller Hass an. Mit einem Mal stiegen all die verletzenden Worte wieder in ihr auf, die er ihr einst an den Kopf geworfen hatte.
„Und welche Frage wäre das?“
Langsam richtete sie sich auf und hoffte inständig, dass er sich nicht erinnern würde.
„Dieser Anhänger gehörte meiner Frau. Wie zum Teufel bist du an ihn gekommen?“
Seine Stimme verriet mehr Gefühle, als ihm vermutlich lieb war.
Laura schloss kurz die Augen und sammelte ihre Gedanken.
Nie hätte sie gedacht, Derek Lawman eines Tages wieder gegenüberzustehen.
Dass er sie nicht erkannte, bedeutete nur eines: Der Chirurg hatte ganze Arbeit geleistet.
Sie musterte ihn aufmerksam.
Etwas an seiner Wortwahl blieb an ihr hängen.
Er hatte Kayla als **seine Frau** bezeichnet – nicht als seine Ex-Frau und auch nicht als seine verstorbene Frau.
„Ihre Frau?“
Langsam hob Laura den Blick zu einem gerahmten Porträt an der Wand.
Es zeigte Derek neben einer wunderschönen Frau mit auffallend kühlen, smaragdgrünen Augen.
„Ich sehe keinen Anhänger.“
Derek folgte ihrem Blick.
„Ach so ... Lillian ist meine Frau. Ich meinte meine Ex-Frau.“
Seine Unsicherheit war kaum zu übersehen.
„Verstehe.“
Langsam gewann Laura ihre Fassung zurück.
„Es tut mir leid, Derek, aber dieses Treffen ist wohl alles andere als gut verlaufen. Gleich am ersten Arbeitstag in Ohnmacht zu fallen, ist mir wirklich unangenehm. Wenn es Ihnen recht ist, verschieben wir das Gespräch lieber und holen es zu einem späteren Zeitpunkt nach.“
Sie lächelte höflich.
Derek war verblüfft, wie elegant sie die Situation entschärft hatte.
Irgendetwas an dieser zierlichen Frau zog ihn auf eine Weise an, die er sich selbst nicht erklären konnte.
„Vielleicht haben Sie recht.“
Er seufzte.
„Es war ohnehin keine gute Idee, Sie direkt nach der langen Reise aus Frankreich arbeiten zu lassen. Sie leiden bestimmt noch unter dem Jetlag. Ruhen Sie sich erst einmal aus und beginnen Sie nächsten Montag.“
„Das ist wirklich aufmerksam von Ihnen, aber Montag ist noch so lange hin. Ein Tag Erholung reicht mir völlig.“
„Ich bestehe darauf.“
Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu.
„Vor Montag werden Sie nicht arbeiten. Nutzen Sie die Zeit, um sich an Amerika zu gewöhnen.“
Laura schüttelte leicht den Kopf.
„Ich glaube, ich komme schneller an, wenn ich beschäftigt bin. Ich bin neu hier. Es ist besser, etwas zu tun zu haben, als allein zu Hause herumzusitzen.“
„Neu in Amerika?“
In seiner Stimme lag eine feine Spitze.
Laura schenkte ihm ein freches Lächeln und hielt erneut die Hand auf.
„Bekomme ich ihn jetzt zurück?“
Diesmal sprach sie mit einem makellosen amerikanischen Akzent – so natürlich, dass man unmöglich glauben konnte, sie sei erst seit Kurzem im Land.
Derek schloss die Faust fester um den Anhänger.
Für einen Moment dachte er nur an Kayla.
Wie wahrscheinlich war es, dass jemand exakt denselben maßgefertigten Anhänger mit demselben Anfangsbuchstaben besaß?
Als er aufsah, bemerkte er, dass Laura ihn aufmerksam beobachtete.
Ihre Hand war noch immer ausgestreckt.
„Hier.“
Widerwillig legte er ihr den Anhänger in die Hand.
Dabei streiften seine Fingerspitzen ihre Handfläche.
Ein feiner Schauer lief ihr über den Rücken.
„Danke.“
Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Laura das Büro.
Sie musste hinaus, bevor sie etwas Unüberlegtes tat.
Fast fluchtartig eilte sie zur Damentoilette, um sich zu sammeln.
Seit die Personalabteilung ihr mitgeteilt hatte, dass sie künftig bei Lawman Enterprise arbeiten würde, hatte sie sich innerlich auf die unvermeidliche Begegnung mit Derek vorbereitet.
Immer wieder hatte sie sich eingeredet, dass sie stark genug sei.
Dass sie bereit wäre.
Doch all diese Vorsätze zerfielen in dem Moment, als Derek sie ansah.
Sie konnte kaum glauben, dass er noch immer eine solche Macht über sie besaß.
Kein Wunder also, dass ihre Beine einfach nachgegeben hatten.
„Du schaffst das. Du schaffst das, Kayla.“
Sie starrte ihrem Spiegelbild entgegen und tupfte sich mit einem feuchten Tuch über das Gesicht.
„Verdammt ...
Laura.
Du schaffst das.“
Einen Augenblick später schüttelte sie den Kopf.
„Nein.“
Sie atmete tief durch.
„Du hast das überhaupt nicht im Griff.“
Mit diesen Worten verließ sie hastig die Damentoilette.
Als sie das für sie bereitgestellte Wohnhaus erreichte, wartete dort bereits eine Frau mittleren Alters auf sie – vielleicht Mitte vierzig.
„Hallo. Sie müssen Laura Hemsworth sein. Ich bin Maggi, das Kindermädchen.“
Ihr warmes Lächeln wirkte ehrlich.
Schon beim ersten Blick auf sie fühlte Laura eine unerwartete Ruhe.
Dora schien bei ihr in guten Händen zu sein.
Trotzdem blieb ein Rest Misstrauen.
„Erzählen Sie mir bitte, wie Ihre Arbeit organisiert ist und wem Sie berichten.“
Maggi nickte verständnisvoll.
„Ich verstehe Ihre Sorge. Ich arbeite nicht direkt für die Lawmans, sondern für eine Vermittlungsagentur. Wir alle haben eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben. Alles, was ich hier sehe oder höre, bleibt unter uns. Ein Verstoß würde mich meinen Job kosten.“
Ihre ruhige Art wirkte beruhigend.
„Gut.“
Laura atmete erleichtert auf.
„Sind Sie Derek Lawman schon einmal begegnet?“
„Ja. Als ich meinen ersten Arbeitstag hier hatte.“
„Und Date Lawman?“
Maggi runzelte die Stirn.
„Ich glaube nicht, dass ich diese Person kenne.“
„In Ordnung.“
Laura machte eine kurze Pause.
„Ich trenne Berufliches und Privates grundsätzlich voneinander – besonders, wenn es um die Lawmans geht.“
Maggi hob fragend eine Augenbraue.
Laura senkte ihre Stimme.
„Sie wissen selbst, wie schwierig es sein kann, ein kleines Mädchen großzuziehen, wenn Milliardäre in ihrem Umfeld sind. Menschen mit so viel Einfluss sind nicht unbedingt die besten Vorbilder für ein Kind. Als Mutter können Sie das sicher nachvollziehen.“
Ihre Bitte klang beinahe flehend.
Maggi schloss kurz die Augen.
Laura sprach weiter.
„Bei dem Chaos, das momentan bei Lawman Enterprise herrscht, werde ich wahrscheinlich oft lange arbeiten müssen. Bis ich dort wieder Ordnung geschaffen habe, brauche ich jemanden, der Dora beschützt, als wäre sie das eigene Kind.“
Maggi lächelte herzlich.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Laura. Dora ist bei mir sicher. Sie ist ein zauberhaftes Mädchen.
Vielleicht täuschen mich meine Augen ...
aber sie si
eht Derek Lawman erstaunlich ähnlich.“
Laura erwiderte das Lächeln.
Doch ihre Augen blieben kühl.
„Ach wirklich?
Interessant.“
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Mrs. Laura. Bis morgen.“
„Danke, Maggi. Ihnen ebenfalls.“
„Sandra, bitte bring dieser reizenden jungen Dame ein schönes, kräftiges Frühstück“, ordnete Lillian gelassen an und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.Sandra betrat den Speisesaal und blieb mitten im Schritt stehen, als ihr Blick auf Dora fiel und sich ihr Gesicht vor schierem Erstaunen veränderte. „Ich könnte schwören, dass sie Kimberly zum Verwechseln ähnlich sieht, oder sogar Helen“, flüsterte Sandra mit einem liebevollen, verwirrten Lächeln. „Was möchtest du heute Morgen zum Frühstück haben, meine Süße?“, fragte Sandra, die von dem kleinen Mädchen bereits völlig verzaubert war.„Le petit déjeuner“, antwortete Dora ruhig in lockerem Französisch.„Entschuldigung … was?“, fragte Sandra und blinzelte verwirrt.„Ein großes, traditionelles französisches Frühstück“, erklärte Dora höflich.Sandra blickte hilflos zwischen Dora, Lady Data und Lillian hin und her und flehte sie stumm um Übersetzungshilfe an.„Entschuldigung, was genau ist das?“, fragte Sandra schließlich, als niemand am Tis
Der Rückflug nach Connecticut war eine der besten und friedlichsten Reisen, die Derek in seinem ganzen Leben erlebt hatte. Er war als gebrochener, frisch geschiedener Mann nach Paris geflogen, beladen mit Reue, doch nun kehrte er als erfüllter Familienvater nach Hause zurück. Dora verbrachte einen großen Teil des langen Transatlantikflugs damit, ihn mit lebhaften, angeregten Gesprächen zu unterhalten, wann immer sie nicht gerade an der Schulter ihrer Mutter eingeschlafen war.„Ich hoffe wirklich, dass du mich nicht so bald langweilig findest, Daddy“, fragte Dora ernsthaft, unmittelbar nachdem er ein müdes Gähnen unterdrückt hatte, und benutzte den neuen Titel zum ersten Mal mit einer geradezu selbstverständlichen Leichtigkeit.„Ich? Dich langweilig finden? Nicht in einer Million Jahren, meine Kleine“, widersprach Derek sofort mit einem warmen Lächeln und streckte die Hand aus, um ihr sanft durch das Haar zu wuscheln.„Gut, denn ich habe mein ganzes Leben darauf gewartet, meinen Vater
„Hey, Cherry, ich möchte dich mit jemand ganz Besonderem bekannt machen“, sagte Laura sanft, als sie Dora auf dem sonnenbeschienenen Balkon traf und bemerkte, dass das kleine Mädchen noch immer sichtlich aufgebracht war und ihren anhaltenden Ärger mit sich herumtrug. „Es tut mir wirklich leid, dass ich vorhin so defensiv reagiert habe, aber ich möchte wirklich, dass du ihn ganz offiziell kennenlernst.“„Ich weiß schon, wer er ist“, sagte Dora ruhig, den Blick trotzig auf den Betonboden gerichtet, während sie sich weigerte, den Kopf zu heben. „Er ist dein ehemaliger großer Chef aus den Staaten, über den alle im Büro geflüstert haben und gesagt haben, dass ich genauso aussehe wie er.“Laura stockte der Atem. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, ließ sie sich sofort auf die Knie auf die kühlen Fliesen sinken, damit sie ihrer Tochter direkt in die bedrückten Augen sehen konnte. „Das ist Monate her, meine Kleine … wie um alles in der Welt kannst du dich noch daran erinnern?“„Ich habe die
Derek wartete einige quälend lange Tage voller Unruhe in seiner luxuriösen Hotelsuite, starrte auf die Uhr und fragte sich immer wieder, was das Schicksal für ihn bereithielt. Allein die Tatsache, dass Laura tatsächlich vor einigen Tagen gekommen war, um ihn zu sehen, bedeutete technisch gesehen, dass sie ihren Teil der Abmachung im Namen von Manage Corps erfüllt hatte, wodurch ihm praktisch keinerlei geschäftlicher Druck oder Verhandlungsspielraum mehr blieb. Sie hatte weder eine Adresse noch eine Telefonnummer oder einen Zeitrahmen hinterlassen, und inzwischen waren ganze zwei Tage vergangen, seit sie sein Zimmer verlassen und ihm beiläufig angeboten hatte, über seine Bitte nachzudenken.Am nächsten Tag – dem dritten Wartetag – war er ein einziges Nervenbündel. Rastlos lief er auf und ab. Ursprünglich hatte er sich geschworen, Paris nicht ohne sie an seiner Seite zu verlassen, doch die harte Realität sah so aus, dass er seinen verzweifelten Gefühlen völlig die Kontrolle überlassen h
„In einem Punkt hast du allerdings vollkommen recht – du hast wirklich alles vermasselt. Und ehrlich gesagt glaube ich nach wie vor, dass es für uns beide am vernünftigsten wäre, wenn wir uns im Guten trennen“, sagte Laura mit ruhiger Stimme. „Aber zuerst habe ich eine dringende Frage an dich. Du hast dich bei unserem letzten persönlichen Gespräch kategorisch geweigert, auch nur ein einziges Wort von dem zu glauben, was ich dir gesagt habe … warum um alles in der Welt glaubst du mir jetzt?“Derek stieß ein schweres, niedergeschlagenes Schnauben aus, und seine dunklen Augen verdunkelten sich augenblicklich vor tiefer, erdrückender Traurigkeit. „Wenn Menschen mit einer zutiefst unangenehmen, lebensverändernden Wahrheit konfrontiert werden, besteht unsere allererste biologische Reaktion darin, sie mit jeder Faser unseres Seins zu leugnen. Und genau das habe ich getan“, gestand er mit einem zittrigen Seufzen. „Aber ich konnte deine Worte nicht einfach unter den Teppich kehren. Ich habe qu
„Ich höre, du suchst schon wieder nach mir.“Derek hörte ihre Stimme in dem Moment, als er den eingehenden Anruf auf seinem Handy voller Hoffnung entgegennahm. Die mysteriöse Anruferin hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, eine grundlegende Begrüßung auszusprechen oder sich vorzustellen. Wenn überhaupt, klang ihr scharfer, knapp angebundener Ton zutiefst verärgert, doch Derek erkannte sofort ihren ganz eigenen Klang. Seit dem Moment, in dem sein Flugzeug in Paris gelandet war, hatte er sich danach gesehnt, diese Stimme jede einzelne wache Sekunde zu hören. Er war völlig überrascht gewesen, als Monsieur Henri ihn kurz zuvor angerufen hatte, um in aller Eile einen Deal auszuhandeln – das milliardenschwere Gerichtsverfahren vollständig fallen zu lassen, wenn Derek im Gegenzug Lauras privaten Aufenthaltsort erhielt – und zu seinem grenzenlosen Glück hatte Derek ohne eine Sekunde zu zögern zugestimmt.„Laura … ich schwöre bei Gott, ich würde die ganze Welt niederbrennen, nur um dich zu
„Ich habe eine Überraschung für dich im Jet“, sagte Data Lawman mit singender Stimme zu ihrem Sohn, als sie gemeinsam die Wohnung verließen. Jetzt, da die angebliche Hochstaplerin verschwunden war, wirkte sie deutlich unbeschwerter.Mrs. Lawman sah für ihre achtundvierzig Jahre bemerkenswert jung a
„Ich will die Scheidung, Kayla.“Kayla starrte in das kalte, regungslose Gesicht ihres Mannes.Irgendetwas stimmte nicht. Das konnte nicht derselbe Mann sein, der ihr noch gestern Nacht seine Liebe gestanden hatte. Ihr Körper erinnerte sich noch an jede Berührung, jede Umarmung, jede leidenschaftli
Laura lief unruhig im Gemeinschaftsbüro von Manage Corp auf und ab. Margot, die Personalverantwortliche für Versetzungen, war noch nicht zur Arbeit erschienen. Laura machte sich nicht die Mühe, sich wie vorgesehen bei ihrer direkten Vorgesetzten zu beschweren. Irgendetwas sagte ihr, dass Margot die
Laura Hamsworth starrte auf den Reisepass in ihrer Hand hinab – das letzte Dokument, das sie noch mit ihrer früheren Identität verband.Kayla.Ihr Leben als Kayla war von Einsamkeit und Entbehrungen geprägt gewesen. Als Waise hatte sie gelernt, sich durch drei Pflegefamilien zu kämpfen und den Miss







