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KAPITEL 2

Author: NEON ON LIGHT
last update publish date: 2026-09-20 09:37:33

Kapitel 2 – Der Mann hinter dem Kragen

Ich erwachte vor Sonnenaufgang. Das Bett war hart, und das Zimmer war kälter als in der Nacht zuvor. Einen Moment lang vergaß ich, wo ich war – dann erinnerten mich das vergitterte Fenster und die verschlossene Tür daran. Die Stimmen meiner Eltern hallten noch immer in meinem Kopf wider. *Dreckiges kleines Luder. Die werden dich schon richten.* Ich lächelte und zischte das Lächeln weg.

Es klopfte an der Tür. Nicht leise. Einer der jungen Priester von letzter Nacht öffnete sie und bedeutete mir ohne Erklärung, ihm zu folgen. Ich hatte kaum Zeit, mir die Schuhe anzuziehen, da ging er schon vor mir den dunklen Flur entlang.

Wir blieben vor einer schweren Tür stehen. Er klopfte einmal, wartete kurz und drückte sie auf, bedeutete mir einzutreten. Ich trat ein, und mir gefror das Blut in den Adern.

Er stand am hohen Fenster, den Rücken halb abgewandt, in einem schlichten schwarzen Hemd und einem weißen Kragen. Groß, mit breiten Schultern.  Genau die gleiche Statur, die mich vor Monaten so erdrückt hatte. Das gleiche dunkle Haar, die gleichen Hände. Meine Erinnerungen an die chaotische Orgienacht im VIP-Raum schossen mir durch den Lärm und die Schatten, bis sie sich auf ihn fixierten.

Und dann drehte er sich langsam um und sah mich an.

Er war es. Mit Priesterkragen, genau dort, wo die heiligen Männer mich von meinen Sünden erlösen sollten. Er ist derjenige, von dem meine Eltern sagten, er würde mich heilen. Das Gift in meinen Adern flammte auf.

Ich ließ die Erinnerung noch Revue passieren, als mein Bruder im gleichen Priestergewand an mir vorbeiging.

Er hatte mich gesehen. Das war keine spirituelle Besessenheit oder göttliche Prüfung; es war eine Lektion. Er dachte, er könne sich hinter heiligen Tüchern und Weihwasser verstecken, aber die Akte war noch immer offen, und das Echo dessen, was ich ihm angetan hatte, würde bald lauter widerhallen als jedes Gebet.

Pater Mateo.

Der Mann aus der Nacht, die ich auszulöschen versucht hatte. Die Nacht, die in einer Orgie endete.  Der Mann, der meine Hüften umfasst und so tief in mich eingedrungen war, dass ich weinte, der seinen Mund zwischen meine Beine gelegt und seine Zunge benutzt hatte, bis ich zitterte, völlig erschöpft war und flehte. Der Mann, der mir nicht glaubte, dass es mein erstes Mal mit einem Mann war.

Jetzt trug er einen Priesterkragen.

Er drehte sich ganz um und sah mich an.

Erkennen traf ihn im selben Moment wie mich. Sein Gesicht blieb ruhig. Fast ausdruckslos. Doch sein Blick wurde dunkel, scharf, gefährlich.

Der junge Priester hinter mir schloss leise die Tür und ging hinaus.

Wir waren allein.

Mateo machte den ersten Schritt. Mit drei langen Schritten durchquerte er den Raum, nahm meinen Arm und zog mich durch eine Seitentür in ein kleineres Arbeitszimmer. Die Tür fiel hinter uns ins Schloss. Er schloss ab.

Dann wandte er sich mir zu.

„Alles, was in jener Nacht geschah, bleibt begraben“, sagte er mit leiser, beherrschter Stimme. „Verstehst du mich?“ Meine Antwort auf seine Worte war: „Du erinnerst dich also, wer ich bin?“

 Er antwortete nicht. Sein Gesichtsausdruck war kalt, als wäre nie etwas zwischen uns vorgefallen.

Ich zitterte. Schock und Erinnerung prallten so heftig aufeinander, dass ich kaum stehen konnte. Mein Mund öffnete sich, doch das Einzige, was herauskam, war die Frage, die mir auf der Brust brannte.

„Wie kann jemand wie du ein Priester sein?“

Er antwortete nicht mit Worten.

Er trat näher, drängte mich zurück, bis meine Schultern gegen die Wand stießen, und presste mich mit seinem Körper fest. Eine Hand stützte meinen Kopf. Die andere umfasste meine Taille, die Finger gruben sich genau wie in jener Nacht. Sein Mund senkte sich zu meinem Ohr.

„Du erinnerst dich“, murmelte er. „Ich sehe es in deinem Gesicht. Du erinnerst dich, wie tief ich in dich eindrang. Wie du geweint hast. Wie sich meine Zunge anfühlte, als ich dich öffnete und du zittertest.“

Seine Hand glitt von meiner Taille hinunter und umfasste mich fest zwischen meinen Beinen durch meine Kleidung. Nicht zärtlich. Nicht fragend. Nur ein fester, fordernder Druck, der mir den Atem raubte und meine Knie weich werden ließ.  Er strich einmal – langsam, bedächtig –, gerade genug, um die Reaktion meines Körpers zu spüren, genug, um mich nach Luft schnappen zu lassen.

Dann hörte er auf.

Er zog die Hand zurück, trat zurück und rückte seinen Kragen zurecht, als wäre nichts geschehen. Sein Atem ging etwas schwerer, aber sein Gesicht hatte wieder diese kalte, beherrschte Maske angenommen.

Ich lehnte zitternd und wütend an der Wand, meine Haut brannte noch immer an den Stellen, wo er mich berührt hatte.

Er sah mich einen langen Moment lang an, das Morgenlicht schnitt scharf über die Dielen zwischen uns.

„Von diesem Moment an“, sagte er mit kalter, endgültiger Stimme, die die bedrückende Stille des Raumes durchbrach, „gehörst du dieser Gemeinde … und mir. Denk daran, wenn du mich das nächste Mal so ansiehst, als wolltest du es immer noch.“

Die Worte hingen wie Gift in der Luft. Nun trug der Mann, von dem ich dachte, ich würde ihn nie wiedersehen – der Mann aus dem VIP-Raum, dessen Schatten mir gefolgt war –, die Kleidung eines Priesters, beauftragt, meine vermeintliche Besessenheit zu „heilen“.  Und mein Stiefbruder, der Junge, der mich vor Jahren für sich beansprucht und den ich daraufhin vergiftet hatte, stand direkt neben ihm, Teil des inneren Kreises, der mich heilen sollte.

Mir wurde schwindlig. Die Grenzen zwischen Sünder und Retter verschwammen zu einer kranken, unentrinnbaren Schleife. Die Erinnerung an meine Taten, an ihre Taten und an das, was wir alle verband, zersplitterte meinen Verstand und verwirrte ihn zutiefst.

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