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Kapitel 7

Author: Pia Westermann
Am Montagvormittag, kaum war Helene bei Nordlicht Biotech eingetroffen, erhielt sie den Anruf des Anwalts.

„Frau Adler, Herr Hofmann hat am Mittwochvormittag Zeit, der Termin für die Scheidung ist auf diesen Tag gelegt. Bitte erscheinen Sie unbedingt pünktlich.“

„In Ordnung, ich weiß Bescheid.“

Helene legte auf und holte tief Luft.

Mittwoch, in zwei Tagen, würde sie diese bedrückende Ehe endlich beenden.

„Sie sind Frau Helene Adler, nicht wahr?“

Die Personalabteilung empfing Helene und führte sie hinein.

„Hier ist Ihr Arbeitsplatz. Ihre Hauptaufgabe ist es, das Forschungsteam bei Versuchen und der Aufbereitung von Unterlagen zu unterstützen. Unser aktueller Schwerpunkt liegt auf zielgerichteten Krebsmedikamenten. Hier sind die entsprechenden Unterlagen. Machen Sie sich erst einmal damit vertraut.“

Helene hatte sich als Assistentin in der Medikamentenentwicklung beworben. Die Personalabteilung drückte ihr einen dicken Stapel Unterlagen in die Hand.

Die Medikamentenentwicklung war ein langwieriger und komplexer Prozess.

Wollte Helene sich rasch einarbeiten, musste sie sich schnellstmöglich ein klares Bild vom Projekt verschaffen.

Helene saß an ihrem Platz und studierte die Unterlagen, völlig versunken in die Arbeit. Wichtige Stellen markierte sie eigens und fügte einige eigene Gedanken und Einschätzungen hinzu.

Ehe sie sich versah, war Feierabend.

Ein Viertel der Unterlagen war noch ungelesen, also blieb Helene kurzerhand für Überstunden.

Als sie alles durchgearbeitet hatte, war es bereits nach neun.

Draußen war es dunkel, im Büro war Helene allein.

Sie stand auf und ging zur Toilette.

Bei ihrer Rückkehr bemerkte Helene neben ihrem Platz eine große, stattliche Gestalt, die vertieft ihre Anmerkungen in den Unterlagen las.

„Herr Reinhardt.“

Helene grüßte höflich.

Bei ihrer Stimme hob Tobias den Kopf.

„Diese Unterlagen in drei Tagen zu schaffen, gilt schon als schnell, und Sie brauchen nur einen einzigen Tag?“

„Hm … nur ein grober Überblick, einige Details muss ich noch in der Literatur nachschlagen.“

Tobias klappte die Unterlagen zu.

„Sie haben sicher noch nicht zu Abend gegessen? Kommen Sie, ich lade Sie zu einer Kleinigkeit ein.“

„Das ist nicht nötig, Herr Reinhardt.“

Helene wollte ablehnen, doch Tobias sagte halb scherzend, halb ernst: „Am ersten Tag in der Firma gleich so lange Überstunden – wer es nicht besser weiß, hält mich noch für einen Sklaventreiber. Tun Sie mir und meinem Ruf den Gefallen?“

Da Tobias es so formulierte, fiel es Helene schwer, weiter abzulehnen, und sie nickte.

„Gut.“

Helene ging mit ihrer Tasche voran, Tobias folgte ihr.

Beim Anblick ihrer zierlichen, anmutigen Gestalt hoben sich unwillkürlich seine Mundwinkel.

Tagsüber hatte er an einem Interview für ein Gründermagazin teilgenommen.

Als er an der Firma vorbeikam und im Büro noch Licht sah, war er hochgegangen, um nachzusehen – und ausgerechnet sie war es, die Überstunden machte.

Eigentlich hatte Tobias schon gegessen.

Doch um Helene zum gemeinsamen Abendessen einladen zu können, aß er gern ein zweites Mal.

Tobias fuhr Helene zu einem Restaurant mit regionaler Küche.

Beim Bestellen entfuhr es ihm: „Keine scharfen Gewürze, und keinen Ingwer ins Essen.“

Helene stutzte.

Er hatte lauter Dinge bestellt, die sie gern aß, und Schärfe wie Ingwer waren auch ihr zuwider.

Sie hatten zuvor nie miteinander zu tun gehabt – woher kannte er ihre Essgewohnheiten?

Tobias schien zu merken, dass er sich verraten hatte, und fügte rasch hinzu: „Ich habe in letzter Zeit einen empfindlichen Magen, vertrage weder Schärfe noch Ingwer. Wenn Sie mögen, bestellen Sie ruhig noch ein paar herzhaftere Gerichte.“

Helene schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig, so ist es gut.“

Vielleicht hatten sie und Tobias einfach denselben Geschmack.

Sie waren einander nie zuvor begegnet, wie hätte er ihre Vorlieben kennen sollen?

Nach dem Essen bestand Tobias darauf, Helene heimzubringen.

„Wie auch immer, Sie sind meine Mitarbeiterin. Sie zu so später Stunde allein nach Hause fahren zu lassen, ist nicht sicher und ich stünde als Chef herzlos und kalt da.“

Unter Tobias’ sanftem Druck stieg Helene erneut in seinen Wagen.

Konstantin war gerade mit einer jungen Begleiterin unterwegs und sah es zufällig, machte rasch ein Foto und schickte es in die kleine Gruppe, in der nur er, Damian und Julius waren.

„Damian, ist bei deiner Frau in letzter Zeit etwas im Busch? Ein Maybach S-Klasse, kein billiger Wagen. Ob sie, weil bei dir nichts zu holen ist, sich jemand Besseren gesucht hat?“

Damian hatte gerade einen Kooperationsvertrag in Höhe von mehreren Hundert Millionen abgeschlossen.

Er öffnete die Nachricht in der Gruppe.

Auf dem Foto stieg Helene in den Luxuswagen eines fremden Mannes.

Augenblicklich packte Damian der Zorn.

Kein Wunder, dass Helene, die sich früher um keinen Preis hätte scheiden lassen, verlangte diesmal von sich aus die Scheidung.

Sie hatte sich also an einen anderen Mann gehängt.

Noch während ihre Ehe bestand, wagte sie es, ihm so offen die Hörner aufzusetzen – sie nahm ihn wohl wahrhaftig nicht ernst!

Damian wollte Helene anrufen und zur Rede stellen.

Er suchte eine ganze Weile, fand aber ihre Nummer nicht.

Vier Jahre waren sie verheiratet gewesen, und er hatte ihre Nummer nie gespeichert, geschweige denn sie von sich aus angerufen.

Früher hatte Helene ihn jede Woche mindestens zwei-, dreimal angerufen und vorsichtig gefragt, ob er abends heimkäme.

Wann immer er sie brauchte, genügte ein Blick in die Anrufliste, um schnell ihre Nummer zu finden.

Diesmal jedoch suchte Damian lange vergebens.

Wenn er nachrechnete, hatte Helene ihn seit einem Monat nicht mehr angerufen.

Schließlich fand Damian Helenes Nummer im Chatverlauf mit seiner Großmutter Adelheid.

Beinahe zornentbrannt drückte er auf Anrufen.

In diesem Augenblick saß Helene in Tobias’ Wagen.

Das Handy klingelte.

Beim Anblick der vertrauten Nummer auf dem Bildschirm wurde Helene ganz wehmütig zumute.

Um keinen Anruf von Damian zu verpassen, hatte sie ihm einst einen eigenen Klingelton zugewiesen.

Unzählige Tage und Nächte hatte sie ersehnt, dass dieser Ton erklang, und war jedes Mal enttäuscht worden.

Selbst wenn Damian etwas von ihr wollte, rief er nie an, sondern stets über Margarethe oder seinen Assistenten.

Jetzt, da der Klingelton ertönte, wusste Helene umgekehrt nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Als sie so erstarrt dasaß, fragte Tobias neben ihr: „Warum gehst du nicht ran?“

Helene drückte den Anruf weg und sagte tonlos: „Jemand Unbekanntes, falsch verbunden.“

Tobias bemerkte, dass mit Helene etwas nicht stimmte.

Bei einem bloßen Irrläufer – woher dann das Ringen in ihrem Blick?

Er durchschaute es, behielt es aber für sich und schwieg taktvoll.

Im Hotel hörte Damian nur das Besetztzeichen und kochte vor Wut.

Diese Frau wagte es, seinen Anruf wegzudrücken!

War sie etwa zu schuldbewusst, um ranzugehen?

Damian schickte seinem Assistenten das Automodell.

„Finde mir die Liste aller Halter dieses Wagens in Hafenstadt heraus, innerhalb von drei Tagen will ich sämtliche Informationen!“

Er wollte wahrhaftig wissen, wer so lebensmüde war, ihm seine Frau auszuspannen.

So sehr er Helene auch verabscheute, sie war dem Namen nach seine Frau.

Solange sie nicht geschieden waren, gehörte sie ihm.

Wer es wagte, seine Frau anzurühren – wenn das die Runde machte, wo bliebe sein Stand in Hafenstadt?

Der Wagen hielt bald am Eingang der Wohnanlage.

Helene öffnete die Tür und stieg aus.

„Herr Reinhardt, vielen Dank.“

„Es lag auf dem Weg, keine Umstände.“

Helene ging in die Anlage hinein.

Tobias saß im Wagen und blickte ihr lange nach, ehe er davonfuhr.

Diese Wohnanlage war in Hafenstadt bestenfalls mittlere Lage.

Er erinnerte sich, dass ihr Mann Geschäftsmann war, aus einer der reichsten Familien überhaupt – ausgeschlossen, dass er an einem solchen Ort wohnte.

Es blieb nur eine Möglichkeit: Sie lebten getrennt.

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